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„Macht euch die Kinder untertan!“

„Macht euch die Kinder untertan!“

Eine neue Welle Schwarzer Pädagogik diffamiert systematisch jeden Versuch, Kinder wertschätzend zu behandeln.

Es scheint wie mit der Mode zu sein: Jeder Trend wiederholt sich in gewissen Zeitabständen, so muss man seit einiger Zeit auch befürchten, dass die Schwarze Pädagogik wiederbelebt wird. Anzeichen dafür sind Stammtischparolen, die nach härterem Durchgreifen schreien, das reflexhaften Mantra „Grenzen setzen“ und die Platzierungen in der Spiegel-Bestsellerliste, in der Bücher immer häufiger auf den vorderen Plätzen landen, deren Titel bereits Kinder als potenzielle Tyrannen oder Eltern, die gut mit ihren Kindern umgehen, als Helicoptereltern verunglimpfen.

Gewettert wird gegen Kuschelpädagogik, Attachment Parenting (Bindungserziehung) und mit einem Dokumentarfilm, der sich unter dem Titel „Elternschule“ als Erziehungsratgeber zu erkennen gibt, sollen rechtslastige Erziehungsmethoden und ein hierarchisches Familienmodell wieder mehrheitsfähig gemacht werden (1).

Nach der Publizistin Barbara Rutschky, die den Begriff prägte, ist die Schwarze Pädagogik eine Folge der Aufklärung. Auch die Erziehung im Allgemeinen ist erst ein Phänomen der Neuzeit. Das mag im ersten Moment irritieren, verbinden wir doch das Zeitalter der Aufklärung mit Verstand und Fortschritt, einer Abkehr von Aberglauben und betrachten es als Wegbereiter für eine Demokratisierung der Gesellschaft und der Befreiung des Individuums.

Die einsetzende Technisierung und Industrialisierung der Gesellschaft ließ es erstmals denkbar erscheinen, die biblische Forderung „Macht Euch die Erde (also die Natur) untertan“ wahr werden zu lassen. Der von Darwin populär gemachte Begriff „The Survival of the fittest“ verstärkte in der falschen Übersetzung als „Das Überleben des Stärkeren“ die Sicht auf die Natur als einen vom Menschen zu beherrschenden Gegner, denn als ein Hort der nährenden Geborgenheit.

So ging man seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auch davon aus, dass Kinder erst durch eine bewusste und zielgerichtete Erziehung, genauer einer Geistes- und Gewissensformung, zu einem moralisch erwachsenen Menschen gemacht werden müssten. Man versuchte also die unterstellte animalische Natur des Kindes zu zähmen, indem man es beherrschte, wie man die Natur beherrschen wollte und ihm seinen Eigenwillen nahm, um diesen durch eine moralische Instanz, eine Art gesellschaftlich sanktioniertes Über-Ich, zu ersetzen. Die klassischen Stilmittel, die man dazu verwendete, waren: Strafe und Belohnung (2), Liebesentzug, die Verweigerung von Grundbedürfnissen, Abhärtung, Kontrolle und Machtausübung sowie Demütigung und Beschämung und alle weiteren Mittel, mit denen man das Kind manipulierte konnte.

Erbsünde und Triebtheorie

Auch die Kirche trug mit ihrer Lehre von der Erbsünde, also der sündhaften Natur des Menschen, nicht unmaßgeblich dazu bei, eine Legitimationsgrundlage für die Einschüchterung und Manipulation von Kindern bis hin zur Erniedrigung mit emotionaler und körperlicher Gewalt zu schaffen. Wer sein Kind liebt, der züchtig es, so hieß es allenthalben. Das Kind musste regelrecht unter Schmerzen von seiner barbarischen Natur erlöst und der Allmachtsfantasie, aus ihm einen gottgefälligen Menschen zu machen, unterworfen werden.

Trotz unterwürfig zur Schau gestellter Frömmigkeit, hatte man offensichtlich wenig Vertrauen in die Weisheit und das handwerkliche Geschick Gottes, wenn er uns solch unvollkommene Wesen unterschob, die erst noch von uns fehlbaren Erwachsenen zurechtgebogen und in Form gebracht werden mussten.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte Freud bei der Behandlung seiner, meist weiblichen, Hysteriepatienten verdrängte Gewalt- und Sexualtraumata, in einem beunruhigenden Ausmaß, fast immer ausgelöst durch eigene Familienmitglieder oder Menschen aus dem nahen Umfeld. Mit dieser Entdeckung stieß er jedoch im Kollegenkreis auf harsche Ablehnung. Diese Ungeheuerlichkeit schien damit auch der Öffentlichkeit nicht zumutbar, und er fürchtete um seine Reputation und seine ökonomische Lebensgrundlage. Also deutete er die wohl wahren Missbrauchserinnerungen seiner Patienten im Rahmen seiner Triebtheorie als Wunschfantasien seiner Patientinnen infolge frühkindlicher sexueller und aggressiver Triebimpulse bis hin zu einem von ihm postulierten Todestrieb.

Anstatt aufzudecken, machte er also die Opfer selbst verantwortlich. Die Zeit war noch nicht reif für die ganze Wahrheit. Dies wird sicher so manchen Intellektuellen und progressiv denkenden Zeitgenossen als willkommene Bestätigung seiner Sicht auf das Kind gewesen sein — nämlich, als ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt, ausgestattet mit einem Bündel animalischer Triebe, die es zu kontrollieren galt.

Das sieht man heute größtenteils anders. Sprichwörtlich geblieben ist jedoch die preußische Disziplin, mit der Anfang des 20. Jahrhunderts im Kaiserreich Kinder erzogen und der Macht der Eltern unterworfen wurden. Der bekannte Film „Das weiße Band“ zeigt sehr eindrücklich die im wahrsten Wortsinn unheilige Allianz (auch) der Kirche mit der Schwarzen Pädagogik und beschreibt, wie Kindern das Eigene ausgetrieben und gleichzeitig der Hass in ihre Seelen gesät wurde. Verschwiegen werden soll indessen nicht, dass es mit der „Reformpädagogik“ bereits damals auch eine Gegenströmung gab, die aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten vollkommen unterdrückt wurde und keine Change hatte, sich weiter zu verbreiten.

Das Dritte Reich

Im Dritten Reich wurden die Erziehungsmethoden dann von höchster Stelle dahingehend „verfeinert“, dass eine gute nationalsozialistische Mutter ihre Kinder möglichst kaltherzig und empathielos zu erziehen hatte, damit sie so wenig wie möglich Bindung zu den Eltern entwickeln konnten. Denn der Führer brauchte ein Heer starker junger Männer und Frauen, deren erste und einzig echte Bindung die zum Führer sein sollte. Nicht nur die Bindung an die Eltern, auch die Bildung einer eigenen Persönlichkeit sollte unterentwickelt bleiben, damit sie später den Befehlen des Führers bedingungslos gehorchen würden. Denn jemand, der keine eigene Identität hat, sucht danach und lässt sich gerne führen (3). Die Lungen- und Nazi-Ärztin Johanna Haarer war mit ihren Erziehungsratgebern die Wortführerin dieser NS-Erziehungspropaganda (4).

Mit dem Untergang des Dritten Reichs verschwanden dieses Bewusstsein und der damit verbundene Erziehungsstil natürlich nicht von heute auf morgen. Die Ignoranz, ja sogar unterschwellige bis offene Verachtung der Gefühle des Kindes und seiner emotionalen und körperlichen Bedürfnisse reichte bis in die 1950er, 1960er und sogar 1970er Jahre hinein.

Sigrid Chamberlain schreibt in ihrer Analyse der Nazi-Pädagogik:

„Eine Stunde Null hat es (…) nicht gegeben. (…) Die Verwüstungen, die eine solche Erziehung hinterlassen hat, werden von den meisten Menschen, die ihr als sehr kleine Kinder ausgesetzt waren, erst langsam oder gar nicht als solche wahrgenommen“ (5).

Und an anderer Stelle:

„Das bedeutet, dass sehr viele Menschen, im Dritten Reich und auch noch in den Jahren danach geboren, mit frühen nationalsozialistischen Prägungen ins Leben entlassen wurden, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne überhaupt zu merken, was sie möglicherweise weitergaben“ (6).

