„Stets sehen wir unsere eigenen Eigenschaften in anderen Menschen und denken, sie sind, wie wir wirklich sind. Und danach bewerten wir die Handlungen (einer Person) und geben Einschätzungen ab“ (Wladimir Putin im Interview, nachdem US-Präsident Joseph Biden ihn einen „Killer“ nannte).

Statt Flagge mal Strang zeigen. Israels Polizeiminister. Quelle: https://www.jpost.com/israel-news/article-883388
Erhängen
Seit geraumer Zeit fragt man sich, wie man des planetaren Chaos literarisch noch Herr zu werden vermag. Ich möchte an dieser Stelle auf einen Wesenszug der Kriegspropaganda hinweisen, der darin besteht, die eigenen Aktionen und Absichten dem Feind anzulasten, mit anderen Worten: Alles, was man selbst tut oder zu tun beabsichtigt, wird dem Feind in die Schuhe geschoben. Der sympathische Mann auf dem Foto ist Itamar Ben-Gvir, Israels Minister für nationale Sicherheit. Während von allen Seiten der medialen Front von drohenden Hinrichtungen im Iran die Rede ist (1) — welche durch den Strang vollstreckt werden —, ist bereits im November in der Knesset ein Gesetzesentwurf angenommen worden, der es dem israelischen Staat ermöglicht, die Todesstrafe an Palästinensern zu exekutieren, und zwar durch den Strang. Noch sind weitere Abstimmungen bis zum Inkrafttreten des Gesetzes nötig, was gewisse israelische Abgeordnete dazu animierte, sich einen Strick ans Revers zu heften — mit gutem Beispiel voran.
Die Todesstrafe ist in Israel nicht zu trennen vom Eichmann-Prozess: Der SS-Obersturmbannführer wurde nach seiner Entführung aus Argentinien am 31. Mai 1962 durch Erhängen hingerichtet. Seitdem kam die staatliche Exekution in Israel nicht mehr zum Einsatz, was sich nun ändern soll.
Ben-Gvir wäre auch anderen Tötungsarten nicht abgeneigt, wie die taz berichtet:
„Süßigkeiten verteilte der Nationale Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, als die Abgeordneten der Knesset den Gesetzentwurf in einer ersten Lesung billigten. Er und einige seiner Parteifreunde tragen seither eine goldene Schlinge mit dem Henkersknoten am Revers, was nur symbolisch gemeint sei. Ihm persönlich wäre erklärtermaßen auch der elektrische Stuhl oder eine Giftspritze recht“ (2).
Die Jüdische Allgemeine berichtete Ende des letzten Jahres von Plänen desselben Ministers, Gefängnisse für Palästinenser zu bauen, die von Krokodilen bewacht werden (3). Nur allzu leicht lassen sich derartige Vorhaben als pathologisch abtun. Stets ist es die eigene Unmenschlichkeit, die dem Feind attribuiert wird; die Worte Yoav Gallants, damaliger Verteidigungsminister Israels, sind nicht vergessen: „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und handeln entsprechend“ (4).
Unmenschen? Menschen!
Unmenschlich, inhuman, animalisch, barbarisch: Die Menschen haben stets neue Begriffe kreiert, um ihr genuin menschliches Handeln in die Nähe der Tiere zu rücken — als hätte je ein Bär einen Flammenwerfer benutzt oder ein Karpfen die elektrische Tortur an seinen Artgenossen durchgeführt. Es ist eine Eigenschaft des Menschen, sein eigenes Verhalten zu bestreiten, sogar im Moment der Tat, und sie einem anderen zuzuschieben. Vielleicht ist darin gar die Ursache der Feindschaft zu finden. Die Deutsche Wochenschau aus dem Jahre 1945 ist ein eindrückliches Zeugnis dafür, wie Realität und mediale Darstellung allein mithilfe eines Prokrustes-Bettes zur Deckung gebracht werden können: Die deutschen Truppen erkämpften Sieg um Sieg, sogar noch, als der Russe vor Berlin stand. Der Philologe Victor Klemperer kommentierte dazu trocken:
„Sie schreiben: ‚Unsere heldenhaft kämpfenden Truppen‘. Heldenhaft klingt wie Nachruf, verlassen Sie sich darauf. Seitdem hat heldenhaft in den Bulletins noch viele, viele Male wie Nachruf geklungen und niemals getäuscht“ (5).
