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Millionen unbeachteter Fälle

Millionen unbeachteter Fälle

Laut einem ehemaligen Krankenkassenchef konstatierte der Dachverband der Betriebskrankenkassen bereits 2022 intern hohe Nebenwirkungszahlen der Coronaimpfung, wollte diese jedoch nur anonym an die Presse geben.

Der Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) hat 2022 eine Datenauswertung intern überprüft und bestätigt, wonach im Jahr 2021 von 2,5 bis drei Millionen Betroffenen von Corona-Impfnebenwirkungen auszugehen sei. Das berichtet Andreas Schöfbeck, damals Chef der Krankenkasse BKK ProVita in einem aktuellen Interview mit Multipolar. Schöfbeck hatte die Daten von knapp elf Millionen Versicherten der Betriebskrankenkassen in Deutschland gemeinsam mit dem Datenanalysten Tom Lausen ausgewertet.

Schöfbeck berichtet, der damalige Vorstandsvorsitzende des BKK-Dachverbandes sei auch zu einer Veröffentlichung bereit gewesen, „aber er hätte sie nur anonym an die Presse geben wollen“. Auch der BKK-Landesverband in Bayern habe die Zahlen untersucht und nicht beanstandet.

Schöfbeck hielt seiner Aussage zufolge eine anonyme Veröffentlichung für „keinen guten Stil“, die Zahlen müssten auf Nachfrage erläutert werden können, erläuterte er im Interview. Er formulierte im Februar 2022 einen öffentlichen „Brandbrief“ an den damaligen Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek.

Das Schreiben ging ebenso an den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV), die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Ständige Impfkommission und den BKK Dachverband. Das PEI habe — wie alle anderen angeschriebenen Institutionen — sein Schreiben zunächst ignoriert, jedoch „ziemlich schnell“ reagiert, nachdem der Brief bei der „Welt“ veröffentlicht worden war und für öffentliches Aufsehen gesorgt hatte.

Ein Treffen in Anwesenheit von Cichutek sei für den 1. März 2022 um 16 Uhr anberaumt worden.

Am selben Tag sei am Vormittag bei der BKK ProVita eine außerordentliche Verwaltungsratssitzung einberufen worden. Um die Mittagszeit herum sei Schöfbeck seine fristlose Kündigung übermittelt worden, sagt er im Interview.

Er selbst habe somit die Datenauswertung nicht mehr mit dem PEI besprechen können. Datenanalyst Lausen sei zwar zum Video-Termin dazugeschaltet gewesen, man habe ihm jedoch den Ton abgedreht, heißt es im Interview weiter. Das Treffen soll von Schöfbecks Stellvertreter demnach schnell beendet worden sein. Das Gespräch mit Multipolar ist die erste öffentliche Äußerung Schöfbecks seit seiner Kündigung.

Die Datenauswertung von Schöfbeck und Lausen deckt sich mit anderen Analysen. Schöfbeck selbst verweist auf Auswertungen der Techniker Krankenkasse (TK) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aus dem Jahr 2022, die eine ähnliche Zahl von Betroffenen ergaben. Die von Schöfbeck berechneten 2,5 bis drei Millionen Betroffenen entsprechen vier bis fünf Prozent der Geimpften. Laut einer von Multipolar 2024 initiierten und von der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ daraufhin beauftragten repräsentativen Forsa-Umfrage berichteten 19 Prozent der Geimpften von Nebenwirkungen. Davon suchten acht Prozent einen Arzt auf. In 4,4 Prozent der Fälle wurde die Impfnebenwirkung ärztlich bestätigt. Auch diese Zahl stimmt mit Berechnungen von Schöfbeck und Lausen überein.

Das PEI hat für das Jahr 2021 hingegen weniger als 250.000 Verdachtsmeldungen nach Corona-Impfung registriert, was verglichen mit Schöfbecks Analyse einer Untererfassung um den Faktor zehn entspräche. Das PEI bezeichnet die Untererfassung von Impfnebenwirkungen als „Spekulation“.

Der derzeitige Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Stefan Vieths, schlussfolgerte im August gegenüber dem ZDF aus der Anzahl der in Deutschland ungefähr 197 Millionen durchgeführten Impfungen, man habe „sehr früh sehr ausführlich beobachten können, weil man eben auch sehr viele Daten hatte“. Ein „Problem“ sei aber gewesen, dass Verdachtsfälle „sehr häufig“ von Betroffenen und nicht von Ärzten gemeldet worden seien und eine medizinische Diagnose gefehlt habe.

Schöfbeck hatte bereits in seinem „Brandbrief“ darauf aufmerskam gemacht, dass die ärztlichen Meldungen, die circa eine halbe Stunde in Anspruch nähmen, nicht vergütet werden. Im Interview erklärt er nun, dass Ärzteverbände sich seiner Kenntnis nach bis heute nicht dagegen wehrten, dass Meldungen „quasi ehrenamtlich“ getätigt werden müssen. Ein weiteres Problem könne auch darin bestehen, dass impfende Ärzte sich mit Nebenwirkungsmeldungen „ein Stück weit selber anklagen oder zumindest die Impfungen infrage stellen“ müssten.

Schöfbeck betont, dass in den von ihm berechneten 2,5 bis drei Millionen Fällen zwar auch leichtere Nebenwirkungen enthalten sein können, jedoch die „schiere Millionenzahl“ „tiefere Analysen“ nötig mache. Solche Analysen habe das PEI jedoch auch viereinhalb Jahre nach Schöfbecks Datenabfrage nicht vorgenommen.


Redaktionelle Anmerkung Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Früherer Krankenkassen-Chef: Dachverband bestätigte intern hohe Nebenwirkungszahlen der Corona-Impfung“ bei Multipolar.


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