Ich saß in der Hölle. Freiwillig. Aus reiner Neugier. Aufgetan hatte sich das Tor zur Hölle an einem Dezemberwochenende des Jahres 2023 in der Münchner Olympiahalle. Jener Herrscher der besagten Hölle hieß dann auch noch fast genauso wie „Hölle“ — Höller. Jürgen Höller. Seines Zeichens Motivationstrainer, Autor, Unternehmer und Inhaber der „Jürgen Höller Academy“ mit dem entlarvenden Slogan: „we make people better“.
Es waren die sogenannten „Power Days“, ein sich über das gesamtes Wochenende hinziehendes „Empowerment Event“, zu dem Tausende Menschen hinströmten, in der Hoffnung, dort würde Höller den Initialfunken für ihr inneres Feuer auf sie überspringen lassen. Dem Versprechen nach sollten die Teilnehmer an diesen zwei Tagen inneres Wachstum, Stärke und Klarheit erlangen, um beruflich wie privat mit bislang ungekannter Energie durchzustarten.
Schon beim Betreten der Olympiahalle ahnte ich, dass es schlimm werden würde. Doch so schlimm sollte es nicht werden. Es wurde schlimmer. Worte können nur schwer beschreiben, was für eine „Power“ Jürgen Höller in dieser Halle entfachte. Von den Anwesenden mochte sie wohl als positiv wahrgenommen worden sein, was der beidseitigen Intention sowohl der Besucher als auch des Veranstalters entsprochen haben dürfte.
Höller ist nämlich strammer Vertreter des „positiven Denkens“. Doch für einen jeden, der geistig auch nur mit einer Teelöffelspitze an ideologiekritischem Denkvermögen ausgestattet ist, war diese Chose ein emotionales Wechselbad aus Faszination und Abscheu.
Was sich hier zutrug, war eine Art deutscher Adaption eines Events von Tony Robbins, dem US-amerikanischen Urvater der Coaching-Szene. Wie es mit allerlei deutschen Adaptionen aus Übersee naturgemäß so ist, braucht es obendrauf natürlich noch ein unerträglich peinliches Element. Dies bekam das Publikum geliefert in Form der sogenannten Energie-Pausen, die sich ausnahmen wie ein Schlagergarten für Karrieristen und solche, die es werden wollen; tanzende Maskottchen auf der Bühne, riesige Luftballons, die durch die Luft gestoßen werden, und eine wie aller Sinne beraubte Masse, die, mündigen Menschen unwürdig, apathisch und infantilisiert mitschunkelt und mitklatscht.
Zwischendurch, während seiner Redebeiträge, stiftete Höller die anwesende Menschenmenge immer wieder dazu an, zwecks Aufrechterhaltung des Energiepegels eine bestimmte Körperbewegung zu vollziehen. Wie diese genau ging, habe ich zwischenzeitlich, auch weil ich mich stur des Mitmachens verweigerte, erfolgreich verdrängt. Es war eine Mixtur: sich wie ein Gorilla auf die Brust klopfen, irgendwas Vergleichbares wie „Chaka!“ rufen und eine Armbewegung vollziehen, die dem „Bellamy Salute“ nicht unähnlich war.
Soweit zur Form der Veranstaltung. Der „Inhalt“, wenn man diesen als solchen bezeichnen möchte, war ein Gemisch aus teils schon gut bekannten Plattitüden, Kalendersprüchen und auf den ersten Blick vielversprechenden Erfolgsrezepten. Aus welch zweifelhaften Zutaten diese Rezepte bestanden und was in ihnen bewusst weggelassen wurde, sodass kein Wirklichkeitsbezug zustande kam — darauf werden wir im weiteren Verlauf des Beitrags eingehen.
Zunächst bin ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, natürlich eine Antwort auf die Frage schuldig, was zur Hölle(r) in mich gefahren ist, dass ich mich freiwillig einem solchen Fiebertraum ausgesetzt und dafür auch noch Geld ausgeben habe. Nun, seien Sie versichert, dass ich für diesen Irrenanstalt-Freigang keinen einzigen Cent bezahlt hätte. Und hätte ich dafür etwas gezahlt, so hätte ich jedem Cent eine Träne nachgeweint.
