Der Fußball ist schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Mittel- und Oberklasse, die einst größtenteils hämisch und verachtend auf diesen Proletensport herabgesehen hatte, strömt nun begeistert in umgebaute oder gleich neu errichtete Stadien. Dort gibt es Familienblöcke, Logen und knuffige Maskottchen, die Berni oder Fritzle heißen, sowie reichlich „Security“ in quietschgelben Westen — „Sicherheitsmarketing“, wie es der Journalist Dagobert Lindlau einst so treffend formulierte:
„Trotz markiger Erklärungen produzieren wir wenig Sicherheit und viel Sicherheitsmarketing, das bestenfalls Passagiere in Flugzeugen und Besucher von Massenveranstaltungen beruhigt.“
Wo einst Pressesprecher agierten, ist nun der „Head of Club Media & Content“ samt Mitarbeitern am Werk, welche die Spieler bestens schulen, damit sie nicht, wie insbesondere ihre Vorgänger in den 80er-Jahren, Sätze von sich geben wie: „Ich bin physisch und körperlich topfit“, „Der FC Tirol hat eine Obduktion auf mich“ oder „Wir müssen gewinnen — alles andere ist primär.“ Die Karambolagen mit der deutschen Sprache, mit Fremdwörtern und Redewendungen waren seinerzeit Legion und füllten Magazinseiten oder gar Bücher. Unvergessen beispielsweise Thorsten Legats Antwort auf die Frage, ob er, der zum VfB Stuttgart wechsle, die dortige Nudelspezialität Spätzle kenne: „Die hab‘ ich noch nicht probiert, aber im Allgemeinen mag ich Geflügel.“ Oder Horst Hrubesch, der seine Absicht zur Reflexion in den bemerkenswerten Satz goss: „Man lässt das alles nochmal Paroli laufen.“ Und bietet Revue, möchte man ergänzen.
Die Spieler kommen jetzt modisch daher mit reichlich Designerklamotten und Accessoires, und ihre Freundinnen sind Models, Sängerinnen und „Influencerinnen“. Liaisons, die einst undenkbar gewesen wären: Kein Model hätte sich mit einem Proletenfußballer blamiert. Die Wende kam, als David Beckham 1997 eine Beziehung und in der Folge Ehe mit Victoria Adams einging, besser bekannt als Sängerin „Posh Spice“ von den Spice Girls. Weitere Beispiele sind die schottische Sängerin Amy Macdonald und das deutsche Model und „Germany‘s-Next-Topmodel“-Gewinnerin 2006 Lena Gercke, die vier Jahre mit dem deutschen Nationalspieler Sami Khedira liiert war.
Die schönen neuen Stadien sind vollständig überdacht und verfügen über kostspielige VIP-Logen und -Lounges.
Teils tragen die Arenen kuriose Namen, denn die Namensrechte wurden im Rahmen des Sportsponsorings von Unternehmen und Firmen erworben. So wurde aus dem Frankfurter Waldstadion der „Deutsche Bank Park“, aus dem Wedau-Stadion in Duisburg die „Schauinsland-Reisen-Arena“, während sich das Westfalenstadion im benachbarten Dortmund in den „Signal-Iduna-Park“ verwandelte.
Und in diesen wurden die sonoren Stimmen der Stadionsprecher vom hitzigen, überreizten Gebrüll der „Stadionmoderatoren“ ersetzt, als würde ein Zirkusdirektor auf Speed sein Mikrofon verschlingen.

Serge Gnabry, deutscher Nationalspieler vom FC Bayern, auf der Pariser Fashion Week 2023. Quelle: OVB-Heimatzeitungen.
Sensitivity Lanes, Sensory Bags und Autisten-Logen
Die Clubs haben jetzt „Werte“, auf die sie sich gerne berufen — der FC Ingolstadt 04 gar in einem „Manifest“, während der FC Augsburg eine eigene „Nachhaltigkeitsstrategie“ entworfen hat: „Wesentliche Leitlinie für das Handeln ist dabei Nachhaltigkeit in allen ihren Dimensionen.“ 1860 München verfügt beim Einlass über eine „Sensitivity Lane“, an der „geschultes Personal“ in lila Westen, Stadionbesucher kontrolliert, „die von physischen oder psychischen Problemen, traumatischen Erfahrungen, herausfallen aus dem binären Genderschema oder ähnlichen Aspekten“ und daher „die normalen Kontrollen vermeiden wollen/müssen“.
