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Die Leidenschaft im Bein

Die Leidenschaft im Bein

Systemkritiker reduzieren den Fußball häufig darauf, lediglich „Brot und Spiele“ für die Massen zu sein. Die gemeinschaftsbildenden und auch gesundheitsfördernden Aspekte des Weltsports werden dabei übersehen.

Viele verehren Fußball und können sich kaum vorstellen, ohne dieses Ballspiel zu leben. Millionen am Fernseher und im Stadion tragen den Ball ins Tor, obwohl nur einer am Ball ist. Was macht den Fußball für viele so attraktiv? Der deutsche Philosoph Andreas Tenzer meinte, „die Faszination des Fußballs lässt sich leicht erleben, schwer beschreiben und unmöglich erklären“.

Nach 36 Jahren ist erneut die europäische Welt zu Gast in Deutschland, um dem Wettbewerb von 24 Mannschaften beim Kampf um die Europameisterschaft beizuwohnen.

Herkunft und Ersatzreligion Fußball

Fußball ist mehr als nur Sport. Er kann zur Philosophie, zur Religion des „kleinen Mannes“ werden. Bei eingefleischten Fans werden Spieltage gehandhabt wie Feiertage, Fanartikel werden zu Kultartikeln, Fußballtrikots in Vereinsfarben werden zu „Mönchskutten“. Das Entzünden von Räucher- oder Wunderkerzen in den „heiligen“ Arenen erinnert an das Anzünden von Kerzen in der Kirche, aktive Spielergrößen sind wahrheitsverbreitende Priester, vielgerühmte Spieler der Vergangenheit sind Heilige, denen man in legendären Erzählungen gedenkt. Anreisen der mit Ornamenten und Insignien geschmückten Fans zum lang ersehnten Spiel in die modernen Gotteshäuser werden zu Wallfahrten — Weihrauch wird oftmals durch Alkohol ersetzt. Der „Gottesdienst“ findet in den großen Fußballarenen und Stadien statt. In diesen Tempeln des Volkes werden feierliche Kultgesänge gleich Psalmen in der Kirche angestimmt, bevor man die gemeinsame Kommunion in Form des Spiels einnimmt, begleitet von „La Ola“ und ekstatischer Verzückung der klatschenden, trommelnden, singenden, tanzenden, sich in Trance befindlichen Fans — in spannungsgeladener Hoffnung, dass ihre Götter den Sieg davontragen mögen.

Der Ursprung des Fußballspiels liegt wahrscheinlich in China. Etwa im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurde im Reich der Mitte ein fußballähnliches Spiel namens Cuju ausgetragen. Cuju soll im Rahmen eines militärischen Ausbildungsprogramms mit einem aus Lederstücken zusammengenähten und mit Federn und Tierhaaren gefüllten Ball gespielt worden sein. Im Laufe der Zeit breitete sich das Spiel mit steigender Beliebtheit auch in der Bevölkerung aus. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das populäre Spiel bis circa 600 Jahre nach unserer Zeitrechnung Nationalsport in China gewesen sei und es eine Profiliga mit einem weiterentwickelten luftgefüllten Ball und Fußballregeln gegeben haben könnte. Circa 100 Jahre später geriet das fußballähnliche Spiel in China mutmaßlich wieder in Vergessenheit.

Das Spiel mit dem Ball findet schon seit Urzeiten Gefallen — nicht nur im vorchristlichen China, sondern auch im antiken Griechenland, bei den Azteken, Mayas und Indianern, wie Überlieferungen und Funde belegen.

Fußball, wie wir ihn heute kennen, hat sich im 19. Jahrhundert in England entwickelt und sich von dort aus verbreitet. Briten der höheren Schichten hatten offensichtlich genug davon, Hand an Ball und Gegner anzulegen — wie beispielsweise beim 1823 entstandenen Rugby üblich —, und gründeten 1863 in London die „Football Association“. Fair Play war und ist oberster Grundsatz dieses neuen, nur mit dem Fuß gespielten Spiels. Fußball erfreut sich heute größter Beliebtheit, die auf viele Faktoren zurückzuführen ist.