Doch wie kam es nun dazu, dass ich mich bei den Power Days wiedergefunden habe? Habe ich mir die Power von Jürgen Höller etwa erschlichen? Habe ich mich in die vollbesetzte Olympiahalle reingemogelt? Nein. Ich gehörte zu jenem nicht unerheblichen Anteil der Besucher, die, ebenso wie ich, keinen Eintritt zahlen mussten, denn — die Olympiahalle war zwar ausgebucht ... aber nicht ausverkauft! Jeder Gast, der sich ein Ticket erworben hatte, durfte nämlich mehrere (!) Freunde und Bekannte mitbringen, beziehungsweise konnten sich Grüppchen theoretisch den Ticketpreis teilen. Was bedeutet das im Umkehrschluss? Hätte diese Möglichkeit nicht bestanden, so wäre nur ein Bruchteil der Plätze besetzt gewesen. Und mit einer weniger als halbvoll besetzten Olympiahalle ließe sich diese Power nicht glaubwürdig vermitteln. Geflissentlich verschwiegen wurde jedoch an jenem Wochenende dieser erbärmliche Trick zur Sitzplatzaufstockung, damit auf den Fotos im Nachgang der Eindruck entstand, die Halle wäre dem Höller wegen restlos ausverkauft gewesen.
Allein am Musterbeispiel dieser Trickserei zeichnet sich das ab, was die Coaching-Szene in ihrem Kern ist: fake!
Vom „Working Class Hero“ zum „Working Hard Hero“
Im Grunde genommen könnte ich bereits ab dieser Stelle den Artikel beenden. Allein die Methode Höllers gibt bereits einen so tiefen Einblick in den dubiosen Maschinenraum dieser Szene, dass damit schon viel gesagt wäre. Doch es bedarf einer tiefergehenden Analyse, die in Teilen auch schon von anderen geleistet wurde.
Die Coaching-Szene ist — so wage ich zu prophezeien — eine kurz vor dem Platzen befindliche Blase, deren Verschwinden ein Vakuum für jene Hoffnungs- und Sinnsuchenden hinterlassen wird, die — teils krisenbedingt — ihr berufliches wie seelisches Heil bei diesen Seelenfängern suchen.
„Seelenfänger“ ist fürwahr ein hartes Wort, doch die nachfolgende Analyse soll zeigen, dass der begriffliche Härtegrad absolut angemessen ist.
Um das Phänomen der Coaching-Szene besser zu verstehen, muss das Gegenteil von dem vollzogen werden, was Business-, Spiritual- und Motivationscoachs standardmäßig tun: dekontextualisieren und das einzelne Individuum losgelöst von seiner Umwelt und den gesellschaftlichen sowie sozioökonomischen Hintergründen zu betrachten. Um den Rahmen dieser Analyse nicht zu sprengen, müssen manche Zusammenhänge verkürzt und/oder vereinfacht dargestellt werden. Zur Vertiefung sei an den jeweiligen Stellen auf weiterführende Quellen verwiesen.
Die Figur des Motivationscoachs ist geradezu symbiotisch mit dem Neoliberalismus (1) verwachsen, der ab den 1980er-Jahren seinen — fast — weltweiten Siegeszug antrat. Dieser Ideologie inhärent ist das Menschenbild des „homo economicus“, des rein rational handelnden Marktteilnehmers, der von sozialen Banden losgelöst, als isoliertes, entsolidarisiertes Subjekt seines eigenen Glückes Schmied ist. Jegliches Versagen ist, der Denkrichtung nach, stets dem einzelnen Menschen selbst anzulasten, während äußere, von der Besitzenden-Klasse verursachte Faktoren, wie Stellenabbau oder Monopolbildungen, als ausschlaggebende Ursachen für Prekarisierung und soziale Verschärfungen außen vor gelassen werden.
So sind es auch die 1980er-Jahre, die die ersten Motivationscoaches wie die Ikone Tony Robbins hervorbringen. Diese Speaker sind gewissermaßen die Prediger des Neoliberalismus, die die Menschen auf ihre Eigenverantwortung und Nabelschau einschwören.
