Der eine beklagte sich in jenen längst vergangenen Tagen über den Regen, den anderen animierte die Hitze zum Gesprächseinstieg — das war zwar kein hochklassiges Sujet, aber immerhin ein Eisbrecher, darauf konnte man aufbauen. Doch selbst die Äußerung, dass einem dieser Tage zu warm ist, wird mittlerweile häufig falsch verstanden und aus dem Kontext gerissen. Wer sich über die Hitze beklagt, so vernimmt man dann von Seiten der Ideologiekritiker zuweilen — mir ist das jetzt schon mehrfach passiert —, dem wird unterstellt, dass er wohl vor den Klimaaktivisten kapituliert habe. Offenbar schickt es sich heutzutage, die Hitze wortlos zu ertragen, um bloß ja dem Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen, dass man sich von der Klimapanik nicht anstecken lässt. Für mich kann ich nur sagen, dass ich die Hitze schon zu Zeiten nicht mochte, als der Klimawandel noch nicht für jeden Unsinn bemüht wurde — lange Autofahrten im väterlichen Auto in den 1980er-Jahren durch halb Europa, um die Familie in Spanien zu besuchen, damals als Klimaanlagen noch Luxusausstattung waren — und wir uns keinen Luxus leisten konnten —, haben mich da wohl nachhaltig traumatisiert.
Viel Autofahren rettet viel Klima
Inzwischen ist dieses Trauma aber verdächtig — jene, die die Hitze verabscheuen, werden nun in guter alter Spaltungsmentalität in ideologische Nähe zu denen gesetzt, die davon ausgehen, dass die Menschheit demnächst wetterbedingt an ihr Ende geraten könnte. Wer im Sommer ächzt, nicht vorauseilend erklärt, dass es früher auch schon heiße Tage gab, könnte ins „feindlichen Lager“ gewechselt sein. Andersherum ist das nicht anders: Zumindestes muss man Panik in den Augen haben, wenn man über das Klima spricht — dabei sollte die Stimme von der Last eines schlechten Gewissens bedrückt sein und zur Geltung kommen, dass man sich seiner menschlichen Schuld bewusst ist. Um das zu unterstreichen, sollte das Wörtchen „menschengemacht“ an besonders markanten oder empfindlichen Punkten der eigenen Ausführungen platziert werden. Denn das simulierte Problembewusstsein zeigt an, dass man seine Lagerzugehörigkeit selbstbewusst vertritt. Kritik an dem, was hierzulande „Klimapolitik“ genannt wird, hat demgemäß zu unterbleiben — Ausnahme: Man möchte sie als zu wenig radikal schelten, dann darf man geradezu aggressiv kritisieren und erhält Szenenapplaus.
Kurz und schlecht: Das gesellschaftliche Klima polarisiert und ist stark aufgeladen, ein sachlicher Diskurs scheinbar kaum noch möglich. Ein fast schon epischer Weltanschauungsstreit hat sich etabliert, der eines ganz sicher nicht im Blick hat: Wie kann man die aktuelle Situation, die durchaus heißen Tage, die — warum auch immer — zugenommen haben im Laufe der letzten Jahrzehnte, so gestalten, dass die Menschen angenehm über die Runden kommen? Pragmatismus ist noch nie die Sache der deutschen Öffentlichkeit gewesen — es geht stets um das ganz große Alles, um die Totalität des Rechthabens. Zwischenpositionen gibt es kaum, wie man an den Beispielen des Journalisten Axel Bojanowski oder des Physikers Gerd Ganteför erkennen kann.
Beide leugnen nicht, dass sich das Klima verändert hat, sind aber gleichermaßen Kritiker der Klimakollapsologie, die dieses Land fest im Griff zu haben scheint. Von der einen Seite vernehmen die Beiden, dass sie Jünger der Klimaideologien seien — das gegenüberliegende Lager wirft ihnen vor, die Klimapolitik madig zu machen, weswegen sie zu den sogenannten Klimaleugnern zu zählen seien.
