„Militärs sind nur dumme, stumpfsinnige Tiere, die als Schachfiguren der Außenpolitik benutzt werden.“
(Original: „Military men are dumb, stupid animals to be used as pawns for foreign policy.“)
So soll Henry Kissinger einst vor dem US-General Alexander Haig gesprochen haben, der später zu den Informanten der Washington-Post-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein im Umfeld der Watergate-Affäre gezählt wurde.
Das Zitat ist umstritten, da Henry Kissinger sich nie öffentlich dazu bekannte. Doch es wäre naiv zu erwarten, dass er eine solche Aussage offen eingeräumt hätte. Gleichzeitig existieren weitere Äußerungen, die ihm zugeschrieben werden und einen aufschlussreichen Einblick in sein Denken geben. Besonders bekannt ist der Satz: „Macht ist das ultimative Aphrodisiakum“ (Original: „Power is the ultimate aphrodisiac“), eine Aussage, die weithin als authentisch gilt und am 28. Oktober 1973 in der *New York Times veröffentlicht wurde.
Das Streben nach Macht ist wohl in jedem Menschen angelegt. Nicht jeder folgt diesem Impuls in gleichem Maße, doch nicht wenige geben sich ihm bereitwillig hin. Wer Macht erlangt, will sie in der Regel auch spüren. Macht drängt zur Ausübung und zwar vor allem über andere Menschen.
Die Hierarchie ist wohl der prägnanteste Ausdruck von Macht. Jeder Teilnehmer stimmt dem Prinzip der Macht stillschweigend zu, wenn er an einer Hierarchie teilnimmt. Widerspruch wird meist nicht geduldet und zieht nicht selten unmittelbare Konsequenzen nach sich. Selbst das bloße Hinterfragen einer Anweisung gilt in manchen Kreisen als unerwünscht — nirgendwo deutlicher als im Militär.
Dies geschieht nicht zuletzt deshalb, weil Informationen oft nur selektiv weitergegeben werden sollen. Wissen ist Macht. Wer über Informationen verfügt, besitzt einen Einfluss, der jenen verwehrt bleibt, denen dieses Wissen vorenthalten wird. Zudem hat die Sozialpsychologie wiederholt gezeigt, dass zahlenmäßige Überlegenheit nicht zwangsläufig mit Einfluss einhergeht. Bereits kleine Minderheiten können Mehrheiten prägen, wenn sie über Informationsvorsprünge verfügen, geschlossen auftreten oder als Autoritäten wahrgenommen werden.
Eine Hierarchie strukturiert Macht und ermöglicht es den oberen Ebenen, Einfluss auf die unteren Ebenen auszuüben. Allein dadurch lässt sich ihre Dynamik jedoch nicht vollständig erklären. Hinzu kommen psychologische Faktoren: Menschen neigen dazu, Autoritäten zu gehorchen und dem Druck einer Gruppe nachzugeben. Problematisch wird dies dort, wo moralische Verantwortung hinter Gehorsam und Loyalität zurücktritt.
Nicht selten fühlen sich Menschen in der Ausübung fragwürdiger Taten sicher, wenn diese von der Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, geduldet oder sogar gefördert werden.
Gustave Le Bon geht in seinem Werk „Psychologie der Massen“ noch weiter. Er vertritt die Auffassung, dass die Zugehörigkeit zu einer Masse die individuelle Urteilskraft abschwächt und die Anfälligkeit für emotionale Beeinflussung erhöht. Der Einzelne hört auf, selbständig zu denken und zu handeln, und orientiert sich zunehmend an den Überzeugungen und Impulsen der Gruppe.
Die Sprache der Macht
Vor allem die Romantisierung des bewaffneten Dienstes am Vaterland sollte als das erkannt werden, was sie häufig ist: eine Form der Propaganda, die militärisches Handeln mit einem moralischen Glanz versieht und dadurch attraktiver erscheinen lässt. Jeder sollte sich sehr wohl die Frage stellen, was eigentlich verteidigt wird, wenn deutsche Soldaten in Afghanistan, Mali oder vor den Küsten fremder Kontinente operieren. Wenn die Verteidigung des Vaterlandes so weit von dessen Grenzen entfernt stattfindet, verdient dieser Begriff dann nicht zumindest eine genauere Betrachtung?
Können wir Aussagen wie Peter Strucks berühmten Satz, „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, einfach so hinnehmen? Oder wird der Begriff der Verteidigung hier derart gedehnt, dass die Grenze zwischen Verteidigung, Interessenpolitik und Machtausübung kaum noch erkennbar ist?
Diese Frage sollte sich jeder stellen, der mit der Idee spielt, ins Militär einzutreten.
