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Das Einmischungsdilemma

Das Einmischungsdilemma

Der Staat, aber auch viele Einzelne verhalten sich zunehmend übergriffig — in manchen Fällen wäre andererseits mehr Engagement notwendig.

Wenn ein Mensch die Diagnose Krebs erhält, dann ist das ein harter Schlag. Doch damit nicht genug. Schnell ist er von Familie und Freunden umringt, jeder will mitreden. Und damit kommen die nächsten Schläge, und das sind: Ratschläge. Erst neulich berichtete mir eine an Brustkrebs erkrankte Freundin, wie belastend es sei, dass Menschen sie ungefragt mit Ernährungstipps und Verhaltensstrategien überhäufen. Es sei schon schlimm genug, sich mit der eigenen Krankheit auseinanderzusetzen, aber fast noch schlimmer sei diese permanente Einmischung.

Auch frischgebackene Eltern kennen das. Plötzlich tauchen von überall Besserwisser auf, die in Erziehungsfragen unbedingt mitreden wollen — „Stillen ja, Schnuller nein“ — und die es natürlich „nur gut“ meinen. Und überhaupt, um was auch immer es sich dreht: Inzwischen hat es sich etabliert, dauernd ungefragt seinen Senf dazu zu geben. Allein: Was soll das?

Damit nicht genug. Auch auf politischer Ebene steht Einmischung hoch im Kurs. Man könnte fast meinen, Außenministerien wurden extra nur dafür geschaffen, damit man sich dort als großer Oberlehrer oder -lehrerin aufspielen kann.

Bekanntlich sagt gerade Deutschland anderen Ländern gerne, wo es langgeht. Man denke unter anderem an die Katar-Kritik vor der dort stattfindenden Fußball-WM im Jahr 2022. Zu Recht: Die Menschenrechte in Katar sind stark eingeschränkt, Frauen werden unterdrückt, Homosexuelle verachtet. Doch Deutschland wirkt dabei leider oft besoffen von der eigenen Moral. Man könnte fast meinen, es ginge gar nicht darum, für Menschenrechte einzustehen, sondern sich selbst als Bessermensch zu inszenieren. Und wahr ist eben auch: An den aufstrebenden Scheichs perlt jede Moralpredigt ab; sie wollen sich nicht belehren lassen, schon gar nicht vom Westen.

Umgekehrt gibt es Länder, die sich ungefragt in deutsche Belange einmischen. Besonders sind das derzeit die USA unter der aktuellen Trump-Regierung. Und das ging schon bald los. Zu nennen ist da natürlich die Rede von US-Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025, in der er scharfe Kritik an Deutschland und Europa übte. Der Grund: Die Meinungsfreiheit würde unterdrückt, es bestünden Demokratiedefizite. Ungeachtet dessen, dass er da etwas Wahres ausgesprochen hatte, ebenso wie die deutsche Regierung mit ihrer Katar-Kritik, bleibt eine Ambivalenz ob dieser Einmischung. Das ist das Dilemma: Der Vorwurf der Einmischung in innere Angelegenheiten ist einerseits Abwehrstrategie, um von eigenen Fehlentwicklungen abzulenken. Denn wahr ist: Vor der eigenen Haustüre gibt es meist genug zu kehren.

Damit ist übrigens nicht gemeint, dass bundesdeutsche Politiker sich in das Leben bundesdeutscher Bürger einmischen sollen. Daraus wird allerdings nichts. Es ist leider nicht mehr aufzuhalten: Regulierung reiht sich an Regulierung, es sind längst alle Dämme gebrochen. Man muss schon ein bisschen suchen, um irgendetwas zu finden, was noch keiner staatlichen Regulierung unterworfen ist. Selbst in Liebesangelegenheiten wird man nicht in Ruhe gelassen. Durch Instrumente wie das Ehegattensplitting belohnt der Staat beispielsweise bestimmte Beziehungsmodelle steuerlich — und so weiter und so fort.

Immerhin wird auf Küssen und Sex noch keine Steuer erhoben. Und niemand ist verpflichtet, an Friedrich Merz zu denken, während er gerade dabei ist, ein Kind zu zeugen.

Das mag absurd klingen, aber in der Türkei sind bereits staatliche Anweisungen wie diese ganz normal: „Denken Sie während des Aktes an Ihren geistigen Führer, um ein sittsames Kind zu bekommen.“

Wenn man sich anschaut, wer einem Tag für Tag in die eigenen Belange reinreden will — sei es in der Familie, im Freundeskreis, im Job, auf Social Media, von staatlicher Seite —, dann wird einem ganz schwindelig. Es reicht! Zugleich ist man selbst vielleicht keinen Deut besser und ertappt sich immer wieder dabei, in fremden Angelegenheiten mitmischen zu wollen, egal ob das erwünscht ist oder nicht. Aber wann geht man anderen damit tatsächlich auf die Nerven, wann wird es als übergriffig und damit als Bevormundung eingeordnet, und wann nicht? Soll man es am besten ganz bleiben lassen? Doch was, wenn meine Einmischung erforderlich ist, wenn sie etwas verhindern kann, was anderen schadet?