Großmeister Joseph Goebbels erklärte das Prinzip der Propaganda einmal mit folgenden Worten:
„Das Wesen der Propaganda ist deshalb unentwegt die Einfachheit und die Wiederholung. Nur wer die Probleme auf die einfachste Formel bringen kann und den Mut hat, sie auch gegen die Einsprüche der Intellektuellen ewig in dieser vereinfachten Form zu wiederholen, der wird auf die Dauer zu grundlegenden Erfolgen in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung kommen“ (6).
Jene „Einsprüche der Intellektuellen“ waren den Propagandisten aller Länder stets ein Stachel im Fleisch — sorgen wir dafür, dass dieser weiter sticht und sticht und sticht.
Simulakrum
Die Kunst der Lüge ist eine komplexe, wie die Menschen aus der alltäglichen Erfahrung wissen; jedoch sind die Lügen des Alltags — die „kleinen Lügen“ der Menschen untereinander — von einer ganz anderen Qualität als die Lügen des Staates.
Machiavelli hat den Principe ausdrücklich zum Lügen aufgefordert, soweit seine Macht damit konsolidiert oder ausgeweitet wird: Kaum jemand wird, wenn er im alltäglichen Leben angelogen wird, annehmen, dass das exakte Gegenteil dessen, was er zu hören bekam, der Wahrheit entspricht; ein solches Vorgehen wird als zu dreist, zu unglaubwürdig und unrealistisch abgetan.
Dergleichen empfinden die Menschen jedoch auch gegenüber dem Staat: Dass ein Präsident die genaue Umkehrung dessen verlautbart, was die Wahrheit ist, erscheint ebenso unwahrscheinlich wie unverschämt. Gerade dies hat sich die Propaganda von jeher zunutze gemacht und heute perfektioniert. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte im November 2023, Israel habe „die moralischste Armee der Welt“.
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete wenige Monate später über Fotos und Videos israelischer Soldaten, auf denen diese mit der Unterwäsche palästinensischer Frauen posierten (7):

Die „moralischste Armee der Welt“ bei der Arbeit. Quelle: https://mondoweiss.net/2024/02/violating-intimacies/
Der Philosoph Jean Baudrillard hat den Begriff des Simulakrums geprägt und damit die völlige Austauschbarkeit der Begriffe und Normen im Zeitalter der Postmoderne bezeichnet:
„Überall die gleiche Genesis der Simulakren: die Austauschbarkeit des Schönen und Hässlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und des Falschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und Unnützen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Ebenen der Signifikation. Alle großen humanistischen Wertmaßstäbe, die sich einer ganzen Zivilisation moralischer, ästhetischer und praktischer Urteilsbilder verdanken, verschwinden aus unserem Bilder- und Zeichensystem. Alles wird unentscheidbar, das ist die charakteristische Wirkung der Herrschaft des Codes, die auf dem Prinzip der Neutralisierung und der Indifferenz beruht“ (8).
Diese Worte werden heuer fünfzig Jahre alt. Quintessenz der heutigen Kriegspropaganda — von der Kriegspropaganda ist jede andere Propaganda abgeleitet — ist, exakt das Gegenteil dessen zu sagen, was ist. Erkennt man dies allerdings, hat man damit ein Kriterium zur Hand, die Wahrheit zu finden. Wir leben in einem auf Dauer gestellten Gegenteil-Tag.
Postskriptum
Seit der Sanktionierung des Schweizer Militärs Jacques Baud durch den Rat der Europäischen Union (9), die allein aufgrund des Zitierens einer Aussage des ehemaligen ukrainischen Präsidentenberaters Alexey Arestowitsch erfolgte (10), können wir, kritische Geister und Schreiberlinge, nicht mehr sicher sein, dass wir nicht morgen ebenfalls auf dieser Liste landen. Selbst wenn wir alles korrekt mit Quellen belegen, kann es durch rein willkürliche Entscheidung passieren, dass uns aus den Zitaten ein Strick gedreht wird — an dem uns Ben-Gvir gerne aufknüpfen würde.
Dagegen hilft: sich nicht einschüchtern lassen! Und selbst wenn ich meine Texte irgendwann allein im stillen Kämmerlein mit Bleistift auf Klopapier schreiben muss — geschrieben werden sie doch!
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