Fußball zieht Politik und Wirtschaft wie das Licht die Motten an. Die Protagonisten wollen an der von Fußball ausgehenden Energie partizipieren und ihn für ihre Zwecke nutzen. Die mittlerweile extreme Kommerzialisierung und Instrumentalisierung des Fußballs ist vielen Menschen, gleichgültig ob fußballbegeistert oder nicht, verständlicherweise ein Dorn im Auge. Der sportliche Gedanke leidet darunter und droht unterzugehen.

Interessant und abwechslungsreich am Fußball ist nicht nur das aktive Betreiben, sondern auch das Zuschauen im Stadion, beim Public Viewing oder im Fernsehen. Kaum ein Sport ist so geeignet für das Fernsehen wie Fußball oder generell Ballspielarten. Beim Radfahren — der Tour de France beispielsweise — lässt sich immer nur ein kleiner Aspekt des Gesamtgeschehens abbilden, beim Fußball dagegen ist man voll bei der Sache und im Bilde. Man ist live, direkt im Spiel dabei und „persönlich“ involviert. Gewürzt wird das Medienereignis mit „Slow Motion“, Nahaufnahmen, Wiederholungen brisanter Spielzüge, speziellen Kameraeinstellungen von oben oder auch hinter dem Tor. Im Stadion präsente Zuschauer bekommen diese den Fernsehzuschauern zugänglichen „Feinheiten“ oftmals gar nicht mit. Die Vorteile des Fernsehens können den Nachteil der Nichtpräsenz im Stadion mit seiner Live-Atmosphäre durchaus kompensieren. Persönlich sehe ich mir ein Spiel lieber im Fernsehen in der Kneipe — oder wenn möglich im Biergarten — als im Stadion an, schon alleine wegen der oftmals beschwerlichen An- und Abfahrt zum beziehungsweise vom Spiel. Die immense Menschenansammlung muss man auch mögen!

Gründe für die Beliebtheit des Fußballs

Jeder kann mit Fußball aktiven und passiven Spaß haben, egal ob groß oder klein, kräftig oder weniger kräftig, jung oder alt, männlich oder weiblich, arm oder reich, talentiert oder weniger talentiert, gleichgültig welche Hautfarbe oder aus welchem Land der interessierte Mensch auch kommen mag. Beim Fußball interessieren diese Kriterien kaum. Fußball hat eine völkerverbindende Wirkung. Einer der Spitzenspieler seiner Zeit, Eusébio (mit vollem Namen Eusébio da Silva Ferreira), der für seine eleganten, katzenartigen Bewegungen beim Fußballspiel bekannt war, äußerte einmal:

“Der Fußball verbindet Menschen und Kulturen.”

Die beiden Autoren des Buches „Einführung in die Sportsoziologie“ Otmar Weiß und Gilbert Norden verdeutlichen den Stellenwert des Sports in der Gesellschaft. Sie schreiben, dass „…Sport integraler Bestandteil der Gesellschaft und daher sozial und kulturell geformt ist. Jede Gesellschaft hat eine für sie bezeichnende Auffassung von Sport. Die Relativität dieser Auffassungen und ihre große Vielfalt verweisen darauf, dass es sich hierbei eher um soziokulturelle Schöpfungen als um ein Ergebnis einer biologisch fixierten Natur des Menschen handelt. Sport ist ein Kulturprodukt...“ (1)

Fußball ist die am weitesten verbreitete Sportart weltweit — und aus dem täglichen Leben in den meisten Ländern der Erde nicht mehr wegzudenken.