Eine Mitte gibt es in diesem Glaubenskrieg nicht — wer mittig stehen will, ist ein Häretiker für beide Seiten. An dieser Stelle sind sich beide Fraktionen eigentümlich einig.
Gelassenheit ist für diese Schlacht nicht vorgesehen. Es ist ein knallharter Weltanschauungskrieg, der Versöhnlichkeit und Pragmatismus nicht zulässt. Gut erkennen ließ sich das letzte Woche, als vermeldet wurde, dass die Dortmunder Stadtwerke auf Klimaanlagen für ihre neu bestellten U-Bahnen verzichtet haben — denn das sei klimaverträglich, würde viel Strom einsparen. Wenn am Ende einige Pendler doch lieber mit dem Auto zur Arbeit fahren, ist dem „deutschen Klima“ ehrlicherweise auch viel mehr geholfen: Wer mehr Auto fährt, der tankt mehr und der entrichtet mehr Emissionsabgaben, die dann in den Klima- und Transformationsfond fließen. Viel hilft viel — nur nicht denen, die ihren Alltag in der brütenden Hitze ertragen müssen, weil das Klimagerät als der Endgegner derer gilt, die die Welt retten wollen. Schöne neue klimaneutrale Welt, die überdauern soll, während sich der unmittelbare Mitbürger in überhitzten neuen U-Bahn-Waggons zu Tode schwitzen darf. Der sogenannte Klimaschutz gilt ganz offensichtlich dem Abstraktum der Menschheit — nicht den Menschen, die im Hier und Heute leben.
Die Klimaanlage: Der Endgegner
Zu dieser Einschätzung muss man zwangsläufig kommen, nehmen wir doch nur mal die Diskussion um die Hitzetoten. Wie nicht anders zu erwarten, handelt es sich dabei eher um ältere Menschen. Das Thema wird öffentlich freilich mit derselben Polarisierung behandelt, die den ganzen Themenkomplex ergriffen hat. Für die einen greift die Politik nicht hart genug durch, gibt die Senioren auf und opfert sie der Hitze — die andere Seite spielt alles herunter, schließlich würden die Betroffenen nicht direkt an Hitze sterben, sondern an den Folgen ihrer Vorerkrankungen. Letzteres stimmt zwar meistens, aber es ändert nichts daran, dass sommerliche Temperaturen dem menschlichen Organismus stark zusetzen können — übrigens nicht erst seit neulich, es war nie anders, nur kümmerte es da kaum jemanden. Es ist ja ein wichtiges mitmenschliches Anliegen, die Verhältnisse für diejenigen zu verändern, die der Hitze ausgesetzt sind — in diesem Falle wäre eine Offensive geboten, öffentliche Gebäude und Einrichtungen — eben auch Seniorenheime — zu klimatisieren. Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Altersresidenzen mit Klimaanlagen ausgestattet sind. Zur Einordnung aber diese Zahl: Lediglich 38 Prozent von Deutschlands Krankenhäusern weisen klimatisierte Patientenzimmer aus — anders formuliert: In 38 Prozent aller Krankenhäuser gibt es vereinzelt klimatisierte Krankenzimmer. Hier finge Hitzeschutz an, hier könnte man den Menschen ganz konkret helfen — wir kommen aber noch darauf zurück, dass der Klimakomplex eine Form metaphysischer Rebellion darstellt, die sich gar nicht erschöpfen möchte an konkreten Hilfen in der wirklichen Welt.
Sogenannte Klimaschützer sehen Klimaanlagen im Regelfall kritisch, weil sie zusätzlichen Strom verbrauchen und damit — sofern dieser nicht vollständig aus erneuerbaren Quellen stammt — zusätzliche CO₂-Emissionen verursachen.
Hinzu kommt aus ihrer Sicht, dass manche verwendeten Kältemittel bei ihrem Austritt eine starke Treibhauswirkung entfalten und die Geräte ihre Abwärme nach außen abgeben. Befürchtet wird zudem ein Rückkopplungseffekt: Je heißer es wird, desto mehr wird gekühlt, wodurch Energieverbrauch und Emissionen weiter steigen könnten.
