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Das Potenzial zur Umkehr

Das Potenzial zur Umkehr

Wir dürfen uns selbst und unsere politischen Gegner nicht in alten Geschichten gefangen halten, die wir ersonnen haben — was es braucht, ist eine neue Erzählung.

Vor sieben oder acht Jahren war ich mit einem Fahrdienst zum Flughafen von Charlotte, North Carolina, unterwegs. Der Fahrer war ein ehemaliger Soldat der Special Forces, jedenfalls behauptete er das, weshalb er über Insiderwissen über die Arbeitsweise der Machteliten verfüge. Ich hatte irgendwas gesagt, das den Hahn seiner politischen Ansichten aufdrehte, die während der zweistündigen Fahrt in Strömen flossen. Sein Lieblingsthema waren die Clintons. Er behauptete, er sei Teil von Hillary Clintons Sicherheitsabteilung gewesen. Er gab eine Geschichte über sie zum Besten — die ich schon in verschiedenen Versionen im Internet gelesen hatte —, als ob er sie selbst erlebt hätte. Er sagte, er habe das Team verlassen, nachdem ihm angeordnet worden sei, abscheuliche Handlungen zu verüben.

Ich fand diese Geschichte nicht besonders glaubwürdig; sie wirkte wie aus einem 4chan-Imageboard zusammengebastelt, aber als Amateur-Mythologe bin ich durchaus bereit, mich auf solche Ideen einzulassen, sogar in der plumpen und sich selbst widersprechenden Form, in der dieser Mann sie präsentierte (1). Also hörte ich höflich zu.

Dann, auf dem Höhepunkt seiner Clinton-Tirade, blinkten rote und blaue Lichter im Rückspiegel auf. Der Fahrer fuhr rechts ran, das Polizeiauto hinter uns. Der Fahrer reichte dem Polizisten seinen Führerschein mit einer fast schon absurden Ehrerbietung, gerade so, als würde er dem Papst Tee servieren.

„Ja, Sir. Bitte sehr, Sir.“

„Wissen Sie, warum ich Sie anhalte?“

„Nein, Sir.“

„Eines Ihrer Bremslichter ist kaputt. Ich erteile Ihnen nur eine Verwarnung. Sie sollten das besser reparieren lassen.”

Wir fuhren zurück auf den Highway. „Das war ziemlich seltsam“, sagte ich. Den Rest der Strecke zum Flughafen fuhren wir schweigend. Später dachte ich über das Merkwürdige an diesem Vorfall nach. Wir waren den Highway entlanggesegelt. Der Polizist konnte auf das fehlende Bremslicht erst aufmerksam werden, als der Fahrer wegen des Blaulichts der Polizei abbremste.

In einer sogenannten Verschwörungsrealität wurden unsere Gespräche mithilfe unserer Handys in Echtzeit überwacht. Und als der Mitarbeiter des Tiefen Staates hörte, wie wir über ein verbotenes Thema sprachen — die Verwerflichkeit von Hillary Rodham Clinton —, schickte er schnell einen Polizeibeamten als verschlüsselte „Warnung“.

Aber diese Interpretation spottet jeder Beschreibung. Sie riecht nach Paranoia. Tausende solcher Gespräche sind zu jedem Zeitpunkt im Gange. Keiner von uns war wichtig genug, um die besondere Aufmerksamkeit der Illuminaten zu verdienen, die wohl in jedem Fall wichtigere Aufgaben für die Polizei hätten, als sie vorbeizuschicken, um die Schimpftirade eines x-beliebigen Typen zu unterbrechen.

Natürlich könnte das Ganze ein Zufall gewesen sein. Doch Timing und Symbolik passten so gut zusammen, dass es sich weniger wie ein Zufall als vielmehr wie eine Synchronizität anfühlte — der Durchbruch der Ordnung hinter den Dingen in die Alltagserfahrung. Diese implizite Ordnung drückt eine Intelligenz aus, die die Erfahrungswerte mit der mythischen Realität abgleicht, in die man eintritt.

Wenn man also zu sehr in Hillary-Clinton-Verschwörungstheorien schwelgt, geschehen seltsame Dinge, die diese Theorien bestätigen. Die Polizeikontrolle war wie eine Heimsuchung aus einer anderen Realität, einer, in der der gesamte Mythos von satanischen Eliten wahr ist.