Dabei vollzieht sich eine Abwendung von dem, was John Lennon 1970 in seinem ikonischen und gleichnamigen Song ironisch als „Working Class Hero“ bezeichnete. Lennon glorifiziert darin keineswegs das Klassenbewusstsein des Arbeiters, sondern übt Fundamental-Kritik an dem Verwertungssystem, welches den Menschen in der Schule zum hörigen, funktionalen Arbeiter und Konsumenten formt. In der Identifikation mit seinen gleichermaßen schlecht oder weniger schlecht bezahlten Kollegen, also mit einem Kollektiv, einer Klasse, soll sich der neoliberal herangezüchtete „Working Hard Hero“ nicht wiederfinden. Er soll sich allein mit sich selbst identifizieren. Die vormals von den Unternehmern, den Fabrikbesitzern, ausgehende Kontrolle und Einpeitschung wird internalisiert, sodass sich das Individuum in seiner Rolle als „Unternehmer seiner selbst“ aus sich selbst heraus diszipliniert und bestraft. (2)
Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle angemerkt, dass es nicht schwarz-weiß darum geht, schlicht den „Working Class Hero“ einerseits zu romantisieren und die Entstehung des „Working Hard Hero“ andererseits zu kritisieren. Beide Ausprägungen sind Seiten derselben Herrschaftsmedaille oder dessen, was Tom-Oliver Regenauer als „Dominanzdialektik“ bezeichnete. Das Problem mit der am Rad drehenden Coaching-Szene lässt sich nicht lösen durch das Zurückdrehen des Rades in Richtung eines zurückkehrenden Arbeiterkampfbewusstseins — insbesondere nicht in Zeiten industrieller Fundamental-Umstrukturierung durch KI und Robotik, die das Konzept „Existenz gegen Arbeitsleistung“ auf kurz oder lang obsolet macht. So gilt es beim „Working Class Hero“ zu berücksichtigen, dass er wiederum kein „Endprodukt“ des Neoliberalismus ist, sondern das einer — zumindest in Teilen — gesteuerten Opposition.
Immer wieder muss sich nämlich vergegenwärtigt werden, dass insbesondere in Großbritannien die Gewerkschaftsbewegung und das Konzept von Sozialdemokratie an sich, von der mit Eugenikern in den Führungsetagen besetzten Fabian Society maßgeblich beeinflusst wurden. Die Klasse der Besitzenden formatiert ihr Profit-Regime immer wieder neu.
Was für die Klassen der Besitzlosen im Westen ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zweifelsohne einen bislang ungekannten Zuwachs an Wohlstand bedeutete, ist jedoch eine systemisch fest eingepreiste Aufstandsprophylaxe, mit der Widerstandsenergien durch materielle Fülle erstickt werden.
Der Switch des Herrschaftsmodus von Hard- zu Soft-Power wurde unter anderem von Rainer Mausfeld ausführlich skizziert (3), während Hermann Ploppa die seit Corona vollzogene Zurückbesinnung auf Ersteres in seinem neuen Buch nachzeichnet. (4)
Doch nun zurück zu den Coaching-Gurus.
Teuflischer Individualismus und Kollektivismus
„Ein Millionär braucht viele Tellerwäscher /
(…) jeder kann es schaffen, aber nicht alle!“
(K.I.Z. „Geld wie ein Magnet“)
Für die weitere Analyse ist es elementar, die je nach Ideologie unterschiedlichen Verhältnisse des Individuums zum Kollektiv genauer zu betrachten. Hierbei ist ein Konzept Rudolf Steiners aus der Anthroposophie zu Veranschaulichungszwecken äußerst dienlich — nämlich die Unterscheidung zwischen den zwei „teuflischen“ Polen des Ahrimanischen einerseits und des Luziferischen andererseits. Roland Rottenfußer hat beide Formen in seinem lesenswerten Beitrag „Ahrimans Welt“ sehr anschaulich gegenübergestellt:
Ahriman: Struktur — Luzifer: Auflösung
Ahriman: Starre — Luzifer: Bewegung
Ahriman: Kälte — Luzifer: Hitze
Ahriman: Intelligenz — Luzifer: Gefühl
Ahriman: Dunkelheit — Luzifer: (übermäßige) Helligkeit
Ahriman: Verhaftetsein in der materiellen Welt — Luzifer: Verschwimmen im Geistigen
Ahriman: Nüchternheit — Luzifer: Rausch
Ahriman: begrenzend — Luzifer: entgrenzend“
Auf das Verhältnis von Individuum zu Kollektiv übertragen, stehen die jeweiligen Pole für Folgendes:
- Ahriman: „Das Kollektiv (Volk/Klasse/Mannschaft) ist alles, du bist nichts!“
- Luzifer: „Du bist alles, das Kollektiv ist nichts!“
Man würde es sich nun zu leicht machen, die Diktatoren des 20. Jahrhunderts Ahriman zuzuordnen und die Motivationscoachs Luzifer. Es ist richtig, dass im Dritten Reich und in sozialistischen Diktaturen das Kollektiv beschworen wurde und der Einzelne nichts galt. Nun leben wir in Zeiten des Hyperindividualismus, in welchen wiederum das Kollektiv, die Gemeinschaft, unter die Räder kommt. Doch wozu Motivationsgurus ihre sehnsüchtigen Anhänger anstiften, ist eine perverse wie infame Hybridisierung aus Individualismus und Kollektivismus.