Nur mit einem in der Folge verkümmerten empathischen Bewusstsein und der Blindheit gegenüber der Innenwelt des Kindes, ist es zu erklären, dass man Säuglinge sogar noch bis in 1970er Jahre ohne Schmerznarkose operierte. Man nahm einfach an, das kindliche Gehirn könne noch gar keine Schmerzsignale verarbeiten. Man sah und hörte die Kinder schreien, traute aber seiner eigenen Intuition nicht, weil man, selbst durch die Schwarze Pädagogik traumatisiert, seine gesunde Eigenwahrnehmung aus dem Bewusstsein abgespalten hatte und alles glaubte, was einem irgendwelche Autoritäten ein- oder ausredeten.

Die 68er ignorieren die Bindungsforschung

Im Windschatten der 68er-Bewegung wollte man dann alles anders machen. Mit der sogenannten „Antiautoritären Erziehung“ überforderte und vernachlässigte man die Kinder bis zur emotionalen und sozialen Verwahrlosung. Sie sollten sich frei entfalten können und quasi in der Auseinandersetzung mit anderen Kindern selbst erziehen, aber fatalerweise hatte auch die 68er-Generation das alte, vorherrschende Bild des vorwiegend triebgesteuerten und weniger bedürftigen Kindes noch längst nicht überwunden.

Heute bevorzugt man eher eine Haltung, die da heißt „Kinder brauchen Grenzen“. Diese sollen den Kindern Halt und Sicherheit geben, sie leiten und führen, aber auch formbar machen, da immer noch viele davon ausgehen, dass Kinder (noch) über wenig eigene Kompetenzen verfügen und alles Gute nun mal von oben komme. Ganz befreit hatten wir uns also nie von der Schwarzen Pädagogik, was übrigens auch für die meisten anderen Kulturen gilt.

Die moderne Bindungsforschung, von John Bowlby und Mary Ainsworth, nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die späten 1970er Jahre entwickelt, kann heute aber belegen, was emphatische Eltern seit jeher wussten — nämlich, dass Kinder von Anfang an mit weitreichenden Wahrnehmungen und Bedürfnissen, Empfindungen und Missempfindungen ausgestattet sind, obwohl sie am Anfang noch gar nicht zwischen sich selbst und der Umwelt unterscheiden können. Sie haben zunächst noch kein Ichgefühl und fühlen sich mit der Mutter immer noch eins, aber eines können sie von Anfang an: Beziehung!

Bowlby und Ainsworth verlagerten mit ihren Forschungen den Focus kindlicher Entwicklung von Freuds Triebtheorie, also von der kindlichen Sexualität und dem Ödipuskomplex, hin auf die frühe Mutter-Kind-Bindung, die, wenn sie gut gelingt, einen entwicklungsfördernden und persönlichkeitsbildenden Effekt auf das Kind hat. Wir begreifen demnach das Kind heute eher als ein Bedürfniswesen, das noch mehrere Jahre nach der Geburt eine enge Bindung mit viel Sicherheit gebendem Körperkontakt zu seinen Bezugspersonen benötigt, denn unsere Menschenkinder sind natürlicherweise alle Frühgeburten. Wenn sie weiter ausgereift wären wie die sogenannten Nestflüchter, dann würden sie mit ihrem großen, das Gehirn beherbergenden Schädel gar nicht mehr durch das Becken der Mutter passen. So brauchen sie also noch über Jahre einen „sozialen Uterus“, der sie schützt und wärmt.

Kooperation und Moral sind bereits angelegt

Andererseits aber sind die Anlagen zur Kooperation, ja sogar zur Moral bereits, ähnlich wie das Sprachvermögen, als Keim in unseren Kindern angelegt. Wir brauchen sie dessen also gar nicht zu unterrichten, sie entwickeln es selber, indem sie uns beobachten und nachahmen.

Seit der Entdeckung der Spiegelneuronen weiß man, dass Kinder schon früh Mitgefühl erleben und altruistisches Verhalten zeigen, ohne dass man es ihnen durch Erziehung vorher eingetrichtert hat. Es gibt dazu eindrucksvolle Experimente, in denen gezeigt wird, wie erst 18 Monate alte Kinder einem Erwachsenen ganz spontan einen Stift reichen, der zufällig vor ihnen auf den Boden gefallen ist und den zu ergreifen sich der Erwachsene vergeblich abmühte. Diese Verhalten zeigen übrigens ebenso auch unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen.

Altruistisches Verhalten konnten diese neueren Erkenntnisse der Verhaltensforschung also auch bei anderen Tieren bestätigen, die natürlich nicht nach unserem Verständnis erzogen wurden. Es ist also genetisch vorbestimmt — denn es hat sich in der Evolution bewährt — nicht nur egoistisch sondern auch hilfsbereit zu sein. Das ist gut für die Gruppe ebenso wie für das Individuum, denn auf Dauer profitiert man auch selbst von der Hilfsbereitschaft anderer. Und so sind auch unsere Kinder schon von Natur aus nicht nur egoistisch, sondern ab einem gewissen Alter, wenn sie die überlebenskritische Frühphase überstanden haben, auch altruistisch. Der bekannte Primatenforscher und Soziobiologe Frans de Waal hat hier in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bahnbrechendes geleistet (8).

Das Dilemma, in dem wir uns heute befinden, ist, dass sich bereits unsere Vorfahren in einer langen Zeit Schwarzer Pädagogik, in der man Kinder noch nächtelang schreien ließ, bis sie sich selbst aufgaben und verstummten, notgedrungen von sich selbst und ihren natürlichen Empfinden entfernt haben.

Im vollen Bewusstsein ihrer erlittenen Schmach und Demütigungen hätten sie ihr Leben gar nicht aushalten können. Und so haben auch wir in unserer heutigen, zutiefst kinderfeindlichen Welt — in der es aus Profitgründen nur so von bunten und süßen Versuchungen wimmelt, die Kinder aber bestraft werden, wenn sie danach greifen — weitgehend die Fähigkeit verloren, uns in die Kinder und ihre Bedürfniswelt einzufühlen.

So kommt es beispielsweise vor, dass junge Eltern Schwierigkeiten haben, ihr eigenes Kind kennenzulernen und sich auf es einzustellen. Dann haben sie offensichtlich — so sagt man — ein „schwieriges Kind“, beispielsweise ein „Schreibaby“. Möglicherweise fühlt sich dieses aber nur nicht wahrgenommen in seinen persönlichen, individuellen Bedürfnissen. Es hat vielleicht Eltern, die selbst durch die Schwarze Pädagogik gegangen sind, traumatisiert wurden und es immer noch sind, ohne es zu wissen. Um ihr Kind zu verstehen, müssten sie zuerst jedoch einen emotionalen Zugang zu dem Kind finden, das sie selbst einmal waren. Doch den Kontakt zu diesem eigenen inneren Kind haben sie verloren, weil auch sie selbst von ihren Eltern nicht wahrgenommen wurden als das Kind, welches sie von Natur aus waren.

Den unsäglichen Schmerz darüber, dass sie von den eigenen Eltern nicht angenommen und geliebt wurden als das, was sie waren, mussten sie verdrängen, sich stattdessen verstellen und den Forderungen sowie Bedürfnissen der Eltern anpassen, um sich schließlich mit den Eltern und der Erziehung, die diese ihnen angedeihen ließen, zu identifizieren. Denn mit dem Bewusstsein, nicht der sein zu dürfen, der man ist, kann niemand auf Dauer leben. Diese Identifikation mit ihren Erziehern lässt sie deshalb glauben: wären sie nicht so behandelt worden, wie sie nun mal von ihren Eltern erzogen wurden, dann hätte aus ihnen kein zivilisierter Mensch werden können.

