Zum Inhalt:
Gemietete Bäuche

Gemietete Bäuche

Darf man Babys produzieren, die keine richtigen Mütter haben?

Aldous Huxley hat es 1931 in seinem Roman „Schöne Neue Welt“ vorausgedacht: Dort sind Kinder nicht mehr das Produkt liebender Eltern. Der Frau werden Eizellen entnommen, diese werden im Labor mit Spermien befruchtet. Der entstandene Ursprungsembryo wird hundertfach geklont und die Babys in künstlichen Brutvorrichtungen aufgezogen. Die Embryonen bekommen unterschiedliche Nährlösungen, je nachdem für welche Tätigkeit sie in der Zukunft vorgesehen sind. Nach der „Geburt“ werden sie in staatlichen Einrichtungen aufgezogen. Das Ziel des Ganzen? Seelenlosigkeit, innere Schwäche und Regierbarkeit. Was 1931 wilde Fantasien waren, ist technisch immer nähergekommen.

Bei einer „Leihmutterschaft“ — Mietmutterschaft wäre das passendere Wort, denn Leihe ist etwas Unentgeltliches — nimmt man die Eizelle von einer Alpha-Frau mit hohem Intelligenzquotient (IQ), toller Gesundheit, sportlich, schön, was immer man sich leisten kann, befruchtet die Eizelle mit dem Käufer-Spermium und setzt sie dann einer armen Frau ein, die das Kind neun Monate lang über ihren Blutkreislauf ernährt.

Nach der Geburt geht das Kind direkt an die Käufer.

Im Falle von Jens Spahn hat das Kind dann einen biologischen Vater und einen weiteren sozialen Vater. Eine Mutter hat es nicht. Wer sollte das auch sein: die Frau, deren Gene es trägt, oder die Frau, in deren Gebärmutter es herangewachsen ist? Wird ein Kind von einer Frau gekauft, kommt zur Eizellenverkäuferin und der Gebärmutter-Vermieterin noch eine dritte Frau als soziale Mutter hinzu.

Das Kind, kaum auf die Welt gekommen, ist mutterseelenallein. Und doch ist diese gängige Praxis, bei der eine arme Frau über neun Monate ausgebeutet wird, intuitiv noch immer besser als die Huxley-Idee ganz ohne lebendes Wesen. Bei Lämmern wird das gerade ausprobiert: Ab welchem Entwicklungsstadium kann man sie aus dem Mutterleib entnehmen und in einer Art Gestationsbeutel großziehen? Mit Mäusen forscht man von der anderen Seite her: Wie lange kann man eine Zellteilung am Laufen halten, bevor der Embryo einer Mutter eingesetzt werden muss? Natürlich sind die Versuche mit den Lämmern letztlich nicht für die Reproduktion von Schafen gedacht. Ganz offen wird darüber geredet, wie man frühgeborene menschliche Babys vor dem ersten Atemzug in Nährlösungen mit künstlicher Hormonversorgung großziehen könnte.

Solche transhumanistischen Prozesse führen uns Menschen an Fragen, um die wir uns früher leicht herumdrücken konnten: „Was ist eine Frau?“ war eine der ersten dieser Fragen, die noch vor dreißig Jahren lächerlich gewesen wäre, weil jedes Kleinkind wusste, was das ist. Mittlerweile ist daraus ein erbitterter Kampf geworden. Wir haben mit dem Selbstbestimmungsgesetz in Deutschland eine Rechtslage, die behauptet, Männer könnten Frauen sein. Um dagegen zu argumentieren, sind ganze Bücher geschrieben worden. Was ist es, das die Essenz von Frauen ausmacht, und warum?

Transaktivisten argumentieren, dass der Körper keine Frau macht. Es sei die Seele, die ein Geschlecht habe, und wenn das seelische Geschlecht nicht zum Körper passt, müsse man halt den Körper hormonell und operativ anpassen. Frauen argumentieren implizit, dass Seelen nichts Separates sind, sondern untrennbar mit dem Körper verbunden. Wer ein Mann ist, kann demnach keine Frau sein, egal was er schluckt und wie sehr er sich das auch wünschen mag. Eine Frau wird durch ihren Körper bestimmt.