Wenn man Einmischung unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kommt man wiederum zu dem Schluss, dass sich die Gesellschaft nicht zu viel, sondern vielmehr viel zu wenig einmischt. Denn ist es nicht so: Gerade dort, wo es darauf ankommt, schauen die meisten weg. Während beispielsweise die ganze Nation auf einen in der Ostsee gestrandeten Wal blickt, werden all die Kinder nicht gesehen, die Tag für Tag ihrem gewaltvollen Zuhause ausgeliefert sind — und damit alleine gelassen werden.

Während eine Hysterie tobt wegen wie auch immer gearteter Vorkommnisse in einer gescheiterten Promi-Ehe, leiden tausende Frauen still, weil sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden sind — die niemand verhindert hat.

Allein: Hätte man es denn können? Natürlich kommt man dort, wo Einmischung dringend erforderlich ist, auch an seine Grenzen. Daraus wiederum ließe sich ein guter Orientierungspunkt herausarbeiten: Vielleicht ist Einmischung nur dort gefragt, wo sie Überwindung kostet.

Gehen wir dem weiter auf die Spur. „Einmischen, wo notwendig“, lautet ein bekannter Leitsatz. Doch auch das ist nicht so eindeutig, wie es klingt. Denn: Wer entscheidet, wo es notwendig ist und wo nicht? Sobald Gewalt im Spiel ist, dürfte allerdings für die meisten klar sein: Hier muss ich einschreiten. Gerade wenn es darum geht, Frauen und Kinder zu schützen. Da Gewalttaten in der Regel in den strafrechtlichen Bereich fallen, ist es ohnehin nicht nur einfach eine Option oder eine Frage der Moral, einzugreifen, sondern man ist dazu rechtlich verpflichtet. Grundsätzlich gilt: Wer bei Gefahren- und Notlagen, von denen ein anderer betroffen ist, nicht einschreitet, schadet nicht nur dem Opfer, sondern begeht oft auch den Strafbestand der „unterlassenen Hilfeleistung“. Niemand muss sich natürlich selbst in Lebensgefahr bringen. Wer sich überfordert fühlt, holt sich am besten noch andere Personen an seine Seite. In akuten Bedrohungslagen können das Passanten oder Nachbarn sein — oder man schaltet die Polizei ein.

Da Gewalt oft hinter verschlossenen Türen passiert, wird man meistens ohnehin nicht Zeuge direkter Gewalttaten. Manchmal fallen blaue Flecken auf. Oder dass jemand stiller wird und sich zurückzieht. Auch hier kostet es wahrscheinlich erstmal Überwindung, das anzusprechen. Fingerspitzengefühl schadet dabei natürlich nicht. Am besten, man schildert seine Beobachtung und teilt dem anderen mit, dass man sich Sorgen macht und gerne unterstützen würde, wenn der andere das wünscht. Nicht zwingend wird sich das Opfer sofort alles von der Seele reden wollen. Aus Scham oder Schuldgefühlen schweigt es vielleicht weiter. Übergriffe werden heruntergespielt, nicht selten aus Angst vor weiteren Gewalttaten. Dennoch sollte man sich davon nicht entmutigen lassen und immer wieder mal signalisieren, dass man für den anderen da ist. Auch hier ist das richtige Maß erforderlich, damit sich der andere nicht bedrängt fühlt.

Durch Einmischen besteht nicht nur die Chance, dass einzelnen Menschen geholfen wird, sondern dass ganz konkrete politische und gesellschaftliche Situationen verbessert werden. Umgekehrt gilt: Wer wegschaut, wer schweigt, stimmt zu.

Demonstrationen oder Petitionen sind gängige Methoden, um gegen Missstände vorzugehen. Aber auch hier gibt es leider den Trend, dass man genau dann, wenn es Mut erfordert und man mit Gegenwind rechnen muss, gar nichts tut. Inzwischen haben Demonstrationen, die von Mainstream-Medien, NGOs und Politik unterstützt werden, Hochkonjunktur. Wer hier mitgeht, dem wird applaudiert, zumindest in linksgrünen Kreisen, der kann sich der Zustimmung seiner „Bubble“ sicher sein. Das Wagnis ist hier gleich null.

Es bleibt also dabei: Wen die eigene Einmischung Überwindung kostet, der dürfte damit wahrscheinlich richtig liegen, sich einzumischen. Wer sich aber, von seinem Ego angetrieben, als Besserwisser hervortun will, wer nicht versteht, dass jeder Mensch das Recht hat, sich in privaten Belangen anders zu entscheiden, als man es selbst für richtig hält, sollte sich lieber auf die Zunge beißen. Ja, auch Zurückhaltung kann schmerzen. Und das ist nicht unbedingt die schlechteste Erfahrung.


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