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Weiße Schuld

Weiße Schuld

In seinem Buch über einen Sklavenaufstand in Guyana stellt Autor Thomas Harding interessante historische Fakten vor, scheitert aber an seiner eigenen politischen Korrektheit.

Politische Überkorrektheit nervt. Besonders dann, wenn ein ganzes Buch über die Zeit des Kolonialismus und der Sklaverei damit gefüllt wird. So ist es auch bei dem Buch „Weiße Schuld — Ein Sklavenaufstand und das Erbe der Sklaverei“ von Thomas Harding. Schon der Titel klingt anklagend und reproduziert die Vorstellungswelt einer pseudolinken Ideologie: Der Weiße Mann als das personifizierte Böse, das die Schuld an allem Ungemach in der Welt trifft. Keine Berücksichtigung findet der innerafrikanische Sklavenhandel, bei dem Schwarze andere Schwarze versklavt und an die Kolonialmächte verkauft haben, auch die Kriege und Unterdrückung in Afrika durch Afrikaner werden mit keiner Silbe erwähnt.

Hinzu kommt der an heutige Vorstellungen angepasste Sprachgebrauch. So wird selbst in erzählenden Kapiteln, die Szenerien aus der Zeit der Sklaverei nacherzählen sollen, das böse „N-Wort“ oftmals vermieden und durch „Sklave“ ersetzt, selbst in einem Kapitel, das den Verkauf schwarzer Sklaven auf einer Auktion nachstellt.

Immerhin geht der Autor im Anhang auf diese Anpassung ein und erklärt, dass in originalen Dokumenten jenes gefürchtete „N-Wort“ genutzt wird. Die Worte „Sklave“ und, wenn im Zusammenhang mit Sklaven verwendet, „verkaufen“ beziehungsweise „kaufen“, werden stets in Anführungszeichen gesetzt, sodass der Eindruck erweckt wird, dass die Schwarzen weder echte Sklaven gewesen seien, noch ge- und verkauft werden konnten. Beides ist eine grobe Geschichtsfälschung, denn nach der damaligen Rechtslage handelte es sich bei den schwarzen Sklaven eben um Sklaven, und sie konnten erworben und veräußert werden. Das muss einem heute nicht gefallen, man sollte aber die historische Realität akkurat wiedergeben.

Perspektivenvielfalt

All die politische Überkorrektheit und die Anpassung an heutige Standards verzerren die historische Wirklichkeit und tadeln sie zudem in einer moralisierenden Weise. Das ist schade, denn, sieht man einmal von den kurzen Abschnitten zwischen den eigentlichen Kapiteln ab, in denen der Autor von den meist erfolglosen Versuchen berichtet, seine Mitmenschen moralisierend zu bekehren, erzählt das Buch eine interessante Geschichte eines Sklavenaufstandes in der britischen Kolonie Demarrara im heutigen Guyana, der im Jahr 1823 stattfand. Basierend auf historischen Dokumenten und gut recherchiert erzählt Harding aus wechselnden Perspektiven von den Ereignissen in der Kolonie, in der damals Zuckerrohr für Großbritannien angebaut und verarbeitet wurde.

Dabei vermittelt er einen interessanten, ja wichtigen Einblick in das Leben innerhalb einer solchen Kolonie. Als wichtigste Perspektiven werden die des Sklaven Jack Gladstone und die John Smiths, eines christlichen Missionars, geschildert. Doch auch die Perspektive John Gladstones, eines englischen Politikers und des Besitzers der Plantage, auf der Jack arbeitet, flicht der Autor immer wieder ein und vermittelt dadurch einen vielschichtigen Blick auf die unterschiedlichen Einstellungen und Interessen.

Zunächst schildert er den Aufbau der Kirchengemeinde in Georgetown, der Stadt, zu welcher die Plantagen gehören. Dort kommen die Sklaven zum ersten Mal mit der christlichen Religion in Berührung. Einige von ihnen bringen sich in die Gemeinde und die Arbeit in jener ein. Der Missionar John Smith wird dorthin versetzt und übernimmt die Gemeinde, die nur aus schwarzen Sklaven und einigen Freien besteht, und erlebt dabei das tägliche Elend und Leid derselben. Den örtlichen Gutsverwaltern und Plantagenbesitzern ist die Christianisierung der Sklaven jedoch ein Dorn im Auge, da sie befürchten, dass John Smith, der die Sklaverei verabscheut, sie zur Rebellion erziehen könnte. Dadurch entsteht alsbald ein Konflikt, denn sie erlauben ihren Sklaven nicht länger, die Kirche zu besuchen.