„Was ist ein Mensch?“ ist die nächste Frage, die ansteht. Und ja, die sehr, sehr unbequeme Frage, wann Leben beginnt, was eine Seele ist, wann Menschenwürde anfängt und was es dazu braucht. Das alles sind Dinge, die im Mittelalter heiß diskutiert wurden. In der Neuzeit haben wir diese Fragen aus unseren Köpfen verbannt und stattdessen mit Physik und Biologie erforscht, was denn so alles möglich ist.

Die technischen und medizinischen Neuerungen waren gigantisch, keine Frage. Auch wenn man das Mittelalter gerne romantisiert, wird wohl niemand ernsthaft zurück wollen in eine Zeit ohne Zentralheizung und Penicillin. In manchen Punkten beschleichen die Menschen jedoch immer wieder Zweifel, ob das so richtig ist: die begradigten Flussleichen, die Hochspannungstrassen, die Massentierhaltung. Das war der Ursprungsimpuls der Grünen. Dass Natur nicht nur dafür da ist, ge- und verbraucht zu werden. Dass Formschinken aus gutem Grunde etwas ist, über dessen Herkunft man lieber nicht so genau nachdenken möchte. Weil da der Natur etwas zuwiderläuft.

Parallel zur Technisierung von Sachen und Tieren haben sich die Beziehungen zwischen Menschen durch den Fortschritt nachhaltig verändert. Liest man alte Kinderbücher, wie „Michel aus Lönneberga“ oder „Unsere kleine Farm“, so wird einem erst bewusst, wie sehr sich das Beziehungsgefüge zwischen den Menschen und zu Dingen verändert hat.

Vor zweihundert Jahren hat kein Kind etwas getragen, das nicht von Mama oder Oma gestrickt oder genäht worden war. Die Milch konnte erst getrunken werden, nachdem die Kuh, deren Namen man kannte, gemolken war. Die Kuh bekam frisches Stroh vom Korn, das der Vater im Vorjahr gemäht und gedroschen hatte. Man kannte jeden Menschen im Dorf, war mit vielen verwandt, und praktisch das gesamte Leben war von persönlichen Beziehungen durchdrungen. Die wichtigste: die Mutter, um die man in den ersten Jahren ständig herum war.

Von dieser Welt sind wir weit weg. Beziehungen wurden ersetzt durch den Markt. Die Kleidung kommt aus Bangladesch und wird dort von einem Kind genäht, an das wir lieber nicht denken. Das Essen kommt überwiegend aus Industrieproduktion von Orten, an denen wir nie waren und wo wir auch nie hinwollen. Die Eltern arbeiten nicht mehr zu Hause, die Kinder verstehen meist gar nicht, was diese arbeiten; O-Ton meiner Tochter, von einem Sandkastenkollegen gefragt, was denn ihr Vater arbeite: „Mein Papa sitzt jeden Tag auf einer Bank und verträgt Kredite.“

Jetzt aber sind wir an der nächsten Stufe angekommen: Technik und Wissenschaft wenden ihr Auge nicht mehr „nur“ auf Natur oder Tiere, sondern auf uns. Wir Menschen sind jetzt selbst dran, begradigt und optimiert zu werden. Wer bei Tieren noch wegschauen konnte, wird jetzt mit Fragen konfrontiert, die sich nicht mehr leicht ignorieren lassen.

Leihmutterschaft bewegt vermutlich deshalb so viele Gemüter, weil sie den Finger in die Wunde legt: Was darf man alles mit Menschen machen? Gibt es eine menschliche Natur? Und falls ja: Darf man ihr zuwiderhandeln, wenn man das praktisch findet?

Die Soziologin Mary Harrington argumentiert, die erste große transhumanistische Idee sei die Pille gewesen: Zum ersten Mal habe Medizin nicht überlegt, wie sie etwas Kaputtes reparieren, sondern wie sie etwas Funktionierendes auf Eis legen kann. In gewissem Sinne ist das sicher richtig: Menschen greifen hormonell in die Biologie ein, weil ihnen die natürliche Lösung — Schwangerschaft nach Sex — nicht passt.