Ähnliches ist beim FC St. Pauli in Hamburg mit gesonderten „FLINTA*-Eingängen“ vorhanden. Schalke 04 wiederum bietet drei Gruppen von Anhängern „Sensory Bags“ an: „Fans aus dem Autismus-Spektrum, mit kognitiven Einschränkungen oder mit psychischer Erkrankung.“ Denn: „Jeder Fußball-Fan erinnert sich an seine ersten Eindrücke im Stadion: Eine Melange aus Gerüchen, Gedränge und Gesängen.“
Bei so viel Input springt der Funke bei den meisten sofort über, für einige ist jedoch genau dieser Mix der Grund, das Stadion zu meiden. Um diese Menschen zu unterstützen, verleihen die Königsblauen ab sofort „Sensory Bags“. Diese Taschen enthalten „Kopfhörer, um die Lautstärke im Stadion zu dämpfen, verschiedene Gadgets wie Stressball, Fidget Spinner und andere Hilfsmittel, die dem Stressabbau dienen. Zum Set gehören darüber hinaus Emotionskarten zum Umhängen. Mithilfe dieser Karten lässt sich ganz ohne Worte die aktuelle Gemütslage signalisieren; man kann um Hilfe bitten, ohne sprechen zu müssen.“
Und Arminia Bielefeld hat gar eine „Autisten-Loge“ eingerichtet. Die Arminia schreibt:
„Das erstrebte Ziel, ein inklusives Stadionerlebnis anzubieten, führte 2019 zur Einführung der ersten deutschlandweiten Autisten-Loge im Stadion. Fußballfans, die einen Stadionbesuch aufgrund einer Reizüberflutung auf der Tribüne bisher ausschließen mussten, haben dank der Autisten-Loge endlich die Möglichkeit, ein Heimspiel innerhalb eines reizarmen Rahmens zu verfolgen.“
Die Loge umfasst dabei zwei Räume:
„Die Panoramabox ermöglicht es Betroffenen inklusive Begleitung, das Spiel live zu verfolgen. Der daran durch eine Tür getrennte schallarme Snoozle-Raum bietet im Fall einer Überanstrengung einen idealen Rückzugsort mit unter anderem einem Klangwasserbett, taktilen Spielzeugen und gepolsterten Wänden.“
Weder Gorleben noch Spandau Ballet
Wow. Als jemand, der in den späten 70er- und 80er-Jahren in den deutschen Fußball sozialisiert wurde, stellt man fest: Erstaunliche Dinge geschehen in dieser Fußballwelt, denn der einzige Sensory Bag, den man früher als Fan kannte, waren Bier und Bratwurst. Fußballfans galten als dümmliches, dumpfes Proletenvolk, das in unwirtlichen, schäbigen Stadien sein Opium inhalierte: nämlich 22 Idioten dabei zuzusehen, wie sie einem Ball hinterherrennen.
Die Fans der 80er-Jahre ignorierten die großen Anti-Atom-Demonstrationen in Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf und genauso waren ihnen die sich damals ausbreitenden Popper ein Graus. Jugendliche, die Karottenhose und Lederkrawatte trugen, Bands wie Spandau Ballet und Haircut 100 hörten und ein konsumorientiertes, hedonistisches Leben führten, fokussiert auf edle Modemarken und andere Luxusartikel. Wer damals auf sich hielt, ging die Welt retten oder exklusiv shoppen, aber doch bitte nicht zum Fußball.
Für Fußballfans galt, was der Wiener Trainer Max Merkel über seinen Kollegen Otto Rehhagel und den Spieler Bruno Labbadia — der einmal verlauten ließ, die Medien würden in einer bestimmten Angelegenheit wieder etwas „heraufsterilisieren“ — mit bemerkenswerter Schärfe äußerte: Sie konnten Omelett nicht von Hamlet unterscheiden, und das Intelligenteste an ihnen waren die Weisheitszähne.
Das landläufige Bild des schlichten Stadionbesuchers mit schmalem intellektuellem Horizont beschrieb auch Heinz Rudolf Kunze auf seinem 1985 erschienenen Album „Dein ist mein ganzes Herz“ in Rollenprosa:
„Ich bin 25 oder 50 oder 5,/steh in der Kurve, seit ich wimpelschwingen konnt./Mein Zuhause ist ein Strafraum. Auswärts ohne Punktgewinn./Ich hab mein Leben lang nur Gelb und Rot gesehn./Doch der Rasen ist grün, und nach dem Spiel ist immer vor dem nächsten.“

Screenshot YouTube.