Die Ablehnung des eigenen Selbst

Es ist also verinnerlichter Glaube, nicht als etwas Gutes mit einem wertvollen inneren Kern geboren worden zu sein, sondern als ein egoistisches und im Grunde barbarisches Naturwesen, wie ich es oben aus der Sicht der Schwarzen Pädagogik versucht habe zu beschreiben. Da ist nicht nur eine Ablehnung von Seiten der Eltern, auch im Kind kommt es zur tiefsten Ablehnung seines eigenen Selbst und zum größten Misstrauen seiner eigenen Natur gegenüber.

Und weil sie nichts anderes kennengelernt haben, machen sie das Gleiche später mit ihren eigenen Kindern solange, bis das natürliche und wahrhaftige Empfinden des Kindes gebrochen ist und aus ihm praktisch ein Mensch ohne eigene Seele geworden ist. Es hat in diesem Gefühlsraum, in dem normalerweise die eigenen Seelenanteile mit den eigenen Bedürfnissen und der eigenen Persönlichkeit sitzen, nur noch ein Abziehbild der narzisstischen Bedürfnisse und Forderung der Eltern, mit dem es sich verwechselt.

Sigrid Chamberlain schreibt: „Unterwerfend war es, von Geburt an dem Baby zu zeigen, dass alles, was es mitgebracht hatte, seine spontanen Impulse und natürlichen Reflexe, seine Bedürfnisse und Fähigkeiten FALSCH seien. Hier wurde Ur-Misstrauen des Babys nicht nur in die Welt, sondern gleichzeitig in sich selbst erzeugt“ (7). Und der Psychoanalytiker Arno Gruen schreibt von einem:

„ (…) Urvertrauen, das nur entwickelt werden kann, wenn die Interaktion zwischen den Bedürfnissen des Säuglings und der Fähigkeit der Mutter, diese wahrzunehmen, zustande kommt“ (13).

Das Kind hat also die Verbindung zu seinem eigenen Ursprung und damit auch zu seiner natürlichen Sinn- und Energiequelle verloren. Wenn das später nicht mehr ausgeglichen werden kann durch andere Bezugspersonen, die es als das Kind erkennen und annehmen, welches es tatsächlich ist, dann kann solch ein Kind später zu einem Erwachsenen werden, der keinen rechten Sinn in seinem Leben zu erkennen vermag, vielleicht depressiv wird, weil er das Wichtigste im Leben, sich selbst, verloren hat. Er wird zu einem Jemand, der sich durch permanenten Konsum ablenkt von der inneren Leere oder versucht, diese mittels verschiedener Süchte zu füllen oder wenigstens den Schmerz über das Verlorene zu betäuben. Sucht ist dann auch nur ein Ausdruck der Suche nach dem verlorenen Selbst.

Das falsche Selbst

Der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnikott beschrieb als erster diesen Mechanismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und führte den Begriff des „falschen Selbst“ ein. Bekannte Schriftsteller und Psychoanalytiker, wie Alice Miller (9) und Arno Gruen (11), haben in ihren Büchern immer wieder — auch für Laien gut verständlich — darüber geschrieben.

Wenn das Kind nicht um seiner selbst willen geliebt wird, also nicht dafür, wie es ist, sondern nur für das, was es tut, für Gehorsam und Leistung, dann entwickelt es ein falsches, den jeweiligen Bedürfnissen der Eltern und der Umwelt angepasstes Selbst und zwar nur aus diesem einzigen Grund, damit die Eltern es nicht verstoßen, sondern lieben können und seine körperliche sowie emotionale Versorgung gesichert ist.

Das in ihm angelegte eigene Wesen (das wahre Selbst) muss es dann, um der Anpassung willen, weitgehend verleugnen, denn es will ja überleben.

Denn es weiß, dass es auf Gedeih und Verderb von seinen Eltern abhängig ist. Wenn es sich also anpasst und sein wahres Selbst verleugnet, dann wird es zwar geliebt werden, weil es so artig und folgsam ist, aber es geht dennoch leer aus, denn diese „Liebe“ kommt gar nicht bei ihm an, da es in gewisser Weise ja gar nicht mehr es selbst ist.

Mit anderen Worten: von den eigenen Eltern nur geliebt zu werden für etwas, das man in Wahrheit gar nicht ist, ist wohl eine der schlimmsten Kränkungen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Es kommt zu einem ewigen Ringen um Liebe, Anpassung, Anerkennung und Erfüllung der elterlichen Bedürfnisse, die damit auch wieder nur ihr eigenes unbewusstes Trauma bedienen. Ein Konflikt der nie zu einer Lösung kommt, solange die jeweilige Elterngeneration nicht fähig ist, die eigene Seelenopferung für die Liebe ihrer Eltern als Verlust anzuerkennen und ihre eigenen Kinder um ihrer selbst willen zu lieben.

Ich möchte es an einem praktischen Beispiel verdeutlichen: Können Eltern einen authentischen Kontakt zu ihrem Kind nicht herstellen, weil sie selbst durch Schwarzer Pädagogik traumatisiert wurden, dann tragen sie vielleicht ihr schreiendes Kind nächtelang durch die Wohnung, um es zu beruhigen, damit es endlich aufhört zu schreien. Verhaltenstherapeuten, wie im Film „Elternschule“, würden jetzt wahrscheinlich sagen: „Damit belohnen sie das Kind nur für sein Schreien, Denn es weiß genau, wenn ich schreie, dann kommt jemand, holt mich aus dem Bettchen und solange ich weiter schreie, bekomme ich auch weiter Zuwendung. Sie müssen das Gegenteil tun, Sie dürfen es nicht mit Zuwendung belohnen, wenn es schreit.“

Diesem Denken liegt das klassische Kinder- und Menschenbild der Schwarzen Pädagogik zugrunde. Ein gieriges Wesen, das nie genug bekommt, die Eltern manipuliert und terrorisiert. Aber das ist vollkommen absurd. Diese Verhaltensanweisung an die Mutter ist aber reiner Behaviorismus auf niedrigstem Niveau, weil sie das Kind nur als Objekt — rein aus der Erfahrungswelt des Erwachsenen heraus betrachtet. Das Kind wird zur Blackbox, die nur den richtigen Input braucht, damit sie funktioniert und am anderen Ende das gewünschte Verhalten rauskommt. Das Innenleben des Kindes interessiert hier nicht — und das ist eine vollkommene Negierung der Menschenwürde des Kindes.

Das Kind fühlt sich abgelehnt

Die tatsächliche Wahrheit evolutionär hinter dem Sinn des Schreiens — das ja eigentlich ein Weinen ist und damit ein Trost- und Fürsorgeverhalten auslösen soll — ist aber eine vollkommen andere: Die Eltern tun alles, um das Kind zu beruhigen, damit es aufhört zu schreien und sie es, hoffentlich schlafend, weglegen können, denn auch sie wollen ja ihre Ruhe haben. Und genau das, was die Eltern in dieser Situation — wenn sie ehrlich zu sich sind — beabsichtigen, spürt das Kind, es erkennt die Wahrheit intuitiv: Ich bin nicht gewollt, denn meine Eltern wollen mich so schnell wie möglich loswerden. Es „wittert“ Gefahr, braucht nun umso mehr den Schutz und die Nähe seiner Eltern.

Die Antwort auf das — aus Sicht des Kindes — ablehnende Verhalten der Eltern ist als Lernerfahrung Tausender Babygenerationen im Erbgut gespeichert und lautet: Diejenigen, die für mich sorgen und mich beschützen müssten, wollen mich im dunklen Wald allein aussetzen und mich der Gefahr des Erfrierens oder des Gefressenwerdens überlassen. Darum bekommt das Kind zu Recht Panik und schreit um Hilfe.

Das ist ganz natürlich und evolutionsbiologisch die einzig richtige Reaktion. Denn Kinder mit gegenteiligen Erbinformationen, die sie pflegeleicht machen und nicht bei Gefahr um Hilfe schreien, waren nicht unsere Vorfahren. Sie hätten diese genetische Information niemals weitervererben können, weil sie bereits nachkommenlos als Säuglinge ums Leben gekommen wären.

