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Die unumgängliche Supermacht

Die unumgängliche Supermacht

Der Westen glänzt bei China-Besuchen nach wie vor durch Überheblichkeit und Belehrungen, obwohl er es ist, der das Land im Osten braucht.

Westliche Werte

All das wäre Grund genug, den Chinesen Honig um den Bart zu schmieren, um sie gewogen zu stimmen. Stattdessen scheinen westliche Politiker es vorzuziehen, ihnen gegen das Schienbein zu treten, wo es nur geht. Das entspricht dem Denken vieler Kräfte im politischen Westen, das noch in der Kolonialzeit verhaftet ist: „Wir haben es nicht nötig, um Hilfe zu bitten. Es ist eine Auszeichnung, uns gefällig sein zu dürfen.“ Ein ähnlich überhebliches Denken liegt der Vorstellung von moralischer Überlegenheit zugrunde, die sich auf die sogenannten westlichen Werte stützt.

Doch hilft dieses Denken nicht weiter, wenn es um die Beilegung der Krisen in der Welt geht. Denn egal ob in der Ukraine oder im Nahen Osten, überall wird deutlich, dass der Westen ohne die Hilfe Chinas nicht mehr auskommt. Aber statt sich dies einzugestehen, stellt man überrascht, ja sogar empört fest: Den „Bitten westlicher Staatschefs zu Chinas Russland Politik … ist Peking nicht gefolgt. … von seiner strategischen Partnerschaft mit Putin rückt Xi nicht ab“ (1). Doch klüger wird aus diesen Feststellungen scheinbar niemand.

Unbelegte Behauptungen und „Vorwürfe des Westens, dass Russland aus China Hilfe für seinen Krieg bekommt“ (2), sollen vergessen machen, dass die größten Mengen an Geld und Waffen aus dem politischen Westen nach Kiew fließen. Egal wie man zu diesem Krieg steht, so ist doch eine Haltung weltfremd, dass nur eine Seite berechtigt ist, die eigenen Favoriten zu unterstützen. Moralische Empörung darüber, dass die Gegenseite genauso handelt wie man selbst, führt nicht zum Ende des Konflikts.

Belehrungen westlicher Politiker wie Janet Yellen erwecken den Eindruck, dass sie den Chinesen weismachen wollen, deren Interessen besser zu kennen als jene selbst. Und sie scheinen zu glauben, dass sie diese mit hochmütigem Auftreten über die eigene Schwäche hinwegtäuschen könnten. Denn nicht nur im Ukrainekrieg versuchen sie, die Chinesen auf ihre Seite zu ziehen. Auch im Nah-Ost-Konflikt machen sie deutlich, dass sie auf Chinas Unterstützung angewiesen sind. Nicht in der Lage, die Situation selbst zu bereinigen, hat der amerikanische Außenminister Anthony Blinken „China aufgefordert, seinen Einfluss in Teheran geltend zu machen“ (3) — natürlich im Interesse der USA.

Es ist kein Wunder, dass der Westen mit einem solchen Auftreten Sympathien nicht nur in China verspielt, sondern sie auch bei den Völkern im Nahen Osten inzwischen weitgehend verloren hat.

Solche Aussagen offenbaren eine Einstellung, die den Interessen anderer Völker und Staaten keine Bedeutung beimisst. Die Gleichgültigkeit gegenüber den Sicherheitsinteressen Russlands war es ja gerade, die in den Krieg in der Ukraine hineinführte, und ähnlich ist es bei den Interessen der Palästinenser.

Materielle Werte

Zu den politischen und diplomatischen Einflussverlusten des politischen Westens kommen jene im wirtschaftlichen Bereich hinzu, aber auch auf dem Gebiet der Wissenschaft und der technologischen Entwicklung. Die lauthals verkündete Überlegenheit der eigenen Werte bringt die Schlagseiten in den Handelsbilanzen nicht ins Gleichgewicht. Trotz noch so großer Mühe, besonders der USA, gelingt es auch mit allen Exportkontrollen nicht, Chinas Entwicklung aufhalten. Denn die ideellen westlichen Werte können schon gar nicht die Abhängigkeit von materiellen Werten wie der chinesischen Industrieprodukte und Rohstoffe aufheben.