Immer wenn ich über dieses Thema schreibe, erhalte ich zwei Arten von wütenden und/oder herablassenden E-Mails. Die erste tadelt mich dafür, dass ich solche haarsträubenden Verschwörungstheorien nicht ausschließlich mit Spott vortrage, und wirft mir vor, mich in platter Metaphysik zu suhlen, während sich in der realen Welt die realen Schrecken abspielen. Die zweite beschimpft mich für meine Naivität, meine mangelnde Bereitschaft, die rote Pille zu schlucken und meine Augen für das Ausmaß des Bösen zu öffnen, das unsere Welt beherrscht, und fügt dann Videos bei, in denen die verdächtigen Todesfälle von Menschen gezeigt werden, die gegen die Clintons aussagen wollten oder das Netz des Menschenhandels, in das globale Eliten und Institutionen verwickelt sind.

Beide haben meinen Standpunkt nicht verstanden. Es geht mir nicht darum, die Wahrheit oder Falschheit der sogenannten Verschwörungstheorien festzustellen. Wenn man mich dazu drängt, bin ich durchaus in der Lage, mich in die kartesianische Matrix, den Mythos der objektiven Realität, hineinzuversetzen und mich dazu zu äußern, welche dieser Theorien ich für wahr halte. Ich bin genauso fähig wie jeder andere, Beweise zu prüfen, Argumente zusammenzutragen und sie zu liefern. Aber seit vielen Jahren fühle ich mich fremd auf diesem Terrain, fremd auf dem Feld der narrativen Kriegsführung, auf dem jede Partei versucht, die anderen ontologisch zu dominieren, indem sie festlegt, was wahr und was falsch ist.

Um eine paradoxe Anmerkung hinzuzufügen: Bitte denken Sie nicht, dass ich, weil ich die objektive Realität als „Mythos“ bezeichnet habe, etwas so Plumpes sage wie „Die objektive Realität gibt es nicht“.

Je tiefer man in einen Mythos eindringt, desto realer wird er. So verhält es sich auch mit dem Aufenthalt der modernen Zivilisation im Mythos der Objektivität.

Wie gesagt fühle ich mich in diesem Mythos nicht sonderlich zu Hause. Obendrein habe ich die Nase voll von seinen Grenzen und von dem, was man ausblenden muss, um ihn aufrechtzuerhalten. Man muss die Synchronizität ausblenden. Man muss mystische Erfahrungen ausblenden. Man muss das Unbekannte ausblenden. Und man muss weite Bereiche unserer schöpferischen Kraft ausblenden. Was übrig bleibt, ist ein enger, abgeschirmter Bereich, dem wir niemals entkommen können und in dem unsere schöpferische Kraft niemals unsere Fähigkeit übersteigen kann, dem anderen Veränderungen aufzuzwingen.

Der Mythos der Objektivität beinhaltet eine grundlegende Opfermentalität, die uns willkürlichen, uns fremden Kräften unterwirft. Doch die Alternative ist nicht der Solipsismus, also die Vorstellung, dass sich alles nur im eigenen Kopf abspielt. Vielmehr geht es darum, eine geheimnisvolle Vertrautheit zwischen dem Inneren und dem Äußeren, zwischen dem Selbst und der Welt sowie zwischen Bewusstsein und Erfahrung anzuerkennen.

Die Geschichte, so heißt es, wird von den Siegern geschrieben. Die Krieger der Narrative vertreten auch den umgekehrten Standpunkt, dass nämlich derjenige, der die Geschichte schreibt, der Sieger ist. Alles richtig so weit. Die Frage ist: Was ist das Wesen eines solchen Sieges? Was kann man erreichen, wenn alle mit der eigenen Version der Realität einverstanden sind? Und was kann auf diese Weise nicht erreicht werden?

Eine Sache, die man auf diese Weise nicht erreichen kann, ist die Heilung unserer Welt.

Wenn man sich die vielfältigen Krisen auf dieser Erde ansieht, erkennt man leicht die Unmöglichkeit jeder praktischen Lösung. Die Hoffnung muss daher von jenseits der Grenzen der Praktikabilität kommen. Sie muss von den Orten kommen, die wir nicht kennen.

Sie muss von außerhalb der Realitäten kommen, die wir durchsetzen wollten. „Wir“ bezieht sich hier hauptsächlich auf diejenigen, die konventionelle soziale, wissenschaftliche und politische Überzeugungen vertreten, doch möchte ich mich und meine Leser nicht von diesem Aufruf zur Demut ausnehmen.

Die vorherrschenden Glaubenssysteme der Gesellschaft lösen sich auf. Von dem ursprünglichen „Riss im kosmischen Ei“, den Joseph Chilton Pearce vor fünfzig Jahren beschrieb, gehen unkontrollierbar weitere Risse aus. Wenn wir unseren Blick nur auf die intakten Fragmente der Schale beschränken, die von der Eihaut zusammengehalten werden, können wir uns vielleicht immer noch einreden, dass wir wissen, was wirklich ist und was nicht. Ein kleiner und flüchtiger Trost. Jetzt ist es besser, den Blick auf die Risse zu richten, auf die uns Synchronizitäten und das Unerklärliche aufmerksam machen.