Da ich glaube, dass der Mensch von Natur aus gut ist, erlaube ich mir zu postulieren, dass die meisten jungen Männer, die sich zum Dienst an der Waffe melden, diesen Weg aus idealistischen Motiven einschlagen. Der Wunsch, das eigene Land zu schützen, anderen zu dienen und Teil von etwas Größerem zu sein, dürfte dabei für viele eine wichtige Rolle spielen.
Zugleich sollte die insbesondere unter Männern verbreitete Faszination für Waffen, große Maschinen, moderne Technologie und das Gefühl, Teil einer gut organisierten Gemeinschaft zu sein, als Motivation nicht unterschätzt werden.
Gerade deshalb erscheint es notwendig, diese idealistischen Motive der Realität gegenüberzustellen. Denn die Ziele jener, die an der Spitze gesellschaftlicher Machtstrukturen stehen, unterscheiden sich häufig von den Motiven jener, die ihnen dienen. Wer nach Macht strebt, offenbart damit bereits eine bestimmte innere Orientierung. Die höchsten Ebenen gesellschaftlicher Hierarchien werden nur selten von Menschen erreicht, die Macht grundsätzlich ablehnen oder ihr misstrauen.
Es wäre wohl wünschenswert, das eingangs erwähnte Kissinger-Zitat auf jedem Werbeplakat der Bundeswehr zu platzieren. Stattdessen startete die Bundeswehr am 21. Oktober 2024 eine Werbekampagne, deren Plakate in grellem Grün und einer Pixel-Videospiel-Optik gestaltet waren. Beim Betrachter sollten dadurch vermutlich Assoziationen geweckt werden, die weniger an Krieg als vielmehr an Videospiele erinnern. Das Design war derart auffällig, dass selbst der *Tagesspiegel das Thema in einem Artikel aufgriff.
Jenseits des Militärs
Eine völlige Abschaffung der Bundeswehr kann kaum als diskutable These etabliert werden, solange der herrschende gesellschaftliche Zeitgeist nicht hinterfragt wird. Und selbst wenn sie zu einer diskutablen These werden würde, könnte sie sich nur durchsetzen, wenn ihr tragfähige Alternativen gegenüberstehen.
Welche Lösungen würde eine utopische Gesellschaft beziehungsweise eine Hochzivilisation für dieses Problem hervorbringen? Diese Frage soll im Folgenden nicht aus der Perspektive unserer heutigen Gesellschaft beantwortet werden, sondern als Gedankenexperiment dienen. Denn nur wenn wir den Blick über die Grenzen bestehender Systeme hinaus wagen, können wir überhaupt beurteilen, welche Alternativen denkbar wären.
Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzubeugen, sei kurz angemerkt, dass gegenwärtig keine hochzivilisierte Gesellschaft diesen Planeten bevölkert.
Wir sind zweifellos zivilisiert, aber nicht hochzivilisiert. Dazu herrscht zu viel Gewalt — sowohl innerhalb einzelner Gesellschaften als auch zwischen ihnen. Der bewaffnete Konflikt ist dabei lediglich der sichtbarste Ausdruck eines tiefer liegenden Zeitgeistes. Solange wir es als Unterhaltung bezeichnen, Menschen auf der Leinwand massenhaft sterben zu sehen oder stundenlang virtuelle Gegner zu töten, offenbart sich darin eine Geisteshaltung, die mit einer Hochzivilisation unvereinbar ist.
Die Menschheit hat zwar einen beeindruckenden technologischen Fortschritt hervorgebracht, doch ihre geistige Entwicklung ist hinter diesem Fortschritt zurückgeblieben.
Gerade weil eine Hochzivilisation Gewalt nicht verdrängt, sondern versteht, würde sie sich auch der Frage stellen müssen, wie sie sich im Ernstfall verteidigt. Die Vermeidung gewaltsamer Auseinandersetzungen hätte dabei zwar oberste Priorität, doch wären hochzivilisierte Menschen keineswegs naiv. Genauso wenig waren und sind es viele Vertreter religiöser und spiritueller Traditionen, weshalb sie Kampfkünste in die Entwicklung des Geistes einbetteten.
So entstanden in verschiedenen kulturellen Räumen Traditionen wie das Shaolin Kung Fu, Aikido oder Tai Chi. Selbst die mittelalterlichen christlichen Ritterorden verbanden Gebet und Kampf. Hervorzuheben ist dabei, dass diese Traditionen den Kampf nicht primär als Ausdruck einer Aggression verstanden, sondern als Schulung des Geistes, Überwindung der Angst, Disziplin, Selbstbeherrschung und Schutz anderer.
