Der aktuelle Bundeskanzler wurde 1955 geboren. Bei seinem Amtsantritt hat er den folgenden Eid geschworen: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe“ (1, 2).
Dass der Bundeskanzler die Worte verstanden hat, kann ich mir nicht vorstellen. Zu groß ist die Diskrepanz zwischen der Botschaft dieser Worte und seinem Handeln. Mein Vertrauen kann ich ihm jedenfalls nicht schenken. „Nach Einschätzung des Demoskopen (Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen) beendet Friedrich Merz (CDU) das erste Kalenderjahr seiner Kanzlerschaft mit ungewöhnlich geringen Zustimmungswerten und ohne Kanzlerbonus“ (3).
Wenn ich Bundeskanzler werde
Obwohl ich definitiv kein Bundeskanzler mehr werde, finde ich es spannend, mich mit der Frage zu befassen, wie ich handeln würde, wenn ich Bundeskanzler würde. Kritisieren kann jeder. Es besser zu machen, ist erheblich schwerer.
Bevor ich mich entscheide, ob ich Bundeskanzler werde, würde ich mir Klarheit verschaffen, welchen Anforderungen eine politische Führungskraft gerecht werden sollte. Google antwortet auf die Anfrage, „was eine politische Führungskraft benötigt“, unter Zuhilfenahme der künstlichen Intelligenz (KI) wie folgt:
„Eine politische Führungskraft benötigt eine Mischung aus strategischem Denken, Vision, Empathie und Kommunikationsstärke, um gesellschaftliche Prozesse zu gestalten, Menschen zu motivieren und Vertrauen aufzubauen, wobei Vision und Strategie, Kommunikation und Empathie, Integrität und Verantwortungsbewusstsein sowie Mut und Entscheidungsfreude zu den Kernkompetenzen zählen, ergänzt durch die Fähigkeit, sich in komplexe politische Rahmenbedingungen einzufügen und als Vorbild zu dienen.“
Was könnte ich hauptsächlich in die Ausübung eines hohen Amtes einbringen? Das wäre auf jeden Fall Lebenserfahrung, die ich in zwei verschiedenen Gesellschaftssystemen sammeln konnte. Ich habe die Methode der Gewaltfreien Kommunikation erlernt, die Marshall B. Rosenberg, ein amerikanischer Psychologe, entwickelt hat. Mich selbst hat die Methode sehr geprägt. Deshalb würde ich bei den Eigenschaften Kommunikationsstärke und Empathie wahrscheinlich gar nicht so schlecht abschneiden.
Visionen für eine Zukunft, in der wir menschenwürdig miteinander leben können, hätte ich viele parat. Schließlich werden Visionen dringend gebraucht, wenn es vorangehen soll. Woran sollten wir sonst unseren Kurs ausrichten? Mit Visionen, die unser Land voranbringen, hat der gegenwärtige Bundeskanzler bisher nicht geglänzt.
Wie es um unser Land bestellt ist
Würde ich Bundeskanzler, würde ich mir zunächst ein Bild davon machen, wie es um unser Land bestellt ist. Die beste Einschätzung hierzu können die Bürgerinnen und Bürger geben. Schließlich soll Politik ihrem Wohlergehen dienen. Also würde ich das Gespräch mit den Menschen suchen.
Beginnen würde ich mit jenen, die mit ihrer Arbeit die Grundlagen unserer Gesellschaft sichern: den Krankenschwestern, Pflegekräften, Lehrern, Handwerkern, Mittelständlern. Priorität hätten für mich auch jene, die es nicht einfach haben in unserem Land: Alleinerziehende, alte Menschen und Menschen mit Handicap. Natürlich kämen Vertreter beider Geschlechter zu Wort.
Auf die Frage „Wie nimmst du Deutschland wahr?“ würde ich wahrscheinlich folgende Antworten bekommen: Viele Deutsche haben Angst vor Krieg. Diese Angst erwächst aus der Absicht der Bundesregierung, Deutschland kriegstauglich zu machen, aus der Aufrüstung und der Wiedereinführung der Wehrpflicht. Aufrüstung ist kein Zeichen von Friedfertigkeit, vor allem dann, wenn das Kriegsgerät, das beschafft wird, nicht ausschließlich der eigenen Landesverteidigung dient. Allein der Gedanke, dass Söhne und Enkel in den Krieg ziehen sollen, lässt viele erschaudern.