Die Regeln dieses Ballsports sind relativ leicht verständlich, und seine auf wenige Zeichen reduzierte verbale und nonverbale Sprache ermöglicht es jedem Interessierten mitzureden. Selbst relativ Unbedarfte in Sachen Fußball wie ich fühlen sich ab und an als „Experten“ — der ich keineswegs bin — aufgrund der Simplizität dieses Spiels, und fiebern in Erwartung eines Sieges „ihrer“ Mannschaft mit. Besonders Fußball gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, seinen Gefühlen verbal oder auch körperlich Ausdruck zu verleihen, ohne gleich gemaßregelt zu werden. Die Gesellschaft lässt das explizit zu. Alle Gefühlsregelungen — außer psychische und physische Gewalt gegen andere oder Sachbeschädigungen — sind erlaubt. Es darf im Stadion, beim Public Viewing und auch vor dem Fernseher gebrüllt, gepfiffen, geschimpft, geflucht, ausgebuht, umarmt, gesungen, verbrüdert, solidarisiert werden. So ziemlich alles spielt sich während eines Fußballspiels auf einer unkomplizierten emotionalen Ebene im und zwischen Menschen ab. Der im Alltagsleben notwendige, erklärende Verstand interessiert weniger — und das ist in meinen Augen gut so.

Im Vergleich zu Baseball oder American Football beispielsweise ermöglichen die Fußballregeln schnelle, variantenreiche, offene, dynamische und flüssige sowie unendlich viele, unerwartete Spielszenen auf dem Spielfeld, sei es im Angriff, in der Verteidigung oder zur Überbrückung des Mittelfeldes.

Insofern hat dieses Spiel — wie alle Ballspiele — auch martialische, kriegerische Züge.

Das Spiel wird nicht alle paar Sekunden unterbrochen und ist an Vielgestaltigkeit kaum zu toppen. Es macht auch einfach Spaß, Spitzenspielern wie Messi, Neymar oder Ronaldo zuzusehen, wie sie zwei, drei Gegenspieler in eleganter, ästhetischer Form aussteigen lassen oder mit ausgefeilter Schusstechnik Tore erzielen. Sowohl die individuelle Leistung des einzelnen Spielers als auch die kollektive Leistung des Teams findet Anerkennung beim Zuschauer.

Fußball ist für „Ultrafans“ so etwas wie ihre Religion, für die sie leben. Es steht mir nicht zu, an dieser Stelle eine Bewertung vorzunehmen oder gar die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Wenn der Sinn des Lebens jedoch der ist, den man ihm gibt, dann kann das auch Fußball sein. Das bekannte Zitat von Karl Marx „Religion ist Opium für das Volk“ dürfte wohl auch für den Fußball zutreffend sein.

Fußballfans identifizieren sich mit ihren Idolen und Mannschaften, sei es nun das Vereinsteam oder die Nationalmannschaft. Sie entwickeln ein starkes Wir-Gefühl. „Wir spielen heute gegen…“ heißt es dann, obwohl man selbst ja gar nicht mitspielt. Die Zuschauer fiebern mit den Spielern mit. Ebenso wie beispielsweise der angespannte Elfmeterschütze hält auch der „aktive“ Zuschauer den Atem an, springt bei Gelingen auf, jubelt und reißt die Hände nach oben, umarmt seinen Nachbarn —falls verfügbar — oder langt sich bei Nichtgelingen an den Kopf.

Beim „aktiven Zuschauen“ werden sogar Kalorien verbraucht, da innerhalb kürzester Zeit bei den Zuschauern der Puls zu rasen beginnt, die Herzfrequenz sich erhöht und der Körper einen Adrenalinschub erhält.

„Es ist die Freisetzung von schnell wirkendem Adrenalin, das bei kurzen intensiven Stressausbrüchen (…) produziert wird, das bekanntermaßen den Appetit senkt, den Grundumsatz erhöht und letztendlich mehr Kalorien verbrennt“, so Dr. Richard Mackenzie von der University of Westminster.

Der Grund für den Kalorienverbrauch beim Fernsehen sind laut einer Studie der University of Westminster sogenannte „Jump-Scare“-Momente („Sprung-Schreck“-Momente), also Momente, in denen Zuschauer vor Schreck aus ihren Sessel hochspringen — wie zum Beispiel bei Horrorfilmen oder packenden Fußballspielen

Bemerkenswert ist, dass durch die Identifikation des einzelnen Fans mit den Spielern und der Mannschaft gleichsam eine Identifikation unter den Fans zustande kommt.

