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Letzte Chance einer alten Utopie

Letzte Chance einer alten Utopie

Die Bürger sehnen sich nach einem funktionierenden Europa, das dem Frieden verpflichtet ist. Auszug aus „Endlich Europa. Wie die europäische Republik wahr wurde“.

Ist Europa noch zu retten? Die EU ist es jedenfalls nicht. Allen voran hat die korrupte Präsidentin der europäischen Kommission „Ursula von der - ä - Leyen“ (Martin Sonneborn) seit Langem jede Glaubwürdigkeit verspielt. Der Kriegskurs der Bellizisten nimmt gehörig Fahrt auf, die deutsche Regierung, als Motor der EU, ist mal wieder ganz vorn dabei und mischt beim Russland-Bashing kräftig mit.

VW soll Waffenteile bauen, Ärzte lernen an Hamburger Kliniken seit 2023, wie man Gliedmaßen amputiert, die ersten Zwangsmusterungen sind angelaufen, die Wehrpflicht wird heiß diskutiert, der Spannungsfall ist in aller Munde, in der Kindersendung LOGO beschwert sich ein deutscher Marschflugkörper darüber, dass er im Gegensatz zu seinen britischen und französischen Kollegen noch nicht zum Einsatz kommt, Drohnenvorfälle werden pauschal, ohne jeden stichhaltigen Beweis, dem Russen untergejubelt — Kriegspropaganda auf allen Kanälen.

Das ehemalige Friedensprojekt EU ist gescheitert. Die meisten Konzernmedien stehen, wie schon bei Corona, Gewehr bei Fuß, und wirbeln kräftig auf den Kriegstrommeln. Kritiker innerhalb der Parlamente prallen mit ihren Warnrufen bezüglich einer drohenden Eskalation an den eiskalten Gestalten der Führungsriege ab. Handelt die EU überhaupt noch im Interesse ihrer Bürgerinnen und Bürger?

Ob mangelnde Transparenz (Pfizergate), Klimapanik und daraus resultierenden sinnfreie CO2-Verordnungen, Kriegsvorbereitung, mangelnde Aufklärung des größten Anschlags auf die Energieversorgung Europas seit dem Zweiten Weltkrieg und vieles mehr: Nur selten dreht es sich um die Nöte der Menschen. So weit im Westen nichts Neues.

Aber was ist mit Europa an sich, die EU in ihrer bestehenden Struktur mal weggedacht? Was ist mit den knapp 744 Millionen Menschen, Russland eingeschlossen — das unbestritten zu Europa gehört —, die im Großen und Ganzen gut miteinander klarkommen und dem Elfenbeinturm dieser EU sowieso schon lange den Rücken gekehrt haben?

Ulrike Guérot ist eine der glühendsten Kämpferinnen für eine Europäische Republik. Ein Bürger-Europa, das sich seiner unterschiedlichen Kulturen bewusst ist, aber immer auf Augenhöhe miteinander agiert oder wie es Ulrike Guérot selbst erläutert:

„Egal, ob es um die knapp 600.000 europäischen Bürgerinnen und Bürger aus Malta oder jene rund 84 Millionen aus der Bundesrepublik Deutschland geht, die regional vom Rheinland bis Sachsen sehr vielfältig, aber in der Europäischen Republik gleich vor dem Recht sind: E Pluribus Unum, in Vielfalt geeint! Die Europäische Republik ist der Gegenentwurf zur EU: Sie ist sozial, demokratisch, neutral und in regional vielfältig, denn Europa ist kulturell viel mehr als seine Nationen.“

Es geht um ein Europa des ergebnisoffenen Diskurses, das vor allem von dem Wunsch getragen ist, einander respektvoll zu zuhören und Unterschiede auszuhalten, ein Europa, das darüber hinaus bescheiden bleibt, seine Grenzen kennt und als oberstes Gebot, gerade bei Konflikten, die Diplomatie nie aufgibt.

Hier ist ein Auszug aus Ulrike Guérots neuem Buch „Endlich Europa“, das am 12. Oktober 2026 im Westend Verlag erscheint. Eine 100-prozentige Kaufempfehlung.

