Krieg und Zerstörung auf allen Kontinenten, Leid und Tod auf allen Fernsehkanälen. Aber in den Medien wird der Tod überwiegend in abstrakten Verlustzahlen erwähnt, Leichenbilder werden verpixelt oder gar nicht veröffentlicht. Offenbar gibt es für das Töten als solches einen blinden Fleck in Gesellschaft und Medien. Gleichzeitig werden Video-Killerspiele immer beliebter und zunehmend realistischer. Das Ausblenden des Tötens und gleichzeitig die Zunahme von Gewaltfantasien in Computerspielen gehören zu den sozialen Pathologien unserer Zeit. Ist Gewalt einfach nur genetisches Erbe? Durch die zahllosen historischen Kriege, die den Großteil unserer Geschichtsschreibung und kollektiven Erinnerung ausmachen, wurden oft die Lebensgrundlagen ganzer Völker zerstört und immer wieder Länder- und imperiale Reichsgrenzen verschoben.
Auch in Gaza und in der Ukraine geht es um konkurrierende Gebietsansprüche und Identitäten. Sie werden aber zusätzlich von Einfluss- und Sicherheitsbedürfnissen überlagert, die die jeweiligen Konfliktparteien als völlig unvereinbar definieren und die Kompromisse kategorisch ausschließen. Die Unterstützung durch Verbündete, NATO gegen Russland, USA und Europa mit Israel gegen Hamas, Hisbollah und Iran, China und Nordkorea mit Russland gegen „den Westen“ — Allianzen werden ideologisch überhöht als Kampf um Werte, Freiheit gegen Unterdrückung oder Demokratie gegen Diktatur. Politisches Kalkül und psychologische Mechanismen machen daraus den ewigen manichäischen Kampf zwischen Gut und Böse. Daraus ergibt sich logischerweise der Auftrag, gegen das vermeintlich Böse zu kämpfen und damit auch die Berechtigung, die Bösen ohne moralische Skrupel zu töten.
Pest, Krieg, Hunger und Tod
In der Offenbarung des Johannes, die als einziger der altjüdischen prophetischen Texte ins christliche Neue Testament aufgenommen wurde, erscheinen die apokalyptischen Reiter als Vorboten des Jüngsten Gerichts. Dieses lässt aber auf sich warten. Durch Krankheit und Hunger kann der Tod unerträglich qualvoll werden, aber die schlimmste Plage ist der Tod im Krieg, der die Kämpfer meistens allzu jung hinwegrafft und seit jeher Zivilisten nicht verschont hat. Waffentechnische Fortschritte und der unbedingte Vernichtungswille moderner Kriegsparteien, die Hunderttausende von Opfern als notwendig akzeptieren, scheinen heute steigerungsfähiger zu sein als je zuvor. Dabei ist der Ausgang eines Krieges so gut wie immer unkalkulierbar geblieben. Clausewitz hat das beinahe prophetisch formuliert, wenn man an den Abnutzungskrieg in der Ukraine denkt:
„Der häufige Stillstand im kriegerischen Akt entfernt den Krieg noch mehr vom Absoluten, macht ihn noch mehr zum Wahrscheinlichkeitskalkül.“
Neandertaler, Schimpansen und die menschliche Aggressivität
Evolutionsbiologen, Paläontologen und Anthropologen leisten interessante Beiträge zum Verständnis von Aggression bei Tieren und Menschen. Ein Schlüsselbegriff ist dabei die Territorialität. Räuberische Landsäugetiere wie Löwen und Wölfe, die im Rudel jagen, verteidigen ihre Jagdreviere gegen Eindringlinge. Auf dem Spiel steht immer die Nahrungssicherheit, was ganz ähnlich für die ersten Vertreter der Gattung Homo galt.
Homo Sapiens und Neandertaler waren kooperative Großwildjäger und mussten kämpfen, wenn zu viele Jäger die Tierbestände reduzierten und Hunger drohte. Die Jagdwaffen machten beide Gruppen gleichermaßen kriegstüchtig. An den gefundenen Knochenresten sind oft genug Kampfspuren sichtbar, vor allem Schädelverletzungen durch Keulen und Unterarmbrüche bei der Abwehr von feindlichen Schlägen sowie Speer- und Pfeilwunden an Knochen.
Die Neandertaler starben vor 40.000 Jahren aus, aber ihre Gene haben überlebt. Mit dem Homo Sapiens stimmen bis heute 99,7 Prozent der DNA überein. Die phänotypischen Unterschiede waren deutlich signifikanter, als diese Zahl vermuten lässt, obwohl weniger unterschiedlich als zwischen Menschen und Schimpansen, die auch in der DNA zwischen 98 und 99 Prozent übereinstimmen.
Bemerkenswert bei unseren engsten Verwandten, den Schimpansen, bleiben ihre ausgeprägten territorialen Instinkte. Die Männchen tun sich fast regelmäßig zusammen, um die Männchen anderer Gruppen zu attackieren und zu töten. In der Evolutionsbiologie wird das als kooperative Aggression bezeichnet, die sich bei den gemeinsamen Vorfahren seit sieben Millionen Jahren herausgebildet hat und uns fortgeschrittenen Hominiden bis heute nicht erspart bleibt.