Unter jenen, die mit ihrer Arbeit den Unterhalt der Familie sichern müssen, sorgen sich viele um ihren Arbeitsplatz. Deutsche Unternehmen produzieren aufgrund vom Staat verursachter hoher Energiepreise zu teuer. Durch Sanktionen gegen Russland und eine destruktive Außenpolitik wurde der Zugang zu günstigen Rohstoffen gekappt. Die ausufernde Bürokratie tut ihr Übriges. Es fehlt an geeigneten Arbeitskräften. Die verfehlte Bildungspolitik und die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte sind Gründe hierfür. In der Folge werden immer mehr Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. „Woche für Woche vermelden zahlreiche Unternehmen den Abbau von Arbeitsplätzen. Besonders Autohersteller und Zulieferer sowie Industriebetriebe sind von Sparprogrammen betroffen“, schreibt die Wirtschaftswoche am 19. September 2025 auf ihrer Internetseite (4).
Angst vor sozialem Niedergang grassiert vor allem unter jenen, die sich zur Mittelklasse zählen. Diese Angst wird nicht nur durch Arbeitsplatzverlust, sondern auch durch Inflation und steigende Lebenshaltungskosten befeuert. Die Auswirkungen des Heizungsgesetzes schweben wie ein Damoklesschwert über der Bevölkerung.
Sozialsysteme wie Renten- und Krankenversicherung haben erhebliche Schieflage. Mit sinkenden staatlichen Sozialleistungen muss so gerechnet werden, nicht nur weil Aufrüstung nun mal teuer ist und finanzielle Spielräume des Staates einengt.
Durch unzureichende Integration Zugewanderter und Zuwanderungsmissbrauch erfahren die Sozialkassen erhebliche Mehrbelastungen. Mit dem sozialen Niedergang werden auch der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, die Bezahlbarkeit gesunder Lebensmittel und unbelasteter Medikamente sowie der zeitnahe Zugang zu medizinischen Behandlungen verbunden. Ältere Menschen fürchten sich vor Altersarmut.
In der Coronazeit spürten vor allem jene, die sich nicht impfen lassen wollten und auf die Stärkung ihres Immunsystems gesetzt haben, die Übergriffigkeit des Staates. So wuchs die Angst vor Selbstbestimmungsverlust. Bis heute wurde das damalige Vorgehen nicht aufgearbeitet. Auf das Lernen aus Fehlern und auf Konsequenzen für jene, die rechtswidrig gehandelt haben, wird gänzlich verzichtet. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Vergleichbares wieder geschieht, groß.
Viele befürchten negative Folgen, die sich aus dem zunehmenden Einsatz der KI ergeben. Die KI kann sehr nützlich sein, wenn sie zum Wohle der Menschen eingesetzt wird, wenn sie der Verkürzung von Arbeitszeiten dient oder zur Behandlung von Erkrankungen genutzt wird. Wie andere hochwirksame Technologien kann aber auch die KI den Menschen schaden, wenn sie missbraucht wird. Maßnahmen, um dies auszuschließen, zumindest zu minimieren, sind nicht erkennbar. Zunehmende Überwachung des Verhaltens ehrenhafter Bürgerinnen und Bürger sowie Einschränkung der Bürgerrechte sind nur zwei der befürchteten Folgen.
Eltern und Großeltern sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder oder Enkel. Unzureichende Grundfähigkeiten von immer mehr Schülerinnen und Schülern zeigen sich deutlich. „Die Anzahl der Grundschulkinder in Deutschland, die nicht ausreichend lesen können, hat weiter zugenommen“, vermeldete die Stiftung Lesen bereits 2023 (5).
So fehlen immer mehr Kindern und Jugendlichen die Grundlagen, um erfolgreich den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu gehen, um den Anforderungen der Gegenwart, von denen der Zukunft ganz zu schweigen, gerecht zu werden. Der Lehrermangel und die Überlastung der Lehrer durch Übertragung von immer mehr Aufgaben sind nur zwei der Ursachen. Der Niedergang gesellschaftlicher Normen, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung tun ihr Übriges.