Wenn wir unsere Kinder und uns selbst verstehen wollen, dann müssen wir ganz am Anfang beginnen — nicht im Hier und Jetzt, nicht bei uns selbst, auch nicht bei unseren Nachbarn, nicht einmal bei unseren Kindern. Wir müssen mit dem Bild anfangen, das wir vom Menschen und damit auch von unseren Kindern haben. Die Schwarze Pädagogik bietet uns ein denkbar schlechtes Menschenbild. Was soll man davon erwarten? Jedenfalls nicht viel Gutes — das zeigt uns ja schon der momentane Zustand unserer der Welt.

Unser Menschenbild

Wir sind zwar auch nur Affen auf zwei Beinen und haben die gleiche Software im Gehirn wie die
Steinzeitmenschen, aber wir haben in unserer Entwicklung schon einen beträchtlichen Zustand an relativer Freiheit gewonnen. Das ist zwar nicht immer angenehm, weil die Freiheit uns — im Gegensatz zu einem abhängig gehorsamen Menschen — auch verantwortlich macht. Aber wir können auch gestalten, nicht nur unsere Umwelt, was auf lange Sicht und im Nachhinein betrachtet leider nicht immer so erfolgreich war. Wir können auch uns selbst gestalten, jedenfalls soweit es unsere Anlagen zulassen. Doch auch unsere diesbezüglichen Versuche waren bisher nicht immer ganz befriedigend. Aber man soll nie aufgeben!

Der Anfang allen Gestaltens ist eine Vorstellung, und deshalb müssen wir uns nach unserem Menschenbild fragen:

Welches Menschenbild haben wir von uns selbst und welches wollen wir unseren Kindern mit auf den Weg geben? Sollen sie später einmal zu sich selbst ja sagen können, genauso wie zu anderen Menschen auch? Wollen wir, dass sie später einmal in der Lage sind, sich gegenseitig einen Vertrauensvorschuss zu geben, weil sie an das Gute und die Kooperationsbereitschaft im Menschen glauben? Oder begegnen wir unseren Kindern mit Misstrauen, weil wir es durch unsere eigene Erziehung nicht anders kennen?

Sehen wir unsere Kinder nur als leere Gefäße, die erst noch mit Menschlichkeit gefüllt werden müssen? Oder betrachten wir sie sogar als ein Bündel egoistischer Triebe, die in einem angeblich natürlichen Spannungsfeld der Feindschaft zwischen Eltern und Kind erst noch sozialisiert werden müssen, bevor sie vollwertige Menschen mit ebenso vollwertigen Menschenrechten sind?

Die Historikerin Miriam Gebhard schreibt in ihrer hervorragenden Analyse der Erziehung im 20. Jahrhundert:

„Schon im Alter von vier Wochen wurde der Säugling als Gegenspieler in einer Machtprobe gesehen, die unbedingt von der Mutter gewonnen werden musste, damit sich das Kind nicht zum Tyrannen auswüchse. (…) Das Motiv der Machtprobe mit wenigen Tagen oder Wochen alten Kindern zieht sich durch die Tagebücher dieser Zeit“ (15).

Wenn wir uns den Dokumentarfilm „Elternschule“ anschauen und die Bücher von Michael Winterhoff lesen, dann fühlt man sich sofort an diese Zeit erinnert; Man sieht sich einem antiquierten Menschenbild und der Wiederbelebung hierarchischer Gehorsams- und Familienstrukturen gegenüber.

Winterhoff spricht sich gegen eine Partnerschaftlichkeit im Umgang zwischen Eltern und Kind aus. Damit negiert er auch eine Gleichwürdigkeit, die hingegen in der Haltung von Jesper Juul ganz zentral ist: Eltern und Kinder sind zwar unterschiedlich in ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen, aber in ihrer Würde sind sie gleich. Winterhoff fordert dagegen ganz ausdrücklich:

„ (…) dass bisweilen negativ besetzte Begriffe, wie Autorität und Hierarchie, genau die Eckpunkte im Verhalten gegenüber Kindern sind, die diesen die notwendige Struktur und Orientierung geben, um sich in der Welt zurechtzufinden“ (16).

Da wir aber von Natur aus Beziehungswesen sind — im ständigen Austausch mit der Umwelt — und keine eindimensionalen Reiz-Reaktionsmaschinen, kann man echte, sozial verträgliche Orientierung nur in sich selbst finden, im eigenen Standpunkt und der Verwurzelung einer ausgereiften, empathisch-sozialen Persönlichkeit, die ihre eigenen Grenzen kennt und die der anderen respektiert.

Eine reine Orientierung an der Äußeren Welt von selbsternannten Autoritäten sowie Macht- und Gehorsamsstrukturen führt nur zu einem immer enger und destruktiver werdendem System von Kontrolle, Zwang und Unmenschlichkeit — das zeigen alle bestehenden und untergegangenen Diktaturen der Welt. Das führt zu einer Erfahrungswelt, die unsere Großelterngeneration in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen erleben musste, und als unsichtbare Traumata teilweise noch bis in die heutige Generation tradiert haben.

Winterhoff beklagt zum Beispiel:

„ (…) dass dem Kind eine eigene Persönlichkeit zugeschrieben wird, die es in so einem frühen Stadium seines Lebens noch gar nicht haben kann, da die Persönlichkeitsentwicklung erst mit dem achten oder neunten Lebensjahr einsetzt“ (17).

Das entspricht haargenau dem ignoranten Kinderbild der Schwarzen Pädagogik — das Kind als unbeschriebenes Blatt, weitgehend noch ohne eigene Kompetenzen.

Aber im achten oder neunten Lebensjahr sind die Weichen in der Winterhoffschen Kinderwelt längst in Richtung Unterwürfigkeit und Misstrauen dem Eigenen und dem Fremden gegenüber gestellt. Von „Monstern“, „Tyrannen“ und „kleinen Diktatoren“ liest man da. Dabei handelt es sich wohl eher um eine Projektion der Eltern- bzw. Großelternidentifikation auf die Kinder, denn gerade in der Generation unserer Großeltern waren Eltern doch ganz klar angehalten, den Kindern als Diktatoren gegenüber zu treten, die dann von den Kindern selber als Monster und Tyrannen erlebt wurden.

Im Film „Elternschule“ wird den hilfesuchenden Eltern dasselbe, anachronistische Kinderbild aus längst vergangenen Zeiten vermittelt. Das Kind als gieriges manipulatives Wesen, das die Eltern nur weichkochen will, um seine unrechtmäßigen Machtgelüste durchzusetzen und den Eltern die Führung streitig zu machen. Kinder haben da keine positiven Kompetenzen, nur negative. So sagt der Klinikpsychologe zu einer Mutter:

„Der (ihr Sohn) ist ja der Chef, (…) Es (das Kind) testet Regeln aus, es testet Strategien auch aus, es testet Führung eben aus (...) und: ein Kind in dem Alter muss das körperlich erleben, was Führung heißt.“

Wie ein roter Faden zieht sich das durch den ganzen Film, keine Spur von den natürlichen Bedürfnissen nach Beziehung und authentischem Kontakt Bedürfnisäußerungen der Kinder werden zu strategischen Mustern umgedeutet. Gebetsmühlenartig wird den Eltern eingeredet, an welcher Stelle sie bei ihren Kindern keine echte Not, sondern strategische Muster erkennen sollen.

Der Film verfehlt sein Ziel nicht. Nach dem Anschauen bemerkt man erschrocken, dass man selbst schon beginnt, bei Kindern regelrecht nach Symptomen einer strategischen Kampfbeziehung zu suchen.

Zur Veranschaulichung einige O-Töne des Films:

„Aus der Sicht des Kindes eine bessere Strategie sind Machtkämpfe.“

„Es ist eigentlich immer ein strategisches Muster. Wir reden nicht über akute Not.“

Das Kind bediene sich verschiedener „Werkzeuge aus dem Reflexsystem (…) Weinen, schreien, kratzen. Ja? Hauen, beißen. Alles Reflexverhaltensweisen aus dem Nahkampf (…).“

„Ich (meint das Kind) geh ja nicht ohne Waffen in den Kampf.“

„ (…) der denkt schon taktisch.“

„ (…) aber das ist eine Strategie, (…) beides ist keine echte Not, keine echte Hilflosigkeit, sondern strategisches Verhalten, und die zeigen alles, was sie auf dem Kasten habe, um Spannung abzubauen oder um zu manipulieren.“

„Sie (ein Mädchen) rollt sich zusammen in Embryonalhaltung nach dem Motto: wenn er jetzt nicht kommt und mir hilft, dann ist er echt ein Schwein.“

Das Kind scheint in diesem Denken keine natürlichen Rechte zu haben und keine eigene Würde. Das entspricht ebenfalls dem klassischen Menschenbild der Schwarzen Pädagogik. Die Täter machen sich von Anfang an zu potenziellen Opfern des Kindes und unterstellen ihm Niederträchtigkeit, weil sie sich das erlauben können. Sie sind eben die Stärkeren (18).

