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Nach Einbruch der Dämmerung

Nach Einbruch der Dämmerung

In der Poetik-Ecke LVIII überführt Wolfgang Bittner das Verschwinden dessen, was uns zu Menschen geformt hat, so schlicht und klar in poetische Gestalt, dass dabei mehr entsteht als schwindet.

Allmählicher Übergang

Wir kehren nie mehr zurück.
Ein Haus, eine Ligusterhecke,
über dem Sandweg das Laub
und die Sonne
auf den roten Ziegeldächern.
Weit entfernt
Hunger, Arbeit und Schläge.
Das Fahrrad mit Gangschaltung,
Flöten aus Weidenrinde,
Angelnachmittage.
Ein Klassenfoto mit
sich verwischenden Erinnerungen
und Angst, die tiefer wurzelt,
als Gedanken reichen.
Allmählich aber
erfassen die Augen
den Horizont.

Wandlungen

Von hier nach dort zogen wir
aus grauer Städte Mauern
im Wandel der Zeit
des Friedens und des Krieges
frohgemut auf sonnigen Wegen,
sing, sing, was geschah.

Wo liegen Schlesien und Ostpreußen,
wo Böhmen und der Banat,
Siebenbürgen, Wolhynien?
Wo gab es eine
Autonome Republik am großen Strom?
Sing, sing mir, was geschah.

Vergangen das Alte, vergessen vorüber,
und kehr ich einst zur Heimat
frühmorgens auf sonnigem Weg,
und steht noch die Linde,
der Brunnen vor dem Tor
im schönsten Wiesengrund?

Und sag mir doch,
wo zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal,
am hellen Strand und auf der Heide
blau der Enzian blüht.
Und sing, sing mir, was geschah
im Wandel des Friedens und der Kriege.

Handlesen

Sei ohne Sorge,
sei beruhigt, beseelt,
aber nicht sorglos,
informiere dich und
sei ohne Sorge.
Denn Zukunft ist vergänglich,
mal Sonne, mal Regen,
Sturm, Hitze oder Kälte,
oder die Erde bebt,
aber lass dich nicht beirren.

Noch wächst das Gras
und das Meer ist voller Fische.
Hast du keinen Garten,
dann geh in den Park,
an den Fluss, in die Felder,
die Erde ist dir gewogen.
Du kannst dich entscheiden,
entweder für das Klima
oder gegen die Lemminge,
aber sei ohne Sorge.

Was sagt dein Herz
beim Blick in den Spiegel?
Und was steht auf der Agenda?
Hängt der Himmel voller Geigen
oder musst du dich beugen?
Ist es ein Damoklesschwert,
dann missachte den Tagesbefehl
und lies dir aus der Hand.

Heimsuchung

Nach Einbruch der Dämmerung
herrscht Redeverbot.

Amtsträger geben sich leutselig,
die Experten wissend.

Wir demonstrieren
Schweigen.

Die Heimsuchung
steht bevor.

Verfehlt

Im Nacken das Gekläff, knapp entronnen.
Übern Zaun und unterm Drahtverhau hindurch
ins Offene, die vermeintliche Freiheit.
In Kauf genommen Schmiergeld,
Demütigungen und die verlorene Scham,
lockte das grüne Gras der Fremde,
versprochen Milch und Honig im abendlichen Land.

Und kälter wurden die Tage und Nächte,
abweisend bei trockenem Brot, feindlich,
löchrig das Hemd hinter dem Zaun.
Nicht angekommen, aber frei wie die himmlischen Vögel,
wuchert die Armut, der ärmliche Tod,
schwankt die Erde unter den abgetragenen Füßen,
ausgesondert das misshandelte Wort.

Zu mir

Gestern war ich ein Anderer,
ein Baum, eine Blume, ein Stein,
vielleicht ein Fisch
im unendlichen Meer.

Ob ich froh war,
lachte und sang?
Ob ich unglücklich war,
traurig, hoffnungslos?

Heute bin ich ein Anderer,
ein Suchender,
so scheint es,
auf dem Weg zu mir.

30 Grad plus

Trauerweiden am Ufer
wie grasende Wollhaarmammuts,
grün-gelb-braun das Land,
der See blinkt mir zu.
Im Schatten der Pappeln
lass ich mich gehen.

Du warnst vor dem dunklen Horizont,
„Gewitterwolken“, sagst du.
Umso besser je eher
der erfrischende Schauer
das dürstende Land erlöst.

Keine Angst, bitte!
Lass uns verweilen.

Kurz zuvor

Kaum die Augen geöffnet,
den Albtraum überstanden,
droht unvermittelt das Dasein:
Ein Gefühl der Verlorenheit,
ferngeleitet ins Chaos:
Unbekannte Stimmen aus dem Äther,
Klopfzeichen an der Tür
und immer neue Anweisungen
wireless aus dem Zentrum,
die Zustimmung ist gebongt.

Hast Du schon gehört?
Der Minister warnt vor Bedrohung,
der Angriff stehe bevor,
und schon wieder streiken die Lokführer.
Die Wohnung kalt, verludert,
kein Anschluss mehr
und aus der Leitung quillt Smog.
So ist die Lage, wirklich,
hör mir bitte mal zu:
Ich fasse mich kurz.

Metamorphose

Der Krieger, ungezügelt,
unbehaust, die Welt ein Schlachtfeld.
Wo findet er Frieden?
Wo ist Hoffnung
in diesen dunklen Zeiten,
in denen der Mensch des Menschen Wolf ist?

Gelingt die Metamorphose,
wartet der Philosoph
auf Einsicht und Vernunft,
lauscht in seiner Zuflucht
den Stimmen der Natur und
dem Summen der Stille im Universum.


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