Ein langer Weg
Die Schlagzeile von „kontrast.at“ lautete:
„Finnland schafft es: Bald gibt es keine Obdachlosigkeit mehr!“
Sie stammt aus dem Sommer 2019 und beweist, dass Finnland sich entschieden hatte, einen langen Weg zu gehen. Noch im Jahr 2008 gab es in Helsinki Hütten und Zeltdörfer, die sich Obdachlose mit Müh und Not selbst zusammengebaut hatten. 2019 war man schon einen großen Schritt weiter beim Kampf gegen die Obdachlosigkeit, und heute sieht es noch um einiges besser aus.
Wie weit der Weg ist, den man gehen muss, um Obdachlosigkeit zu bekämpfen, zeigt die Tatsache, dass es in Finnland schon in den 1980er Jahren den Anspruch gab, Wohnungslosigkeit zu bekämpfen. Der Grund für diese kontinuierliche Arbeit mag bei einzelnen Politikern durchaus Freundlichkeit sein — doch Obdachlosigkeit stellt auch einen Kostenfaktor dar. In Finnland stellte sich heraus, dass die Notunterkünfte immer zu knapp waren, und viele Finnen ohne Wohnung waren aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht imstande, sich selbst aus ihrer Notlage zu befreien.
Der vielleicht wichtigste Punkt ist die psychische Belastung von wohnungslosen Menschen. Auf Bänken oder unter Brücken zu schlafen, ist nicht nur unbequem und — besonders im Winter — gefährlich. Eine solche Lage versetzt dem Selbstvertrauen einen empfindlichen Schlag; denn wer keine Wohnung hat, ist in vielen Lebensbereichen angreifbar, und zwar sowohl auf der psychischen als auch auf der physischen Ebene. Schließt der Ottonormalbürger gegen Einbruch, Wasserschäden oder andere unerwünschte Ereignisse eine Hausratversicherung ab, hat der Obdachlose diese Wahl nicht.
Der eingeschlagene Weg in Finnland begann im Jahr 2007, als man sich auf der politischen Entscheider-Ebene die Lage am Wohnungsmarkt ansah. Da die Erkenntnisse von damals alles andere als positiv waren, entschloss man sich zu einem gewagten Schritt: Die Obdachlosigkeit sollte bis 2027 — also innerhalb von 20 Jahren — auf null reduziert werden. An diesem Punkt ist man 2026 noch nicht; doch das Konzept „Housing first“ hat sich einen Namen gemacht und bleibenden Eindruck hinterlassen.
Was ist „Housing first“?
Die Entstehung von „Housing first“ folgt einer recht simplen Erkenntnis: Notunterkünfte brennen sich im übertragenen Sinne bei den Menschen, die in ihnen leben, ein.
Untersuchungen und Befragungen haben gezeigt, dass die wenigsten Menschen aus den Notunterkünften wieder herauskommen, wenn sie dort erst einmal gelandet sind. Es ist ein Teufelskreis: Man zieht in eine Notunterkunft, hat also zunächst seine Wohnung verloren. Es folgt der Verlust des Selbstvertrauens, womit Lethargie, Hoffnungslosigkeit und psychische Probleme einhergehen.
Beim „Housing first“ soll jeder Obdachlose eine Wohnung bekommen. Keine Unterkunft auf Zeit oder Gemeinschaftsschlafplätze, sondern eine richtige Wohnung. Zu der gehört auch die Zahlung von Miete und Nebenkosten, die ehemals Obdachlosen werden in jeder Hinsicht zu vollwertigen Mietern — mit allen Rechten und Pflichten.
Der Unterschied zum sonst üblichen Vorgehen steckt bei „Housing first“ schon im Namen. Während es weitverbreitet ist, dass Wohnungslose zunächst einmal einen Job brauchen und/oder mit ihrem Alkohol- oder Drogenproblem fertigwerden müssen, bevor sie Aussicht auf eine dauerhafte Bleibe haben, geht Finnland den umgekehrten Weg: Zuerst einmal ist das Wohnen dran! Denn Untersuchungen, Befragungen und Studien haben gezeigt, dass es leichter ist, aus krisenhaften Situationen herauszukommen, wenn man sich auf das beruhigende Gefühl verlassen kann, eine Wohnung zu haben.
Die Idee zum Konzept von „Housing first“ basiert auf den Überlegungen des Psychologen Sam Tsemberis. Dabei wird davon ausgegangen, dass der Wohnraum eines Menschen nicht als Ziel, sondern als Ausgangspunkt betrachtet wird. Die Betroffenen von Wohnungsnot sind in der Regel Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Einschränkungen, Suchterkrankungen, aber auch verschiedenen Formen von Behinderungen. Während also potenzielle Wohnungslose oft keine Hilfe bekommen, setzt „Housing first“ an dem Punkt an, erst einmal eine Grundlage zu schaffen, damit die sonstigen Probleme angegangen werden können. Und auch bei denen erhalten die Betroffenen dann Hilfe. Wird das Modell angewendet, können in den meisten Fällen vier von fünf Obdachlosen in Wohnungen vermittelt werden — ein wirklich guter Wert.
