Die Anfänge des Beginentums lagen in den Niederlanden, damals noch nicht getrennt von Belgien, wo Frauen sich zusammenschlossen, um gemeinsam ein geistliches und tätiges Leben zu gestalten. Die Aufzeichnungen reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück. In nahezu jeder deutschen Stadt gab es Beginenhöfe. Hunderttausende Frauen lebten in Deutschland auf diese Weise zusammen. In über 665 Städten gibt es heute Archiv-Materialien. Die Bewegung war über ganz Europa ausgebreitet. In der Literatur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sie an vielen Orten spontan auftrat, von keiner kirchlichen oder weltlichen Institution gesteuert.
Von Spanien bis England, von Ungarn bis ins Baltikum gab es über 10.000 Beginenkonvente. Sie waren eine Alternative zu den anderen beiden Möglichkeiten, die Frauen damals hatten: Ehe oder Kloster. Im Namen des christlichen Glaubens legten Beginen ein Versprechen ab, um ein einfaches, gemäßigtes Leben zu führen und Tätigkeiten der Nächstenliebe auszuüben. Ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangten sie durch Stiftungen, das Einbringen ihrer jeweiligen Besitztümer, ihrer erlernten Fähigkeiten und durch ihre Arbeit.
Sie arbeiteten unter anderem als Handwerkerinnen, Künstlerinnen, Kauffrauen und waren in allen Heil- und Lehrberufen tätig. Das gemeinsam erwirtschaftete Vermögen teilten sie, während sie ihr privates Vermögen behielten. Besonders widmeten sie sich der medizinischen Versorgung der Bevölkerung in den damals entstehenden Städten. Sie betreuten Kranke und Sterbende und betrieben Seelsorge. Auf ihr Engagement geht die Errichtung von Krankenhäusern und Schulen zurück.
Die Frauen waren geistlich und weltlich zugleich. Ihre Höfe und Häuser waren nicht abgeschieden, sondern lagen mitten in den Städten. Ihre Aktivitäten waren mit einem intensiven religiösen Leben verbunden. Schwerpunkt ihrer Bestrebungen und Reflexionen war die Pflege der spirituellen Liebe.
Ihre Theologie war sinnesnah und basierte auf einer lebendigen Gotteserfahrung, für die sie keine männlichen Mittler brauchten. In den Konventen lebten Frauen jeden Alters und Standes, manche mit ihren Kindern. Unter der Obhut einer von ihnen bestimmten „Meisterin“ galten die Regeln der jeweiligen Häuser, denen kein Priester, keine männliche Autorität vorstand.
Enteignet, verfolgt, getötet
Ihre stärkste Verbreitung erlebte die Bewegung bis ins 15. Jahrhundert. Doch selbstbestimmt und in frei gewählten Gemeinschaften lebende, sozial engagierte und handwerklich tätige Frauen ohne Mann, die ein sinnhaftes und sinnliches Leben führten und daran Freude hatten — das erweckte den Argwohn der selbsternannten männlichen Autoritäten. Die Beginen hatten die Unbill der männlichen Zünfte und Gilden, vor allem aber die der Kirche erregt. Ratsherren, Zünfte und Kirchen begannen, ihre Konflikte auf dem Rücken der Beginen auszutragen.
Schon ab 1354 bezeichneten päpstliche und kaiserliche Bullen die Beginen als häretische Sekten. Die durch Papst Urban V. in Deutschland vorangetriebene Inquisition bedrohte zunehmend das Leben der unabhängigen Frauen. Marguerite Porete, eine französische Mystikerin und Begine, bezahlte ihre Eigenständigkeit mit ihrem Leben. Sie ist die Autorin des später von männlichen Geistlichen kopierten Werkes „Spiegel der einfachen Seelen“.
Zwar konnte sich eine Frau mit Theologie befassen, doch ihre Ansichten durfte sie nur im privaten Bereich weitervermitteln. Öffentliches Lehren war ausgeschlossen, da der Apostel Paulus dies unmissverständlich untersagt hatte. So wurde das Beginenwesen verboten, enteignet und verfolgt. Um zu überleben, traten viele in Klöster ein. Systematisch wurde gegen die unabhängig lebenden Frauen vorgegangen. Auch die Reformation schlug breite Schneisen in das Beginenwesen. Nichts sollte den Frauen bleiben als die Unterordnung unter eine männliche Autorität.