Klappentext

Vor zehn Jahren schrieb Ulrike Guérot den Bestseller „Warum Europa eine Republik werden muss“. Eine politische Utopie. Jetzt holt sie die Utopie in die Realität! Denn die Europäer sehnen sich nach einem funktionierenden Europa: diplomatisch, dem Frieden verpflichtet und neutral. Politisch geeint, sozial, gerecht und modern. Dezentral, emanzipiert, souverän und einflussreich in der Welt. Mit starken Regionen statt unterjochten Nationalstaaten. Der Welt zugetan statt arrogant. Klassische Ästhetik statt Postmoderne, europäische Kultur statt westlichem Einheitsbrei. Geschichte und Rückgrat statt Selbstaufgabe. Friedensordnung mit Russland statt Prügelknabe der USA: Das alles ist die Europäische Republik, und hier fängt sie an … Alles zum Buch und noch mehr auf der Website.

Der Zusammenbruch

Ab 2027 ging dann wirklich alles ganz schnell. Zuerst gewann Marine Le Pen im Mai 2027 die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, was sich natürlich auch auf Deutschland auswirkte. Die Ukraine kollabierte erwartbar und eher geräuschlos im Frühjahr 2027. Im Sommer 2027 stürzte dann Friedrich Merz — es gab Neuwahlen und eine blau-schwarze Regierung. Mit Le Pen in Frankreich, Giorgia Meloni in Italien und der AfD endeten die europäischen Kriegskredite für die Ukraine abrupt, und zwar dank der Ost-AfD, die sich gegen die West-AfD, die noch lange Zeit in Donald Trump vernarrt war, hatte durchsetzen können. Kurz danach sackte alles auf einmal in sich zusammen: die EU, die NATO und einige europäische Staaten. Gefolgt von einem Dahindämmern über viele Jahre. Schaut man in die Geschichte, so haben immer nur wenige Staaten oder Königshäuser viele Jahrzehnte oder gar ein Jahrhundert überlebt, vor allem in Europa in den letzten drei Jahrhunderten. Eigentlich nichts Neues also! Das hatte man in Europa aber vergessen, und als es dann um 2030 herum passierte, waren alle überrascht und erschrocken. Die Generationen seit 1945 hatten so etwas ja auch nicht mehr erlebt, und EU-Europa war etwa seit dem Millennium von einer kolossalen Geschichtsvergessenheit befallen gewesen.

Die Generationen davor, also die der Urgroßeltern und Großeltern, hatten im letzten Jahrhundert zwischen 1901 und 1989, also vom Kaiserreich bis zur wiedervereinigten Bundesrepublik, immerhin noch vier Systembrüche erlebt, was man bei Fritz Stern, dem großen Historiker, in seinem Buch „Five Germanies I Have Known“ (Fünf Deutschlands, die ich gekannt habe) nachlesen konnte. Denn nichts ist für die Ewigkeit! Auch nicht die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Ewigkeitsklausel im Grundgesetz, wie man dann ab 2030 gesehen hat. „Saecula Saeculorum“, sagten die Christen darum: Von Ewigkeit zu Ewigkeit! Eigentlich ist es kein Wunder, dass weder die meisten EU-Staaten noch die EU selbst heil durch die Nachwehen des russisch-ukrainischen Kriegs gekommen sind, denn eigentlich ist eine Neuordnung der Staatenwelt nach einem Krieg Usus. Anders formuliert: Genau dazu dienen Kriege!

Dabei gab es schon damals lustige Filmchen im Internet, in denen die Staaten- und Grenzbewegungen in Europa seit rund eintausend Jahren im Zeitraffer gezeigt wurden: So schnell kann man gar nicht gucken, wie vor allem in der Mitte Europas Staaten kamen und gingen und Grenzen sich verschoben haben. Aber die Europäer hatten 1989 das Ende der Geschichte eben sehr ernst genommen …

Mit dem Zusammenbruch von EU, NATO und vieler EU-Staaten in den Jahren ab 2030 zerfiel die politische Ordnung auf dem ganzen europäischen Kontinent. Nur der Euro zerbrach nicht, den konnte die EZB für eine kurze Zeit eigenständig notsichern, um das allergrößte Chaos zu verhindern.