Wer soll das bezahlen?
Könnte „Housing first“ auch für Deutschland ein Modell sein? Die politisch Verantwortlichen würden jetzt wahrscheinlich abwinken. Zu teuer, klar! Wenn man bedenkt, was derzeit alles an Streichungs- und Kürzungs-Ideen durch die Medien geht, und wenn man daran denkt, dass selbst die Zahnarztbehandlung künftig nicht mehr durch die Krankenkassen übernommen werden soll, ist der Gedanke an „Housing first“ wohl ein wenig naiv. Könnte man zumindest denken.
Und tatsächlich musste Finnland in den ersten Jahren des Projekts 270 Millionen Euro investieren. Die Wohnungen mussten zum Teil erst gebaut werden, doch auch Renovierungen oder der Ankauf bereits vorhandener Wohnungen gingen ins Geld. Was allerdings noch teurer ist als diese finanziellen Maßnahmen, ist die Obdachlosigkeit selbst. Die anfallenden Kosten für den Staat betreffen Verletzungen, Übergriffe, Zusammenbrüche und Polizeieinsätze auf der einen Seite, aber auch Belastungen des Gesundheitssystems und der Justiz auf der anderen. Hinzu kommen die Kosten, die durch Süchte oder psychische Erkrankungen entstehen.
Ein weiterer Punkt ist die emotionale Seite, die durchaus wirtschaftliche Auswirkungen haben kann. Leben in einer Stadt oder einem Land keine Menschen auf der Straße, verändert sich die kollektive psychische Verfassung zum Positiven.
Auch die Kriminalität geht zurück; das in Deutschland schon berühmt-berüchtigte Stadtbild wird durch „Housing first“ schöner, sicherer und lebendiger.
Garantiert: keine Garantie
Der Anspruch, die Obdachlosigkeit vollständig zu beenden, ist ambitioniert und bisher nicht gelungen. Dennoch, in vier von fünf Fällen wird der Neustart aus der Wohnungslosigkeit geschafft. Bei 20 Prozent der Fälle steigen die Betroffenen vorzeitig aus, etwa, weil sie bei Verwandten oder Freunden unterkommen oder an der regelmäßigen Mietzahlung scheitern. Doch sie bekommen eine weitere Chance und können einen erneuten Versuch starten.
Bei Frauen sieht es etwas besser aus: Zum einen nutzen sie häufiger die Option, woanders unterzukommen und sich von der Familie oder Freunden helfen zu lassen. Zum anderen gibt es in Finnland insgesamt weniger Frauen ohne Wohnung.
Wie geht es weiter?
Die Finnen bleiben ambitioniert. Bis 2027 wollen sie die Obdachlosigkeit endgültig beseitigt haben. Das ist ein kleines Zeitfenster, aber die Zahlen der Vergangenheit lassen Hoffnung aufkommen, dass der Prozess auch weiterhin erfolgreich verlaufen wird. Zwischen 2008 und 2022 ist die Obdachlosigkeit in Finnland immerhin um beachtliche 68 Prozent zurückgegangen.
Der Kosten-Nutzen-Faktor beim „Housing first“ wird in Finnland mit einer Summe von 15.000Euro pro Person und Jahr angegeben. Die Bereitstellung beziehungsweise Vermittlung von Wohnraum entlastet das Gesundheitssystem und erspart die Kosten für Notunterkünfte und die weiter oben angeführten Bereiche.
Kritiker merken an, dass die spezielle Zielgruppe für „Housing first“ sehr betreuungsintensiv und damit teuer ist. Menschen mit Suchterkrankungen oder psychischen Erkrankungen benötigen naturgemäß einen hohen Betreuungsschlüssel, es wird also zusätzliches Personal gebraucht.
Doch was sind die Alternativen? In Deutschland wird die Lage rund ums Wohnen immer brisanter, ein Ende ist nicht abzusehen. Damit steuert das Land offen auf eine Katastrophe zu. Doch dass dies kein Grund zum Umsteuern ist, sieht man beispielsweise an der seit Jahren und Jahrzehnten steigenden Alters- und Kinderarmut; eine Armut übrigens, die sich wie ein kalter Nebel in immer mehr Schichten des gesellschaftlichen Lebens hineinfrisst.
Und so wird in Deutschland vermeintlich gespart, weil auf Maßnahmen wie „Housing first“ verzichtet wird. Doch am Ende wird es teuer, richtig teuer. Und die psychischen Belastungen und Erkrankungen der Betroffenen nehmen weiter zu. Das ist allerdings nichts, was die Bundesregierungen der letzten Jahre interessieren würde.
Im Zweifel wird das Argument ausgepackt, das sich etabliert hat: Die Schuld wird den Betroffenen selbst gegeben. Frei nach dem Vorwurf an Arbeitslose, die sich über ihre Situation beklagen:
Wer Arbeit sucht, der hat auch welche.
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