Wie das gemeint ist? Sie erinnern sich an das K.I.Z.-Zitat zu Beginn dieses Abschnitts? „Ein Millionär braucht viele Tellerwäscher“. Abgeleitet ist der Satz aus der amerikanischen „Pursuit of Happiness“-Phrase „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Auf unser Thema angewendet, lautet die Aussage: Gäbe es nur noch Millionäre, dann wüsche niemand mehr die Teller ab.
Das Individuum wird in dieser Logik herausgehoben, ihm wird suggeriert, dass er oder sie „es“ schaffen könne — allerdings unter der Grundvoraussetzung, dass die allermeisten es nicht schaffen, respektive Teil des Kollektivs, der Masse bleiben, die das „good life“ der wenigen Gewinner durch ihre undankbare, harte Arbeit erst ermöglichen.
Nochmal K.I.Z.:
„Jeder kann es schaffen, aber nicht alle.“
Diese Zementierung der pyramidalen Verhältnisse bleibt bei derartigen Coaching-Events unausgesprochen im Riesenraum, wenngleich die dramatisch ungleiche Gewinner-Verlierer-Symmetrie sich jedem unmittelbar aufdrängt, der bis drei zählen kann. Wenn wir an dieser Stelle noch einmal zu den „Power Days“ von Jürgen Höller in der Münchner Olympiahalle zurückkehren: Könnte dort jeder der Anwesenden „es“ schaffen? Schließlich holte Höller zwei Menschen auf die Bühne, denen es infolge seiner Events und Seminare gelang, erfolgreiche Unternehmer zu werden. Es scheint also zu funktionieren! Oder?
Nun wollen wir uns an dieser Stelle vorstellen, dass — fast — jeder dieser abertausenden Anwesenden, meine Wenigkeit eingeschlossen, „es“ schaffen würde, wir unser Start-up aus dem Boden ziehen, den Markt erfolgreich erschließen und in wenigen Jahren von den Früchten unseres „Hustles“, unseres „Grinds“ leben könnten. Dann hätten wir ausgedient. Aber dann wäre doch die naheliegendste Frage, die sich ein jeder stellen müsste, der in den Energie-Pausen beim „CHAKA!“-Rufen sein Hirn nicht in den Überflugmodus gestellt hat: „Wer hält das Unternehmen am Laufen?“ Und nicht nur das Unternehmen selbst, sondern die gesamte ringsherum befindliche Infrastruktur: Wer entsorgt auf dem Firmengelände den Müll? Wer putzt die Räumlichkeiten? Wer macht die Buchhaltung und das Controlling? Wer verpackt die Ware, wer liefert sie aus? Sind mit all diesen elementar wichtigen Aufgaben eben nicht jene betraut, die man als Arbeiter bezeichnet? Die weiter oben schon genannten „Working Class Heros“? Ergo, die allermeisten Menschen? Und verspüren genau jene Menschen vielleicht nicht auch den Wunsch, dort zu sein, wo diejenigen sind, die es auf Kosten eben jener Menschen dorthin geschafft haben? Doch das darf logischerweise nicht sein. Mit Bertolt Brecht gesprochen: „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Und genau hier schließt sich der Kreis — fast. Denn wir haben es hier mit einem Kreislauf zu tun, der nach oben hin zweierlei Arten von Durchlässigkeiten aufweist. Eine breite Durchlässigkeit für Vermögen, Ressourcen und Gelder — man nennt es auch „Umverteilung“ — und eine nadelöhrdünne Durchlässigkeit für ganz wenige Aufsteiger, auch „soziale Mobilität“ genannt. Diese Art von Kreislaufs ähnelt in seiner Form einer Ziffer. Wenn wir hier unter Heranziehung von Ahriman und Luzifer schon mit teuflischen Vergleichen hantiert haben, dann können wir an der Stelle festhalten, dass dieser Kreislauf in seiner Struktur der Ziffer „6“ ähnlich ist. Unten ein Kreis(lauf), in welchem die Wertschöpfung durch die Arbeiter erfolgt — das vielbeschworene Hamsterrad — und oben eine aus dem Kreis ausbrechende Strichlinie. Sie ist die begehrte Sonnenseite, das, was „es“ zu erreichen gilt. Dort leben wenige, dem passiven oder geerbten Einkommen sei Dank, frei von Mühen und dem Malochen des Arbeiterlebens in dem darunter befindlichen Kreis.

