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Totgesagt und doch lebendig

Totgesagt und doch lebendig

Die Journalistikausbildung in Leipzig war besser als ihr Ruf und hat nach dem SED-Untergang Chancen eröffnet, die nach der Einheit bisher ungenutzt blieben. Exklusivabdruck aus „Das Erbe sind wir“.

Ideen entfalten ein Eigenleben. Ideen setzen sich in unseren Köpfen fest, wenn wir sie plausibel finden oder nur oft genug gehört haben, und wirken selbst dann weiter, wenn wir sie längst verdrängt haben oder öffentlich nicht darüber reden möchten, um unseren sozialen Körper vor der Wucht zu schützen, die jeder hegemoniale Diskurs in sich trägt.

Das Leipziger Paradigma zur akademischen Journalistenausbildung ist so eine Idee. Eigentlich spricht alles dafür, den Totenschein zu unterschreiben. Die letzten der wenigen Dozenten, die Anfang der 1990er Jahre nach der Evaluierung bleiben durften, haben die Universität inzwischen in Richtung Ruhestand verlassen. Keiner der Nachfolger lehrt, forscht oder denkt mehr in ihrem Geist, auch in Leipzig nicht. Die Lehrhefte von einst liegen zwar in manchen Archiven und vermutlich noch etwas häufiger in privaten Räumen, (zum Beispiel bei mir zu Hause), aber Studenten bekommen diese Texte nur noch zu Gesicht, wenn sie sich als Historikerinnen und Historiker versuchen. Recherchieren, Schreiben und Redigieren lernt man heute mit anderen Büchern. Wer dort blättert, wird vergeblich nach irgendeinem Überbleibsel aus der DDR fahnden. Kein Zitat, kein Verweis, nicht einmal eine Abgrenzung.

Der Patient DDR-Journalistik ist tot und lebt doch weiter — in den Menschen, die in Leipzig studiert haben und vielleicht sogar in den anderthalb Jahren dabei waren, in denen es für das Denken keine Grenzen zu geben schien und damit auch nicht für das, was angehende Medienprofis an einer Universität diskutieren und dann in ihren Beruf mitnehmen können. All das ist begraben worden — von einer Landesregierung, die die Sektion Journalistik zunächst ersatzlos abwickeln wollte, von einem Gründungsdekan, der dann aus München sein ganz eigenes Modell mitbrachte, sowie von uns Studenten, die nach einer Westlösung gerufen haben und dabei auch von einem Meinungsklima getragen wurden, das bis heute alles, was mit der SED zu tun hatte, unter Diktaturverdacht stellt.

So eine Beerdigung lässt niemanden kalt, der zur Familie gehört. Die Absolventinnen und Absolventen konnten sehen, was die neuen Herren vom Leipziger Diplom hielten und von den Versuchen, das Wissen und die Erfahrungen aus der DDR fruchtbar zu machen für die neue Zeit, und haben ihre Herkunft fortan verschwiegen. Selbst Zeitzeugengespräche waren lange schwierig. Er möchte seinen Namen „nur ungern“ neben „Modrow, Götting, Unterlauf und Huhn lesen“, schrieb mir vor zehn Jahren einer meiner Ex-Chefs beim MDR, Anfang der 1960er Jahre geboren, früher bei Radio DDR in Berlin. „Ich will mich nicht drücken und auch nicht ausblenden, was in der DDR war. Aber ich will mit diesen Leuten einfach nichts zu tun haben.“ Im Klartext: Ich habe hier einen tollen Job und möchte nicht, dass irgendjemand auf dumme Gedanken kommt.

Es kann gut sein, dass dieses Buch die schlafenden Hunde weckt, aber das müssen wir aushalten. Das „Ost-Fenster“ ist wieder auf (geöffnet auch von der AfD), und niemand, der guten Journalismus für eine Grundfeste jeder Demokratie hält, kann es sich heute leisten, eine Idee nur deshalb auszublenden, weil sie von den falschen Leuten kommt.

Die Leipziger Idee in drei Sätzen:

  1. Journalisten gehören an eine Universität.
  2. Sie können dort ihr Handwerk lernen — wenn die Forschung darauf zielt, die Ausbildung zu optimieren, und wenn es der Personalbestand zulässt, in kleinen Gruppen zu üben.
  3. Vor allem aber bietet die Universität die Chance, einen Kompass für den Beruf zu finden, der sich nicht permanent um sich selbst dreht und auch nicht nur auf das Geld zeigt oder auf die Mächtigen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

Dem Journalismus fehlt so ein Kompass. Vielleicht war das schon immer so, und wir haben es nur nicht gemerkt, weil es Deutschland gut ging und es wenige Gründe gab, an allem zu zweifeln. Für mich selbst kann ich sagen: Ich habe lange gebraucht, dieses Land zu verstehen und einen Platz in der neuen Heimat zu finden. Mein Damaskuserlebnis ist in der Einleitung angedeutet worden: eine Studie zur DDR im kollektiven Gedächtnis der Deutschen.