Für Jack selbst gibt allerdings die ungerechte Behandlung seitens der Sklavenhalter den Ausschlag. Denn Jack wird dafür bestraft, dass er eine Affäre mit einer anderen Sklavin anfängt. Ob es sich dabei nur um eine haltlose Anschuldigung handelt oder dies tatsächlich der Wahrheit entspricht, wird allerdings nicht ganz klar. Sowohl die Sklavin, als auch Jack werden dafür an den Pranger gestellt. Der Umstand, dass die Sklavenhalter darüber bestimmen können, wie die Sklaven zu leben haben, missfällt ihm, und so fasst er den Entschluss, dass etwas getan werden muss.

Schon einige Jahre zuvor hatte es in einer anderen karibischen Kolonie einen erfolgreichen Sklavenaufstand gegeben, der zur Gründung des unabhängigen Staates Haiti geführt hatte. Weitere Ermutigung erfährt Jack, als in Demararra das Gerücht eines Beschlusses des britischen Parlaments die Runde macht, nach dem die Sklaven in Demarrara in die Freiheit entlassen werden sollen. Die koloniale Verwaltung allerdings will diesen Beschluss nicht umsetzen, und so organisiert Jack die Sklaven. Er plant mit ihnen einen Aufstand, um die Regierung dazu zu zwingen, ihnen die Freiheit zu geben.

Die Organisation des Aufstandes an sich beschreibt der Autor kaum. Er erklärt lediglich, dass die Sklaven heimlich vorgehen und ein Netzwerk aufbauen, um Mitstreiter anzuwerben. Die Vorbereitung dauert ganze sechs Wochen, dann beginnt die Erhebung. Eine nach der anderen übernehmen die Sklaven die Plantagen und sperren die Eigentümer ein. Zu Gewalt gegen diese kommt es dabei kaum. Der Aufstand soll friedlich verlaufen und lediglich Druck aufbauen, um die Sklaven zu befreien. Dennoch nehmen sie auch Waffen an sich, hauptsächlich um ihre Eigentümer davon abzuhalten, sie einzusetzen. Bis zu 4.000 Sklaven kommen auf diese Weise zusammen, bewaffnet mit Gewehren, Säbeln, Macheten.

Der Aufstand bleibt selbstverständlich nicht unbemerkt, und so wird die lokale Miliz in Bewegung gesetzt, ihn niederzuschlagen. Von der Hauptstadt Georgetown aus setzt sie sich in Bewegung, um die Eigentümer zu befreien. Dabei schießt sie auch Sklaven nieder oder nimmt sie gefangen. Als schließlich die Miliz auf die 4.000 Sklaven stößt, kommt es zum Showdown, einem Massaker an der schwarzen Bevölkerung. Jack und einigen seiner Mitverschwörer gelingt es noch, zu entkommen und sich im Dschungel zu verstecken, bis sie irgendwann aufgegriffen werden.

Einseitige Gerichtsprozesse

Jack wird festgesetzt und ins Gefängnis geworfen. Im nächsten Abschnitt beschreibt der Autor die Gerichtsverhandlung gegen Jack, die von Einseitigkeit geprägt ist. Man gewinnt den Eindruck, die Sklaven seien alle schon vorverurteilt worden und der Prozess solle nur die formelle Verurteilung begründen. Nachdem Jack zum Tode verurteilt, jedoch aus politischen Gründen begnadigt wird, kommt es noch zu einem weiteren, aufsehenerregenden Prozess.

Der Missionar John Smith sitzt ebenfalls auf der Anklagebank. Denn nicht nur hat er sich geweigert, in der Nacht des Aufstandes der Miliz beizutreten, um mitzuhelfen, den Aufstand niederzuschlagen, sondern ihm wird auch vorgeworfen, die Sklaven zum Aufstand ermutigt zu haben. Als Leser verfolgt man einen Prozess, der vor Einseitigkeit nur so strotzt.

Denn John Smith hat zu keiner Zeit, obwohl erbitterter Gegner der Sklaverei, die Sklaven zum Aufstand ermutigt. Im Gegenteil, er hat sie sogar zu Geduld ermahnt und versucht, sie von Gewalt abzuhalten. Das Verfahren ist voller Widersprüche und hielte rechtsstaatlichen Standards nicht im Mindestens stand. Dennoch wird John Smith zum Tode verurteilt, allerdings mit der Empfehlung zur Begnadigung, sodass die Möglichkeit besteht, ihn einfach aus der Kolonie zu verbannen.

Die Geschichte um den Sklavenaufstand in Demararra ist deswegen interessant, weil sie ein normalerweise eher verschwiegenes Kapitel des Kolonialismus beleuchtet. Denn die Kolonien waren keineswegs so befriedet und sicher, wie man glauben würde.