Durch sie funkelt eine Intelligenz und ein Geheimnis, das so unermesslich ist, dass das eigene Wissen wie eine Schaumblase auf dem Meer anmutet.

Hier liegt eine ganz praktische Quelle für Hoffnung und eine Ebene der Effektivität als Akteur des Wandels, die dem Informationskrieger nicht zur Verfügung stehen. Gehen wir zurück zu Hillary Clinton oder Donald Trump oder zu deiner Lieblingsmarionette des Tiefen Staats, einer totalitären Institution oder globalistischen Organisation — zu jemandem oder etwas, das in deinem Glaubenssystem bereits vollständig definiert und fest verankert ist. Oder sogar zu jemandem in deinem Leben, den du so gut „kennst“, dass es in deiner Vorstellung wenig Raum für ihn gibt, zu wachsen oder sich zu verändern. Bist du bereit, das abzulegen, was du zu wissen glaubst? Bist du bereit, dem Unmöglichen Raum zu geben?

Unsere Welt wird nicht heilen, indem wir alle alten Institutionen beiseite fegen. Sie wird nicht durch Massenverhaftungen und Säuberungen von bösen Menschen heilen, die den „Sumpf“ bevölkern. Sie wird auch nicht durch eine entsprechende Säuberung unserer eigenen Psyche erfolgen.

Zu einer Heilung wird es vielmehr dann kommen, wenn genügend Menschen, vor allem diejenigen, die wir abgeschrieben oder in unseren Köpfen auf ein niedrigeres spirituelles Niveau herabgestuft haben, in neue Rollen innerhalb einer neuen Geschichte schlüpfen. Damit das geschehen kann, dürfen wir sie nicht in den bestehenden Geschichten darüber, was ist und was sein könnte, gefangen halten. Auch wir selbst dürfen da nicht steckenbleiben, ebenso wenig die Welt. Lasst uns stattdessen die Macht des Erzählens bewusst auf eine andere Art und Weise als bisher einsetzen, als Angebot und nicht als Versuch zu bezwingen.

Man könnte sagen: „Wir müssen die Realität anerkennen und aufhören uns vorzumachen, dass diese Menschen irgendetwas anderes als böse sind.“ Aber weißt du das? Wie kannst du das wissen? Vielleicht steckt in ihnen noch etwas anderes als das, was dir bekannt ist. Vielleicht macht dich das, was du „weißt“, blind und reduziert andere auf das Bild deiner Wahrnehmung. So ist es auch in der amerikanischen Politik, wo jede Seite glaubt, die andere bestehe aus schrecklichen, dummen oder gottlosen Menschen. Behandelt man jemanden in diesem Sinne, wird er diese Erwartung erfüllen.

Schließlich ist die Welt, wie wir sie kennen, aus Geschichten, Vereinbarungen und Symbolen gewoben. Eine Nation ist auch nur eine Erzählung. Eine Grenze ist eine Erzählung. Das Recht ist eine Erzählung, Geld ist eine Erzählung. Eigentum ist eine Erzählung. Sie sind nur so real, wie wir sie machen. Insbesondere das Geld ist der Inbegriff von Zweckmäßigkeit, bei der man „realistisch“ sein sollte. Doch seine Macht entsteht ausschließlich durch Vereinbarungen über die Bedeutung von Symbolen.

Abgesehen von diesen offensichtlich symbolischen Systemen ist auch unsere Wahrnehmung der medizinischen Realität, der wissenschaftlichen Realität und der materiellen Realität in höherem Maße von Vereinbarungen abhängig, als der objektivistische Verstand das erkennen kann. Um also unsere volle Schöpferkraft in Anspruch nehmen zu können, müssen wir uns aus der Gefangenschaft der Narrative befreien, die wir mit der Wirklichkeit verwechselt haben. Dann können wir neue Geschichten entdecken, in denen die Menschen, die wir werden wollen, zu Hause sein können.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Die Ordnung hinter den Dingen“ auf Substack. Er wurde übersetzt von Bobby Langer und Korrektur gelesen von Ingrid Suprayan und Vanessa Groß.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Wenn ich etwas als Mythos bezeichne, tue ich das nicht, um über sein objektives Sosein zu urteilen. Ob du nun glaubst, dass Hillary Clinton eine große Führungspersönlichkeit ist, eine zynische Politikerin oder ein psychopathisches Ungeheuer – der mythische Charakter der sie umgebenden Geschichten bleibt immer erkennbar.

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