Und wieder steht die Welt und der abstrakte Gedanke, die Menschheit zu retten, dem fassbaren Menschen im Wege. Es ist also offenbar besser, wenn der heutige Mensch schwitzt, leidet und an den Folgen der Hitze in schlecht belüfteten Altersverwahranstalten stirbt, um so die morgige Menschheit zu retten. Der Menschheitsbegriff verleitet ohnehin dazu, die aktive Anpassung an die neuen Umstände gar nicht erst zu ergreifen — denn er generalisiert, kollektiviert und meint eines ganz sicher nicht: die Gemeinschaft aller existierenden Individuen menschlicher Spezies, die heute auf Erden leben. Die Menschheit wird gewissermaßen im Sinne einer neuen profanierten Eschatologie gebraucht, indem sie als Platzhalter für einen Garten Eden steht, den der einzelne Mensch nur erreichen kann, wenn er einen Leidensweg betritt.
Aus diesem Grund vernimmt man recht selten aus dem Mund dieser Klimaklientel, dass wir vor städtebaulichen Ausweglosigkeiten stehen, die einen gravierenden Temperaturanstieg in deutschen Groß- und Kleinstädten begünstigt haben. Längst sind selbst am Reißbrett entworfene Vorstädte, die in früheren Tagen noch eine Melange aus städtischem Gefühl im ländlichen Umfeld versprachen, zu hochversiegelten Flächen umfunktioniert worden — auch dort steht die Luft, brennt die Sonne gnadenlos herunter und die entstehende Wärme wird von unten, vom asphaltierten Alptraum, zurückgeworfen auf den Lebensraum der dort Lebenden. In den Großstädten ist die Situation ungleich schlimmer, wo es geht, betoniert man Böden zu, versiegelt Luftschneisen. Städte sind zu Molochen verkommen, in den Sommermonaten zieht die Hitze kaum noch aus der Stadt. Begrünungen sind spärlich verteilt, Verschattungen werden städtebaulich kaum beachtet, der Wohnungsbau setzt weiter auf billige Umsetzung und zieht in Wohnkomplexen Wände hoch, die die Hitze kaum draußen halten — Bürokomplexe werden weiterhin als Traum in Glas und Stahl verwirklicht, die prädestiniert sind, die Hitze zu speichern und an ihre direkte Nachbarschaft auszustrahlen.
Metaphysische Revolte
Als vor fünf Jahren das Ahrtal von Hochwasser geflutet wurde, wurde dieses Unglück unmittelbar als Folge des Klimawandels eingeordnet — damit hatte man die Katastrophe in den eschatologischen Kanon aufgenommen, ohne sich die Mühe zu machen, die baulichen Aspekte zu betrachten. Die Ahr und ihre Zuläufe wurden im Laufe von Jahrzehnten begradigt und in Flussbette zementiert. Polder und Ausweichflächen für entstehendes Hochwasser wurden versiegelt und man ließ dem Wasser — wie übrigens an vielen Flüssen im Lande — keine Möglichkeiten mehr, im Flussumland zu versickern. Das bauliche Versagen mehrerer Generationen hinter dem Schlagwort des Klimaschutzes zu verstecken, ist durchaus praktisch, denn es lotst Kritik in eine völlig andere Richtung — auf diese Weise spricht man eher nicht über die Verantwortlichen der Versiegelungsoffensive, sondern gibt die Verantwortung an das höhere Wesen des Klimas weiter, welches man mit Opfergaben milde stimmen sollte. Durch Emissionsabgaben oder durch Leidensfähigkeit heute, um schon morgen in ein menschengemachtes Paradies eintreten zu können. Aber auch die Preisgabe industriestaatlichen Wohlstandes ist eine solche Opfergabe.
