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Der Mensch als Übergangstechnologie

Der Mensch als Übergangstechnologie

Die Revolution der künstlichen Intelligenz ist die erste, die nicht zuerst Muskelkraft ersetzt sondern geistige Arbeit.

Miriam T. übersetzt seit elf Jahren Verträge und Gerichtsdokumente für eine Kanzlei, Englisch und Französisch, manchmal auch Niederländisch. Vor einem Jahr bekam sie Zugang zu einem KI-Programm, das ihr die Arbeit „erleichtern“ sollte. Heute liest sie vor allem nur noch gegen, was die Software in Sekunden ausspuckt, bei ungefähr einem Drittel ihres früheren Zeitaufwands und ähnlichem Gehalt, mit der stillen Erwartung, dass sie künftig einfach mehr Akten in derselben Zeit schafft. „Ich merke, wie mein eigentlicher Beruf verschwindet, obwohl ich noch da bin“, sagt sie. „Ich bin jetzt eher die, die der Maschine hinterherräumt.“

Darum geht es jedoch, wenn heute von künstlicher Intelligenz (KI) die Rede ist, meistens nicht. Es heißt, KI solle den Menschen entlasten, unterstützen, effizienter machen. So erklärt die Industrie ihren eigenen Fortschritt gerne selbst. Zweifelsohne hat KI gute Seiten, gerade in der Medizin, und sie kann vergleichende, mustererkennende Arbeit schneller erledigen als ein Mensch. Was seltener zur Sprache kommt, ist das, was Miriam gerade am eigenen Schreibtisch erlebt: KI ist auch eine sehr wirksame Maschine zur Vernichtung von Arbeitsplätzen, und die größten Gewinner sind bislang vor allem Aktionäre.

Jede Epoche findet ihre eigene Sprache, um tiefgreifende Umbrüche harmloser klingen zu lassen, als sie sind. Die Industrialisierung sprach von Rationalisierung, die Globalisierung von Wettbewerbsfähigkeit. Heute heißt das Wort Effizienz. Hinter jedem dieser Begriffe standen am Ende Gewinner und Verlierer. Vieles spricht dafür, dass es diesmal nicht anders läuft.

Wie schnell das geht, zeigen aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). 2023 setzten gerade einmal fünf Prozent der deutschen Betriebe generative KI ein.Dann, 2025, waren es bereits knapp 25 Prozent, in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten sogar 48 Prozent. IAB-Forscher Martin Friedrich erklärt den Sprung mit der inzwischen sehr einfachen, intuitiven Bedienung per Chatbot; jeder kann sie benutzen, ohne Vorwissen. Am stärksten verbreitet ist der Einsatz ausgerechnet dort, wo Miriam arbeitet: in wissensintensiven Dienstleistungen, in der Informationsbranche, bei Banken und Versicherungen, in Kanzleien.

Über Jahrtausende war der Mensch das Maß der Dinge: Arbeiter, Handwerker, Richter, Arzt, Übersetzer — seine Fähigkeiten begründeten seinen Wert, Bildung versprach Aufstieg, Erfahrung Autorität. Diese Gewissheit beginnt zu bröckeln. Zum ersten Mal entsteht eine Technik, die nicht vor allem Muskelkraft ersetzt, sondern geistige Arbeit übernimmt, und das keineswegs nur bei einfachen Bürotätigkeiten. Gerade beim Programmieren oder bei anwaltlicher Textarbeit, Miriams Feld, leisten die neuesten Systeme erstaunlich viel. Frühere Automatisierungswellen trafen vor allem Industriearbeitsplätze am Fließband; diese trifft zuerst die Schreibtische.

Damit verschiebt sich die Frage, die jede technische Umwälzung stellt: Welche Aufgabe bleibt dem Menschen übrig, wenn die Maschine schneller und billiger arbeitet? Bislang lautete die Antwort meist, der Mensch rücke einfach eine Stufe weiter nach oben, übernehme anspruchsvollere Tätigkeiten. Mechanisierung und Computerisierung vernichteten Berufe und schufen neue, daraus entstand der Glaube, jede technologische Revolution gleiche sich am Ende von selbst aus. Das kann auch diesmal so kommen. Aber es passiert nicht automatisch, sondern nur, wenn jetzt, in genau dieser Phase, ernsthaft über die Verteilung der Gewinne verhandelt wird. Sonst könnte sich etwas grundlegend anderes einstellen: KI, die den wirtschaftlichen Wert eines Menschen wie Miriam schlicht neu definiert, ohne dass sie mitreden durfte.