Danach wusste ich: Was uns Intendantinnen, Verleger und Chefredakteure am Sonntag versprechen, was die Lehrbücher predigen und was Gesetzestexte einfordern (etwa: Vielfalt, Neutralität oder Objektivität), hat mit der Medienrealität nicht viel zu tun. Diese Realität spiegelt den Status quo der Machtverhältnisse, weil sie von Akteuren bestimmt wird, die entweder direkt in die Redaktionen hineinregieren oder über die Ressourcen verfügen, um die Handlungslogik eines kommerziellen Mediensystems für sich nutzen zu können. Die Ukraine, die Flüchtlinge, Corona. Wer mit dem zufrieden ist, was uns vor allem die Leitmedien zu diesen Themen geboten haben, kann das Buch an dieser Stelle zuklappen.

Für alle anderen: Auf den Ruinen der DDR ist ein Journalismusideal gewachsen, das nah dran ist an dem, was Horst Pöttker „Öffentlichkeit als Auftrag“ nennt. Pöttker, ein Hamburger Soziologe und Medienpraktiker, Jahrgang 1944, hat als junger Mann über Anarchismus geschrieben, Robert Mugabe und Pol Pot bewundert, bevor sie Despoten wurden, und dann in seiner Dissertation „untersucht, ob es nicht vielleicht doch möglich gewesen wäre, Axel Springer zu enteignen“. Das Fazit von 1978, formuliert 40 Jahre später:

„Ich meine, ja. Artikel 14 und 15 des Grundgesetzes sagen, dass Enteignungen zulässig sein können, wenn es um das Allgemeinwohl geht.“

Horst Pöttker kam 1992 als Gastprofessor nach Leipzig, entschied sich dann aber doch für Dortmund. Schon damals fand er „ein gerüttelt Maß an innerer Unsicherheit bei den Journalisten und ihren Auftraggebern“. Was soll Journalismus tun und lassen? Was können wir von ihm erwarten und was nicht? Die Antwort von Horst Pöttker: Öffentlichkeit herstellen. Das heißt auch: Darauf verzichten, eine „Marke“ zu werden. Andere sprechen lassen, anstatt selbst „Haltung“ zu zeigen. Und tatsächlich über „alle“ und „alles“ berichten, weil wir sonst in unseren Blasen bleiben und annehmen müssen, dass unsere Sicht auf die Welt die einzig mögliche ist. Horst Pöttker sagt: Öffentlichkeit ist nicht einfach da. Deshalb brauchen wir den Journalismus.

Der DDR hat ein solcher Journalismus gefehlt. Die herrschende Partei hat alles aus der Medienrealität ferngehalten, was ihr irgendwie gefährlich schien. Schwächen, die der Westen nutzen könnte, Stimmen, die die eigenen Leute womöglich verunsichern, Kritik am eigenen Lager, Lob für den Klassenfeind und am Ende sogar jedes Lob für den großen Bruder Gorbatschow. Das Projekt DDR ist auch an dem Zerrbild gescheitert, das die Medienrealität von der Wirklichkeit gezeichnet hat. Wer das erlebt hat und dieses Projekt mochte, der weiß das — auch und gerade, wenn er oder sie in Leipzig Journalistik studiert oder gelehrt hat. Nur: Wissen und öffentlich sprechen (können), sind zwei verschiedene Dinge. Der hegemoniale Diskurs hat die ostdeutschen Eliten gezwungen, in der „Erzählung über sich selbst“ (bei Anthony Giddens ein Synonym für Identität) alles umzudeuten oder zu unterdrücken, was mit der DDR zu tun hatte, wenn sie sich denn im neuen Deutschland nicht um Kopf und Kragen reden wollten. (…)