Eigenes mutiert zum Fremden und wird im Außen bekämpft

Demgegenüber meine ich, bietet es ungeheure Vorteile, wenn wir uns trauen, an das Gute im Menschen zu glauben. Denn dann werden wir es auch bei unseren Kindern erkennen, wenn es sich zeigt. Und wir können es dann auch annehmen, wie es gemeint ist und fördern. Sie werden sich dankbar in eine gute Richtung entwickeln und wahrscheinlich angenehme Zeitgenossen werden. Wenn wir aber an das Schlechte im Menschen glauben, und regelrecht im Kind danach suchen, sind wir in Gefahr, das Gute in unseren Kindern misszuverstehen.

Wir werden es falsch deuten, zum Beispiel seinen Kampf darum, einfach nur wahrhaftig gesehen und wahrgenommen zu werden als Ungehorsam, Regulationsstörung oder irgendetwas anderes Schlechtes, und es dann in der Folge als etwas Böses in unserem Kind ablehnen und bekämpfen (19).

So wird das durch Unterdrückung verdrängte Eigene zum Fremden in uns, vor dem wir uns genauso fürchten wie vor dem Fremden da draußen. Der Hass gegen das Fremde und gegen die Fremden ist also in Wahrheit nur der anerzogene Hass auf das unterdrückte eigene Selbst.

Weil wir die überlebenswichtige Bindung zu unseren Eltern aufrechterhalten müssen, identifizieren wir uns schließlich mit deren Unterdrückung und Ignoranz gegen das von ihnen nicht Gewollte, unser eigenes Selbst (14).

Diese Art des Missverstehens und der Ignoranz ist die schlimmste Demütigung und Verletzung, die einem Kind überhaupt widerfahren kann, weil sie das Innerste der Persönlichkeit direkt betreffen. Das Kind erlebt dies als einen regelrechten Vernichtungsfeldzug gegen sich selbst. Und das macht etwas mit dem Kind: Die Verletzung bleibt, wie auch andere emotionale und körperliche Misshandlungen, als tiefe Verbitterung und unbändige, vollkommen natürliche und gerechtfertigte, aggressive Wut bestehen, die das Kind anfängt zu unterdrücken und selbst irgendwann überhaupt nicht mehr wahrnehmen kann, denn es muss ja zu einem „braven“, den Bedürfnissen der Eltern angepassten, Kind werden, um von diesen mit allem versorgt zu werden, was es zum Überleben braucht.

Erwachsen geworden, wird das Kind später diese Demütigung in dergleichen Form an seine eigenen Kinder weitergeben, sofern es sie nicht durchschaut. Denn die, im dann eigenen Kind noch unverstellten Emotionen, machen dem Erwachsenen große Angst, weil er gelernt hat, diese als etwas Bösen umzudeuten.

Möglicherweise wird ein so behandeltes Kind auch später als Erwachsener danach trachten, sich entweder einer Gruppe anzuschließen, in der es diese unbändige Wut, von der es überhaupt nicht mehr weiß, wo sie eigentlich herkommt, legitim und Gruppenkonform ausleben kann. Gruppenkonform deshalb, weil es ja verinnerlicht hat, nicht es selber zu sein, sondern sich dem äußeren Willen anderer und dem Gruppendruck anzupassen sowie unterzuordnen. Und weil es kein eigenes Selbst entwickelt hat, braucht es natürlich auch gar keine Verantwortung für sich selbst und sein Tun zu übernehmen. Es tut ja nur das, was man ihm von oben sagt, also das, was der Anführer will und die Gruppe tut.

Diese Menschen sind demnach gar keine eigenständigen Persönlichkeiten. Denn ein autonomer Mensch fühlt sich selber verantwortlich für das, was er tut und auch für das, was er unterlässt. Sie sind damit auf der Stufe von Kindern stehen geblieben. Sie sind wie Soldaten, die nur Befehle ausführen und damit auch jede persönliche Verantwortung ablehnen und ihre Hände in Unschuld waschen können (21).

Und dann geht es natürlich immer gegen die Schwächeren — genauso wie es das Kind damals auch erfahren hat –, gegen Minderheiten, die außerhalb der eigenen Gruppe stehen, denn gegen Überlegene kommt man ja nicht an, das hat das Kind zu genüge gelernt. Mächtig kann man sich nur fühlen, wenn man sich Schwächere sucht und diese niedermacht, so wie die Eltern es mit einem selbst gemacht haben.

Dieses Verhalten ist also nicht nur dumm und unreflektiert, es ist auch noch feige. Denn es gehört viel Not und große Angst dazu, sich als Kind mit den misshandelnden Tätereltern zu identifizieren und viel Feigheit, sich als Erwachsener auf die Seite von rechten Führertätern zu schlagen. Nach oben buckeln und nach unten treten — weiß ganz richtig der Volksmund. Aber es erfordert sehr viel Mut zur Wahrheit, seine eigenen Schmerzen und Entbehrungen unverfälscht zu spüren und auszuhalten.

Aber vielleicht ist das Kind ja auch gar nicht so dumm und wird später sogar selbst einmal als kluger Redner und Verführer an die Spitze einer Gruppe aufsteigen, um dort unter selbstgefälligem Applaus seine destruktiven Wut- und Machtfantasien auszuleben und andere damit anzustiften. Und das wird dieses wutentbrannte, unverstandene und gedemütigte Kind im Führer oder im Geführten (übrigens auch im destruktiven Erzieher) solange genau so weitermachen, bis es erkennen kann, was man ihm selbst seit allerfrühester Kindheit angetan hat und damit endlich die Möglichkeit bekommt, seine eigene Würde wiederzuerlangen. Gerald Hüter schreibt dazu:

„Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar“ (22).

Die Opfer schämen sich

Das ist der entscheidende Punkt: die Zurückeroberung der eigenen Würde. Wenn man erkennt, was einem angetan wurde und die eigene Identifikation mit dem Angreifer aufkündigt, dann erobert man sich seine eigene Würde zurück. Darum ist es für ein Opfer auch so fatal, vorschnell zu verzeihen. Es ist nicht wahr, dass man nur Frieden mit sich selbst finden kann, wenn man dem Täter verzeiht.

Therapeuten, die das predigen, haben bloß immer noch nicht ganz ihre eigene Täteridentifikation aufgelöst. Wenn man verzeiht, bevor man sein Trauma wirklich überwunden hat, dann bleibt sozusagen die geraubte Würde beim Täter — er braucht nicht die Verantwortung für seine Tat zu übernehmen, keine Schuld und keine Scham zu spüren, die er ja abwehrt und dem Opfer zuschiebt. Nicht der Täter schämt sich — jedenfalls solange er nicht bereut.

Das Opfer schämt sich anstelle des Täters und empfindet Schuld für das, was ihm widerfahren ist. Das kennt man ganz typischerweise von Vergewaltigungsopfern. Und genau dasselbe macht es gerade auch für ein Kind so schwer zu erkennen, dass Schwarze Pädagogik im Namen einer Erziehung zum Guten nichts anderes ist, als eine Gewalttat, die der Mächtigere dem Unterlegenen, der Erwachsene dem Kind antut.

Es ist geradezu ein qualitatives Alleinstellungsmerkmal der Schwarzen Pädagogik, dass sie sich als Liebe tarnt: Das Kind soll nicht merken, was mit ihm geschieht (10). Es soll glauben, alles geschieht nur zu seinem Besten.