In einer marktwirtschaftlichen Ordnung entscheidet zuerst die ökonomische Logik. Lässt sich eine Aufgabe billiger erledigen, entsteht automatisch der Anreiz, genau das zu tun. Deshalb reicht Staunen über die Möglichkeiten nicht, es braucht die Debatte über die Folgen, und die wird bislang erstaunlich einseitig geführt. Von allen Seiten heißt es, man müsse mehr investieren, mehr Infrastruktur bereitstellen; kaum jemand fragt laut, warum eigentlich und für wen. Fast jede neue Anwendung wird mit Produktivitätsgewinnen begründet — weniger Zeit, weniger Kosten, mehr Leistung. Selten gefragt wird, wem diese zusätzlichen Gewinne zufließen sollen. Erhöht sich damit der Wohlstand aller, oder konzentriert er sich bei denen, die Rechenzentren, Daten und die leistungsfähigsten Modelle besitzen?

Diese Frage ist nicht technikfeindlich, auch wenn sie gerne so hingestellt wird. Sie ist eine demokratische Frage, und sie müsste eigentlich beantwortet sein, bevor Milliarden in den Ausbau von KI-Infrastruktur fließen, nicht erst danach.

Jedem Beschäftigten, auch Miriam, müsste vorher klargemacht werden, was am Ende dabei herauskommt, wenn KI in immer mehr Wirtschaftsbereiche vordringt. Große Weichenstellungen sollten nicht länger über den Köpfen der arbeitenden Bevölkerung hinweg getroffen werden. Bevor mit ihrem Steuergeld der Umbau der eigenen Arbeitswelt vorangetrieben wird, sollten für Menschen, deren Tätigkeit überflüssig wird, echte Perspektiven und neue Aufgaben angeboten werden. Sie sollten vor allem zukünftig nicht nur noch als Handlanger der Maschine arbeiten.

Genau hier ist das Verantwortungsbewusstsein der Politiker gefragt. Sie sollten verstehen, dass der Ausbau der KI, sollte sich nichts ändern, nur denen nutzt, die jetzt schon gar nicht mehr wissen, wo sie ihre Milliarden noch investieren sollen. Ein großer Teil der Bevölkerung könnte zum Spielball einiger „Philanthropen“ und zynischer Ideologen werden.

Jede industrielle Revolution war am Ende nicht nur technisch, sondern politisch. Arbeitsschutz und Arbeitszeitbegrenzung fielen nicht vom Himmel, sie entstanden durch den Druck organisierter Beschäftigter, als Antwort auf einen Fortschritt, dessen Vorteile zunächst extrem ungleich verteilt waren. An einem ähnlichen Punkt stehen wir jetzt wieder.

Während Regierungen von digitaler Souveränität sprechen, wächst gleichzeitig die Abhängigkeit von einer Handvoll globaler Technologiekonzerne, in deren Systeme diese Regierungen selbst Milliarden pumpen. Die öffentliche Debatte bleibt dabei schmal; sie kreist um Chatbots und Bildgeneratoren, als ginge es um ein neues Computerprogramm und nicht um die Frage, was mit einer Gesellschaft geschieht, deren wichtigster Produktionsfaktor immer weniger der Mensch und immer mehr das Wissen einer Maschine wird.

Noch könnten wir das mitgestalten, mit neuen Berufen, kürzerer Arbeitszeit, einem Zugewinn an Wohlstand, der tatsächlich ankommt. Automatisch passiert davon aber nichts. Technischer Fortschritt kennt keine Moral, weder Gerechtigkeit noch Verantwortung, er folgt den Zielen derer, die ihn entwickeln und finanzieren.

Über die Zukunft entscheidet deshalb nicht der Algorithmus, sondern die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen er eingesetzt wird.

Der eigentliche Konflikt unserer Zeit verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine. Er verläuft zwischen zwei Vorstellungen davon, was ein Mensch wert ist: Die eine sieht in ihm vor allem einen Kostenfaktor, der sich möglichst effizient ersetzen lässt. Die andere versteht Technik als Werkzeug, das Menschen von Lasten befreit, ohne ihnen ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung zu nehmen.

Welche dieser beiden Vorstellungen sich durchsetzt, ist offen. Fest steht nur, dass die Entwicklung längst läuft, an Miriams Schreibtisch genauso wie in jedem Kabinettsbeschluss zur nächsten Fördermilliarde.

Vielleicht liegt die größte Gefahr der künstlichen Intelligenz gar nicht darin, dass Maschinen eines Tages denken wie Menschen, sondern darin, dass Menschen beginnen, sich selbst nur noch nach den Maßstäben der Maschine zu beurteilen — schneller, billiger, effizienter als ein Algorithmus zu sein, sonst nichts. Miriam sagt, sie merke das schon an sich selbst: Sie fragt sich inzwischen öfter, wie lange sie noch schnell genug ist, statt zu fragen, ob ihre Arbeit gut ist. Doch in dem Moment, wenn der Mensch einen solchen Maßstab an sich selbst anlegt, hätte die künstliche Intelligenz ihren größten Sieg errungen.


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