Die schwarz-blaue Bundesregierung erwies sich als zu zerstritten, und irgendeinen brauchbaren Plan hatte sie auch nicht, um den Zerfall der Bundesrepublik aufzuhalten. Genauso wenig die Linke Front, in der sich vor den Wahlen 2029 der Rumpf der SDP mit den Linken zusammengeschlossen hatte. Frankreich wurde ebenfalls hinweggefegt. Die Bretonen wollten auf einmal nichts mehr mit den Korsen zu tun haben. Groß-Elsass hatte sich für unabhängig erklärt, Savoyen ebenfalls. Okzitanien hatte sich aus einem Stückchen Frankreich und den iberischen Inseln wieder rekonstruiert. Viele Regionen nutzten die Gunst der Stunde, um sich für unabhängig zu erklären, teilweise auch, um Marine Le Pen loszuwerden. Es folgten in kurzer Abfolge der Zerfall Belgiens in einen flämischen und einen wallonischen Teil, dann der von Spanien, weil die Basken und die Katalanen ihre Chance für einen Austritt aus dem Königreich witterten, was wiederum Tirol animierte, seine Autonomiebehörde auszuweiten und sich sowohl von Österreich als auch von Italien zu lösen. Im Norden hatte sich das Baltikum zu einem größeren Ostseeraum zusammengeschlossen, diesmal mit Finnland. Auch der europäische Osten sortierte sich neu. Anfang 2030 entstand, ausgehend von Ungarn und Peter Magyar, das Konzept eines Donauraums, der Österreich und Slowenien umfassen sollte, das alte Habsburg sozusagen. Ein einziges „Rette sich, wer kann“. Wenn staatliche Strukturen erst einmal bröckeln, dann gibt es kein Halten mehr. Da war Europa Mitte der 2030er-Jahre nach dem Zusammenbruch der EU, die doch irgendwie alles zusammengehalten hatte, also erst einmal gelandet: in der völligen Zerklüftung!

Die ehemalige Bundesrepublik war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die DAX-Betriebe waren im Ausland. Die Funktionseliten — zum Beispiel Ärzte oder Unternehmer — hatten schon vorher zuhauf das Land verlassen, circa 300 000 pro Jahr. Die junge digitale Community war mobil und fluide, von Vietnam über Estland bis Paraguay. Die Kinder der Reichen waren auf Internaten im Ausland. Der untere Rest musste mit verfallenen Schulen, maroden Brücken und einer meist verspäteten Bahn leben. Es war wirklich dramatisch zu sehen, wie ein ganzes Land in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus.

Die Übergangsjahre 2030 bis 2040: Überleben im Chaos

Zu Beginn der 2030er-Jahre wurde es also erst einmal ungemütlich. Das Machtvakuum in Europa machte sich bemerkbar. Ein paar EU-Bürokraten wollten eine autoritäre EU errichten und gründeten die Berlaymont-Milizen. Diese wurden unterstützt von ukrainischen Faschisten, die aus Rache über die Niederlage gegen Russland überall in Europa Terroranschläge verübten. Als Erkennungsmerkmal kombinierten sie die blaue EU-Flagge mit den gelben Sternen mit einer ukrainischen Fahne, die blaue Sterne auf gelbem Grund hatte. Beide Fahnen schob man ineinander. Da die Amerikaner aber Europa den Rücken gekehrt hatten, denn der Kontinent hatte nichts mehr zu bieten, was für sie von Interesse gewesen wäre, fehlte die militärische Unterstützung, auf die die Ukrainer gesetzt hatten. Mithilfe russischer Einheiten und einer bewaffneten Mission der BRICS konnten die Berlaymont-Milizen schließlich entwaffnet werden.

Die Ukraine war inzwischen eine einzige Ruine, ein „failed state“, sozusagen der Irak Europas. Nach sieben Jahren Krieg und Auswanderung war die Bevölkerung von noch rund 40 Millionen vor dem Maidan auf nur zehn Millionen geschrumpft. Es gab keine Industrie, keinen Handel und keine Energie mehr. Bis auf einige städtische Knotenpunkte fand sich das Land zurück ins 19. Jahrhundert katapultiert. Russland wahrte mit großen Pufferzonen Abstand, um die eigene Bevölkerung vor Vergeltung zu schützen. Östlich und südlich der Ukraine brach ein Goldenes Zeitalter an. Russland und der Kaukasus wurden zum wirtschaftlichen Motor Eurasiens und dienten als Brücke nach Indien und ins inzwischen sagenumwobene China, dem neuen Arkadien. Dazu hatte der Iran etwa zum gleichen Zeitpunkt den Krieg gegen die USA endgültig gewonnen, was einigen klugen Beobachtern schon seit Sommer 2026 klar war, aber im „Noch-Westen“ kurz vor seinem Zusammenbruch natürlich anders erzählt wurde. Die Straße von Hormus wurde unter ein Kontrollsystem der BRICS-Staaten gestellt, was das Ende des Petrodollar-Systems und mithin der US-Hegemonie bedeutete.