Die Folgen waren beträchtlich, sowohl die guten als auch die fragwürdigen. Zuerst einmal ging die Zahl der ungewollten Schwangerschaften steil nach oben, was vermutlich niemand vorausgeahnt hätte. Aber es gab so viel mehr Sex und so viel unverbindlicheren, dass die Fehlerquote der Pille zu mehr ungewollten Empfängnissen führte als zuvor die unterlassene sexuelle Enthaltsamkeit.

Noch weiter reichend war, was gesellschaftlich passierte. Sex ohne Bindung nur zum Spaß wurde möglich. Prostitution gilt als das älteste Gewerbe der Welt, doch die zahlenmäßige Explosion ging erst einher mit einigermaßen anständiger Empfängnisverhütung. Pornografie, Tinder, all diese sozialen „Errungenschaften“ — undenkbar ohne Pille. Glaubt man den Soziologen, so ist mittlerweile das ganze Konzept der romantischen Liebe in üblem Zustand. Die Entkoppelung des Sexualakts von Liebe, Bindung und Elternschaft hat viele Auswirkungen.

Bei Leihmutterschaft geht es nicht mehr um Sex ohne Empfängnis, sondern um Empfängnis ohne Sex. Die menschliche Liebe und Bindungen werden ersetzt durch ein dickes Vertragswerk. Leistungen bekommen einen Preis und werden vergütet. Das Baby wird zum Designer-Produkt. Monatelang kann man durch Kataloge blättern, bis man sich für die optimale tiefgefrorene Eizelle entscheidet, in die dann nach dem Auftauprozess das eigene Sperma mithilfe einer Pinzette reingepikst wird. Ein neues Leben. Mit Zuchtkomponente, wie bei der Hundezucht. Nach einigen Zellteilungen wird dieses Wesen dann einer armen Frau eingesetzt, die mit Hormonen und der chemischen Reduktion ihrer Immunabwehr davon abgehalten wird, das körperfremde Gewebe abzustoßen. Stattdessen wird ihr Körper dazu gebracht, den Dottersack an ihren eigenen Blutkreislauf anzuschließen. Der Nabel des Kindes verbindet sich mit seiner Lebensabschnittswirtin.

Viele Menschen zucken hier zurück. In einer säkularen Welt fehlt das Vokabular, zu beschreiben, was hier verletzt wird. Wie soll man das Entstehen eines Kindes beschreiben, wenn man nicht an etwas Heiliges oder Göttliches glaubt? Hier kommt man an ähnliche Grenzen wie bei der Transgender-Frage. Wenn sich jemand ein Kind wünscht, kann man das Entstehen eines Babys dann an die Marktwirtschaft und Technik auslagern und das Produkt nach neun Monaten entgegennehmen? Und passt das dann?

Oder ist die Entstehung eines Kindes gebunden an diese Eizelle, diesen Eisprung, diese Gebärmutter und die Liebe dieser einen Frau zu diesem einem Mann? Mutter und Vater, die dem entstehenden Kind die Wurzeln und die Bindung geben, die es braucht, um stark zu werden? Weil die marktwirtschaftliche Lösung die menschliche Natur verletzt?

Es gibt einiges an Forschung darüber, wie schwer es für Adoptiveltern ist, aus dem Stand eine Bindung zu „ihrem“ Kind aufzubauen, obwohl sie sich das so sehr gewünscht haben. Gleichzeitig wird viel über die große Bedeutung der direkten Bindung für Babys nach der Geburt geschrieben. Frisch entbundene Mütter berichten, wie sie nach der Geburt von einer Welle der Liebe für ihr Kind überschwemmt werden. Man weiß, dass Babys die Stimme und den Herzschlag der Mutter kennen — im Falle von Leihmutterschaft von der Frau, die ihren Uterus an die Baby-Käufer vermietet hat. Das Baby büßt in der ersten Stunde nach seiner Geburt die sozialen Bindungen ein, die es stark machen würden.

Bei aller wirtschaftlichen Entwicklung während der letzten zweihundert Jahre waren Geburten bislang näher an Michel aus Lönneberga dran als an Aldous Huxley. Mutter und Vater lieben sich, und daraus entsteht ein gemeinsames Kind, das beide Gene trägt. Die Großeltern erkennen sich in dem Kind wieder. Die werdenden Eltern erleben den wachsenden Bauch. Das Neugeborene wird der Person in die Arme gelegt, deren Stimme und Herzschlag es kennt und die es mit Liebe überschüttet. Wenn es heranwächst, hört es immer wieder Kommentare: „Ganz wie Opa Heinz.“ Oder: „Mach dir nichts draus, ich war auch immer eine Niete mit Bällen.“ Das Kind war und ist eingebettet in tiefe Beziehungen.