Die derzeitigen Behinderungsversuche gegenüber China sind eine Reaktion auf die chinesischen Fortschritte in Wissenschaft, Technologie, Produktion und Welthandel. Die Phase der Globalisierung hat nicht nur dem Westen neue Absatzmärkte erschlossen, sie hat auch sehr stark zur Entwicklung der chinesischen Wirtschaft beigetragen. Westliche Unternehmen können in vielen Technologiebereichen mit diesem neuen Konkurrenten nicht mehr mithalten und haben inzwischen Marktanteile und Umsatz an diesen verloren.

In manchen Wirtschaftsbereichen wie der Batterieherstellung haben die Chinesen eine marktbeherrschende Stellung erreicht, sodass westliche Unternehmen dort nur schwer Fuß fassen können.

Die nun stattfindende Gegenbewegung zur Globalisierung hatte US-Präsident Donald Trump eingeleitet, der Einschränkungen für die Mobilfunk-Unternehmen Huawei und ZTE auf dem US-Markt erließ unter dem Vorwand einer nationalen Bedrohung für die USA.

Damit aber nicht genug weiteten amerikanische Regierungen ihre nationalen Maßnahmen gegen die chinesische IT-Industrie auch auf „politische Verbündete und Handelspartner in aller Welt“ (4) aus. US-Sanktionslisten verbieten Herstellern und Zulieferern der gesamten westlichen Chipindustrie „unter Strafandrohung, bestimmte Produkte oder spezielle Ausrüstungen ins Reich der Mitte zu liefern“ (5). Das bekannteste Beispiel ist die niederländische ASML, der weltweit führende Hersteller von Chipmaschinen. Die niederländische Regierung beugte sich dem Diktat der USA und verbot dem eigenen Unternehmen die Ausfuhr seiner Produkte nach China.

Solche Maßnahmen treffen aber nicht nur China, sondern schwächen auch die westliche Wirtschaft selbst. Denn einerseits ergreift Peking Gegenmaßnahmen, die die eigene Chipindustrie fördern zum Schaden besonders der amerikanischen. Die Ankündigung der chinesischen Regierung, bis 2027 amerikanische und westliche Chips durch chinesische zu ersetzen, „ließen die Aktien von Intel und AMD am Freitag um 1,5 Prozent zum Vortag“ (6) einbrechen. Schon am 22. März 2024 hatten die beiden Unternehmen Wertverluste an den Börsen von 4 Prozent hinnehmen müssen.

Andererseits haben neue „Exportbeschränkungen der amerikanischen Regierung“ (7) die Umsätze von Nvidia, dem führenden Hersteller von Chips für die Künstliche Intelligenz um „25 bis 30 Prozent“ sinken lassen. Diese Auflagen gelten nicht nur für Ausfuhren nach China, sondern auch in andere Länder. Das bedeutet aber, dass Nvidia Umsatz in Höhe von etwa einem Viertel seiner Produktionskapazitäten verlorengeht. 2022 hatte China ausländische Computer aus seinen Behörden verbannt. Als dasselbe gegen Apples iPhones verhängt wurde, büßte der Konzern „daraufhin 200 Milliarden US-Dollar an Börsenwert ein“ (8).

An diesen prominenten, aber nicht einzigen Beispielen wird deutlich, dass diese Politik der Eindämmung Chinas auf Kosten der Unternehmen im Westen geht. Zwar soll der amerikanische Technologievorsprung erhalten bleiben, aber mit den Exportbeschränkungen werden die Unternehmen geschwächt, die man vor chinesischer Konkurrenz schützen will.

Umsatz und Wirtschaftlichkeit sinken, denn es gibt keinen Ersatz für die entgangenen Gewinne, was die Innovationskraft der Unternehmen behindert. Zudem ist diese Politik der Behinderung bisher nicht sehr erfolgreich.

Wertzuwachs

Wie die Ankündigung seiner Regierung zeigte, nimmt China den Kampf im Chipkrieg auf und stellt seinen Unternehmen die notwendigen Mittel zur Verfügung. Die Aufregung im Westen über die chinesischen Subventionen ist ähnliche Augenwischerei wie die Aufregung über dessen angebliche Waffenlieferungen an Russland. Auch im Westen fließen Hunderte von Milliarden in den Auf- und Ausbau von Chip-, Batterie- und sonstigen modernen Industrien oder in die Kaufförderung von E-Autos.

