Alice Weidel und die westdeutschen AfD-Verbände dürften hochrote Köpfe bekommen haben. Da stimmt Uwe Steimle im Wahlkampf in Dessau in Sachsen-Anhalt doch tatsächlich die DDR-Hymne an! Und dann ausgerechnet die in der DDR seit den 1970er-Jahren bei offiziellen Anlässen nicht mehr gesungene Strophe mit dem Text „Deutschland, einig Vaterland“! Ostalgie? 3-D-Schach? Verharmlosung der DDR? Oder erinnern die aktuellen Zustände der Berliner Republik 2026 tatsächlich so sehr an den SED-Staat?
Kaum einer kann so gut in die Seele der vor 1990 geborenen Ostdeutschen schauen wie der scharfzüngige Dresdner. Steimle zeigt wie kein Zweiter die seit etwa zehn Jahren wieder größer werdende Spaltung zwischen Ost und West durch seine eigene Person auf: Kein „Wessi“ versteht Steimle beziehungsweise will ihn verstehen — weder sprachlich noch inhaltlich, während er im Osten des Landes einen ausverkauften Auftritt nach dem anderen hat. Ungewohnt ist nun, dass er offen Partei nimmt, im wahrsten Sinne des Wortes. So lässt er sich in letzter Zeit allzu offensichtlich vor den Karren der AfD spannen: Steimle, der bei jeder Gelegenheit betont, dass er „links“ und für „den Frieden“ ist und im vermeintlich stets bösen Kapitalismus die Ursache allen Übels sieht, hatte nun schon AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla und Sachsen-Anhalts AfD-Ministerpräsidentenkandidaten Ullrich Siegmund in seiner oft sehenswerten Sendung „Aktuelle Kamera“ zu Gast.
Aber ist es die Aufgabe von Satire, sich so offensichtlich auf die Seite einer Partei zu stellen? Eine Partei, die wie so viele andere vor ihr verspricht, wieder alles besser zu machen?
Da hat sie viel zu tun, denn das, was Union, SPD, Linke, Grüne und FDP in den letzten zehn Jahren verzapft haben, macht nicht nur viele Ostdeutsche schlichtweg sprachlos: Ein ehemaliger Exportweltmeister wurde aufgrund ideologischer Fehlentscheidungen, spätbundesrepublikanischer Dekadenz und des Einflusses mächtiger Lobbygruppen — die sich schon darauf freuen, die ökonomischen und immobilen Scherbenreste bald günstig aufzukaufen und später wieder teuer zu veräußern —, wirtschaftlich, sozial und moralisch an die Wand gefahren: Die Bewohner schwanken darüber zwischen Ignoranz und Unkenntnis im Westen und Wut und Radikalisierung im Osten.
Nun also die AfD als Heilsbringer, die immer mehr Zuspruch findet: Das ist so deutsch, dass es fast schon wehtut. Wird sie uns also „retten“? Wie oft haben neue politische Parteien schon Menschen, Völker oder ganze Länder „gerettet“? Sind die Parteien — und zwar alle — nicht das eigentliche Problem in diesem Land? Sie haben viel zu viel Macht gehortet, die ihnen laut Grundgesetz überhaupt nicht zusteht, und jeder Panzerhersteller und Wärmepumpenverkäufer weiß genau, wo er in Berlin zu klingeln hat.
Doch schauen wir ins Programm der vermeintlichen Alternative: Steuern runter, digitale Freiheit rauf. Wer ins Land kommt, darf nicht auf der faulen Haut liegen und muss sich an die ein oder andere Regel halten, zumindest das alles ein bisschen — wird gekauft!