Ich lebte zu jener Zeit in Braunschweig und besuchte regelmäßig Spiele von Eintracht Braunschweig. Im Stehplatzbereich der Gegentribüne, „Gegengerade“ genannt, traf ich regelmäßig auf Personen, die man sonst auf den Straßen nicht sah — als hätte sich eine Falltür geöffnet und all die Mühseligen und Beladenen der Stadt stiegen für 90 Minuten empor. „These are the real creatures that time has forgot“, heißt es in dem Song „Saturday’s Kids“ von The Jam.
Nicht Spannung, Fangesänge und das gemeinsame Mitfiebern, wie der Stadionbesuch heute beworben wird, prägten die Atmosphäre, sondern Kompensation und Projektion von Frustration, Verbitterung und Aggression.
Dies zeigte sich auch eindrucksvoll in einem Phänomen, das Nick Hornby in seinem autobiographischen Fußballbuch Fever Pitch beschreibt. Hornby beeindruckte beim Stadionbesuch am stärksten, „wie sehr die meisten Männer um mich herum es hassten, wirklich hassten, hier zu sein. Soweit ich das beurteilen konnte, schien keiner irgendetwas von dem, was während des gesamten Nachmittags geschah, auf die Art zu genießen, wie ich das Wort verstand.“
Zeitreise: Spieltag
Zweite Bundesliga, Saison 1988/89, 24. Spieltag: Die Eintracht lag als Aufsteiger aus der Regionalliga Nord auf dem siebten Platz von zwanzig und nur drei Punkte entfernt von den direkten Aufstiegsplätzen, allerdings hatte man das letzte Auswärtsspiel bei Fortuna Düsseldorf — den späteren Meister und ersten Aufsteiger in die Bundesliga — 0:4 verloren. Zu Gast war Alemannia Aachen, das sich in der Tabelle nur einen Platz und zwei Punkte hinter Eintracht Braunschweig befand.
Auf dem Weg zum Stadion, aber nicht via Hamburger Straße, sondern auf der Ostseite des Stadions über die Guntherstraße. Da ist es näher zur Gegengerade, meinem Stammplatz.
Vorbei an den Bierständen die schmutzige Betontreppe hinauf in den Stehplatzbereich — zu dieser Zeit war die Tribüne geteilt, unten die Sitz-, oben die Stehplätze. Es ist der 18. März 1989, ein kalt-feuchter Tag; am Vormittag noch sonnig, jetzt bewölkt. Nächstes Wochenende ist Ostern. Die Braunschweiger Spieler heißen Heinz-Günter Scheil, Olaf Rose, Bernd Buchheister — der unter einigen Fans wegen seines angeblich immensen Alkoholkonsums den Spitznamen „Bacardi-Buche“ trägt — und Peer Posipal, Sohn von Josef Posipal, Mitglied der legendären deutschen Weltmeisterelf von 1954.
Etwa 30.000 Menschen fasst das Stadion zu dieser Zeit, doch nur knapp über zehntausend sind gekommen. Die Zuschauer auf der Gegengerade sind alle männlich, Frauen sind nicht zu sehen. Träge kriecht die Zeit bis zum Anpfiff dahin, es wird Bier getrunken, geraucht, den Spielern beim Aufwärmen zugeschaut und im schmalen Stadionprogramm Eintracht aktuell geblättert, in dem das Tenniscenter Veltenhof mit „gutbürgerlicher Speisekarte“ wirbt und die Landesbausparkasse mit dem Slogan: „Tun Sie was mit uns für ein besseres Leben.“

Eintrittskarte aus derselben Saison. Quelle: eBay.