Daran wird aber auch deutlich, dass die chinesischen Subventionen eine größere Wirkung erzielen als die westlichen, weil chinesische Unternehmen die westlichen Märkte erobern, was den westlichen trotz Subventionen in China nicht gelingt. Angesichts der geringen Auslandsverschuldung und der hohen Rücklagen stehen China zudem genügend finanzielle Mittel zur Verfügung, um seinen Unternehmen für diese Aufgabe das nötige Kapital bereit zu stellen.

Gerade die weitere Entwicklung des sanktionierten Huawei-Konzern zeigt sehr deutlich, dass die westlichen Versuche, Chinas Aufstieg zu verhindern, zum Scheitern verurteilt sein dürften. Ende März 2024 meldete der Telekommunikationsriese einen Umsatzzuwachs von fast 10 Prozent, und der Nettogewinn stieg sogar um 140 Prozent. Der Präsident von Huawei, Ken Hu, erklärte den Erfolg seines Unternehmens trotz Sanktionen und Behinderungen: „mit einer Herausforderung nach der anderen haben wir es geschafft zu wachsen“ (9).

Viel wichtiger jedoch als diese Zahlen sind die Hintergründe dieser Entwicklung, die vermutlich stellvertretend sein dürften für die gesamte chinesische Entwicklung und die Erfolgsaussichten der westlichen Behinderungen. Bereits im Sommer 2023 hatte Huawei Aufsehen erregt mit seinem neuen Handy Mate 60. Das enthielt einen Chip, „der den Chinesen wegen bestehender Technologiesanktionen der USA bisher nicht zugetraut worden war“ (10). Mit dieser Innovation macht Huawei sogar dem Konkurrenten Apple schwer zu schaffen. So sanken „in China die Umsatzzahlen für das iPhone, während die von Huawei kräftig gewachsen sind“ (11).

Das Bemerkenswerte daran ist, dass es sich dabei nicht um ein Zufallsergebnis handelt oder um erfolgreiche Spionage.

Huawei ist es gelungen, die amerikanischen Sanktionen zu umgehen, indem es ein neues Verfahren entwickelt und patentiert hat, das „die Herstellung modernster Chips mit gar nicht mal so modernen Anlagen erlauben soll“ (12).

Das bedeutet, dass die chinesische Chipindustrie vielleicht schon bald nicht mehr auf westliche Chips und Maschinen zu deren Herstellung angewiesen ist. Je nachdem wie die Entwicklung verläuft, könnte China auch anderen Staaten diese Verfahren in Lizenz zur Verfügung stellen, womit die westliche Chipindustrie erheblich an Bedeutung verlieren dürfte.

Huawei ist kein Einzelfall. Es steht für eine technologische Aufholjagd, die die gesamte Breite einer Gesellschaft von 1,4 Milliarden gebildeten Menschen erfasst hat, die zudem „weit technologieaffiner ist als im Westen (13). Das macht sich bei den Patentanmeldungen bemerkbar, wo der Vorsprung Deutschlands nicht nur schrumpft, sondern demgegenüber sich die Anmeldungen „aus China seit 2018 sogar mehr als verdoppelt“ (14) haben. Gegen diesen Erfindergeist können Sanktionen und Embargos wenig ausrichten.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 14. April 2024: Am Puls von Xi Jinping
(2) ebenda
(3) ebenda
(4) FAZ 13. April 2024: Neuer Schlagabtausch im Chipkrieg.
(5) ebenda
(6) ebenda
(7) FAZ vom 23. Februar 2024: Nvidia ist nicht zu bremsen
(8) FAZ vom 26. März 2024: Peking-Bann: US-Riesen büßen 40 Milliarden Euro an Wert ein.
(9) FAZ vom 30. März 2024: Huawei sehr robust
(10) ebenda
(11) ebenda
(12) FAZ vom 27. März 2024: Huawei umgeht Embargo
(13) FAZ vom 13. März 2024: Kalte Dusche für Chinas K-Träume
(14) FAZ vom 19. März 2024: China verringert den Patentabstand zu Deutschland.

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