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Die Zuvielisation

Die Zuvielisation

In einer Welt, die nach dem Motto „Genug ist nicht genug“ auf den Kollaps zusteuert, können wir uns als Einzelne in gesunder Genügsamkeit üben.

Neben immer mehr Armen leben in Schlaraffenländern wie der Schweiz viele Menschen im Überfluss. Sie nennen es Wohlstand. Er ist aber das Gegenteil: Weil er auf Kosten von anderen auf dieser Erde und unserer aller Umwelt geht.

Es werden immer weniger, die es sich leisten können, über die Stränge zu hauen nach dem Motto: „Genug ist nicht genug“. Ihre Dystopie scheint die totale Normierung und Überwachung einer prekarisierten Masse. Meine Utopie sind Frei- und Friedensorte mit möglichst vielen Genügsamen.

Weit davon entfernt dümpeln im System der parlamentarischen Parteiendemokratie alle von links über die Mitte bis nach rechts extrem aufwendig und teuer nach Jekami-(Un)art perspektiven- und substanzlos durch die Landschaft. Sie stecken zusammen als Ganzes hoffnungslos im Eimer einer Politik, die kaum mehr etwas wahrhaftig und wirklich Wirksames für ein gutes Leben für alle zu bewerkstelligen vermag. Und dies auch dann nicht, wenn es immer noch mehr sind, die mitmischen wollen. 

Homo demens

Dazu Tom-Oliver Regenauer: „Homo sapiens. Homo consumens. Und jetzt - Homo demens. … Als Opfer des technologischen Fortschritts hat sich die vermeintliche Krone der Schöpfung längst zum Sklaven ihrer Entwicklungen gemacht, das Denken an elektronische Helfer delegiert und sich der Aufmerksamkeitsökonomie ergeben. So ist die Kapazität des hominiden Arbeitsgedächtnisses seit der Einführung des Smartphones im Jahr 2007 messbar von fünfzehn auf elf Sekunden gesunken. Wir entwickeln uns zurück. Und sind deswegen zusehends leichter manipulierbar.“ (1).

Was mein Autoren-Kollege Tom eher generell und grundsätzlich belichtet, widerfährt mir alltäglich und ganz konkret in und mit der Politik. Aktuell beispielsweise im Zusammenhang mit einem großartig und superteuer inszenierten Wahl-Theater. Bei dem auch die meisten Medien publikumsgeil mitspielen. Solche Ablenkungsmanöver machen es möglich, dass wahrhaftig mächtige Clans mehr oder weniger heimlich durchsetzen können, was global, national oder lokal ihren krankhaften Macht- und Profit-Interessen entspricht. Und auch wenn diese Clans dafür einen Krieg nach dem anderen inszenieren, sind die von ihrem Geld abhängigen Medien mit von der Partie.

Dass Dumme oder Gleichgültige nicht wissen können oder wollen, was sie für eine friedvoll gute Welt bei ihrem Handeln beachten sollten, macht mich nicht mehr wütend. Weil es sich nicht lohnt: Auch nicht, dass ich mich darüber ärgere, wenn gemeine Schlaue nur für sich schauen.

Ein düsteres Bild

„Ja, da steckt einiges an Wahrheit drin, das kann man so sehen. Und es ist leider zu einem großen Teil auch so. Eigentlich sehr düster! Aber wenn es anders wäre als beschrieben, wären der Homo sapiens, die Menschheit, in gesellschaftlicher Richtung schon wesentlich weiter, denke ich.“ So ein Freund, dem ich ein Fragment dieses Textes zum Gegenlesen gemailt hatte. Düsteres Bild hin oder her: Krisen, die nicht als solche wahrgenommen werden wollen, können auch nicht als Chancen für einen Wandel zum Guten für alle genutzt werden. Dies in etwa nach dem Motto: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Den Zustand, der dem gegenüber real besteht, erachte ich als Teil einer autoritär-hierarchisch und industriell-militärisch-technokratisch begründeten „Zuvielisation“.