Das alles konnten Europäer nur mit Wehmut aus der Ferne bewundern. Die meisten waren mit dem alltäglichen Überleben beschäftigt. Es gab zwischen 2030 und 2040 rund zehn Jahre Chaos und große soziale Verwerfungen. Gated Communities der Reichen. Raubrittertum. Separatistische Bewegungen. Kleinkriege, Stadtflucht, Schwarzmärkte, Hausbesetzungen, Kommunen auf dem Land, Partisanen und rechte Freischärler in Vorstädten, leere Bürotürme, eigene Knarren zur Verteidigung, keine Schulpflicht, ein brachliegendes Steuersystem. Die Versorgung wurde über zentrale Depots für Nahrungsmittel meist regionaler Herkunft sichergestellt. Wer etwas Boden besaß, wurde Selbstversorger. Es war eine Mischung aus kaputter Dystopie, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen kennt, und Mittelalter. Es waren die Salden im Finanzsystem, die Ende der 2020er nach Krieg geschrien hatten, analog zu Karl Kraus’ Diktum der 1930er-Jahre: Wenn die Börse Krieg ruft … Da müssen die Menschen dann halt schon mal in den Krieg laufen, wenn ein Finanzsystem um jeden Preis stabilisiert werden muss. Die Salden waren halt heilig. Die BRICS-Staaten hatten inzwischen vom Westen die Nase gestrichen voll. Putin hatte schon 2023 auf dem Afrika-Gipfel erklärt, der Tanz der Vampire sei jetzt vorbei. Dabei haben die Europäer mit Dracula ja eigentlich die Vampire erfunden. Und so war es dann auch in Europa, während die USA noch eine kurze Zeit etwas besser durchkamen. Vielerorts brach die öffentliche Ordnung zusammen, und die Menschen riegelten sich zusehends ab. Sie betrieben Handel über Drohnen oder Maschinen mit Solarzellen, Biomasse und Windkraft. Die großen, nationalstaatlichen Versorgungsstrukturen waren perdu, und man behalf sich mit kleinen, lokalen Lösungen und sah zu, dass der latente Bürgerkrieg nicht mehr zu lodern begann.

Erste Aufbruchsstimmung

Irgendwann sahen die Leute überall in Europa ein, dass niemand in Europa im Kleinen und alleine wieder hochkommen und alle den Anschluss an die Welt versäumen würden. Keine Region konnte große Infrastrukturprojekte stemmen, Fernstraßen oder Brücken bauen oder sich wieder dem internationalen Flugverkehr anschließen. Deswegen keimte ganz langsam wieder ein europäischer Gedanke, aber nur für die großen Dinge.

Lokale oder regionale Dinge, wie etwa das Bildungssystem oder die Gesundheitsversorgung, wurden auf regionale, freie Träger ausgelagert. Die Gesundheitsvorsorge wurde dadurch sogar wieder besser, mehr auf die menschlichen Bedürfnisse zugeschnitten.

Die großen Kliniken hatten geschlossen, nachdem die Pharma-Monopole zusammen mit den staatlichen Strukturen, die sie genährt hatten, zusammengebrochen waren. Ähnlich im Bildungssystem, wo es auch keinen Bedarf für nationalstaatliche Strukturen mehr gab. Europäische YouTuber hatten praktisch den gesamten Bildungskanon und Content ins Internet verlagert: Dort konnte man alles lernen, von der Quantenphysik über Ernährungsbiologie bis Russisch. Nur die ständigen Stromausfälle erschwerten in dieser Zeit das Online-Leben, weswegen Europa in diesen entscheidenden Jahren auch den Anschluss an die KI-Entwicklung verlor. Von digitaler Souveränität konnte in Europa keine Rede sein. Die Hacker- und Entwicklerszene saß im sonnigen Singapur, ganz ohne bürokratische Gängelung und mit viel Strom. Das Begehren nach einer gemeinsamen europäischen Energiepolitik kam auf.