Der französische Philosoph Albert Camus unterschied zwischen zweierlei Formen menschlichen Aufbegehrens. Die historische Revolte befasst sich mit konkreten Thematiken, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigen — diese Revolte nimmt fassbare Ziele ins Visier, ist also auf Erden angesiedelt.
Die metaphysische Revolte hingegen beschäftigt sich mit abstrakten Fragen — sie strebt nicht die Veränderung der Gesellschaft als solche an, sondern stellt die gesamte Existenz auf den Prüfstand.
Der aktuelle Klimakomplex befindet sich längst in der letzteren Variante der Revolte. Denn er weigert sich, die heutigen klimatischen Zustände als Realität anzuerkennen — er möchte zurück in eine Zeit, in der es offenbar noch anders war, noch kühler, verträglicher. Aber der Weg dorthin verläuft nicht über Pragmatismus und Anpassung der Lebensverhältnisse an die neue Wirklichkeit, sondern nimmt den Umweg über ein fatalistisches Denken, das davon ausgeht, man könne wieder die alten Bedingungen erreichen, wenn man jetzt Opfer bringt. Dann werden europäische Sommer wieder milder. Der heutige Mensch muss leiden, damit die morgige Menschheit existieren kann. Daher braucht es ein Regime, dass die Opferbereitschaft sukzessive erhöht. Die Akzeptanz der heutigen Verhältnisse als Grundlage eines pragmatischen Umgangs mit den neuen Lebensverhältnissen wertet der etablierte Klimakomplex als Kapitulation und Häresie. Architektonische und städtebauliche Anpassungen und Klimatisierungen bedeuten aus dieser Sicht ja auch: Man akzeptiert die Lage und ringt den Menschen keine Opfer ab. Aber die seien ja nötig, man müsse doch opfern, damit das Klima uns erhört: Freiheit, Freizügigkeit, Autonomie und Lebensfreude sind die Werte, die auf den Opferaltar müssen. Der einzelne leidende Mensch spielt in dieser Liturgie keine nennenswerte Rolle — er ist lediglich dienlich, indem man dessen Leiden instrumentalisieren kann, um sich als Priester der Klimakaste Gehör zu verschaffen.
Was aber, wenn all diese Opfergaben, setzten wir sie wirklich so streng um, gar nichts verändern? Wenn es heiß bleibt oder gar heißer wird? Dann erfreuen sich diese Klimaschützer der Verstetigung des Opferkultes. Auf diese Weise üben sie immer weiter Einfluss und Druck auf die Menschen aus. Natürlich gibt es auch im Ausland Menschen, die sich Sorgen über die klimatischen Verhältnisse machen — die Klimakritiker hierzulande behaupten oft, nur in Deutschland sorge man sich. Das ist falsch und mindestens verkürzt, richtig ist: Im Ausland ist die Opferbereitschaft, die man unter hiesigen Klimakollapsologen findet, nicht so sehr ausgeprägt — dort zieht man sich gerne in klimatisierte Räume zurück, dort achtet man die alten Menschen auch noch. Und dort — nimmt man beispielsweise Spanien oder Italien — leben die Menschen durchaus noch nach religiösen Vorprägungen, die in Deutschland längst niemanden mehr kümmern. Man darf vermuten, dass dadurch ein Vakuum entstand, ein Leerlauf in der Sinnsuche, das durch die Klimaeschatologie bei vielen Leuten wieder gefüllt wurde. Diese „Klimakirche“ ignoriert den Nächsten, sie setzt an frühmenschlichen Kulten an, die ihren höchsten Wesen Gabe darbringen mussten, um sie zu besänftigen — der Klimagötze ist kein liebender Gott, ihn dürstet nach Blut, Schweiß und Tränen. Sein Paradies erlangt man nicht durch Reue oder Demut, sondern durch Flagellantentum. Pragmatismus verurteilt er — er fordert sie strikte Orthodoxie ein. Und wer sich ein Klimagerät kauft, der wird niemals in den klimaneutralen Garten Eden einziehen.
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