Aber sonst so? Als Ex-Linker frage ich mich, warum sich Steimle nicht mal mit Chrupalla, Höcke und Co. über folgende Punkte unterhält: allgemeine Wehrpflicht und Aufrüstung, unbedingte Israel-„Solidarität“ oder die PR-Aktionen ihres Edelfans Elon Musk? Alles Punkte, die die AfD spalten: So steht der westliche Flügel um Alice Weidel ganz klar zur „Dienstpflicht“ und blickt eher nach Washington statt nach Moskau oder Peking. Oskar Lafontaine formulierte es kürzlich so:
„Die Bedeutung des AfD-Parteitags von Erfurt liegt darin, dass sich der NATO-Flügel um Alice Weidel gegen Tino Chrupalla und seine Anhänger weitgehend durchgesetzt hat.“
Passend dazu stehen die Blauen fest an der Seite Israels; so betonte der Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende Alexander Gauland schon 2018, dass das Existenzrecht Israels als deutsche Staatsräson im Ernstfall die Konsequenz bedeute, an Israels Seite „zu kämpfen und zu sterben“. Wen stören da schon der Genozid in Gaza oder die Kriegsverbrechen im Libanon? Da hilft ein einziger Chrupalla, der sich schon oft gegen Waffenlieferungen an Israel ausgesprochen hat, eher wenig. Das zeigt sich auch am spärlichen Applaus seiner eigenen Fraktion im Bundestag zu den Themen Nahost und Ukraine. Und Elon Musk, der über seine Plattform X immer wieder direkt oder indirekt die Werbetrommel für die AfD rührt? Im Westen gibt es viel Applaus für das umtriebige Tech-Genie, im Osten fragen sich viele dagegen, wieso der reichste Mann der Welt — dessen Firmen mit jeder Menge Steuergeldern („Subventionen“) gepampert wurden — zum AfD-Parteitag zugeschaltet wird? Der Mann, dessen kurzlebige Behörde DOGE sich durch eine besonders große Datensammelwut auszeichnete und diese dann dem aktuellen US-amerikanischen Staats- und Überwachungsapparat zur Verfügung stellte. Genau diese Verflechtungen zwischen Großkapital und Staat zum Korporatismus sind das Problem unserer Zeit.
Bei der AfD schaut man allerdings ohnehin auf Deutschland und die Deutschen, denn: „Wir gehören zusammen. Wir sind Deutsche.“, wie Uwe Steimle in Dessau resümierte. Also sind die „Wessis“ jetzt doch nicht ganz so schlimm, weil sie schlichtweg irgendwie Deutsche sind? Kompliziert. Später rechtfertigte sich Steimle noch: „Ich hab mir nichts vorzuwerfen.“ Er versuche, mit den Mitteln der Satire aufzurütteln. Er sei „ein alter Linker“ und lasse sich nicht zu einem „neuen Rechten“ machen. Aber vielleicht ist der Unterschied ja gar nicht so groß: Starker Staat, gelenkte Wirtschaft und jede Menge Ideologie, das mögen bekanntlich beide „Lager“ sehr gerne. Vielleicht ist es genau das: Eine neue betont deutsche Einheitspartei, die Linke und Rechte „mitnehmen“ und das Wort Heimat(liebe) wieder positiv „besetzen“ will, nachdem zuvor die selbst ernannten Parteien der vermeintlichen Mitte die Begriffe „deutsch“ und „Heimat“ seit 2015 massiv negativ konnotiert haben. Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt kann man dazu nun lesen:
„Wer den deutschen Staat und das deutsche Volk herabwürdigt und beleidigt, soll angemessen sanktioniert und mindestens so schwer bestraft werden wie derjenige, der sich der sogenannten Volksverhetzung gegenüber Minderheiten schuldig macht. Wir werden uns auf Bundesebene dafür einsetzen, dass jeder, der den aktuellen deutschen Staat, ‚Deutschland‘, als historisch-kulturelles Gebilde, die deutschen Bürger und unsere Nationalsymbole öffentlich verunglimpft, mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft wird.“
Da läuft es nicht nur Historikern kalt den Rücken runter. Wer oder was als deutsch gilt, bestimmt dann die AfD, klar. Meinungsfreiheit? Satire darf alles? Was sagt Herr Steimle dazu? Raus aus den Kartoffeln, rein in die Kartoffeln — links (grün) oder rechts (blau) —, Hauptsache extrem, und der politische Gegner ist stets auch der Feind, der im Handumdrehen entmenschlicht wird. Interessant ist zu beobachten, wie sich die politischen Vorzeichen derzeit in rasender Geschwindigkeit ändern, das Notensystem aber schlichtweg sehr deutsch, wie im 19. und 20. Jahrhundert, bleibt. Wenn dann noch der aktuelle Bundeskanzler neben der größten Neuverschuldung aller Zeiten darüber schwadroniert, die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ machen zu wollen, bleibt es nicht aus, dass unsere Nachbarn sich einmal mehr fragen, ob beim deutschen Michel Größenwahn und Hang zum Extremismus, in welcher Couleur auch immer, einfach unkaputtbar sind?
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