Diese Integrationsfunktion des Fußballs — Teil eines größeren Ganzen, Teil einer Familie zu sein — drückt sich beispielsweise im geteilten Leid der Fanfamilie bei Niederlagen und doppelter Freude beim Sieg aus. Dadurch fühlt sich der Einzelne nicht allein und wird in seinen Gefühlen und in seiner Identität bestätigt. Diese Wechselwirkungen zwischen den Fans stärken das Wir-Gefühl und die Identifikation mit der Fangemeinde, gleichgültig ob die eigene Mannschaft gewonnen hat oder nicht.

Bereits Sigmund Freud erkannte den Zusammenhang zwischen Individual- und Gruppenpsychologie. Er stellte fest, dass im Denken des Individuums andere Personen — beispielshalber als Konkurrenten oder Vorbilder wahrgenommen — eine wichtige Rolle einnehmen.

Die Dynamik innerhalb einer Gruppe ist zum einen geprägt durch das von außen erkennbare Verhalten und der Interaktionen zwischen den Mitgliedern der Gruppe, und zum anderen von unsichtbaren und unausgesprochenen Erwartungen, die aber trotzdem das Denken und Verhalten der Gruppenmitglieder beeinflussen. Mit diesen Erkenntnissen über die von Kurt Lewin mit „Gruppendynamik“ bezeichneten Vorgänge lassen sich sowohl das positiv zu bewertende Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe, die gegenseitige Unterstützung und die Leistungssteigerung in der Fangemeinde (Intra-Gruppendynamik), aber beispielsweise auch gewalttätige, eventuell rassistisch motivierte Exzesse von Hooligans erklären (Inter-Gruppendynamik). Negative gruppendynamische Ausschreitungen zwischen Gruppen sind aufgrund der Komplexität der menschlichen Interaktion kaum vorhersehbar, wie nachfolgendes Beispiel zeigt:

Während der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen Hooligans unterschiedlicher Nationalitäten. Schon vor dem Start der EM hielten sich viele Fans an den Spielorten auf. In Marseille randalierten englische Hooligans, die mit Gesängen wie „ISIS, where are you?“ die zum Teil nordafrikanischen Jugendlichen provozierten — wie bereits zuvor bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Rund um das Spiel Russland gegen England am 11. Juni 2016 kam es zu außerordentlich schweren Krawallen. Bereits vor dem Spiel waren russische und englische Hooligans in Marseille mehrmals in gewaltsamen Zusammenstößen aneinandergeraten. Während des Spiels wurden im Stadion aus dem russischen Block Leuchtraketen abgefeuert. Direkt nach dem Spiel stürmten russische, sehr gut trainierte, knallharte Hooligans den englischen Block und griffen englische Fans an. Nach dem Spiel krachte es erneut.

Solche Ausschreitungen von oftmals mental unterbelichteten, rassistisch eingestellten, die eigene Gruppe überbewertenden Menschen tragen zu einem unerwünschten, negativen Image des Fußballs bei.

Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre wurde in Deutschland viel über den diskriminierenden und rechtsextremen Charakter des Fußballs diskutiert. Der um sich greifende rechte Hooliganismus und die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in verschiedenen Städten wurden zu Recht scharf verurteilt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) reagierte auf die rechtsextremen Pogrome in dieser Zeit und startete 1992 die Kampagne „Friedlich miteinander — mein Freund ist Ausländer“.

“Im Fußball sind wir alle gleich, unabhängig von Rasse, Religion oder Herkunft.” (Samuel Eto’o)

Nun ist es in Deutschland wieder so weit. An zehn Orten werden die insgesamt 51 Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2024 vom 14. Juni — mit dem Eröffnungsspiel in München beginnend — bis zum 14 Juli — mit dem Endspiel in Berlin abschließend — ausgetragen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Wettbewerb ebenso friedlich, erfolgreich und völkerverbindend abläuft wie das Sommermärchen 2006.