Ansonsten wurde viel ins regionale Leben investiert, und der Nationalstaat wurde bald kaum vermisst. Überall entstanden neue Dorfkneipen — Fernurlaube gab es in dieser Zeit ja nicht —, und Feste wurden wieder lokal gefeiert. Anstatt für das „Tomorrowland-Festival“ nach Thailand zu fliegen, wurde die regionale Kultur wiederentdeckt. Da aufgrund der allgemeinen Transportkrise auch exotische Früchte, Beef aus Argentinien oder der Lachs aus Kanada nicht mehr im Angebot waren, entdeckte man die heimische Küche und regionale Pflanzen und Kräuter neu.

Bald konnte man bessere und nachhaltigere Produkte herstellen als die vormaligen High-End-Industriegüter der nationalen oder globalen Produktion. Rindertalg zum Beispiel ersetzte teure Cremes. Allgemein wurden die Menschen ruhiger und gesünder. Man gründete Dorfkindergärten mit freien Trägern, baute mit heimischen Fachkräften öffentliche Schwimmbäder ganz ohne EU-Richtlinien oder schuf ein neues Regionalmuseum. Übersichtliche, regionale und weitgehend autonome Einheiten übernahmen die notwendige politische Steuerung.

Die neue Regionalisierung war auch der Startschuss dafür, Land, öffentliche Infrastruktur und Güter — also Parks, Museen, Schwimmbäder oder öffentlichen Wohnungsbau — nicht mehr an Privatiers zu veräußern. Die klassischen Anstalten des öffentlichen Rechts kamen zurück, und damit das Krankenhaus vor Ort und vieles andere mehr. So entstand überall in Europa wieder neues soziales Leben, fern von Hauptstädten und nationalen Leitmedien. Viele gründeten kleine Genossenschaften für Bildung, Musik oder Handwerk, ganz ohne Bürokratie. Alte Handwerkstechniken wurden wiederentdeckt. Tradition war in Europa insgesamt sehr angesagt. Dann, nach ein paar Jahren, bildeten sich auch wieder Netzwerke über regionale Grenzen hinweg, und damit keimte erneut politisches Leben auf. Überregionale Infrastruktur wurde in Europa zum Bedürfnis. Man wollte sich wieder mit der Welt verbinden. Und dazu brauchte man Europa — aber ein Europa von unten, das jede Region in Europa schützen und jeder geben würde, was sie brauchte, ohne Fremdbestimmung und Übergriffigkeit aus Brüssel. Einfach ein schlankes Europa, das jede Region auf ihre Art stabilisieren und gleichzeitig alle in Ruhe lassen würde.

Der europäische Neuanfang ab 2040

Ende der 2030er-Jahre entwickelte sich daraus wieder ein europäisches Einheitsbedürfnis. In diesem Moment keimte dann auch die uralte Idee einer Europäischen Republik wieder auf, die noch aus dem 18. Jahrhundert stammte: ein subsidiäres, regionales und soziales Europa im Gleichgewicht. Also ein ganz anderes Europa als die EU: ein schlanker europäischer Staat mit vielen autonomen, regionalen Einheiten als konstitutiven Trägern. Die Idee macht die Runde.

Diese Idee wurde interessanterweise in ganz Europa getragen von den sogenannten populistischen Parteien. Diese waren zwar auch, wie alle Parteien, in den Umbruchjahren zusammengeschmolzen, da es kein nationales Betätigungsfeld mehr gab.

Aber die Populisten waren in ganz Europa vor dem Zusammenbruch der EU stark in den Regionen verankert gewesen und hatten vom Wegfall der EU sowie der Nationalstaaten im Grunde profitiert: Sie waren nach wie vor die einzigen Parteien mit starker regionaler Verwurzelung. Die Populisten hatten zwar immer gegen die EU opponiert, waren aber nicht grundsätzlich gegen Europa. Sie genossen eine große Beliebtheit, besonders in den strukturschwachen Regionen, also in Thüringen oder in Sachsen-Anhalt. Das Rassemblement in Frankreich war im Elsass stark oder in der Normandie. Die italienische Lega in der Emilia-Romagna, die FPÖ in der Steiermark und so weiter. Sie alle wollten nach dem Zusammenbruch der EU jenseits ihrer eigenen Heimat auch zunehmend das gesamteuropäische, kulturelle Erbe retten, das auf der Grundlage des Christentums und des Humanismus entstanden war. Also das Europa von Athen, Rom und Jerusalem, das ja alle europäischen Regionen teilten. Das soziale und das demokratische Europa hatte schon immer einen sowohl christlichen wie einen sozialistischen Strang gehabt, wie man es in den großartigen Filmen von „Don Camillo und Peppone“ aus dem Italien der 1950er noch sehen kann, in denen sich der katholische Pfarrer Don Camillo und der kommunistische Bürgermeister Peppone zwar bis aufs Messer darüber streiten, wer das Dorf regiert, aber beide immer zusammen gegen „die da oben“ klagen, also gegen oligarchisch-autoritäre Strukturen, wie sie in den letzten Jahren der EU zutage getreten waren.