Grafik: Nicolas Riedl
Im Dämmerschatten kleiner Zwerge
Es heißt, dass in Kulturen, deren Sonne tief steht, Zwerge lange Schatten werfen. Gerade in industriell wie kulturell abgehalfterten und ehemaligen Vorzeigeländern des Westens, etwa den USA und Deutschland — dort kommt Motivationscoaches ebendiese Rolle des Zwerges zu. Sie gehören noch zu den wenigen, an denen der allerorts unübersehbare Niedergang vorübergegangen ist. Immer größer wird indes die Anzahl an Systemverlierern und solchen, die durch die immer aggressiveren Umverteilungsdynamiken bald dazu zählen könnten. Die mit jeder weiteren Krise, Preissteigerung und Stellenabbauankündigung befeuerten Abstiegsängste und Aufstiegshoffnungen sind der Rohstoff, der die Maschinerie, das Business der Coaching-Szene, nicht nur am Laufen hält, sondern diesem massiven Antrieb verleiht.
Der Boom der Motivationscoaches ist einer der untrüglichen Krisenindikatoren und ein Zeichen für die Verzweiflung und die Suche nach Hilfe von immer mehr Menschen.
Das letzte Aufbäumen der noch wirtschaftlich halbwegs potenten Marktteilnehmer ist eine systemische Niedergangserscheinung in einer kollabierenden Volkswirtschaft. Genauer handelt es sich bei der Coaching-Szene eben um eine Blase, die, wie eingangs prophezeit, bald platzen wird, platzen muss — einfach aus dem inneren Widerspruch heraus. Die Konzepte der Business- und Motivationscoaches artikulieren nämlich einzig individuelle Rettungspläne unter Ausklammerung der gesamtgesellschaftlichen Umstände. Es werden zweifelhafte Konzepte für einsitzige Rettungsboote entworfen, während außer Acht gelassen wird, dass der gesamte Kahn der Gesellschaft untergeht und durch sein Versinken auch alle Rettungsboote mit in den Sog nach unten reißt. Zwar gehört das Wort „Krise“ zu den am häufigsten verwendeten Begriffen im Vokabular der Coaches, doch wird der Begriff allein als Chance verstanden, die das Individuum zu nutzen habe. Lapidar heißt es dann häufig: „Erfolgreich trotz Krise!“
So nimmt es nicht Wunder, dass viele Coaches auf ihren Social-Media-Kanälen Themen und Sorgen aus dem Bereich der freien, alternativen Medien aufgreifen. Das geschieht jedoch selten aus einem ehrlichen Interesse an diesen Themen, sondern vielmehr aus dem Kalkül heraus, in dieser Peer-Group potenzielle Kunden zu fischen. Nach dem Motto: „Nord Stream wurde gesprengt, die Grünen haben unsere Energieversorgung zerstört und überhaupt: die Woken machen unsere Kinder schwul. Aber hey! Komm in mein Coaching, dann zeige ich dir, wie du erfolgreich wirst, während alle anderen abschmieren.“
Analog dazu wird die letzte und heilige Zufluchtsstätte vieler Menschen, nämlich das Metaphysische, das Spirituelle von immer mehr Coachings vereinnahmt. Die Kommerzialisierung des eigentlich Undinglichen lässt sich nach dem tibetischen Dharma-Lehrer Chögyam Trungpa vortrefflich als „Spiritueller Materialismus“ (5) bezeichnen. Um diesen herum hat sich unlängst eine ganze Riege aus Klangschalen-Kapitalisten gebildet, die Profit schlagen aus dem Bedürfnis der Menschen nach seelischer Rückanbindung oder Halt-Suchen in der geistigen Welt. Die hierzu entwickelten Konzepte drehen sich dann immer wieder um „Glaubenssätze und Mangelbewusstsein auflösen“, sich die Herzenswünsche und Träume zu „manifestieren“, oder in die „Fülle zu gehen“.
Damit soll an dieser Stelle gar nicht mal behauptet werden, dass dies völliger Humbug sei. Durchaus gibt es das Gesetz der Resonanz, das Gesetz der Anziehung und ebenso spielt die innere Einstellung eine Rolle — nur eben nicht die Hauptrolle! Destruktive Glaubenssätze auflösen kann durchaus Blockaden entfernen — das Bewegen, das Tätig-Werden in der materiellen Welt kann einem dadurch nicht erspart werden. Ebenso wenig lässt es sich durch das Verharren auf Yoga-Kissen aussitzen. Die von Krisen ausgehenden Existenzängste können Menschen erstarren lassen und Bewegung verunmöglichen. In diesem Zustand fallen kostspielige Coaching-Programme, die Spiritualität als vermeintlichen Wohlstandskatalysator missbrauchen, bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden, wo jedoch nichts weiter gedeiht, als Spiritual Bypassing.
