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Sommer und Märchen

Sommer und Märchen

Sollten sich geistige Sommerlöcher auftun, empfiehlt es sich, in die Tiefe zu gehen und sich einer vergessenen Kulturtechnik zu erinnern: des Bücherlesens.

„Will man Schweres bewältigen, muss man es sich leicht machen“ (Bertolt Brecht).

Eines haben die versammelten Druckerzeugnisse dann aber doch gemeinsam: Obwohl sie zum Teil vor langer Zeit verfasst wurden — und von vergessenen Epochen oder fiktiven Orten handeln —, sind viele gerade im Kontext der oktroyierten Zeitenwende, im Lichte des neuen Normal, im Kontext der Märchen, die uns als Realität aufgenötigt werden, wieder besonders relevant. Auch handelt es sich nicht um Sachbücher im klassischen Sinne. Verweise auf derartige Literatur finden sich in meinen Artikeln bereits genug. Wir schlagen uns ständig mit Zahlen, Daten und Fakten herum. So darf es im Sommer doch gerne einmal andersartige Lektüre sein, die gerade deshalb zu neuen Einsichten, spannenden Gedanken, inspirierenden Momenten oder vertiefter Reflexion führen kann — wenn man sich die nötige Auszeit nimmt und sich mit bedrucktem Papier statt Displays beschäftigt. Also mit sich.

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel
Ein grandioser, voluminöser Roman, der mich zur Anschaffung diverser darin erwähnter Bücher animierte und bis heute zu meinen absoluten Favoriten zählt.

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Eine der schönsten und gleichzeitig traurigsten Geschichten, die ich kenne. Ein tolles, zeitloses, aufwühlendes Buch, das bewegt.

Jörg Fauser: Rohstoff, Der Schneemann
Völlig unterschätzter, unorthodoxer Autor mit spannender Biografie und mysteriösem Ableben. Kantig, direkt, irritierend, aber hochspannend. Dringende Leseempfehlung!

Volker Reinhardt: Montaigne — Philosophie in Zeiten des Krieges
In Anbetracht derzeitiger Kriegsgefahr aktueller denn je. Geschichte wiederholt sich eben. Und Montaignes Weg, mit dem Chaos seiner Epoche fertig zu werden, inspiriert.

José Saramago: Eine Zeit ohne Tod
Klasse Plot, kreativ, vielsagend und fantastisch geschrieben.

Robert Seethaler: Der Trafikant
Eine berührende wie spannende Geschichte, die im Wien des Zweiten Weltkriegs spielt und damit auch in diesen Tagen wieder zum Nachdenken anregt.

Harald Schmidt: Avenue Montaigne & Quadrupelfuge
Was soll man sagen — Harald Schmidt. Unterhaltsam, zynisch, ironisch. Herrlich.

Erich Fromm: Vom Haben zum Sein
Zu Fromm muss man vermutlich nichts anmerken. Ein Standardwerk, gespickt mit klugen Gedanken, vorausschauenden Erkenntnissen und tiefen Einsichten.

Hermann Hesse: Mit der Reife wird man immer jünger
Eine Sammlung von Schriften, die sich mit dem Älterwerden und dem Ableben beschäftigen. Unterhaltsame, wortstarke, philosophische Lektüre mit Tiefgang.

Fredmund Malik: Führen Leisten Leben
Ein empfehlenswertes Management-Buch, weil die beschriebenen Techniken auch bei der Bewältigung des ganz normalen Alltags helfen.

Loriot: Loriots Kleiner Opernführer
Der große Vicco von Bülow. Eine Klasse für sich. Kurzweilig und unterhaltsam. Und man muss nicht Fan oder Kenner von Opern sein, um das Buch zu mögen.

Charles Bukowski: Aufzeichnungen eines Außenseiters
Menschliche Abgründe, verstörende Geschichten und ergreifende Einsichten eines kontroversen, aber tollen und einzigartigen Autors. Kann man lieben oder hassen.

Roger Willemsen: Der Knacks, Momentum
Am besten zusammen kaufen. Denn nach der Lektüre des ans Eingemachte gehenden „Knacks“ braucht es dringend etwas Positives — „Momentum“.

Bernhard Moestl: Shaolin
Über die Kraft der Gedanken und die Kunst, auch in turbulenten Zeiten Ruhe zu bewahren. Denn genau darin lag die Stärke der legendären Shaolin-Mönche.

In die Sommerpause verabschieden möchte ich mich mit einem kleinen Absatz aus dem vorgängig gelisteten Buch von Hermann Hesse. Mit einem Text, den er 1926 schrieb und der sich mit einprägsamen Worten und Bildern mit dem unvermeidbaren Ende des Sommers befasst, mit dem Ausklang der langen, heißen Jahreszeit hier in meiner Wahlheimat Montagnola, wo ich heutzutage an malerischen Abenden im gleichen Grotto wie damals Hermann Hesse unter alten Bäumen sitzen darf, um meine Notizen zu Papier zu bringen.

„Dann wird es wieder zu Ende sein mit den Abenden im Grott, und zu Ende mit den Badenachmittagen am See von Agno und zu Ende mit dem Draußensitzen und Malen unter den Kastanienbäumen. Wohl dem, der dann eine Heimkehr zu geliebter und sinnvoller Arbeit, zu geliebten Menschen, zu irgendeiner Heimat hat! Wer das nicht hat, wem diese Illusionen zerbrochen sind, der kriecht alsdann vor der beginnenden Kälte ins Bett oder flieht auf Reisen und sieht als Wanderer hier und dort den Menschen zu, welche Heimat haben, welche Gemeinschaft haben, welche an ihre Berufe und Tätigkeiten glauben, sieht ihnen zu, wie sie arbeiten, sich anstrengen und mühen und wie über all ihrem guten Glauben und all ihrer Anstrengung langsam und ungesehen sich die Wolke des nächsten Krieges, des nächsten Umsturzes, des nächsten Untergangs zusammenzieht, nur den Müßiggängern, nur den Ungläubigen und Enttäuschten sichtbar — den Altgewordenen, die anstelle des verlorenen Optimismus ihre kleine, zärtliche Altersvorliebe für bittere Wahrheiten eingesetzt haben.

Wir Alten sehen zu, wie unterm Fahnenschwenken der Optimisten jeden Tag die Welt vollkommener wird, wie jede Nation sich immer göttlicher, immer fehlerloser, immer berechtigter zu Gewalt und frohem Angriff fühlt, wie in der Kunst, im Sport, in der Wissenschaft die neuen Moden und neuen Sterne auftauchen, die Namen glänzen, die Superlative aus den Zeitungen tropfen, (…) Woge um Woge glüht auf wie die Wärmewogen im Tessiner Sommerwald. Ewig und gewaltig ist das Schauspiel des Lebens — ohne Inhalt zwar — aber ewige Bewegung, ewige Abwehr gegen den Tod.“

„Jugend ist das in uns, was Kind bleibt, und je mehr dessen ist, desto reicher können wir auch im kühlbewussten Leben sein“, schrieb Hesse dereinst in einem Brief an einen Bekannten — und wann gäbe es im von Rationalität dominierten Schauspiel des Lebens ein prädestinierteres Zeitfenster als im Sommer, um dem naiven, unbeschwerten, überschwänglichen, ja leichtsinnigen Tatendrang der Jugend freien Lauf zu lassen? Genießen Sie ihn!


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