Man muss nur einmal die diversen Konfliktmuster unserer Zeit unter dem Stichwort „kooperative Aggression“ betrachten und die Auslöser und Argumentationsmuster dagegenhalten. Fast alle der zahlreichen Kriege unserer Epoche ergeben dann ein Bild, wie die aggressive Bereitschaft zur Gewaltanwendung bestimmte Teile einer Bevölkerung erfasst. Militärische Lösungen für politische Probleme werden dann akzeptabel, obwohl die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gezeigt haben, dass selbst Supermächte keine Kriege mehr gewinnen.
Die individuelle Aggressivität des Menschen wird von Psychologen, Neurologen und Soziologen nach allen Seiten untersucht und das genetische Erbe kommt bei den Erklärungen nicht zu kurz. Auch die perverse pathologische Lust am Töten, etwa beim Breivik-Massaker auf der norwegischen Insel Utöya 2011, wird psychologisch eingehend analysiert. Wie aber eine allgemeine Kriegsstimmung zur Kriegsbereitschaft wird, scheint nicht zu einer klaren sozialwissenschaftlichen Theoriebildung geführt zu haben. Im Kapitel „Sozialpsychologie des Krieges: Der Krieg als Massenpsychose und die Rolle der militärisch-männlichen Kampfbereitschaft“ im „Handbuch Kriegstheorien“ heißt es in einer Zusammenfassung des Verlags:
„Mit dieser These, erst die systematische Dehumanisierung erleichtere das massenhafte Töten, wird ein wichtiger Aspekt der sozialpsychologischen Kriegsursachenforschung angesprochen. Es wird aber offengelassen, welche (bewussten und unbewussten) individuellen und gruppenbezogenen Prozesse, Dynamiken und Mechanismen bei der Herstellung von Kriegsbereitschaft, bei kriegsbedingten Grausamkeiten und bei der Vernichtung Wehrloser sowie bei der vorab erfolgenden Herabsetzung von Menschen bis hin zu ihrer vollkommenen Entmenschlichung zusammenwirken.“
Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm hat im Jahr 1974 das Töten in seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ auf dem Hintergrund von theoretischen Ansätzen wie Instinkt und genetisches Erbe, so Konrad Lorenz, oder Behaviorismus, so B.F. Skinner, als ursprünglich überlebenswichtig definiert. Es sei auch in seiner brutalen Form ohne biologische oder soziale Begründung eine menschliche Eigenschaft oder Leidenschaft wie Ehrgeiz und Gier.
Der Konstanzer Neuropsychologe Thomas Elbert führte Interviews in afrikanischen Krisengebieten mit Kämpfern aller Art durch, auch mit Genozidtätern. Zum Vergleich hat er Weltkriegsveteranen in Deutschland befragt und gewisse Parallelen gefunden. Die meisten empfinden den Krieg als Katastrophe, geben aber auch zu, dass es ihnen Spaß gemacht hat, Gegner zu töten, und dass sie sich hinterher als Helden fühlen.
Kriegstüchtigkeit und Kriegsbereitschaft?
Generell scheinen die Prozesse zur „Herstellung von Kriegsbereitschaft“ in Politik und Medien leichter identifizierbar zu sein als in der Analyse von Bewaffnung, Waffentechnologie, Manövern, geheimdienstlichen Aktionen oder Diplomatie. In einer Situation wie der russischen Invasion der Ukraine ergab sich dort einerseits eine Verteidigungsbereitschaft wehrfähiger Männer und Frauen mit breiter Unterstützung und Opferbereitschaft der Bevölkerung. Allerdings gab es daneben auch eine Absatzbewegung von mehr als einer Million wehrpflichtiger Männer ins Ausland, ein offenbar neues Phänomen, das noch kaum politisch-moralisch bewertet worden ist. Wie schnell sich in Deutschland mit den Medien und ihrer politischen Berichterstattung die Stimmung in der Bevölkerung seit der russischen Invasion der Ukraine verändert hat, ist evident. Die „Zeitenwende“ wird sichtbarer.
Offen bleibt indessen, wie weit sich die Mehrheit der Deutschen tatsächlich von Russland oder gar von China individuell bedroht fühlt. Unsere „Kriegstüchtigkeit“ wird von der Regierungskoalition und ihrem Verteidigungsminister als wichtigstes politisches Ziel definiert und mit der wachsenden „Bedrohungslage“ begründet.
Ein Oberst a.D. im Bundestag und eine ältere Europa-Abgeordnete und ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses unterstützen dieses Krisenszenario als selbsternannte Promotoren unermüdlich in allen erreichbaren Medien. Dagegen halten vor allem soziale Medien, auch mit verschiedenen Umfrageergebnissen ohne eindeutige Tendenz. Wenig populär ist die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Obwohl die Zahl der Freiwilligen leicht gestiegen ist, stagniert die Gesamtzahl der Soldaten bei 185.000, noch weit von der Sollstärke von 260.000 entfernt. Die erste Fragebogenaktion der Bundeswehr bei den 18-jährigen Männern hat fast ein Viertel ignoriert. Von der oben zitierten „militärisch-männlichen Kampfbereitschaft“ und noch mehr einer kriegsbereiten „Massenpsychose“ sind die Deutschen noch weit entfernt.
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