Der spirituelle Influencer Charles Myssy, der im Gegensatz zu den meisten seiner Zunft mit einer Realitätsbodenhaftung gesegnet ist, formulierte es einmal sehr trefflich:
„Spiritualität, die grundlegende Realitäten ignoriert, offenbart ihr Unvermögen, komplexen Zusammenhängen gerecht zu werden. Manche Menschen sind in Lebensverhältnisse hineingeboren, in denen Regulations- und Auswahlmöglichkeiten sowie Chancen in einem höheren Maß vorhanden waren. Andere wiederum wuchsen in Lebensumständen auf, in denen es einzig ums Überleben ging. Die Idee klingt schön, wonach wir nur ‚eine große Entscheidung‘ von einem anderen Leben entfernt sind. Doch Trauma, Nervensystemregulation und systemische Ungleichheit funktionieren so nicht. Wir sollten nicht den Fehler machen, die exakt gleichen, abgenutzten Spiritualitätskonzepte sowohl auf jene Menschen anzuwenden, die in Sicherheit und Wohlstand aufgewachsen sind, als auch auf jene, die in Armut, Krieg und Vertreibung (…) aufwuchsen. Immer wieder hört man Menschen sagen, ‚Du kannst nur deine innere Realität kontrollieren‘, was einfach nicht stimmt! Die Fähigkeit, die innere Realität zu steuern, hängt davon ab, inwieweit jemand in Sicherheit lebt. Der Grad an Sicherheit in der Welt ist unterschiedlich hoch.“
Soweit können oder wollen Klangschalen-Kapitalisten, wie etwa Laura Malina Seiler, nicht denken. Sie betrachten unterschiedslos jeden Menschen, ungeachtet seiner sozioökonomischen Herkunft, als vollumfänglich eigenverantwortlich für sein Glück, bei sturer Ausblendung systemischer Faktoren. Alles sei Einstellungssache, innere Haltung und Bewusstsein.
Sehr viel weiter und tiefer als bis dort reicht dann das Rekurrieren auf spirituelle Konzepte und die seichte Systemkritik nicht. Sollen sie auch nicht. Denn schließlich dienen sie, die Spiritualität und die Kritik, nur als Mittel zum Zweck, unter neuem Anstrich von ebendiesem alten System weiterhin zu profitieren, dessen Kern unangetastet bleibt.
Selbstredend geht diese Rechnung langfristig nicht auf, was manchem mittelgroßen Rest-Profiteur entgehen kann, wenn er mit seinem aus dem Universum manifestierten Porsche durch das Stadtbild fährt und in seiner Wahrnehmung gegen das Leid auf der Straße durch die dunkel getönten Autofensterscheiben imprägniert ist.
So mag es manchen — ehemals — Lohnabhängigen vielleicht tatsächlich noch gelingen, mit seiner Abfindung ein teures Coaching-Programm zu finanzieren und dann auch noch einer der ganz wenigen Glückspilze zu sein, die es dann doch tatsächlich schaffen, sich ein Start-up aufzubauen. Nur — was nützt das innovativste Start-up, wenn der potenzielle Absatzmarkt Teil einer darbenden Volkswirtschaft ist, in welcher die Kaufkraft der Menschen schmilzt wie Dubai-Schokolade in der Sonne? So, wie der Millionär viele Tellerwäscher braucht, so braucht der zum innovativen Unternehmer gecoachte Aufsteiger viele Kunden, die sein Produkt abnehmen. Das gestaltet sich zunehmend als schwierig bis unmöglich, wenn ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung sich überlegen muss, wie der Einkauf am Monatsende finanziert werden kann. Viel Geld für neumodischen Firlefanz aus dem Hause neuer Start-ups bleibt dann nicht. Gleiches gilt dann erst recht für Coaching-Seminare, für die in der Regel astronomische Preise auf den Tresen gelegt werden müssen.
Womöglich haben jedoch einige Coaches inzwischen ausreichend Rücklagen, um sich nach dem Platzen der Coaching-Blase noch irgendwo abzusetzen.
Das Menschenbild der Coaches
Hat das humanistische Menschenbild der Aufklärung in der Coaching-Welt noch Bestand? Ist der Mensch dort, nach Immanuel Kant, immer noch ein Selbstzweck?
Rufen wir uns zur Beantwortung dieser Frage noch einmal den Slogan der Jürgen Höller Academy ins Gedächtnis: „we make people better“. In diesen Wörtern steckt so viel drin, dass es im ersten Moment gar nicht so einfach ist, zu entscheiden, wo man hier als Erstes ansetzen möchte. Beginnen wir damit, dass in diesem Slogan die Unzulänglichkeit des Menschen fest eingeschrieben ist. Das Versprechen, wonach dieses „Wir“, also die Akademie, Menschen besser mache, impliziert, dass der Mensch zwar gut, aber eben nicht gut genug ist. Wann er dann gut genug — für was auch immer — sei, wird offengelassen. Der Mensch ist in diesem Weltbild eben nicht mehr ein Selbstzweck, ein Wesen, das um seiner selbst willen einfach sein kann, sondern, in neoliberaler Manier, ein ewig unvollkommenes Projekt seiner selbst — eine Art fleischgewordenes „Stuttgart 31“.