Wer gezwungen ist, immer wieder in seine Vergangenheit einzutauchen und sich selbst zu erklären, tritt auch in einem öffentlichen Beruf anders auf als Menschen, die einen solchen Bruch nicht erlebt haben und ganz selbstverständlich annehmen dürfen, zu „den Guten“ zu gehören. Wenn der französische Propagandatheoretiker Jacques Ellul Recht hat und die herrschende Ideologie tatsächlich vor allem von „erfolgreich sozialisierten Gesellschaftsmitgliedern“ verbreitet wird, von Menschen, die das gar nicht merken können, weil sie nichts anderes kennen, dann sind die Biografien der Leipziger Diplomjournalisten so etwas wie ein Garant für einen Journalismus, der sensibel ist für jede Form von Meinungsmanipulation und sich dem entzieht, wo immer es geht.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gibt viele großartige Journalistinnen und Journalisten, die nicht in der DDR aufgewachsen sind oder dort auf der anderen Seite der Barrikade standen. Bei den Leipziger Absolventen, und nur das will ich hier sagen, ist der „Dienst an der Öffentlichkeit“ gewissermaßen eingebrannt. Wer einmal erlebt hat, wie das heute Selbstverständliche morgen nicht mehr gilt, hält nichts mehr für gegeben. Zur Wirklichkeit dieser Journalisten gehört allerdings ein DDR-Diskurs, der ihnen allenfalls einen Platz in der zweiten oder dritten Reihe zuweist oder gleich ganz bezweifelt, dass sie überhaupt öffentlich sprechen dürfen. Die Folge für die „Seele der Demokratie“ habe ich beschrieben: eine Selbstbeschränkung, die sich genauso auf die beruflichen Ambitionen bezieht wie auf das Spektrum der Themen und Perspektiven, zu denen man sich äußert. Das „Gespräch“ der Gesellschaft ist so zu einem Selbstgespräch der Westdeutschen geworden. (…)

Meine Botschaft sollte angekommen sein. Mit der Abwicklung der Sektion Journalistik hat sich die Bundesrepublik eine Option genommen, auf die sie in der Krise der Gegenwart bauen könnte. Was für eine Vision: eine akademische Journalistenschule in Leipzig, an der das Bündnis mit dem Teufel Politik noch allgegenwärtig ist und in die der lange Arm der Wirtschaft trotzdem nicht hineinregieren kann. Ein Ort, an dem Redakteure und Reporter ausgebildet werden, die wissen, was sie tun, die den „Auftrag Öffentlichkeit“ gewissermaßen mit der Muttermilch aufnehmen und im Beruf nie wieder vergessen.

Es gibt solche Journalisten. Frauen und Männer, die Ende der 1980er Jahre an die Leipziger Universität gekommen sind und dort über ein ganz neues Curriculum nachgedacht haben, über ein freies Studium, das erlaubt, die eigenen Interessen auszuleben, und über einen anderen Journalismus. Etliche habe ich in diesem Buch vorgestellt. Selbst die Erfolgreichsten von ihnen gehen in der gesamtdeutschen Medienrealität unter, obwohl sie die Medizin gegen das Misstrauen des Publikums kennen: Pluralismus. Lasst alle Perspektiven zu. Liefert Informationen und lasst die Menschen selbst urteilen. Fahrt ihnen nicht über den Mund.

Die Verbannung Ostdeutscher aus redaktionellen Führungspositionen, die weit über die Generation hinausreicht, die in diesem Buch porträtiert worden ist, schränkt die Medienvielfalt ein. Es fehlen nicht nur die Geschichten aus der Vergangenheit, die den Alltag jenseits von Stasi, Mauer und Parteiallmacht behandeln und damit das, was im kommunikativen Gedächtnis der meisten Ostdeutschen überdauert hat. Es fehlen auch die Stimmen derer, die wissen, dass ein System auch dann endlich ist, wenn es im Moment unerschütterlich zu sein scheint. Und es fehlt eine journalistische Tugend: der gesunde Zweifel gegenüber allem, was „von oben“ kommt.

Der hegemoniale Diktaturdiskurs hat die Lebenschancen all jener Menschen beschnitten, die 1989 schon alt genug waren, um in der DDR etwas werden zu wollen. Dieser Diskurs hat sich in die Betroffenen eingeschrieben, weil sie gezwungen waren, ihr eigenes Tun mit einem Maßstab zu messen, der von außen kam, und dieses Innerste immer wieder nach außen tragen mussten — bei jeder Bewerbung, bei jedem Wechsel auf dem Chefsessel, bei jeder neuen Beziehung.

Diese Nötigung zur Selbstreflexion und zur ständigen Rechtfertigung hat die Erinnerung an den Zauber verblassen lassen, der in jedem Anfang steckt. Die Euphorie, endlich frei von allen Scheuklappen und Behelligungen zu sein, ist erstickt worden von der Erkenntnis, dass das Land ostdeutsche Erfahrungen und Perspektiven nicht wirklich braucht und dass Demokratie nur das ist, was man im Westen dafür hält.



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