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Alternativen zum Kollaps

Alternativen zum Kollaps

In seinem Buch „Wem die Welt gehören könnte“ rollt Ulrich Gausmann die Eigentumsfrage neu auf und plädiert für die Wiederbelebung eines aktiven Gemeinschaftsgeistes.

Es gibt viel zu tun. Packen wir es an. Aber wie? Oft denkt man sich, wo fang ich an? Schließe ich mich einer bestehenden Initiative an, gründe ich etwas ganz Neues? Wie sind die rechtlichen Voraussetzungen? Kann ich das überhaupt? Wo ist meine Kernkompetenz? Oder sollte ich neue Wege gehen, meine Expertise als IT-Fachmann hintanstellen und lieber meiner Leidenschaft, der Tomatenzucht, nachgehen?

Um einen Einblick zu bekommen, was man alles machen könnte, was es schon gibt, welchen rechtlichen Rahmen man für sein Projekt wählen sollte, ob Stiftung, Verein oder Genossenschaft das geeignete Modell ist, bietet das Buch „Wem die Welt gehören könnte“ von Dr. Ulrich Gausmann, der Politik und Wirtschaftswissenschaften studierte und bei Arno Klönne promovierte, und dem Psychologen Professor Dr. Peter Schmuck einen wunderbaren Einstieg in einen möglichen Neuanfang.

Jetzt könnte man glauben, ein Thema, das uns unterschiedliche Projekte aufzeigt und uns an verschieden Rechtsformen heranführt, sei eine recht trockene Angelegenheit. Aber das Gegenteil ist der Fall: Man kommt aufgrund der Fülle der aufgeführten Beispiele immer mehr ins Staunen, was die Menschen in ihren Gemeinden und Städten zwischen Flensburg und Bregenz schon alles auf die Beine gestellt haben.

Wenn ich das Buch in einem Satz zusammenfassen müsste, so würde ich sagen: Es ist ein Plädoyer für dezentrale Strukturen und für die Wiederbelebung eines aktiven Gemeinschaftsgeistes.

Egal ob es um Energieversorgung, Lebensmittelherstellung, generationsübergreifendes Wohnen, Bildung oder Kultur geht — in dem Buch wird detailliert beschrieben, wie und warum Genossenschaften, Vereine oder Stiftungen gut funktionieren können.

Das Buch gibt gleich am Anfang einen Einblick in die Geschichte des Eigentums und stellt die entscheidende Frage: Wem gehört was? Wem gehören Wasser, Wälder und Boden, wem gehört Wissen? Und warum ist das so? Über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland gehören privaten Eigentümern, zunehmend Großinvestoren. Die Autoren stellen sich die Frage: Wie bringen wir Acker, Gartenland, Wälder und Gewässer zurück in Gemeinschaftseigentum?

„Nur mal so angenommen: Ein Goldschatz wird in Ihrem Garten entdeckt. Gratulation! Aber wem gehört er? Ihnen oder ‚dem Staat‘ oder vielleicht der Allgemeinheit? Diese scheinbar simple Frage führt uns mitten hinein in eine grundlegende Frage mit weitreichenden Konsequenzen. Was ist Eigentum genau, wie entsteht es, und wer hat welche Rechte daran? Die Antwort auf diese Frage ist alles andere als eindeutig.

Je nachdem, welche ökonomische, politische, philosophische und rechtliche Brille wir aufsetzen, erhalten wir völlig unterschiedliche Antworten. Um die wichtigsten Vertreter der unterschiedlichen Auffassungen in dieser Kernfrage kurz zu nennen: Der geistige Vater des Konservatismus, der Brite Edmund Burke (1729 bis 1797), wird anders argumentieren als sein liberaler Konkurrent und Landsmann John Locke (1632 bis 1704), ein Vertreter sozialistischer Vorstellungen wie Karl Marx (1818 bis 1883) wiederum ganz anders als eine Verfechterin der Commons wie Elinor Ostrom (1933 bis 2012). Jede dieser Anschauungen hat ihre eigene Begründungslogik entwickelt, um das Phänomen Eigentum zu erklären und zu rechtfertigen. Dabei geht es nicht nur um abstrakte Theorien, sondern um konkrete Probleme unserer Zeit, etwa: Wem gehört das Wissen im Internet? Darf Wasser privatisiert werden?

Wie können wir gerechte Eigentumsverteilung mit wirtschaftlicher Effizienz verbinden? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen betrifft jeden von uns täglich — auch wenn wir nicht immer bemerken, dass sich dahinter sehr unterschiedliche Vorstellungen von Eigentum verbergen“ (Seite 12).