Schnell wurde mit Beginn der 2040er-Jahre, nachdem das schlimmste Chaos in Europa überwunden war, klar, dass keine Region, so kulturell und wirtschaftlich eigenständig sie sein wollte, alleine zurück auf die internationale Bühne konnte. Doch Teilhabe an der Welt war auch für Europa überlebenswichtig. Denn dort lagen das große Geld, der Handel, der technische Fortschritt. Jede Region brauchte Zugang zu den neuen globalen Playern, den BRICS-Staaten. Oder zu KIs, zu Hochgeschwindigkeitszügen, Energiequellen, Kommunikationssystemen, gar Satelliten, die keine europäische Region selbst finanzieren konnte. Von Magdeburg bis Rennes, von Barcelona nach Bologna wurde jetzt durch einen Verbund der Regionen energisch daran gearbeitet, durch ein neu verfasstes Europa den Anschluss an die Welt wiederherzustellen.

Die Gründung der Europäischen Republik am 9. Mai 2045

Dabei sollte sich die gleichsam aus der Not geborene, regionale Neuordnung nach dem Zusammenbruch der EU und vieler europäischer Staaten Ende der 2020er-Jahre als probate Fährte erweisen, um als ein geeintes Europa wieder zurück ins kosmopolitische Glück und die Weltstaatengemeinschaft zu kommen, ohne jedoch die eigenen Wurzeln aufgeben zu müssen. Ab da begann eine ernsthafte Diskussion über die Schaffung einer schlanken europäischen Staatlichkeit, sozusagen als Spiegelschrift zur EU: kein Brüsseler Wasserkopf, keine Top-down-Überregulierung, keine Technokratie. Sondern starke demokratische Regionen, die für das große Ganze einen schlanken europäischen Staat schaffen. Die Idee einer Europäischen Republik (ER), begründet von 45 autonomen europäischen Regionen mit einem demokratischen Zweikammersystem, bestehend aus einer Europäischen Bürgerversammlung (EB) und einem Europäischen Senat (ES), wurde immer beliebter. Überall entstanden Bürgerbewegungen für eine Europäische Republik, ähnlich zu denen in den Jahren 1787 bis 1815.

Erst als man realisiert hatte, dass jede europäische Region aus den zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts im Grunde die gleiche Wunde hatte, nämlich dass es überall ethnische Minderheiten oder Regionen gab, die von den Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts oft in ihrer kulturellen Eigenständigkeit unterdrückt worden waren, oder Regionen, wie etwa das Elsass, die den Beutezügen kriegerischer Auseinandersetzungen zum Opfer gefallen waren, nahm diese Diskussion konkrete Gestalt an.

Alle europäischen Regionen realisierten, dass sie von einem schlanken staatlichen Dach einer Europäischen Republik nur profitieren konnten.