Arno Gruen schreibt in seinem sehr empfehlenswerten, kurzen Band zum Thema: „Die Angst ungehorsam zu sein, führt dazu, sich dem Unterdrücker unterzuordnen. Indem man sich mit dem Unterdrücker verbündet, kehrt man seine Gewalt und Verachtung in Liebe um“ (12). Heidi Kastner nennt das „die projektive Identifikation mit dem Aggressor“, die dazu führt, „dass sich die Opfer als schuldig erleben, verstummen und ihrer eigenen Wahrnehmung teilweise nicht mehr trauen“ (20).

Diese Gleichsetzung von Misshandlung und dem Zufügen von Schmerz mit Fürsorge und Liebe kann im Erwachsenen zu bizarren Perversionen führen. Das geht soweit, dass erwachsene, intelligente Männer im Namen Gottes ihren eigenen Sadismus an Kindern ausleben, und das auch noch vor sich selbst und anderen rechtfertigen können, ja es geradezu als ihre Pflicht ansehen die „Wohltaten“, die sie selbst erfahren haben im Namen der Erziehung an ihre „Zöglinge“ weiterzugeben, wie es vor einiger Zeit mit dem Fall der Regensburger Domspatzen durch die Presse ging.

Da muss in deren Kindheit schon eine gewaltige Seelenverletzung und Seelenspaltung geschehen sein, wenn ihre vom Bewusstsein abgespaltenen Wut- und Rachegefühle so viele Jahre später noch ihren Verstand okkupieren und bis zum Realitätsverlust verzerren können. Soweit nur ein kleiner Exkurs in die Täter-Opfer-Verstrickung, die Mathias Hirsch in seinem Buch „Schuld und Schuldgefühl“ sehr ausführlich und anschaulich erklärt (23).

Es macht also etwas mit einem kleinen Menschen, wenn er von Anfang an beigebracht bekommt: Ich bin aus meinem eigenen Ursprung heraus nichts wert. Ich bin erst etwas wert, wenn ich mich unterwerfe und mich aus Angst vor Strafe an die Wünsche und Forderungen derer anpasse, die Macht über mich haben und permanent meine Würde verletzten.

Auswirkungen auf die Gesellschaft

Ich hoffe, es wird erkennbar, dass man all dies nicht allein auf der individuellen Ebene betrachten darf. Im Hinblick auf unsere großen Menschheitsprobleme — wie Klimawandel, Arten- und Insektensterben, ein fortwährend neue Ungerechtigkeiten produzierendes Weltwirtschafts- und Finanzsystem, welches die Menschheit in eine neue Völkerwanderung hineintreibt und sowohl immer neuen Terrorismus generiert wie auch einer neuen rechten Bewegung Auftrieb gibt — darf man die gesellschaftliche Ebene nicht außer Acht lassen.

Diese Probleme haben wir alle selbst verursacht — wir die älteren Generationen, die als Kinder noch viel öfter mit Gewalt oder deren Androhung erzogen wurden und deren natürliches Empathieempfinden nicht selten um hundertachtzig Grad im wahrsten Sinne des Wortes umgepolt wurde. Aus gut wurde böse, und aus böse wurde gut gemacht. Daraus haben wir gelernt, dass subtile oder strukturelle Gewalt auszuüben nicht nur in Ordnung ist, sondern geradezu notwendig, um im Kampf um begrenzte Ressourcen und ökonomische Vormachtstellung nicht unterzugehen.

Die alle Moral und Skrupel zweitrangig erscheinen lassende Handlungsanweisung unserer „kannibalischen Weltordnung“, wie Jean Ziegler sie nennt (24), heißt: „Wenn ich das Geschäft nicht mache, dann macht es ein anderer.“ Wie im puren Darwinismus heißt es auch auf dem freien Markt: fressen oder gefressen werden.

Diese Vorstellung von Markt spiegelt aber nicht unser wahres Wesen wider, denn wie ich oben versucht habe zu erklären, ist auch das Soziale, die Kooperation und der Altruismus auf Gegenseitigkeit in uns allen angelegt. Darum finden wir uns selbst auf dem freien Markt nicht mehr als ganze Menschen repräsentiert: Wir fühlen uns abgeschnitten von einem wesentlichen Teil unseres Selbst. Unser Weltwirtschafts- und Finanzsystem ist zu etwas Fremden, zu etwas Bedrohlichem geworden, vor dem auch die Eltern ihre Kinder nicht mehr schützen können. Die stetige Zunahme der Krankheitstage, auf Grund seelischer Störungen, spiegelt das deutlich wieder.

Aber die pure Angst, nicht genug zu bekommen und abgehängt zu werden vom egoistischen Konkurrenten und bis zum Offenbarungseid von der Übermacht globaler Konzerne ausgequetscht zu werden, kombiniert mit der inneren Selbstentfremdung, lässt uns weiterrennen. Die Angst legitimiert alles. Zuerst komme das Fressen, dann die Moral, beschrieb es Brecht sehr treffend. Dahinter steckt wohl letztlich auf der einen Seite auch die Urangst vor dem Verhungern, die tief in unseren Genen steckt und andererseits aber auch die in der eigenen Biografie begründete Angst davor, seinen eigenen Selbstverlust und die innere Leere spüren zu müssen, also den eigenen Bedeutungsverlust, den wir im Tausch gegen die Liebe unserer Eltern in Kauf genommen haben.

Es ist also die Angst vor dem doppelten Tod — vor dem physischen, tatsächlichen Tod und dem eigenen Seelentod, der viele von uns ja schon längst mehr oder weniger ereilt hat.

Die Zwickmühle des paradoxen Auftrags

Alles fängt, wie oben beschrieben, tatsächlich mit der Zwickmühle an, in dem das kleine Kind bereits als Säugling steckt, wenn es nicht wirklich gewollt und geliebt wird. Es hat nur zwei Lösungsmöglichkeiten, die keine sind. Entweder es muss sich damit begnügen nicht geliebt, potenziell verstoßen zu werden. Dann kann es in seiner Erlebniswelt nicht überleben und alles ist aus. Oder es muss ein Anderer werden, jemand den die Eltern sich wünschen, aber dann hat es sich selbst verloren und ist im übertragenen Sinne auch tot.

Dieser, auch Doppelbindung genannte, paradoxe Auftrag ist nicht erfüllbar, weil beide Ziele vollkommen gegensätzlich sind. Das kann zu einer, teils auch unbewussten, abgrundtiefen und chronischen Ausweg- und Hoffnungslosigkeit im Kind führen und Menschen regelrecht verrückt machen, sie in die Depression, den Selbstmord oder irgendeine Sucht treiben (25). Oder sie entwickeln eine Wahnvorstellung oder gleiten ab in die Kriminalität und tun unvorstellbar irrationale und grausame Dinge. Fatalerweise ruft der Mob dann wieder nach einer Erziehung mit mehr Strenge, Disziplin, Zucht und Ordnung (26).

Das macht aber in Wahrheit alles nur noch schlimmer. Das Totschlagargument, das man mit der Zeit nur noch als Running Gag schweigend zur Kenntnis nehmen kann, lautet dann immer: „Mir hat es ja auch nicht geschadet, aus mir ist trotzdem was geworden“. Aber, dass sie einzig und allein aus dem Grund heute Gewalt gegen Kinder auch in Ordnung finden, weil sie sie selbst erfahren haben und man ihnen das Gehirn gewaschen hat nach dem Motto: „Wir müssen dich doch quälen, weil wir dich lieben und dich zu einem ordentlichen Menschen machen wollen“, können sie nicht erkennen. Diese Wahrheit ist dann doch zu bitter.

Aber wir Menschen dürften uns nicht Homo Sapiens nennen, wenn wir nicht auch für solche Widrigkeiten des Lebens eine wenigstens kurzfristige Bewältigungsstrategie gefunden hätten. Eine, dazu noch gesellschaftlich hoch anerkannte Strategie: die totale Identifikation mit dem Wirtschafts- und Finanzsystem unserer Konsumgesellschaft. Dort kann es auch jemand zu etwas bringen, der kein eigenes Selbst entwickeln durfte. Wenn man geschickt und skrupellos genug ist, kann man dort zu jemandem mit Bedeutung werden und sich eine, für alle sichtbare glänzende bis schillernde Identität zulegen. Da kann auch ein, in seiner Würde beraubtes und gedemütigtes Kind zu einem erfolgreichen Spitzenmanager aufsteigen.