Selbstverständlich soll damit keineswegs gesagt werden, dass persönliche Weiterentwicklung etwas Schlechtes sei. Im Gegenteil. Es gilt hierbei allerdings zu unterscheiden, wem und was diese Weiterentwicklung dient und in welchem Modus sie sich vollzieht. Ist es eine Weiterentwicklung, die der Reifung und Veredelung des eigenen Charakters, der Menschlichkeit, der Seele dient? Oder ist es eine rein an karrieristische Zwecke gebundene Optimierung, die darauf abzielt, Qualifikationsorden zu sammeln, die man sich an die Lebenslauf-Uniform heften kann, um auf LinkedIn einen höheren Arbeitsmarktwert seiner Selbst angeben zu können? Und kennt der Modus der Weiterentwicklung geruhsame Phasen der Genügsamkeit, des Gut-genug-Seins, und überhaupt, dass der Mensch für den Moment so gut ist, wie er jetzt eben ist? Oder vollzieht sich die Weiterentwicklung im Modus einer Sisyphos-Aufgabe, sodass all die Mühen und Anstrengungen gut, aber nie gut genug sind und der sich weiterentwickelnde Mensch immer wieder in den mangelbehafteten Zustand des Ungenügend-Seins zurückfällt?
Von letztgenanntem Modus lebt die Coaching-Branche. Während einer kleinen Minderheit der Coaching-Absolventen die Rolle des nicht repräsentativen Vorzeigegewinners zukommt, wird den übrigen 99 Prozent vermittelt, ihr ausbleibender Erfolg sei eine Folge dessen, dass sie sich nicht ausreichend angestrengt, ihre limitierenden Glaubenssätze noch nicht ausreichend überwunden und ihr Mindset immer noch nicht optimal ausgerichtet hätten. Da müsse man noch tiefer reingehen, selbstredend mit weiterführenden Kursen, die dann noch einmal schmerzlich mehr kosten als die bisherigen. Aufhören dürfe jetzt natürlich keine Option sein, denn sonst wäre alles das Vorherige für die Katz’ gewesen.
Hier tut sich eine quasi-religiöse Dimension auf, wenn das „falsche Mindset“ zu einer schwer bis gar nicht abtragbaren Ursünde wird, an der der Mensch als „Unternehmer seiner selbst“ Zeit seines Arbeitslebens knabbern muss – in der Hoffnung, irgendwann durch den sich einstellenden Erfolg erlöst zu werden. Diese Sicht auf den Menschen ist das vollständige Gegenteil dessen, was der Kinderrechtler Janusz Korczak einmal sagte: „Das Kind wird nicht erst Mensch, es ist schon einer.“
Spätestens an diesem Punkt offenbart sich der anti-humanistische Wesensgehalt der Coaching-Ideologie: Entgegen dem Versprechen, den Menschen in seine Größe zu bringen, zementiert sie den Zustand der Verzwergung und erkennt nicht an, dass sein bloßes Sein für sich genommen gut ist, gut genug.
Wer all das kritisiert, muss sich dann nicht selten den Vorwurf gefallen lassen, neidisch zu sein, ein missgünstiger „Hater“, der nur den Frust über seinen vermeintlichen Misserfolg zum Ausdruck bringt.
Aus der Rolle fallen
Sind vor dem Hintergrund des bis hierhin Analysierten die Motivations-Coaches als amoralisch zu betrachten? In einigen Fällen, nicht in allen, mag das zutreffen. Dann nämlich, wenn besonders perfide und manipulative Geschäftsmethoden zur Anwendung kommen. In aller Regel sind die Coaches allerdings selbst Opfer des Systems, wenngleich auf eine andere Art und Weise. Gewiss. In aller Regel dürften sie durch ihr Geschäft finanziell ausgesorgt haben, was jedoch nicht heißt, dass man dann besser und sorglos schläft. Im Gegenteil. Es gilt unverändert die Weisheit von Biggie: „More Money, More Problems“.
