Es war noch sehr früh im Morgengrauen in Jerusalem, als die Priester dreimal in ihre silbernen Trompeten bliesen. Dieses Signal war in der ganzen Stadt zu hören und kündigte die Öffnung der schweren Stadttore an. Unter den Gesängen der Leviten wurde ein Lamm geopfert. Und während der Rauch des Opfers vom Altar zum Himmel aufstieg, versammelten sich die Menschen zum Gebet. Bald sollte das Licht vom Ölberg herab auf den weißen Marmor des Herodianischen Tempels fallen. Der Tempel leuchtete so grell aus der Landschaft hervor, dass man den Blick abwenden musste.
Die Pharisäer Jerusalems achteten darauf, dass der Saum ihrer weißen Tuniken nicht beschmutzt wurde. An den vier Ecken ihrer Obergewänder hingen lange Quasten. Ihre Quasten aber waren besonders lang, um nach außen hin ihre strenge Gesetzestreue zu betonen. Die Lederkapseln mit Tora-Texten, die mit Riemen am linken Arm befestigt waren, ließen sie auffällig groß gestalten. Zum Schein hielten sie besonders lange Gebete, und auf den Marktplätzen liebten sie es, öffentlich begrüßt zu werden.
An diesem besagten Morgen waren sie in besonderer Mission unterwegs. Sie und einige Schriftgelehrte lauerten an einem kargen Bau aus Lehmziegeln. Durch die winzigen, hoch gelegenen Schlitze, die den Innenraum mit frischer Luft versorgten, spähten sie hinein. Sie warteten darauf, einen Mann dabei zu überraschen, wie er mit einer anderen Frau einen intimen Moment teilte.
Als ihr Begehren aber erfüllt und die Ehebrecherin auf frischer Tat ertappt war, drangen sie durch den schweren Vorhang aus Ziegenfell in das Innere des Hauses ein und ergriffen die Frau, um sie vor Jesus zu zerren. Und so stellte man sie in die Mitte des Volkes, das im Vorraum des Tempels versammelt war, wo Jesus lehrte. Das mosaische Gesetz verlangte eigentlich die Steinigung beider Beteiligten. Doch die Pharisäer klagten nur sie des Ehebruchs an.
Die Namen Gottes und besonders die seines Repräsentanten,
Jesus oder Christus geheißen, wie Texte und Münder bezeugen,
man hat sie gebraucht, verbraucht und liegen lassen
am Ufer zahllos verströmenden Lebens
wie die leeren Schalen einer Molluske.
Dennoch, berühren wir diese Namen, geheiligt
und ausgeblutet, versehrte Blütenblätter,
Ausverkaufsstücke von Ozeanen der Liebe und der Furcht,
so ist noch immer etwas da: Eine Lippe von Achat,
eine Regenbogenspur, die zitternd erschimmert im Licht.
Während die Namen Gottes gebraucht wurden
von den Besten und von den Schlimmsten,
von den Reinen und von den Schmutzigsten,
von den Weißen und den Schwarzen,
von den blutbespritzten Mördern
und den umloderten Opfern, die im Napalm verbrannten,
während Nixon mit den Kainshänden
die von ihm zum Tode Verurteilten segnete,
während immer weniger, immer winzigere Spuren des
Göttlichen am Strand zu finden waren,
begannen die Menschen, die Farben zu studieren,
verzweifelt und hoffnungsvoll suchten sie nach Möglichkeiten,
sich zu töten und sich nicht zu töten,
sich in Reihen zu organisieren,
weiterzukommen, rastlos die eigene Begrenztheit zu überwinden.
Nun, wie sehr der Name Jesus vielleicht damals schon verbraucht und verblichen war, beschreiben diese Zeilen von Pablo Neruda. Der Mensch aber, durchdrungen von Liebe, kümmerte sich nicht um das Vergehen der angeklagten Ehebrecherin. Während er mit seinen Fingern in den Sand schrieb, wusste er sehr wohl um die steinernen Gesetzestafeln, die die Herzen der Pharisäer in dunklen Kerkern gefangen hielten. Er verlangte weder eine Erklärung noch ein Sündenbekenntnis. Er fragte nicht nach dem Grund des Vergehens. Er richtete die Frau auf und ließ sie gehen.
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