Der Fanblock links allerdings ist wie stets gut gefüllt, darunter auch eine erkleckliche Menge Skinheads und einige Kuttenträger. Auf den speckigen Jeanswesten mit blau-gelben Fransen an den Armauslässen sind Aufnäher angebracht mit Anti-Hannover-96-Slogans wie „Tod und Hass 96!“ oder Glaubensbekenntnissen: „Eintracht Braunschweig ist eine Religion.“
Nüchtern verkündet der Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellungen. Jetzt sind im Eingang zum Spielertunnel die ersten Spieler zu sehen, die gelben Eintracht-Trikots leuchten im halbdunklen Tunnel. Sofort verändert sich die Stimmung auf der Tribüne, von Gleichmut zu Anspannung. Die Mannschaften betreten den Rasen. „Eintracht! Eintracht!“ — Stakkato aus dem Fanblock. Gutturale Schreie Einzelner, verzerrte Mienen, geballte Fäuste.
Das Spiel beginnt und nur vier Minuten später steht ein Braunschweiger frei vor dem Gästetorwart, schießt den Ball jedoch direkt in dessen Hände. Doch dem verheißungsvollen Auftakt folgt auf Seiten der Gastgeber ein zaghaftes und tristes Spiel ohne Ideen, Ambitionen und Vehemenz, während sich die Aachener aufs Verteidigen konzentrieren, was heute keine große Herausforderung darstellt. Das Publikum ist unzufrieden und unruhig: Äußerungen über die Unfähigkeit der Spieler, Aufforderungen an den Trainer, diese auszuwechseln, Flüche und abfällige Gesten ziehen und steigern sich im Verlauf der ersten 45 Minuten.
Brennende Fahne und vergebliche Mühen
Pfiffe und Verwünschungen schrillen durchs Stadion, als der Schiedsrichter zur Halbzeit pfeift und die Spieler Richtung Kabinen gehen. Etwa ein Drittel der auf der Gegengerade Stehenden verlässt diese Richtung Bierstände und Toiletten, und auch aus dem Fanblock drängt eine beträchtliche Anzahl Zuschauer hinaus. Doch sie müssen andere Ziele haben als Pils oder Pissoir: eilig und fiebrig, mit Blicken wie Jagdhunde, hastet die Menge die Stufen hinunter. Als ich nach geraumer Wartezeit vor Toilette und Kiosk zurückkehre — gerade als die Spieler den Rasen betreten —, ist auch der Fanblock wieder gefüllt.
Während der Schiedsrichter die zweite Hälfte anpfeift, sehe ich im Fanblock Hände, die ein schwarz-gelbes Stück Stoff über eine Strebe des Tribünendaches werfen. Dann streckt sich aus der Menge eine weitere Hand empor, die ein Feuerzeug betätigt und das Textil anzündet. Schnell wird es von den Flammen aufgefressen, die brennenden Reste fallen in die Menge, die zunächst auseinanderstiebt, um sich dann einer Ziehharmonika gleich wieder zusammenzuballen. Es ertönt der Stadiongong und die Stimme des Stadionsprechers:
„Liebe Sportfreunde auf der Gegengerade! Bitte unterlassen Sie das Abbrennen von Feuerwerkskörpern. Sie schaden damit unserem Verein! Danke.“
Doch es handelt sich selbstredend nicht um Feuerwerk, sondern — stelle ich bei einem Blick in die Nordkurve fest, wo eine kleine Gruppe Aachener hinter dem nun blanken Zaungitter steht — um die Zaunfahne der Gästeanhänger, welche die Braunschweiger Fans in der Halbzeit geraubt haben. Dieser Sektor ist also das Ziel ihres zügigen Aufbruchs in der Halbzeit gewesen.
Im Fanblock auf der Gegengerade — der das Abbrennen der Aachener Farben noch mit dem Soundtrack „Wir wollen keine Aachen-Schweine!“ unterlegt hatte — rempelt, stößt und schubst man sich nun gegenseitig, immer heftiger, bis die Masse, fast ekstatisch, in einem gewaltigen Slamdance vereint ist. Darin erkenne ich an seiner weißen, tanzenden Dienstmütze einen uniformierten Polizisten, der, hilflos der wogenden Menge ausgesetzt, nach links und rechts geschubst wird wie eine Nussschale auf stürmischen Wellen.
Auf dem Rasen mühen sich derweil die Eintracht-Spieler — zwar entschlossener und zielstrebiger als noch in der ersten Halbzeit, aber letztlich zu einfallslos und vorhersehbar. Flanken von links werden eine sichere Beute der Aachener Defensive, Offensivbemühungen von rechts verpuffen meist schon im Ansatz. Nach dem Spiel äußert Braunschweigs Torhüter Uwe Hain: „Bei uns haben einige fußballerisch nichts drauf. Da fehlt es einigen wohl auch an der Profi-Einstellung. Die begreifen anscheinend nicht, wofür sie Geld bekommen.“
Und dann passiert es. In der 74. Minute setzt ein Aachener zu einem Solo durch die schlecht gestaffelte Eintracht-Abwehr an, überwindet Torwart Hain und erzielt mit der einzigen Chance der Gäste das 1:0.