Die Sonnenseite des Lebens, auf der sich Coaches in aller Regel befinden, ist nicht selten von goldenen Käfiggitterstäben umzäunt. Jeder, der über einen halben Esslöffel an Menschenkenntnis verfügt, weiß oder ahnt zumindest, dass das, was die allermeisten Coaches vorgeben, eine Rolle ist, die sie nicht sind, sondern die sie spielen. Das Wort „Rolle“ ist dabei sehr aufschlussreich, denn es bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Coaches in den Bandagen ihres Images eingerollt, ergo gefangen sind, eben aus dieser Rolle nicht ausbrechen können oder dürfen. Denn das über Jahre aufgebaute Image sowie das damit verknüpfte Business steht und fällt mit der Verkörperung ebendieser Rolle. Ein Rausfallen aus dieser Rolle kann ob der Fallhöhe existenzbedrohend sein. Vielleicht nicht wirtschaftlich, doch zumindest für das eigene Selbstbild. Der entsprechende Druck, der auf solchen Coaches lastet, muss immens sein.
Insofern stehen sowohl die Coaches als auch die Masse derer, die gecoacht werden wollen, in einer tragischen Wechsel- und Abhängigkeitsbeziehung zueinander. (6) Der Speaker kann nicht ohne die Menschenmasse, und die einzelnen Menschen in ebendieser Masse können nicht ohne die Lichtgestalt. Der eine spielt eine Rolle, die anderen wollen sich im Schein dieser Rolle sonnen.
Glorifiziert wird dabei genau dieser Schein. Denken Sie exemplarisch noch einmal an Höllers Methode zur Sitzplatzaufstockung. Das gesamte Wording dieser Szene und ihrer Anhänger hat die Anbetung der Illusion tief in sich verankert: „live your dreams!“, „follow your dreams!“ Der Fokus liegt auf Träumereien in einer fernen, teils unerreichbaren Zukunft — und nicht darauf, im Hier und Jetzt das Beste zu machen, echt zu sein. Damit sei nicht gesagt, dass Zielsetzungen und Imaginationen als Antriebskraft per se schlecht seien. Nur die vielbeschworenen Traumvorstellungen von einem guten Leben sind in aller Regel fremde, nicht eigene Wünsche, sondern von Hollywood und Werbespots eingepflanzte Klischeebilder.
Gesetzt dem Fall, dass die Coaching-Blase etwa ab 2027 zerplatzt, sei hier zum Ende ein Abschlussgedanke formuliert, der eine neue Perspektive eröffnet. Wahrhaftig erlösend anfühlen könnte sich, anstelle des nächsten Karrieresprungs, die Befreiung von dem Zwang, einander Rollen vorspielen zu müssen, die die trügerische Makellosigkeit des eigenen Lebens vorgaukeln. In diesem Echt-Sein, das heißt Authentisch-Sein, Verletzlich-Sein, liegt ein weitaus größeres Potenzial zur — menschlichen (!) — Entwicklung. Und wie es das Wort „Ent-wicklung“ bereits in sich trägt, ist es das Herauslösen aus etwas, in das man eingewickelt ist. Man ent-wickelt sich — etwa aus besagten Rollen, die Menschen im derzeitigen Profit-Regime glauben, voreinander verkörpern zu müssen. (7)
Das, wo manche Menschen — der Autor inbegriffen — möglicherweise viel eher hin müssten als zu einem Coach, ist begrifflich sehr naheliegend, nur einen Buchstaben entfernt. Lediglich das „a“ wäre durch ein „u“ zu ersetzen: Couch.
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Quellen und Anmerkungen:
(1) Vergleiche Mausfeld, Rainer: „Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlage zerstört“, Westend, Frankfurt am Main, 2018, Seite 120 Fortfolgende
(2) Vergleiche die ersten drei Kapitel in Han, Byung-Chul „Psychopolitik. Neoliberalimus und die neuen Machttechniken“, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2014.
(3) Vergleiche Mausfeld, Rainer: „Hybris und Nemesis“, Westend, Frankfurt am Main, 2023.
(4) Vergleiche Ploppa, Hermann „Der Neue Feudalismus. Privatisierung, Blackrock, Plattformkapitalismus.“, Liepsen Verlag, 2025.
(5) Vergleiche Trungpa, Chögyam: „Spirituellen Materialismus durchschneiden“, Theseus, Küsnacht, 1989.
(6) Der Therapeut Oliver Ruppel fand zu dem toxischen Verhältnis zwischen Coach und Gecoachten sehr deutliche Worte bei Ben ungeskriptet.
(7) Der in der DDR großgewordene Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz verwies in seinen Büchern und Vorträgen immer wieder darauf hin, dass die Bürger Ostdeutschlands sich nach der Wende damit konfrontiert sahen, sich von ihrem authentischen Sich-Zeigen abwenden zu müssen. Stattdessen waren sie gezwungen, sich durch das Vorspielen einer Rolle auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen.