Die Verwirrung ums Eigentum ist real. Um der Sache auf den Grund zu gehen, muss man verstehen, wann und warum die entscheiden Weichen gestellt wurden, die unter anderem auch zu massiven Fehlentwicklungen geführt haben. Die unterschiedlichen Interessen bezüglich der Eigentumsfrage, aus Sicht der Konservativen, der Liberalen oder der Sozialisten, werden kurz mit der gebotenen Neutralität aufgezeigt; jede Sichtweise wird erst einmal kurz präsentiert, ohne sie gleich bewerten zu müssen.

Zu einem aus der Balance geratenen Kräfteverhältnis zwischen Bürgern und Großkonzernen schreibt der Autor Ulrich Gausmann:

„Um den absehbaren Kollaps hinauszuschieben, bleiben den aktuellen Machthabern nur zwei Optionen: entweder die systematische Enteignung der Bevölkerung oder die Entfesselung von Kriegen. Genau diese Situation erleben wir gegenwärtig, in der die Vertreter der Kapitalinteressen zunehmend autoritäre Maßnahmen zur Kontrolle und Unterwerfung der Menschen durchzusetzen versuchen. Die meisten westeuropäischen Länder, Deutschland eingeschlossen, befinden sich nach Einschätzung einer zunehmenden Zahl von Menschen bereits auf einem gefährlichen Weg in den Totalitarismus. Um dieser bedrohlichen Entwicklung entgegenzuwirken, braucht es eine starke und aufgeklärte Zivilgesellschaft. Deshalb scheint uns eine Bekanntmachung und breite Diskussion der Alternativen zum Kollaps jenseits der etablierten Informationsmedien ein zentrales Anliegen aller friedensorientierten Kräfte zu sein“ (Bittner, 2025, Seite 20).

Das Buch weist auf ganz konkrete Projekte hin, die Mut machen, entweder einzusteigen oder selbst etwas Neues zu kreieren. Vom Ackersyndikat, einem Modell der Landsicherung in Dorndorf-Steudnitz bei Jena, wo junge Menschen einen Hof mit Ackerland gekauft haben, um es dauerhaft zu entprivatisieren und in unverkäuflichen Gemeinschaftsbesitz zu überführen, über Repaircafés, in denen man sich trifft und, während man Kaffee und Kuchen verkonsumiert, auch noch sein Fahrrad reparieren lassen kann, bis hin zur MARO-Genossenschaft in Prien, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen mit und ohne Behinderung, mit und ohne Pflegebedarf, mit hohem und mit niedrigem Einkommen in gemeinsamen Wohnprojekten zusammenzubringen — jedes dieser Projekte macht Hoffnung; man denkt sich: Geht doch. Nicht meckern, machen!

Das Buch schließt mit einer Rückbesinnung auf ein partiell verloren gegangenes Wir-Gefühl und einer möglichen Antwort auf die Frage, warum man Projekte dieser Art angehen sollte: Sie helfen uns allen dabei, zusammenzukommen, die Gräben der vergangenen Jahre zu überwinden, Unterschiede auszuhalten, Kompromisse zu finden und diese dann auch als Erfolg zu bewerten, weil sie im besten Fall keinen zurücklassen.

„Erfolgreiche Gemeinschaften entwickeln Strukturen und Kulturen, die Konflikte nicht tabuisieren, sondern klären. Sie schaffen Räume und Verfahren, in denen unterschiedliche Perspektiven gehört werden, in denen Auseinandersetzungen geführt werden können, ohne dass die Beziehungen zerbrechen. Sie entwickeln die Fähigkeit, zwischen Sache und Person zu unterscheiden — eine Meinungsverschiedenheit über die Gestaltung des Gemeinschaftsgartens ist keine persönliche Feindschaft“ (Seite 218).

Es geht darum, ein Gefühl für Gemeinschaft wiederzuerlangen, wiederzuerlernen. Netflix ersetzt kein Kinoerlebnis, youTube kein Konzert, ein Tablet kein Buch und ein Zoom Call keine analoge Begegnung.

Natürlich ist es nicht im Interesse der Eliten, dass wir zueinanderfinden, denn löst man uns aus Gemeinschaften heraus, sind wir leichter zu manipulieren. Dagegen können wir mit der bewussten Suche zu einem Miteinander ein starkes Gegengift entwickeln.