Zu ähnlichen Schlüssen würde vermutlich auch eine Hochzivilisation gelangen. Kampf- und Überlebensfähigkeiten würden dort nicht an eine kleine militärische Elite ausgelagert, sondern als Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens vermittelt werden.
Die Mitglieder einer solchen Gesellschaft wüssten im Verteidigungsfall, was sie tun müssen und wie sie sich selbst, ihre Familien und ihre Gemeinschaft schützen können.
In einer Hochzivilisation wird der gesellschaftliche Körper als Ganzes verstanden, in dem die Bedeutung jedes einzelnen Teils anerkannt wird. Der menschliche Körper kann hierbei als Gleichnis dienen: Zwar werden das Herz und das Gehirn gemeinhin zu den wichtigsten Organen gezählt, doch kann bereits das Platzen eines kleinen Blutgefäßes im Gehirn zum Tod des gesamten Körpers führen. Jeder noch so kleine Teil ist für das Überleben des Ganzen wichtig.
Frauen wären in einer solchen Gesellschaft im Falle einer Verteidigung zu 100 Prozent eingebunden. Ihre Stärken und Fähigkeiten sind ebenso wichtig wie die der Männer. Denn ein Krieg beschränkt sich nicht allein auf die gewaltsame Auseinandersetzung an der Front, sondern wird ebenso durch die dahinter stehende Logistik entschieden.
In einem Land wie Deutschland befinden sich rund 44 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Im Verteidigungsfall wäre dies ein enormes Potenzial an handlungsfähigen Bürgern. Entscheidend ist dabei jedoch nicht die bloße Anzahl, sondern die gemeinsame Identifikation mit einer Idee und die Bereitschaft, für diese einzustehen.
Ein Land mit 44 Millionen potenziellen Soldaten ist für einen Feind nicht unbesiegbar. Er wird sich jedoch die Frage stellen müssen, welchen Zweck die Okkupation eines Landes überhaupt hat, wenn die anschließende Kontrolle des Gebietes einen höheren Aufwand mit sich bringt als der eigentliche Kampf.
Denn gerade die Verbundenheit der Menschen untereinander und mit der Idee, der sie anhängen, würde für einen möglichen Angreifer ein erhebliches Hindernis darstellen.
Die Kontrolle über ein erobertes Land ist kaum möglich, wenn die Okkupierten sich in einem dauerhaften Widerstand befinden, weil sie einer anderen Ideologie anhängen. Das weiß auch die Klasse der Herrschenden, weswegen sich die Menschheit im Grunde fortwährend in einem Krieg um den menschlichen Geist befindet.
Ideen sind mächtig. Physische Macht ist zweitrangig und der geistigen Macht untergeordnet. Das trifft nicht nur auf Gesellschaften, sondern auch auf den einzelnen Menschen zu. Wie ein Mensch handelt, ist die Folge dessen, was er denkt. Kontrolliert man das Denken der Menschen, lassen sich auch die Resultate ihres Handelns weitgehend bestimmen.
Aus diesem Grund ist die Beeinflussung des menschlichen Geistes von weit größerer Bedeutung als die Kontrolle eines geografischen Territoriums. Grenzen können verschoben, Armeen besiegt und Regierungen gestürzt werden. Solange jedoch die Ideen fortleben, die Menschen zum Handeln bewegen, bleibt auch die Möglichkeit, bestehende Machtverhältnisse infrage zu stellen oder neue zu errichten.
Es gibt alternative Konzepte zur organisierten Gewalt in Uniformen. Doch sind wir noch weit davon entfernt, solche Konzepte in unserer Gesellschaft zu verwirklichen. Stattdessen werden vor allem junge Männer weiterhin darauf vorbereitet, andere junge Männer zu töten, die sie persönlich nicht kennen, um den Machtinteressen jener zu dienen, die selbst niemals bereit wären, für ihre eigenen Ziele den Preis zu zahlen, den sie von anderen verlangen.
Das Einzige, was wir tun können, ist, für Aufklärung zu sorgen und aufzuzeigen, dass es Alternativen gibt. Das ist der eigentliche Krieg, den wir führen: ein Krieg der Ideologien, die um die Vereinnahmung des menschlichen Geistes kämpfen.
Dieser Kampf ist noch lange nicht verloren, und Hoffnung ist berechtigt, dass er am Ende gewonnen werden kann. Doch müssen wir lernen, mit einer Stimme zu sprechen — einer Stimme der liebevollen Einheit, die den Gegenpol zu jener Getrenntheit bildet, aus der Krieg überhaupt erst entstehen kann.
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