Nach den möglichen negativen Auswirkungen gruppendynamischer Prozesse nun wieder zurück zu den erfreulichen Gründen für die große Anziehungskraft des Fußballs:

Schön und spannungsgeladen — besonders beim Fußball — ist die Unwägbarkeit des Spielausgangs. Selbst wenn es einen eindeutigen Favoriten im Fußball gibt, wie es beispielsweise bei Pokalspielen des Öfteren der Fall ist, gibt es keine Siegesgarantie. So verlor beispielsweise der FC Bayern München bereits in der zweiten Pokal-Runde mit 2:1 gegen den Drittligisten 1. FC Saarbrücken im Herbst 2023. „Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten“ soll Sepp Herberger, der Trainer der deutschen Fußball-Weltmeisterelf von 1954 gesagt haben. In die Phrase „Der Ball ist rund“ — soll heißen: Glück, Pech und Zufälle spielen eine große Rolle beim Fußball — retten sich gerne diejenigen, die für die Ergebnisse von Fußballspielen verantwortlich gemacht werden.

Wissenschaftler der Central Krankenversicherung beschäftigten sich mit den Wechselwirkungen der Hormone von Fußballfans in Stadien und kamen zu interessanten Ergebnissen:

Der Hormonspiegel der Fans spielt vor, während und nach dem Fußballspiel verrückt. Die Vorfreude auf die spannendsten 90 Minuten der Woche und die damit verbundene innerliche Anspannung führen zur Ausschüttung von Adrenalin, um das Nervenkostüm zu stärken. Adrenalin im Blut vermittelt eine Steigerung der Herzfrequenz und einen durch Blutgefäßverengung verursachten Anstieg des Blutdrucks. Angst wird ab- und die körperliche Energie aufgebaut.

In der Fankurve angekommen, fließen in freudiger Erwartung beim inbrünstigen Singen der fraternisierenden Vereinslieder Dopamine, die positive Glückserlebnisse vermitteln und den Puls und die Zuversicht steigen lassen.

Anstoß: Jetzt geht’s los, jetzt wird’s ernst. Die Gesänge verhallen, die Fans sind konzentriert, das Belohnungshormon Dopamin weicht, das Adrenalin steigt an. Beruhigendes Serotonin — ebenso wie Dopamin ein Glückshormon — gesellt sich dazu und führt zum positiven Denken der Fans.

Die eigene Mannschaft schießt das ersehnte erste Tor: Endlich Opium für den Körper und das Volk — das körpereigene Opiat Endorphin wird ausgestoßen. Dieses vom Körper selbst produzierte Morphin wirkt auch schmerzlindernd beziehungsweise schmerzunterdrückend. Eventuell zugezogene Verletzungen und blaue Flecken im Freudentaumel bemerken die torbeglückten Anhänger oft gar nicht mehr. Die glücklichen, euphorischen Fans befinden sich in einem trancehaften Zustand. Dopamin kommt hinzu. Die Fans sind optimistisch gestimmt.

Der Optimismus wird jedoch getrübt durch ein Gegentor. Jetzt heißt es: Nerven behalten! Das ausgeschüttete Adrenalin — auch als Stresshormon bekannt — hilft dabei. Angespannt und wachsam wird der weitere Spielverlauf verfolgt. Zusätzlich wird der Neurotransmitter Acetylcholin verstärkt freigesetzt, der wichtige Körperfunktionen wie Reizleitung, Herzschlag und Atmung steuert. Das mit diesem Botenstoff reichlich versorgte Gehirn ist hellwach und setzt beim Fan Denkprozesse über den möglichen Ausgang des Spiels in Gang.

Glück gehabt, Spiel doch noch gewonnen: Das ausgeschüttete Endorphin sorgt für Frohlocken, Gejauchze, Freudentaumel, und das hinzukommende Testosteron für anhaltende Überschwänglichkeit und Verbundenheit mit der Fangemeinde. Die Nacht kann lang werden.

