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Der alte Mann und das Nimmermehr

Der alte Mann und das Nimmermehr

Das Herz einer Schildkröte und das Herz der Poesie haben etwas gemeinsam: Sie schlagen nach dem Tod weiter.

„Er träumte nicht mehr von Stürmen, nicht von Frauen, nicht von großen Ereignissen“, schrieb Ernest Hemingway in „Der alte Mann und das Meer“. „Er versuchte nicht zu denken, sondern nur auszuharren.“ Da hat jemand mit wenigen Worten die Dämmerung gemalt. Gelassen und durchaus humorvoll. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn der Überdruss an den Bildern des Alltags kaum mehr erfrischende Sichtweisen zulässt, wenn die Zeit verrückt spielt und keine verlässliche Hochrechnung auf das unausweichliche Ende zulässt? „Warum wachen alte Männer so früh auf?“ fragt Hemingway, „wollen sie einen längeren Tag haben?“

Weiß nicht, ich verweile gerne bei meinen Träumen, die mich behutsam vorbereiten sollen. Gestern Nacht hatte ich den Eindruck, mich am Rande des Lebens zu bewegen, dort wo unseren Gedanken und Gefühlen Grenzen gesetzt sind – wo sie sanft gegen eine Wand fluten, die ohne Farbe und Konsistenz ist. Ich habe mich blind tastend an ihr entlang bewegt und nach einem Ausgang gesucht, den es nicht gab.

Wie wohltuend war der Moment, als ich die Augen öffnete und das gewohnte Leben vorfand. Zwar gab der Kühlschrank kein Frühstück mehr her, aber egal.

Auf dem Weg zum Supermarkt fragte ich mich, warum die Instanz, die uns atmen lässt, sich so hartnäckig weigert, mich freizugeben und ins gleißende Licht zu führen, anstatt die milchige Dezembersonne wieder einmal auf mich anzusetzen, der ich, wie allem, was meine Sinne hier streift, inzwischen überdrüssig bin.

„Ich bin nicht in der Verfassung für all das da draußen“, äußerte Charles Baudelaire kurz vor seinem Tod. „Ich habe kein Verlangen zu demonstrieren, zu überraschen, zu amüsieren oder jemanden zu überzeugen. Nichts zu wissen, nichts zu lehren, nichts zu wollen, nichts und niemandem eine Bedeutung zu geben, zu schlafen und nochmals zu schlafen, nur danach steht mir jetzt noch der Sinn.“ Der Dichter, dessen Gedichtsammlung „Les Fleurs Du Mal“ (Die Blumen des Bösen) als Schlüssel zur Moderne gilt, wurde nur 46 Jahre alt.

Die meisten Personen, auf die wir uns berufen können, sind tot. Wir leben aus dem Nachlass Verstorbener und erleben uns inmitten von Todeskandidaten. Kaum tauchen wir in einen Traum, begegnen uns Legionen von Menschen, die wir noch nie gesehen haben. Man findet sich beispielsweise in einer Stadt wieder, an Kreuzungen, in Fußgängerzonen, in Restaurants und Cafés. Die Menschen haben klar erkennbare Gesichter, wie im richtigen Leben. Wo kommen sie her?! Wir sind diesen Wesen nie zuvor begegnet. Oder doch? Nein, nicht in diesem Leben. Also: Wo kommen sie her, die Traumfiguren in ihren Autos, im Kaufhaus, am Würstchenstand, die Paare und Passanten, die Gehetzten und Lachenden, die Bettler und die feinen Leute mit den Sektgläsern in der Hand, die einem sogar manchmal zuprosten? Handelt es sich um Wesen, die vor uns hier zu Gast waren und nun anstehen, um wieder geboren zu werden, damit sie ihre Lektion zu Ende lernen? Eine Lektion, die unterbrochen wurde durch Kriege und Krankheiten, durch Mord und Selbstmord oder weil einfach nur die Herzen im Überlebenskampf stumpf und empathielos geworden waren. Herzen, die den eigentlichen Sinn des Lebens nicht mehr begreifen und greifen konnten.

Das Leben ist eine einzige Hängepartie, die durch Materialermüdung zu unseren Ungunsten entschieden wird. Aber es ist nicht allein der Körper, der sich erschöpft, es ist auch der Emotionalkörper, der durch negative Sinneseindrücke überflutet wird und schließlich zu einer mentalen Befindlichkeit führt, die kaum zu ertragen ist.

„Ich lebe nicht radikal genug“, klagte der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy. „Ich lebe, als erwarte mich ewiges Dasein, und nicht völlige Vernichtung.“ Esterházy ist seit neun Jahren tot – dass er völlig vernichtet wurde, glaube ich nicht. Aber das ist wie gesagt Glaubenssache.

Wusstet ihr, dass das Herz einer Schildkröte noch stundenlang weiterschlägt, nachdem man das Tier ermordet und zerstückelt hat? Ich habe auch so ein Herz. Es schlägt seit Ewigkeiten in immer neuen Körpern.

Über was wäre ich im Rückblick froh, es für immer losgeworden zu sein? Ist zwar nicht möglich, wenn der Faden erst einmal gerissen ist, aber was ist es wohl, wenn es denn möglich wäre? Den gesellschaftlichen Mief, ganz sicher. Die uninspirierte, vom Mittelmaß diktierte Atmosphäre, in der entseelte Gesichter wie Seifenblasen aufsteigen. Den Blick auf das Leid, das den Unschuldigen widerfährt. Einen sich als Kultur tarnenden pornografischen Juckreiz und was der göttlichen Komödie noch alles zu eigen ist. Sirenengesänge und Elfenfürze schließ ich mal aus.

Je länger ich darüber nachdenke, desto lieber lebe ich, desto mehr möchte ich von der Speise kosten, die wir das Leben nennen. Seltsam. Um für den Rest meiner Zeit unbehelligt zu bleiben, wünsche ich mir eine lärmabweisende Schutzfolie fürs Gehirn. Zuvor müsste man es natürlich gründlich säubern, Windung für Windung. Am besten mit einer Stahlbürste, sodass der Gedankenschrott, der sich dort über die Jahrhunderte verfestigt hat, zu Staub zerfällt und zu Boden segelt, wo er allenfalls den Nacktmullen und anderem Getier als Nahrung dient.

Derart gereinigt und unangreifbar ergebe ich mich einem Gefühl, dass Albert Einstein auf so wundervolle Art beschrieben hat:

„Es gibt Stunden, wo der Mensch von aller Unzulänglichkeit befreit ist. Man steht dann auf einem kleinen Flecken eines kleinen Planeten, schaut erstaunt die Schönheit des Ewigen, des in der Tiefe Unergründlichen. Man fühlt, es gibt nicht mehr Werden und Vergehen, es gibt nicht mehr Tod und Leben, sondern nur das Sein.“


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