Wie sie sich neben der Politik auch beispielsweise bei den Medien, bei der Wirtschaft und bei der Wissenschaft main- und manifestiert: Inszeniert und gepusht von Herrschaften, die an der Macht sind oder es sein möchten, und die absolut kein Interesse an einer Aufklärung der wahren Verhältnisse haben. Dass sich damit kein Geschäft machen lässt, verhält sich mit der Aufklärung oder mit der Wahrheit nicht viel anders als beispielsweise mit echter Demokratie. Für DAS BLATT vom September habe ich dazu den Beitrag „Es werde Licht!“ verfasst: Wie er auch vom ZE!TPUNKT publiziert worden ist (2). 

Die Politik hat den Lead verloren.

„Indem wir die Wähler durch das politische Parteiensystem spalten, können wir sie dazu bringen, ihre Energie in dem Kampf für unwichtige Fragen zu stecken." (Montagu Norman, ehemaliger Gouverneur der Bank von England, 1924).

In der Schweiz scheint zwar immer alles besser. Aber trotz immer noch mehr Aufwand findet auch hier in existenziell relevanten Sachfragen kaum mehr eine fachlich und politisch fundierte, zielführende Auseinandersetzung statt. So kommt es im Rahmen der maroden parlamentarischen Parteiendemokratie von links über die Mitte bis nach rechts nicht zu Entscheidungen, die zu für alle bestmöglichen Lösungen führen. Damit es wahrhaftig und wirklich mit der Politik etwas werden kann, braucht es den Mut, die falschen Dinge radikal zu beenden. Erst dann wird Raum frei für grundlegend und wertvoll Neues, das es sowohl individuell als auch lokal, national und global für ein friedvolles und gutes Leben für alle unabdingbar braucht. … Und zu diesen falschen Dingen gehören neben der Politik auch noch viele andere Systeme, wie beispielsweise das Bauen, die Schule, die Siedlungsentwicklung, der Umgang mit der Umwelt und der Verkehr!

Ein Kollege aus Südtirol, der dort wie ich hier manches in der Politik als sonderbar erlebt, hat mich mit folgendem Auszug auf die „Notizen zur Abschaffung der politischen Parteien“ von Simone Weil aus dem Jahr 1943 aufmerksam gemacht: 

„Eine politische Partei dient der Erzeugung kollektiver Leidenschaft. Eine politische Partei ist so organisiert, dass sie kollektiven Druck auf das Denken jedes einzelnen Menschen ausübt, der ihr angehört. Erstes und genau genommen einziges Ziel jeder politischen Partei ist ihr eigenes – unbegrenztes – Wachstum. Wegen dieser drei Charakteristika ist jede Partei im Keim und ihrem Anspruch nach totalitär.“

Kosten und Risiken sozialisieren – Profite privatisieren

Die gängige Politik erlebe ich so, dass sie mehrheitlich passiv alles laufen lässt, wie es die Geschäftemacher und die eigentlichen Machthaber haben wollen. Oder sie setzt sich aktiv mit Ablenkungsmanövern und Beschäftigungstherapien in Szene. Wie aktuell beispielsweise mit einem grandios mit viel Geld und immer noch mehr Kandidatinnen und Kandidaten betriebenen Wahlzirkus: Inklusive allzeit präsentem und endlos andauerndem, mediengeilem Links-Mitte-Rechts-Hickhack. Dabei ist zudem auch noch Geschwindigkeit einer der Killer von Substanz.

Neben vielem anderen ist mit einer solchen Politik das Geschäft mit der Krankheit außer Rand und Band geraten. Und dies ist nur einer von vielen Lebensbereichen, bei dem die Politik den Lead verloren hat: Das Schlimme daran finde ich, dass kaum jemand von den dafür Verantwortlichen etwas davon wissen will. Immer entsprechend dem Paradox: Wer etwas zu sagen hat, ist nicht gewählt – und wer gewählt ist, hat nichts zu sagen.

Genug ist genug!

In der Region Basel werden das Bauen, die Siedlungs- beziehungsweise Gemeinde- und Stadtentwicklung sowie der Verkehr von einem Areal-Schach(er)-Clan dominiert. Herrsch- und profitsüchtig Kranke machen unseren Lebensraum zu einer Geld- und Machtmaschine. Und damit unsere Lebensräume und letzten Endes unsere Welt rücksichtslos kaputt: ohne dass sie dafür politisch zur Rechenschaft gezogen werden können. Hoffentlich gelingt es ihnen nicht!