Pech gehabt, Spiel verloren: Der Testosteron- und Adrenalinspiegel fällt. Die Stimmung ist gedämpft, wenig Elan ist zu verzeichnen. Ein weiterer beruhigender, spannungs- und angstabbauender Neurotransmitter, die Gamma-Aminobuttersäure (GABA) kommt zu Hilfe. GABA blockiert oder hemmt bestimmte Signale im Gehirn und reduziert die Aktivität des Nervensystems. GABA wird eine beruhigende Wirkung zugeschrieben, die Angst, Unruhe und Anspannung reduziert.

Da ist ganz schön was los im Körper, nicht wahr? Ein Fußballspiel wird durch diesen Hormoncocktail zum Wechselbad der Gefühle für den Fan.

Die bisherigen Ausführungen bezogen sich vornehmlich auf den passiven Genuss von Fußball. Doch auch aktiv ist Fußball sehr beliebt und weit verbreitet. Unter dem Dachverband Deutscher Fußball-Bund (DFB) mit Sitz in Frankfurt am Main sind 27 Fußballverbände vereint, denen wiederum 24.154 Fußballvereine mit 135.292 Mannschaften und 2.231.687 Spielerinnen und Spieler — die 1.330.210 Spiele im Jahr 2023 bestritten — angehören. (Zahlen von 2022/2023)

Viele meinen ja, „Sport ist Mord“. Vielleicht sind diese Verkünder ihrer Wahrheit zum Teil auch bequeme Menschen, die sich ungern mehr bewegen als nötig.

Seit meiner Kindheit betreibe ich Sport und habe auch nicht vor, meine sportlichen Aktivitäten aufzugeben. Sicherlich kann im Sport einiges passieren. Ein paar Platzwunden, jede Menge blaue Flecken und einen Bänderriss hatte auch ich bisher zu verzeichnen. Der Sport hat mir bei zwei schweren Motorradunfällen wahrscheinlich das Leben gerettet, meinte zumindest meine damals behandelnde Ärztin. Die Werte meines EKGs verwundern die Ärzte immer wieder aufs Neue. Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile des Sports bei Weitem seine Nachteile. Meine ebenfalls sportbegeisterte Tochter studiert Sportwissenschaft mit großem Elan und kann sich ihr Leben ohne Sport gar nicht vorstellen.

„Sport ist eine körperliche Aktivität, die erlebnis-, gesundheits-, leistungs-, spiel- und wettkampforientiert betrieben wird.“ (2)

Die sozial-integrative Wirkung sportlicher Aktivität steht außer Zweifel und wird durch zahlreiche Studien bestätigt. Sportaktive Menschen haben einen größeren Freundes- und Bekanntenkreis, treffen sich häufiger mit diesem, haben mehr Kontakte und einen größeren gesellschaftlichen Background als Nichtsportler.

Man muss aber nicht unbedingt einem Verein angehören, um sich aktiv am Fußball zu erfreuen. Fußball kann man fast überall spielen: auf dem Hof, auf der Straße, auf der Wiese, im Park, in der Halle, am Strand. Prinzipiell kann jeder mitspielen — man braucht lediglich einen Ball. Manchmal tut es auch eine leere Dose. Kicken macht Spaß, auch wenn es nicht jedermanns Sache ist.

Fußball eröffnet auch dem Nicht-Philosophen ein breites Feld zum Philosophieren. Beim Fußball wird selbst der „kleine Mann“ zum Dichter und Denker. Man gewinnt schnell Freunde, insbesondere wenn man über die gegnerische Mannschaft lästert, verliert sie aber ebenso schnell, wenn man über Fußball allgemein oder die eigene Mannschaft unangemessen herzieht.

Die angeführten negativen Aspekte des Fußballs sind zweifellos existent, sollten jedoch nicht dazu führen, dieses Spiel und seine Fans generell zu verdammen. Gegenüber Intoleranten scheint mir eine gewisse Intoleranz angebracht.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Weiß, O.; Norden, G.: Einführung in die Sportsozialpsychologie, 2.Auflage, Waxmann Verlag Münster 2013, S. 10
(2) ebd S. 9

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