„Die meisten Gemeinschaftsprojekte scheitern nicht an schlechten Ideen, sondern an Ungeduld und unregelmäßigen Kontakten. Die zeitgenössische Gesellschaft ist geprägt von der Erwartung schneller Lösungen. Diese Logik — entweder sofort Erfolg oder Aufgeben — vergiftet auch Gemeinschaftsarbeit. Gremien scheitern oft daran, dass sie sich unregelmäßig treffen und dann in kurzer Zeit große Fragen klären wollen.

Echte Gemeinschaften brauchen Rhythmus, wie ein lebendiger Organismus seinen Atem braucht. Regelmäßige Treffen, feste Frequenzen, verlässliche Strukturen — nicht spektakulär, aber notwendig. Zeitdruck ist ein Beziehungskiller. Wer unter Druck steht, kann nicht zuhören. Wer hetzen muss, kann nicht vertrauen. Wer schnell Ergebnisse liefern muss, kann nicht experimentieren.

Gemeinschaften, die über Jahre hinweg bestehen, haben meist eines gemeinsam: Sie haben einen verlässlichen Rhythmus gefunden, in dem sich Menschen regelmäßig begegnen können, ohne dass jedes Treffen spektakuläre Ergebnisse liefern muss. Der Wert liegt oft gerade im kontinuierlichen Prozess, nicht nur im sichtbaren Resultat“ (Seite 220).

Die Qualität der Gemeinschaft ist oft entscheidend und zeigt, ob ein Projekt gelingt oder nicht. Hier handelt es sich vielleicht um die Aufgabe, die am meisten Aufmerksamkeit benötigt und alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt:

„Es geht darum, über die aktuelle Stimmung in der Gruppe zu sprechen, auch wenn es schwerfällt. Die meisten Gruppen reden über ihre Ziele, ihre Projekte, ihre Strategien. Aber sie reden nicht darüber, wie sie miteinander umgehen. Sie thematisieren nicht, was im Hier und Jetzt virulent ist: Welche Emotionen sind präsent? Wo entstehen Spannungen? Wer fühlt sich überhört? Wo brodelt Ärger oder Enttäuschung? Das ist keine Psychotherapie, sondern dynamische Gruppenarbeit. Eine Gemeinschaft, die nicht über ihre eigene Qualität sprechen kann, ist wie ein Orchester, das nicht aufeinander hört — es wird nie harmonisch klingen, egal wie gut die Noten sind.

Dabei gehört der Widerspruch elementar dazu. Dialektisch betrachtet ist das Denken die Kunst des Streits, die Entfaltung des Widerspruchs in der Zeit. Zwischen ‚Sein‘ und ‚Nichtsein‘ ist das ‚Werden‘ zu Hause. Eine Raupe, die zum Schmetterling wird, ist auf dem Höhepunkt ihrer Verwandlung weder das eine noch das andere. Selbst der Unterschied zwischen Quantität und Qualität ist nicht starr: Zwei Haare sind keine Frisur, aber ab einer gewissen Menge von Haaren hat man es mit einer Frisur zu tun – in diesem Fall möglicherweise mit einer schlechten. Diese Übergänge, Kippmomente, Umschlagereignisse sind das Salz der Gemeinschaftsarbeit (Dath, 2018, Seite 46).

Das Ganze ist nicht die Summe seiner Teile, sondern deren Zusammenhang. In Gemeinschaften entstehen die fruchtbarsten Momente oft nicht im harmonischen Einverständnis, sondern in der produktiven Auseinandersetzung mit dem Widerspruch. Wo verschiedene Sichtweisen aufeinanderprallen, kann etwas Neues entstehen, was vorher nicht da war“ (Seite 221).


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Quellen und Anmerkungen:

Um den Schritt in die Unabhängigkeit zu unterstützen, hat der Autor Ulrich Gausmann vor einigen Jahren die Utopie-Akademie ins Leben gerufen .

Wie bei allen im Buch aufgeführten Beispielen, steht auch hier die analoge Begegnung, der reale Austausch mit Kollegen, das Miteinander und die Vernetzung im Mittelpunkt. Die 3. Tagung der Utopie-Akademie findet zwischen dem 22. und 25. Oktober im Golfhotel Fahrenbach in Tröstau (Fichtelgebirge) statt, vier Tage Praxiswerkstatt für Mittelstand und freie Berufe. Ein praxisorientiertes Treffen, das Werkzeuge anbietet, mit denen man seinen Betrieb sicher und unabhängig aufstellen kann.

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