Ein Land im Niedergang kann unseren Kindern und Jugendlichen keine Rahmenbedingungen bieten, um in eine Zukunft zu blicken, in der sie ein erfülltes und glückliches Leben führen können.
Die Liste der Gründe für die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist um ein Vielfaches länger. Ungerechtigkeit bei der Verteilung der erwirtschafteten gesellschaftlichen Werte führen dazu, dass Arme immer ärmer werden (6).
Immer mehr Menschen trauen sich nicht mehr auszusprechen, was sie denken. Die Spielräume der Meinungsfreiheit werden immer enger. Das Vertrauen in den Rechtsstaat schrumpft. Öffentlich-rechtliche Medien vermitteln immer vordergründiger Meinungen, die den Interessen der Mächtigen dienen. Ihrem Auftrag, „als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken“, werden sie immer seltener gerecht (7). Die Meinungen der Bürger interessieren im politischen Handeln immer weniger. Politiker, die noch mit ihnen sprechen, sind rar geworden.
Die aktuelle Außenpolitik hat die ehemals guten Beziehungen zu vielen Ländern und die Grundlagen für kooperatives Miteinander zum Nutzen aller Beteiligten schwer beschädigt. Unterdessen richten sich BRICS-Staaten auf eine multipolare Welt aus. Insbesondere die Chinesen entwickeln ihr Land in rasantem Tempo. Und unser Land verliert immer mehr an Leistungsfähigkeit.
Deutschland ist eines der prägenden Mitgliedsländer der Europäischen Union. Dass die EU auf dem Weg ist, ihre Ziele zu verwirklichen, kann man nun wahrlich nicht behaupten. Zu diesen Zielen gehören „die Förderung des Friedens, der europäischen Werte und des Wohlergehens ihrer Bürger/innen sowie Freiheit, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit in einem Raum ohne Binnengrenzen bei angemessenem Schutz der Außengrenzen zur Regelung von Einwanderungs- und Asylfragen sowie zur Verhinderung und Bekämpfung von Kriminalität“ (8).
Große Teile der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, insbesondere im Osten, sind im hohen Maße unzufrieden mit der amtierenden Regierung. Dass es einer neuen Regierung bedarf, ist offensichtlich. Laut einer aktuellen Umfrage sind 70 Prozent der Befragten mit der Arbeit der Regierungskoalition unzufrieden (9).
Mein Vorgehen
Aus dem Bild unserer Gesellschaft, das ich mir aus zahllosen Gesprächen mit den Menschen erschließen würde, würde ich erste Sofortmaßnahmen ableiten. Zu diesen würde die Einstellung der Aufrüstung und des Strebens nach Kriegstauglichkeit gehören. Die Schaffung von Frieden auf der Grundlage von Diplomatie würde ich unverzüglich in den Vordergrund der Politik rücken. Außerdem würde ich mich für das Handeln der Vorgängerregierung bei früheren Partnerländern entschuldigen, insbesondere bei Russland. Unverzüglich würde ich beginnen, engagierte Menschen um mich zu scharen, mit denen ich gemeinsam Visionen einer menschenwürdigen Gesellschaft entwickle und umzusetzen beginne. Mit gesellschaftlichen Organisationen, die unsere Herangehensweise teilen, würden wir zusammenarbeiten. Grundlegend wäre für mich, in einem Prozess, zu dem alle eingeladen sind, die moralischen Werte und Normen, von denen wir uns in unserem Land leiten lassen wollen, zu vereinbaren.
Erste grundlegende Schritte auf dem Weg in eine menschenwürdige Zukunft wären die Gewährleistung von Rechtssicherheit und Gerechtigkeit. Internationale Zusammenarbeit zum Nutzen aller Beteiligten würde vorangebracht. Meinungsvielfalt und der konstruktive Umgang mit ihr würden gestärkt. Zu den Sofortmaßnahmen würden Schritte gehören, die die Wirtschaft erstarken lassen. Wichtig wäre auch ein konstruktives Klima des wertschätzenden Miteinanders und die Gewinnung der Menschen für unsere Ziele.