Wer das nicht schafft, kann sich zumindest mit einer Automarke, einem edlen Modelabel oder einem Spitzensportverein identifizieren, in deren Glanz er dann auch bisschen erstrahlen kann.

Anstelle der eigenen Identität trete dann die Identifikation mit etwas Äußerem, so beschreibt es der Psychologieprofessor Franz Ruppert (27). Identität ist für ihn der Blick nach Innen, Identifikation der Blick nach Außen. Bereits die Suche nach einer Identifikation im Außen sei eine Traumafolgestörung, also die Folge davon, dass ich nicht ich sein darf, weil ich nicht gewollt bin, so wie ich bin.

Der Homo Konsumensis

Unsere Weltwirtschaftsordnung ist meiner Meinung nach auch eine Folge der Schwarzen Pädagogik. Sie funktioniert wie die kirchliche Verwaltung einer an sich dem Menschen dienenden Religion. Auf der einen Seite wird ein Mangel an eigener Identität, eine Art Schuld, erzeugt, die zu einer persönlichen Sinnentleerung führt. Auf der anderen Seite wird unter demselben Dach dann sogleich die Absolution angeboten. In der Kirche ist es die Beichte, der die Buße folgt — eine Demutsgeste, die den Betreffenden an die Obrigkeit bindet. In der profanen Welt sind es die unendlichen Konsum- und Identifikationsmöglichkeiten, die uns das Seelenheil versprechen und uns ebenso an die Obrigkeit der Konzerne bindet. Die Werbeindustrie weckt künstliche Ersatzbedürfnisse und gibt uns die Leitlinien für ein gutes Leben vor. Sie gibt vor, was wir kaufen müssen, um uns vom Mängelwesen zum bewundernswerten Homo Konsumensis hinaufzukatapultieren.

Um das alles bezahlen zu können, müssen beide Elternteile arbeiten gehen, und weil sie anschließend keine Zeit und keine Kraft mehr haben, mit ihren Kindern in eine authentische Beziehung zu treten, selbst wenn sie die Fähigkeit dazu hätten, müssen sie anfangen, ihre Kinder zu erziehen, indem sie sie nötigen und bestechen, mit Konsum ruhigstellen und beherrschen.

Die Kinder werden wieder der Möglichkeit beraubt, im lebendigen Beziehungskontakt mit den Eltern eine eigenständige stabile Identität auszubilden. So wird wieder eine neue Konsumentengeneration mit den ersten Kinderschuhen auf die Spur gebracht.

Man kann es nicht oft genug sagen: Am Anfang steht immer die persönliche Ich- und Sinnentleerung durch eine würdelose gesellschaftliche, aber auch familiäre Erziehung, die das eigene im Kind zerstört und im Laufe der Zeit ein gigantisches, gefräßiges schwarzes Loch hinterlässt, das nie aufgefüllt werden kann — immer gierig nach Konsum, Macht oder Geld, das man ja jederzeit in alles andere, was einem begehrenswert erscheint, tauschen kann. Sogar die Liebe, die uns in Kindertagen verwehrt wurde, versuchen wir uns damit zu erkaufen. Unsere Warenwelt ist für uns die wahre Welt geworden. Sie sorgt für einen potenziell unendlichen Nachschub an Dingen. Damit stimulieren wir Tag für Tag aufs Neue das Belohnungssystem in unserem Gehirn, nicht anders als bei einer stofflichen Sucht.

Der Zwang zur Dosissteigerung

In einer Welt aus Konsum und freiem Markt kann es auch potenziell immer bergauf gehen. Die Zukunft wird immer besser als die Vergangenheit war. Unser Lebensstandard soll fortwährend steigen, an jedem neuen Tag sind wir ein bisschen reicher als am Tag zuvor — nach dem Mittelklassewagen in der Garage folgt der SUV vor der Tür, damit ihn auch jeder sehen kann und weil er ohnehin nicht mehr in die Garage passt. Das ist der Zwang zur permanenten Dosissteigerung, ebenfalls wie bei jeder anderen stofflichen Sucht. Dann geht es immer Vorwärts, und wir brauchen nicht mehr zurückzuschauen in die Vergangenheit, in dieses düstere Loch.

Wir laufen immer schneller, die Wirtschaft muss nicht nur wachsen, selbst das Wachstum muss immer schneller werden. Wir brauchen exponentielles Wachstum. So lange wir beschleunigen, können wir dem Monster hinter uns, das wie der Tod nach uns greift, noch entkommen. Aber schon, wenn das Wachstum stagniert, wenn die Wirtschaft zwar immer noch wächst, nur nicht mehr so schnell wie im Vorjahr, dann kommt die Angst zurück. Und wenn Wachstum und Fortschritt hinter dem Vorjahr zurückfallen, dann wird es richtig gefährlich, die kollektive Kompensation bricht zusammen, wir sind wieder mit uns selbst konfrontiert, vielmehr mit dem, was wir sein könnten, wenn wir es nicht verloren hätten. Und damit können wir nicht umgehen: Ungemach droht, ein Aufstand der autoritären Rechten oder sogar ein Krieg. Wir projizieren unsere eigenen Dämonen auf die Anderen und schlagen uns gegenseitig die Köpfe ein.

Wir haben es in gerade mal zweihundert Jahren Industrialisierung so weit gebracht, dass wir in diesem Jahr bereits rechnerisch am 19. Juli unser Kontingent an regenerierbaren Ressourcen, die unsere Erde in einem Jahr bereitstellen kann, verbraucht haben. Wir bräuchten also auf Dauer zwei Erden und, wenn alle so leben würden wie wir Deutschen, sogar drei Erden, um davon langfristig leben zu können. Allen Ernstes wird schon daran gedacht, in Zukunft unseren Mond oder den Mars nach Rohstoffen für unsere Konsumgier auszubeuten.

Manchem Zeitgenossen erscheint es hoffnungslos, andere sind getrieben von ihrem unerschütterlichen Optimismus — gut, dass es sie gibt. Aber wenn wir von unserem Suchtdruck runter kommen, und in Zukunft eine gerechtere Welt und von einer Welt ohne Kriege nicht immer nur träumen wollen, dann müssen wir beim Fundament einer Gesellschaft anfangen — bei unseren jüngsten Kindern. Ihre Würde ist die wichtigste Ressource, die es für eine lebenswerte Zukunft gibt. Was uns zu Menschen macht, ist nicht Dominanz und Unterwerfung, sondern Würde und Respekt vor allem Lebendigen.

Die Menschheit hat wohl auf lange Sicht nur diese eine Chance: Abzulassen von der Schwarzen Pädagogik, und gerade auch von ihrer subtilen, nicht erkennbaren Form, und an das Gute in jedem Kind zu glauben!