Wiederbelebt
Fast die Hälfte der Gemeinschaften jedoch soll die Umbrüche überstanden haben. Überlebt haben in Flandern die Höfe, die nach den Religionskriegen unter spanisch-katholischer Herrschaft eine Gegenreformation erlebten. Aber auch anderorts gab es noch lange Beginen. Im katholischen Essen starb die letzte 1884, im protestantischen Bremen 1997. 1998 hat die UNESCO dreizehn Beginenhöfe in Flandern zum Weltkulturerbe erhoben.
Heute leben und wirtschaften dort keine Beginen mehr. In den Höfen jedoch soll eine besondere Atmosphäre zu spüren sein, die bis heute in der ganzen Welt ein Vorbild für Frauenwohnen und -leben ist. Seit 1985 bildete sich in Deutschland in verschiedenen Städten eine neue Beginenbewegung, ohne dass die Frauen voneinander wussten. Feministinnen, Historikerinnen und Theologinnen entdeckten und erforschten das Leben der historischen Beginen. Erste Beginenvereine entstanden, die später die ersten Frauenwohnprojekte initiierten.
Ihr Ziel ist es, dazu beizutragen, die heutige Gesellschaft menschlicher zu gestalten, sowie gemeinschaftliche und generationsübergreifende Lebensformen zu entwickeln, die den alltäglichen und den spirituellen Bedürfnissen von Frauen gerecht werden.
Sie engagieren sich besonders für die Gleichstellung von Frauen, Gewaltfreiheit, einen behutsamen Umgang mit der Natur und den Ressourcen. Bewusst nutzen sie ihre Vielfalt und Unterschiedlichkeit für die Weiterentwicklung der Gemeinschaften und jeder einzelnen Frau.
Vorbild
Die moderne Beginenbewegung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die historischen Beginen dem Vergessen zu entreißen. Der vor zwanzig Jahren gegründete Dachverband der Beginen unterstützt deshalb wissenschaftliche Arbeiten und Forschungen zur historischen und zur heutigen Bewegung. Aktuell organisieren sich im Dachverband rund 500 Frauen in Beginengemeinschaften, achtzehn Beginenwohnprojekten, sowie Einzel- und Wanderbeginen. Im Zusammenwohnen entstehen innovative Wohn-, Arbeits-, Wirtschafts- und Lebensformen, die nicht nur Frauen inspirieren (1).
Die Höfe wurden von privaten Investorinnen und Investoren, Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften sowie Stiftungen gebaut. Sie sind über Deutschland von Bremen bis Blaubeuren verteilt. Die Ausrichtungen und Inhalte der Höfe sind so unterschiedlich wie die Frauen, die dort leben. Es gibt keine vorgegebene Ausrichtung, wie das Leben als Begine zu sein hat. In den Wohnstrukturen in der Stadt oder auf dem Land verfügen die Frauen zumeist über individuelle Wohnungen. Dazu gibt es Gemeinschaftsräume und die Absprache, sich dort regelmäßig zu den verschiedensten Aktivitäten zu treffen (2).
Die Beginenbewegung hat einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht nur der politischen Frauenemanzipation eine neue Dimension hinzufügt.
Das Bilden von generationsübergreifenden Gemeinschaften, Zusammenleben in Vielfalt, regelmäßiger Austausch mit anderen, das gemeinsame Lösen von Problemen, wirtschaftliche Unabhängigkeit, handwerkliche und kulturelle Aktivitäten, gemeinsames Arbeiten an Projekten, das Ganze mit einer spirituellen Ausrichtung eines sinnerfüllten Lebens — all das bietet Anreiz, sich in ähnlicher Weise zu organisieren (3).
Aktuell sind viele Menschen, Frauen und Männer, auf der Suche nach neuen Lebensformen. Sie sind die Sinnlosigkeit satt, die Isolation, die Einsamkeit, den täglichen Kampf ums Überleben, das Überwinden von Problemen —was alleine kaum zu lösen ist. Um ein Kind heranwachsen zu lassen, so sagt ein afrikanisches Sprichwort, braucht es ein ganzes Dorf. Damit der Mensch wirklich Mensch sein kann, braucht es die Gemeinschaft. Fast tausend Jahre Erfahrung machen die Beginen zu einer wertvollen Inspiration für unsere Zeit.
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Quellen und Anmerkungen:
(1) https://www.dachverband-der-beginen.de/startseite
(2) Beispiel Beginenhof Essen: https://www.youtube.com/watch?v=IHfHyIKo7Ug
(3) https://beginen-heute.blogspot.com/