Bei Leihmutterschaft ändert sich das radikal. Man kann sich aussuchen, ob man ein Mädchen oder einen Jungen haben möchte. Jedenfalls, wenn man bereit ist, für mehrere Eizellen zu bezahlen. Man kann nach IQ selektieren. Man kann genetische Eigenschaften wie von der Speisekarte bestellen.

Geliefert bekommt man nicht mehr nur ein Baby, sondern auch ein Produkt. Nach neun Monaten stopft man es dann ganztags in die Kita und bezahlt weiterhin arme Frauen dafür, dass sie sich um den Design-Nachwuchs kümmern.

Es lässt sich nur hoffen, dass die Familie genügend Bindung aufgebaut hat, bis sich der/die süße Kleine mehr oder weniger über Nacht in einen stinkenden, unfreundlichen Teenager verwandelt, der Schule und Eltern doof findet und die Kaufeltern vermutlich damit konfrontieren wird, dass er zu seiner echten Mutter will. Schon allein aus Protest — aber weh wird das trotzdem tun.

Ob Transgender oder Transelternschaft, Transhumanismus fordert Antworten. Gibt es so etwas wie eine menschliche Natur? Eine Seele? Gehört diese Seele dann zum Körper? Können ein Markt und ein Reagenzglas die Bindung der Kinder in ihre Ursprungsfamilie ersetzen? All das, worum wir uns in den letzten Jahrzehnten so gerne herumgeschummelt haben, kommt jetzt auf den Tisch. Und wir sollten uns lieber mal Gedanken machen, wo wir stehen.

Leihmutterschaft wird oft kritisiert, weil sie die Ausbeutung von armen Frauen beinhaltet. Das ist auch richtig. Noch schlimmer aber wäre es, wenn das Kind gar keinen Nabel mehr hätte, über den es während der Entwicklung von Eizelle zu Baby an ein menschliches Wesen andocken kann, sondern nur noch einen Beutel wie bei Huxley oder den armen Lämmern.

Leihmutterschaft verletzt nicht nur die Würde von Frauen. Sie verletzt die Würde von Kindern. Sie verletzt die Würde von Menschen, weil sie das Bild verbreitet, wir wären nur irgendwelche Zellen, die man bei richtiger Temperatur zusammenpanschen muss. Dass Menschen keinen anderen Wert haben als den, für den die Käufer bereit sind zu zahlen.

Viele Menschen spüren das. Mit Leihmutterschaft gehen wir in Richtung der „Schönen Neuen Welt“ à la Huxley. Da findet eine Degradierung des Menschlichen statt. Deshalb ist Jens Spahn, der die Maskendeals ziemlich locker überstanden hat, über seine Unehrlichkeit bei der Leihmutterschaftsdebatte gestolpert. Weil es hier wirklich ans Eingemachte geht. Spannende Zeiten ...


Finden Sie Artikel wie diesen wichtig?
Dann unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.

Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .

Weiterlesen

Ach, Alice
Thematisch verwandter Artikel

Ach, Alice

Kaum hatte Familienministerin Karin Prien angekündigt, den Bezug des Elterngeldes für Frauen von zwölf auf neun Monate verkürzen zu wollen, veröffentlichte Alice Schwarzer in der Emma einen Jubelartikel. Sie findet das gut so. Eine Replik.

Die Überwachungsparanoia
Aktueller Artikel

Die Überwachungsparanoia

Der beschlossene Angriff auf Datenschutz und Privatsphäre schürt die Angst vor einem aufziehenden Überwachungsstaat — dabei ist dieser längst Realität. Teil 1 von 2.

Unerhörte Warnung
Aus dem Archiv

Unerhörte Warnung

Die Ruinen von Gaza legen ein bestürzendes Zeugnis davon ab, dass die Menschheit aus den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts nichts gelernt hat.