Das hat übrigens ein sehr weiser Mann schon vor über 2.000 Jahren gesagt, jemand der selbst von seinen Eltern mit Freude erwartet, respektiert und bereits als Kind geehrt und mit Liebe beschenkt wurde.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Einer der Wenigen, die dem öffentlich etwas entgegensetzten, war der kürzlich verstorbenen dänische Familientherapeut Jesper Juul: „Kinder brauchen keine Grenzen, Kinder brauchen Eltern mit Grenzen“, sagt er im Interview mit der taz. Er meint damit, wenn Eltern ihre eigenen Grenzen kennen, müssen sie ihren Kindern nicht aus Erziehungsgründen künstliche Grenzen setzen, die die Kinder sowieso nicht verstehen, weil die nicht auf einem gleichwürdigen und authentischen Beziehungsgeschehen basieren. Kinder werden diese künstlichen Grenzen nur gegen sich selbst gerichtet wahrnehmen, was sie ja auch sind. Dieses hierarchische Beziehungsgeschehen sagt: Ich erteile dir jetzt eine Lektion, indem ich dir Grenzen setze und dich einenge, was dir seelische Schmerzen bereitet, weil ich es gut mit dir meine und will, dass du jetzt etwas ganz bestimmtes lernst. Wenn Eltern aber ihren Kindern keine künstlichen Grenzen mehr setzen, die ja nur auf Macht basieren müssen sie ihnen aber nicht gleich jeden Wunsch erfüllen, sie selber und alle anderen haben ja Grenzen, die zu respektieren sind. Können Eltern also mal nicht mehr, oder sind sie zu müde oder haben auch einfach mal keine Lust, dann können sie Kindern auch ohne schlechtes Gefühl einen Wunsch verweigern, und die Kinder werden auch im Normalfall bereit sein zu kooperieren und das zu akzeptieren, weil sie erkennen, das sind jetzt Mamas oder Papas Grenzen oder die irgendeines anderen, aber das hat nichts mit mir zu tun.
(2) Selbst ein Lob ist, wenn es nicht von Herzen kommt, sondern künstlich mit einem erzieherischen Hintergedanken ausgesprochen wird, in seinem Authentizitätsgehalt nicht besser als ein Tadel. Das Kind spürt sofort, dass es gelogen ist und fühlt sich nicht bestätigt, sondern es versteht die wahre Botschaft dahinter: Es ist noch nicht genug! Du bist immer noch nicht richtig. Das ist so, als wenn mein Kind voller Stolz mit einem „Gut“ im Rechnen aus der Schule kommt und ich ihm sage: Hättest du dich noch ein bisschen mehr angestrengt, dann hättest du eine Eins bekommen. Im Grunde genommen ist jede Erziehung, auch eine „weiße“ Pädagogik, das Gegenteil von Aufrichtigkeit, nämlich eine hinterlistige Manipulation, und das versteht jedes noch nicht allzu sehr verbogene Kind intuitiv. Es fühlt sich zu Recht in seiner Würde gekränkt.
(3) Herbert Renz-Polster schreibt: „ (…) es gibt einen Grund, warum die Securitate-Truppen des damaligen rumänischen Diktators Ceausescu, die grausam gegen das eigene Volk vorgingen, ausgerechnet aus den dortigen Waisenhäusern rekrutiert wurden: bindungslose Kinder sind die geborenen Vollstrecker“. Herbert Renz-Polster — Erziehung prägt Gesinnung (2019), Seite 246.
(4) Johanna Haarer — Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1938). Ihre Bücher wurden, von Nazi-Begrifflichkeiten bereinigt, noch bis weit in die 1980er Jahre verlegt.
(5) Sigrid Chamberlain, Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1997), Seite 193.
(6) Ebenda, Seite 8.
(7) Ebenda, Seite 139.
(8) Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote (2013).
(9) Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes (1979), Am Anfang war Erziehung (1980).
(10) Alice Miller, Du sollst nicht merken (1981).
(11) Arno Gruen, Der Verrat am Selbst (1986), Der Fremde in uns (2000).
(12) Arno Gruen, Wider den Gehorsam (2014), Seite 9.
(13) Ebenda, Seite 82.
(14) Ebenda, Seite 54: „Daher steht auch das folgende Prinzip hinter jeder rechtsradikalen Bewegung: Keine Ideologie, sondern Minderwertigkeitsgefühle sind ausschlaggebend. Man unterwirft sich, weil man auf eine Erlösung durch die unterdrückende Autorität hofft. Der Hass auf andere, ob Juden, Türken, Vietnamesen, Polen, Chinesen, Behinderte oder ‚unwertes‘ Leben, ist immer der Hass auf das Eigene, das man aus Gehorsam aufgeben musste, um die lebensnotwendige Bindung an die unterdrückende Autorität zu sichern.“
(15) Miriam Gebhard, Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen (2009), Seite 103.
(16) Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden (2008), Seite 184.
(17) Ebenda, Seite 28.
(18) Elternschule — Zorro Film (2018), 118 Minuten (TV-Version 90 Minuten).
(19) Die Gerichtspsychiaterin und Forensikerin Heidi Kastner schreibt: „Die ins ‚Böse‘ verdrängten Emotionen werden von der Selbstwahrnehmung abgespalten, (…) und zum Teil wohl sogar als bedrohlich erlebt“, Heidi Kastner, Täter Väter (2009), Seite 165.
(20) Ebenda, Seite 44.
(21) Zu dieser Form der Abgabe von eigener Verantwortung an eine nächst höhere Instanz sagte Eugen Drewermann in einem Gespräch mit Ken Jebsen, in den Nürnberger Prozessen hätten die Amerikaner immer wieder die deutsche Mentalität „Befehl ist Befehl“ angeprangert, obwohl ihre eigenen Soldaten dieselbe Befehlsmoral hatten. Der Bomberkommandant über Nagasaki habe durch bloßes Ausführen eines Befehls 100.000 Menschen in wenigen Sekunden getötet. Drewermann sagt: „Ihr habt aufgehört Mensch zu sein, indem ihr die Verantwortung auf die befehlgebende nächst höhere Instanz abgegeben habt — Befehl ist Befehl! Jeder Soldat der Welt hätte das Gleiche getan. Wenn das bedeutet, Soldat zu sein, sollte Ursula von der Leyen aufhören unsere Jungen und Mädchen zu hypnotisieren mit der Aussage, Soldatsein ist ein ganz normaler Beruf mit dem Argument, wir verteidigen die Freiheit. Das Gegenteil ist der Fall: Wir verkaufen die persönliche Freiheit an den Drillgehorsam. Auf jedem Kasernenhof der Welt lernt man seine eigene Verantwortung abzugeben und zu gehorchen: Befehl ist Befehl!“, kenfm.de.
(22) Gerald Hüther, Würde (2018), Seite 21.
(23) Mathias Hirsch, Schuld und Schuldgefühl (1997).
(24) Jean Ziegler Ändere die Welt (2014) im Untertitel.
(25) Nicht gewollt zu sein in meiner Würde, also so wie ich bin, heißt für ein kleines Kind, ich muss ein anderer werden, damit meine Eltern mich lieben können und mich mit allem versorgen, was ich zum Überleben brauche. Ich muss zu jemandem werden, mit dessen Existenz sie sich anfreunden können. Wenn ich aber ein Anderer bin, dann bin ich ja nicht mehr Ich. Und wenn ich nicht mehr Ich bin, dann bin ich nicht mehr da, also tot. Wenn ich also überleben will und meine Eltern mich mit allem versorgen sollen, dann muss ich mich verhalten, als würde ich nicht existieren, so als wäre ich tot. Für das noch wenig differenzierungsfähige Kind heißt das in Extrem- und Kurzform: WENN ICH LEBEN WILL, MUSS ICH TOT SEIN. Das ist die paradoxe Forderung, eine sogenannte Doppelbindung, vor die mich meine Eltern stellen, wenn sie mich nicht wirklich wollen und mich nicht annehmen, wie ich bin. Und sie ist absolut unerfüllbar. Eine ähnliche paradoxe Doppelbotschaft ist: „Wenn wir dich schlagen und dir damit weh tun, dann tun wir das nur zu deinem Besten, wir schlagen dich, weil wir dich lieben“. Es sollte leicht nachvollziehbar sein, welche Verwerfungen das in der seelischen Entwicklung eines Menschen haben kann. Da kann der Eine oder Andere schon mal seinen Verstand verlieren. Vielleicht könnte eine Lösung für diese unlösbare Aufgabe für das Kind sein, einfach depressiv zu werden? Damit bin ich brav, pflegeleicht und anspruchslos, ich mache keine Umstände, so als wenn ich gar nicht da wäre, also genau das, was meine Eltern mir dauernd als ihren geheimen Wunsch vermitteln. Ich fühle mich dann zwar innerlich tot und leer, aber ich werde physisch mit allem versorgt, was ich zum Wachsen brauche. Wenn ich dann mal groß bin, kann ich mich ja auf den Weg der Selbstfindung machen, mich befreien und mir mein Leben und meine Würde zurückerobern.
(26) Bernhard Bueb. Lob der Disziplin. (2008).
(27) Franz Ruppert in KenFM-Positionen.


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