Schließlich beschlossen am 9. Mai 2045 45 etwa gleich große und weitgehend autonome europäische Regionen die Gründung einer Europäischen Republik, so wie 1949 elf deutsche Bundesländer die Bundesrepublik begründet hatten. In der Europäischen Republik galt ab sofort der allgemeine politische Gleichheitsgrundsatz für alle europäischen Bürger, den es in der EU nicht gegeben hatte. Alle europäischen Bürger, egal aus welcher Region, waren gleich vor dem Recht und wählten ihre Europäische Bürgerversammlung in insgesamt 692 Wahlkreisen nach dem Prinzip „Eine Person, eine Stimme“, wie es sich für jede Demokratie gehört, was aber in der EU nicht der Fall war. Aus Freizügigkeit wurde Staatsbürgerschaft. Die Europäische Republik verfügte, wie jede vernünftige Demokratie, über ein Zweikammersystem, das es in der EU auch nicht gegeben hatte. Neben der Europäischen Bürgerversammlung gab es in der Europäischen Republik einen Europäischen Senat, in den jede autonome Region zwei Senatoren entsandte. Europa wurde endlich demokratisch! Die Europäische Republik wurde ein sehr schlanker, europäischer Staat, der nur die Außen- und Sicherheitspolitik und die europäischen Handelsbeziehungen übernahm sowie einige europaweite Infrastrukturprojekte, etwa ein Europäisches High Speed Train Net oder eine zugleich beherrschte und regulierte europäische KI, von der alle europäischen Regionen profitierten, die aber keine Region alleine finanzieren konnte. Gerade mit Blick auf die KI- und Cloud-Entwicklung wurde Europa endlich und nicht zu spät klar, dass es dringend staatlicher Steuerung und nicht regionaler Konkurrenz bedurfte: Die KIs beziehungsweise Clouds waren Systeme, in die sich alle nach gleichen Regeln einstöpseln mussten, wie Stecker in einen Stromkreis. Und diese digitale Infrastruktur (zentrale Software-Bausteine, Betriebssysteme, KI- oder Infrastrukturkomponenten) musste notwendigerweise europäisch werden.

Die digitale europäische Souveränität wurde damit zu einem der wichtigsten Treiber für die Gründung der Europäischen Republik. Denn Stackit, jene Firma, die zuvor in EU-Europa die staatlichen Online-Plattformen übernommen hatte, war noch dem US-Cloud Act unterworfen, und kein ausländisches Recht konnte Zugriff auf die Daten erzwingen. Die EU-Europa-Cloud war also nicht wirklich souverän gewesen. Europa hatte Ende der 2030er-Jahre glücklicherweise noch die finanziellen, intellektuellen und technischen Ressourcen, eine autonome Cloud zu entwickeln, ein Projekt, das vor allem die ehemalige dänische EU-Kommissarin Margrethe Vestager vorangetrieben hatte. Keine europäische Überregulierung mehr, stattdessen vernünftige europäische Rahmenbedingungen! Und diese europäische digitale Infrastruktur konnte dann wiederum die Voraussetzung dafür werden, dass sich Europa beziehungsweise die Europäische Republik im Sinne der „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. von 2026 als Bollwerk gegen den von den US-Tech-Konzernen betriebenen Transhumanismus positionieren konnte. Darüber ging die Europäische Republik 2045 dann mit den BRICS-Staaten ein Bündnis ein, woraufhin ein Recht auf analoges Leben in letzter Sekunde in der UN-Charta kodifiziert werden konnte, nachdem die BRICS-Staaten nach einer radikalen institutionellen Reform der UN 2041 in diesen eine Mehrheit hatten. Europa wurde — endlich! — vom Kopf auf die Füße gestellt. E Pluribus Unum: in Vielfalt geeint!

Die europäischen Bürger waren in der Europäischen Republik rechtlich geeint und gleichgestellt, aber kulturell von Bilbao bis Łódź und von Tampere bis Neapel, also da, wo sie lebten, unglaublich vielfältig. Sie mussten als Bürger der Europäischen Republik nicht mehr wie die 27 Nationalstaaten und ihre jeweiligen Bürger in der EU um Steuern oder soziale Leistungen konkurrieren, was für alle europäischen Bürger in der EU immer nur eine Abwärtsspirale bedeutet hatte. Nach ihrer Gründung 2045 wurde die Europäische Republik zum Zünglein an der Waage, um das Gleichgewicht der multipolaren Welt neu auszutarieren.

Das regional verankerte Europa hatte 2045 noch viele kulturelle, intellektuelle und technische Fertigkeiten zu bieten, die bei den BRICS-Staaten beliebt und begehrt waren und in die sie investierten, als sie sahen, dass Europa bereit war, zu sich selbst zurückzufinden und sich endlich vom Westen zu lösen, der sich 2045 eh überlebt hatte. Liest man die europäische Geschichte des 20. und des 21. Jahrhunderts also spiegelverkehrt, dann haben im 20. Jahrhundert nicht die USA Deutschland oder Europa befreit. Sondern Europa hat sich im 21. Jahrhundert 2045 durch die Gründung einer Europäischen Republik endlich von den USA befreit!



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