Immer wieder kam es zu Aufständen, in denen sich die versklavte Bevölkerung gegen ihre Unterdrücker aufgelehnt hat. Der erfolgreichste Fall ist wohl die Gründung Haitis. Hier ist es den Sklaven nicht nur gelungen, die Kolonialherren von der Insel zu vertreiben, sondern zudem sowohl der britischen als auch der französischen Armee zu trotzen, die beide versuchten, die Insel zurückzuerobern.

Der Autor beschreibt dabei nachvollziehbar die Motive der Sklaven. Basierend auf historischen Dokumenten, wie etwa den Gerichtsakten, beschreibt er den Alltag in der Kolonie Demarrara, die als die brutalste Kolonie Großbritanniens galt. Die Sklaven wurden hier unterdrückt und mit wenig Rücksicht behandelt. Sie bekamen wenig zu essen, mussten lange arbeiten und wurden für die geringsten Vergehen schwer bestraft. Gleichzeitig zeigt Harding auf, welche wirtschaftlichen Interessen die Sklavenhalter, die oftmals gar nicht persönlich vor Ort waren, an der Sklaverei hatten. Die Sklaven stellten aus ihrer Perspektive ihr Eigentum dar, und nur durch die Sklaverei war die Zuckerherstellung überhaupt profitabel. Tatsächlich waren die Kolonien, in denen Zuckerrohr angebaut wurde, die profitabelsten Kolonien Großbritanniens.

Schuld

Zu Beginn schlägt der Autor einen missionarischen Ton an. Er macht deutlich, was seine Motivation ist, dieses Buch zu schreiben: Seine Vorfahren haben von Kolonialwaren gelebt, indem sie Tabak verkauft haben. Zwar haben sie keine Kolonien oder Sklaven besessen, trotzdem erfüllt den Autor dieser Umstand, der auf einen großen Teil der damaligen britischen Bevölkerung zutrifft, mit einem Gefühl von Schuld, von der er sich offenkundig reinzuwaschen versucht, auch wenn er beteuert, dass dies nicht sein Ziel sei.

In gewisser Weise macht er damit die Geschichte der Versklavung Schwarzer wieder zu einer Geschichte eines Weißen, nämlich seiner weißen Schuld, wie das Buch ja auch betitelt ist.

Der missionarische Reinwaschungsversuch eines politisch korrekten Gutmenschentums ignoriert darüber das Leid der Schwarzen erneut. Allerdings wird er zumindest zum Teil im Laufe seiner Recherchen von seinem Schuldgefühl befreit. Denn in kurzen Zwischenkapiteln beschreibt er zunächst seine erfolglosen Missionierungsversuche in seinem Umfeld, das sich nicht so recht mit der Geschichte der Sklaverei beschäftigen will. Man solle, so wird gesagt, nach vorne schauen, anstatt immer nur zurück. Was er bei seinen weißen Freunden noch für eine Vermeidungsstrategie hält, um sich nicht mit der eigenen Verantwortung beschäftigen zu müssen, bekommt er aber auch zu hören, als er nach Guyana reist und sich mit Einheimischen, Nachfahren der Sklaven oder Politikern trifft.

Diese erzählen ihm, dass sie zwar eine Aufarbeitung für wichtig und sinnvoll halten, dass diese aber nicht aus der Perspektive der Weißen mit ihrer Schuld heraus betrieben werden kann, was zumeist der Antrieb sei. Auch sei es wenig sinnvoll, immer nur zurückzuschauen. Man müsse lernen, nach vorne zu sehen. Auf die Frage, ob es Reparationszahlungen geben müsste — auf die Harding irgendwie zu beharren scheint — wird ihm gesagt, dass diese erfolgen könnten, wenn sie nicht der einzige Aspekt der Aufarbeitung und Versöhnung blieben. Es müsse, so sagen auch lokale Politiker, eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung geben.

Es zeigt sich, dass die Nachfahren der Opfer von Sklaverei ein viel differenziertes Weltbild haben als die westlichen Missionare, die sich lediglich in ihrer Schuld suhlen, um sich auf diese Weise in die Opferhaltung ihrer eigenen Geschichte zu begeben, ein Reflex, den wir auch in Deutschland angesichts der deutschen Vergangenheit kennen und der schnell wieder zur Täterhaltung führen kann. So beschreibt das Buch nicht nur eine interessante Geschichte, gibt nicht nur einen wichtigen Einblick in die Sklaverei, sondern zeigt auch, wie ein eifernder Missionar der britischen weißen Mittelschicht an seiner eigenen Ideologie scheitert und mit der Realität in Berührung kommt.


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