Flüche, Beleidigungen, Verwünschungen gehen nun im Akkord auf Braunschweigs Spieler nieder, heftig wie noch nie an diesem Nachmittag. „Jude!“ schreit einer in Richtung des Schiedsrichters. Immer roher dröhnen die Beleidigungen, höhnisch lachend und feixend werden die so verzweifelten wie hilflosen Versuche der Eintracht, zumindest noch den Ausgleich zu erzielen, kommentiert. Eine kleine Schnapsflasche, ein sogenannter Flachmann, fliegt plötzlich von der Gegengerade auf den Rasen. Abermals ertönt der Gong und die Stimme des Stadionsprechers:
„Liebe Sportfreunde auf der Gegengerade! Bitte unterlassen Sie das Werfen von Gegenständen auf das Spielfeld. Sie schaden damit unserem Verein! Danke.“
Fast wie besessen brüllen einige neben, vor und hinter mir Stehende „Ihr Versager!“ und „Aachen-Schweine!“, aber, fühle ich, es geht ihnen nicht um einen schlechten Pass oder ein Gegentor oder den Schiedsrichter oder die gegnerischen Spieler.
Sie sind nicht zum Spaß hier. Es sind weitaus mächtigere, ungleich gewaltigere Dämonen, die sie quälen. All das, was sie erlebt haben und erleben, die Niederlagen, die schlechten Erfahrungen, unerfüllten Hoffnungen, Gift und Galle, böses Blut, gähnende Leere, der Hass auf das Leben der Anderen und der Hass auf das eigene.
Als der Schlusspfiff ertönt und die Eintracht-Spieler mit gesenkten Köpfen Richtung Kabine trotten, winken einige Zuschauer nur noch schweigend und verächtlich ab, während andere ein letztes Mal laut fluchen und verunglimpfen. Dann verlassen alle eilig die Tribüne, als wären sie auf der Flucht.
Es gibt eine großartige Kurzgeschichte von Alan Sillitoe — Autor von „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ — namens „Fußball“ (Original: The Match), in der er die zwei Protagonisten Lennox und Fred schildert, die ein Spiel von Notts County in Sillitoes Heimatstadt Nottingham besuchen. Während sich Fred, der mit Lennox Tür an Tür wohnt, wenig aus der Niederlage gegen Bristol macht und sich auf das Zusammensein mit seiner Frau freut, verhält es sich bei Lennox gegenteilig. Ehe- und Lebensfrust und die Niederlage seines Lieblingsteams vermengen sich zu einer üblen Melange aus Wut und Aggression, die sich, zuhause angekommen, an der Frage der Qualität des Abendessens in einem Streit mit seiner Frau heftig entlädt:
„Warum machte er den Samstagnachmittag zu einer Hölle auf Erden? (…) ‚Die haben wohl das Spiel verloren; ’nen anderen Grund für deine miese Laune kann ich mir nicht denken.‘ (…) ‚Du gehörst ins Irrenhaus‘, schrie sie, ‚du bist ja übergeschnappt!‘ Er schlug sie einmal, noch einmal und noch ein drittes Mal über den Kopf und warf sie zu Boden. Der kleine Junge wimmerte, und seine Schwester kam aus dem Wohnzimmer gelaufen. (…) Nach vielem Türenschlagen und Hin- und Herlaufen hatte Lennox’ Frau die Kinder genommen und ihn diesmal endgültig verlassen.“
Wer ist Lennox, wer ist Fred? frage ich mich in der Kolonne der Männer, die schweigend und fröstelnd das Stadion verlässt auf dem Weg zu Auto oder Haltestelle. Hinter mir betrunkene Stimmen, die „Eintracht!“ und „Aachen-Schweine!“ rufen. Bierflaschen zerbrechen am Boden. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Anschlag hoch und gehe nach Hause.

Eintracht-Stadion, Braunschweig, 1989. Foto: Castellini.
Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.
Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .



