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Fußball, der Leiden schafft

Fußball, der Leiden schafft

Im letzten Spiel der WM 2026 zeigten sich wie unter einem Brennglas die Verfallserscheinungen des Welt-Fußballs unter Gianni Infantino.

Seit einer gefühlten halben Stunde läuft es schon, das kunterbunte Trauerspiel, Gezappel und Geschreie zum Seitenwechsel im Finale der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft von halb Amerika. Es nimmt einfach kein Ende. Früher waren fünfzehn Minuten einer Halbzeitpause auch nach fünfzehn Minuten einer Halbzeitpause um. Zumindest im Fußball. Heute haben sie die geschmacklose Länge eines Eurovision-Song-Contests. Jedenfalls bei der FIFA. Der Ton ist aus, heruntergefahren wie die abgekühlten Multimillionäre, die in den Katakomben der Superschüssel von New Jersey stehen und darauf warten, das dauerklatschende Publikum noch länger zu unterhalten. Einer muss heute nämlich gewinnen. Ob die Besucher die Regel kennen? Aber noch zertrampeln die Pausenclowns ja das, was jedem Platzwart früher heilig war.

Und was um Himmels willen hat Tom Cruise im Fußball zu melden? Was eine pinke Madonna? Ein Dudamel mit seinen Geigern? Was Justin Bieber im Gitarrengut, die sieben Hampelmänner, ein Love-Banner-XXL, die Muppet-Show und Kinder aus der ganzen Welt, nur die aus Minab und Rest-Gaza nicht? Wenn alles rund läuft, ist die FIFA-Inszenierung mit Chip-gesteuerten Balleinlagen, das protzige Spektakel weit weg vom Fußball der Fangesänge und Pyrotechnik, dem Geruch von Schweiß und Rasen, dem Anblick von Schwalben, Bier und Blutgrätschen nach einem Tor vorbei. Dann betritt das Zirkusduo Infantino-Trump die Bühne, und Tränen kullern von 80.000 teuren Rängen (1, 2).

Infantino und sein Verein haben das mit der Fußball-Leidenschaft völlig falsch verstanden. Oder mit Leidenschaft für Kommerz und Louis Vuitton, dem offiziellen Partner für FIFA-Trophäen, verwechselt.

War der Fußballwelt das letzte FIFA-Fußball-Fest auf der Halbinsel von Katar um so viel zu klein? Musste es dieses Mal auf einen halben Kontinent erweitert und mit Teams aus jedem vierten Land des Planeten, mit Curaçao als Italienersatz vollgepackt werden? Und wo sind die leidenschaftlichen Kniefälle und Regenbogenarmbinden der Fair-Play-Gesinnung, wo die Ausrutscher fernöstlicher Baustellensklaven geblieben? Braucht das in Amerika kein FIFA-Fußballplatz, weil rote Karten für US-Amerikaner unter Trump ja sowieso nicht gelten? So wie das Klima? Kommt der Klimagott nun nach dem Fußballgott der FIFA? Flogen deshalb alle Teams, Kommentatoren, Betreuer, Zuschauer, Sponsoren und so weiter wie wild von Ost nach West, von Süd nach Nord, von Hollywood ins Stadion, von Europa nach Amerika, von Show zu Show, eben von Spiel zu Spiel?

Der Schweizer FIFA-Funktionär hat Hexenkessel in Zirkuszelte verwandelt. Und Infantino ist der Direktor.

Fußball alleine reicht nicht mehr. Fußball singt nicht, Fußball hüpft nicht, Fußball tanzt nicht. Höchstens richtige Fans, die gibt’s dort aber kaum, weil die sich das nicht leisten können.

Nun ist das Spiel also durch Winkeladvokatentum um jeden schnellen Spielmoment bereinigt. Vollständig gesäubert von unangepassten Charakteren. Entledigt jeder Spuckattacke wie der legendären von Mailand 1990. Verboten jede geworfene Klopapierrolle eines Argentiniers. Gianni Infantino ist der neue FIFA-Gott, und seine Zirkuszelte XXL sind knüppelvoll. Gefüllt mit Entertainmentjunkies der Beliebigkeit und aller Altersklassen. Scheißegal zu welchem Preis (2, 3).

Die FIFA hat all das geschafft. Abgeschafft. Mit „Hydration Breaks“ den Fußball nach allen Regeln des Konsums gefoltert und gevierteilt. Mit Kameras bestückte Schiedsrichter-Horden und -Experten als Henker der allerletzten Emotionen. Das Spiel der Spiele bis zur Unkenntlichkeit mit Videos zerlegt und jederzeit zurückpfeifbar gemacht. Für Werbezeiten. Zum Gesellschaftsstudium infantiler bis pädophiler Gelegenheitsbesucher in FIFA-Rotweinlogen aus Show und Biz. „Football Unites the World“ — die FIFA sicher nicht! Und gleiche Höhe ist jetzt Abseits. Also immer dann, wenn Haarspitzen oder Schnürsenkel in die Quere kommen. Bevorzugt die von Ägyptern oder Persern, die in Zukunft gleich mal zwei Tore mehr als ihre Gegner brauchen, um sicher zu gewinnen. Und politische Botschaften bleiben bei der FIFA verboten, solange Russland sich nicht blicken lässt, die Fahne der Pahlavi-Diktatur hinter Argentinien im WM-Finale weht und die US-Armee das Vorprogramm von Robbie William ruiniert.

Wie haben es die Fans des FC Bayern München, vielleicht sogar die Ultras von der Schickeria, vor Jahren in einem hellen Momenten so schön auf ein Plakat geschrieben: „SPONSORENSPIELE, KONZERTE, LICHTSHOWS: TEIL EURES EVENTS. ABER NICHT UNSERES FUSSBALLS. GEGEN DEN MODERNEN FUSSBALL.“ Deswegen, Infantino, verschwinde, weil unser Fußball ist das nicht!


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.youtube.com/watch?v=sQPH8ogziq8
(2) https://www.youtube.com/watch?v=B7hIiaXBpco&list=RDB7hIiaXBpco&start_radio=1
(3) https://www.ardmediathek.de/video/br24sport/voeller-kontra-rijkaard-im-wm-achtelfinale-1990/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzc1N2UzYjlkLWQwNTAtNGE0Ny1hZWJiLTEyMzhlNWVmMmIwNw
(4) https://gameofthepeople.com/2020/03/13/toilet-rolls-once-an-essential-part-of-football-matchday/
(5) https://www.bild.de/sport/fussball/wm-finale-2026-flugzeug-panne-bei-der-us-hymne-was-war-da-los-6a5d1ea976c735c85bca9451

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