Ich würde darauf orientieren, dass wir uns von grenzenlosem Wirtschaftswachstum verabschieden, auch wenn wir uns von manch liebgewonnenem Besitzstand trennen müssten. Um ein erfülltes Leben zu führen, braucht es keinen Reichtum. Es braucht die persönliche Reife, ein erfülltes Leben zu gestalten, in dem man glücklich sein kann. Dies zu entwickeln, erfordert persönliches Wachstum; vielleicht ist dieses dann sogar grenzenlos.
Häufig geraten die Menschen, obwohl sie gleiche Ziele haben, in Streit über den Weg zu deren Erreichung. In der Folge kämpfen sie gegeneinander, statt gemeinsam für die Verwirklichung ihrer Ziele einzustehen. Deshalb würde ich mich dafür einsetzen, den gemeinsamen gesellschaftlichen Nenner auf der Ebene der Bedürfnisse der Menschen und nicht auf der Ebene der Strategien zu verankern.
Alle Menschen haben ein gemeinsames Bedürfnisspektrum. Unterschiede ergeben sich lediglich aus der Priorität, die der Mensch seinen Bedürfnissen gibt. Aus meiner Sicht sind die Bedürfnisse, deren Erfüllung den Menschen besonders am Herzen liegt, die folgenden: Frieden, im internationalen Kontext sowie im alltäglichen Miteinander; Gesundheit, vorrangig bezogen auf das eigene Leben und das der Angehörigen. Weitere wichtige Bedürfnisse der Menschen sind Vertrauen, Mitmenschlichkeit, Respekt voreinander, gegenseitige Rücksichtnahme, Zuverlässigkeit, Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung. Wir brauchen Rechtssicherheit und Freizügigkeit. Ein weiteres wichtigstes Bedürfnis ist das nach Sinn im Leben. Wir wollen im Leben etwas erreichen, das im besten Fall über das eigene Leben hinauswirkt. Uns sind Freizügigkeit, Selbst- und Mitbestimmung wichtig. Dem gesellschaftlichen Miteinander soll Gerechtigkeit zugrunde liegen, und natürlich soll Leichtigkeit, Freude und Glücklichsein einen wichtigen Platz im eigenen Leben haben. Letztlich geht es fast allen Menschen auf der Welt um eigenes Wohlergehen, um das ihrer Angehörigen und das ihrer Mitmenschen.
Der Zustand unseres Landes mag besorgniserregend sein. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass wir bald auf einem Kurs unterwegs sind, der Deutschland wieder gedeihen, der uns wieder zu einem verlässlichen und angesehenen Partner in der Welt werden lässt. Noch immer gibt es genug kluge Menschen in unserem Land, die in der Lage sind, unser Land auf einen guten Weg zu bringen. Sie gehören zu jenen, denen das Wohlergehen aller Bürgerinnen und Bürger unseres Landes am Herzen liegt.
Die Früchte unseres Ringens werden wir gemeinsam ernten. Unsere Menschlichkeit wird wieder erblühen.
Es gibt viel zu tun, wenn eine Gesellschaft grundlegend erneuert werden soll. Lasst uns dazu in Austausch gehen. Packen wir es an!
Wer sich mit den menschlichen Bedürfnissen näher befassen möchte, der findet dazu mehr in dem Buch „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg.
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Quellen und Anmerkungen:
(1) https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_56.html
(2) https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_64.html
(3) https://www.welt.de/politik/deutschland/article694be70eba368aa0126a2a63/umfragen-es-gibt-nur-einen-beliebten-deutschen-politiker-sagt-der-meinungsforscher.html
(4) https://www.wiwo.de/politik/konjunktur/arbeitsmarkt-deutschland-die-angst-vor-der-arbeitslosigkeit-kehrt-zurueck/100156510.html
(5) https://www.stiftunglesen.de/ueber-uns/newsroom/pressemitteilung-detail/iglu-studie-bestaetigt-mangelnde-lesekompetenz-von-grundschulkindern-was-jetzt-passieren-muss
(6) https://www.der-paritaetische.de/themen/sozialpolitik-europa-klima/armutsbericht/
(7) https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/500714/programmauftrag/
(8) https://european-union.europa.eu/principles-countries-history/principles-and-values/aims-and-values_de
(9) https://rp-online.de/politik/deutschland/koalition-zustimmung-fuer-regierung-und-kanzler-auf-tiefstwert_aid-140269567