Wie der Areal-Schach(er)-Clan operiert, habe ich erfahren, als mir einer seiner Exponenten einen Sitz im Verwaltungsrat offeriert hat, wenn ich mit ihm zusammen das, was seine Firma gigantisch bauen will, in einem gemeinsamen Medienauftritt befürworte. Dass ich dazu nicht Ja sagte, hat nicht nur ihn, sondern auch die Basler Architektur- und Bau-Szene erstaunt! Übrigens haben dann in der Folge die Medien ihn und seine Firma aufs Podest gesetzt, und versucht, mich in die Pfanne zu hauen.

Wir leben in einer zerrissenen Gesellschaft. Äußere Gründe sind beispielsweise Corona, die Flüchtlingskrise, Kriege oder die Umweltzerstörung. Sozusagen innere Gründe sind viele Menschen, die auch noch als Individuen in sich zerrissen sein können. 

Das Dasein in einer zerrissenen Gesellschaft ist für alle schwierig. Für Gemeinwohl anstatt Gemeinheit braucht es eine Gemeinschaft. Polarisierungen wie Alt oder Jung, Links oder Rechts, Arm oder Reich, Oben oder Unten, Ausländische oder Einheimische, Stadt oder Land, und so weiter mögen extrem spannend sein: Für eine Gesellschaft, die am Gemeinwohl für alle interessiert ist, sind sie das Gegenteil von gut.

Reichtum ist, wenn es allen bestmöglich gut gehen kann.  

Im Schlaraffenland Schweiz herrscht kollektiv unbewusst das System einer grenzenlosen Werte- und Verantwortungslosigkeit. Wo wahrhaftig Mächtige und schwer Reiche gierig und rücksichtslos tun und lassen können, was und wie sie es wollen: Hauptsache es bringt Profit und macht Spaß. Der „Point of no return“ ist überschritten. Mit Kopf, Herz, Hand und Fuß bin ich für eine andere Welt unterwegs. Und manchmal träumt meine Seele von einem „Freidorf“ irgendwo im All.

Die Drogen-Szene, die laut alltäglichen Medienberichten unter anderem im (Klein-)Basel akut grassiert, sehe ich als eines der Symptome der Krise, in der die Schlaraffenländer stecken. Und auch die Multimilliardären-Szene als einen Auswuchs der wohlstandsverwahrlosten Profit- und Spaß-Gesellschaft. Sie verfügt nicht über die Resilienz (Widerstandskraft), die es braucht, um den Herausforderungen gewachsen zu sein, die mit dem Platzen der „Immer-noch-mehr-Wachstum-dank-immer-noch-mehr-Wachstum-Ballone“ verbunden sind. Mit einer Politik, die sich darauf beschränkt, mehr oder weniger schlau das Elend zu verwalten, wird es nicht zu schaffen sein. Möge es uns gemeinsam gelingen, die Chancen, die in dieser Krise stecken, gemeinwohlorientiert für einen Wandel zu einem guten Leben für alle zu nutzen.

Du kannst glücklich sein, wenn Du Dir selbst genügst!

Was mein persönliches „Ich bin doch wer und gut genug!“ betrifft, so bin ich nach einer Zeit mit extrem vielen schwierigen, weil perspektivenlosen Besprechungen zu ganz konkreten lokalpolitischen Sachfragen betreffend Bauen, Bildung, Siedlungsentwicklung, Umwelt und Verkehr, für einige wunderbare Tage nach Amoltern am Kaiserstuhl gefahren, zu einem erloschenen Vulkan zwischen Colmar im Elsass und Freiburg im Breisgau: Wo ich mit Wandern und einem glücklichen Zusammensein mit Rosette, der Frau, mit der ich seit über 50 Jahren verheiratet bin, meinen inneren Frieden gefunden habe und meinen stechenden Schmerz in der rechten Schulter los geworden bin.

Glücklich sein kann, wer sich selbst genügt. Wer glaubt, immer noch mehr sein zu müssen, und immer noch mehr haben will, wird nie genug sein und nie genug bekommen.

Lichtblicke

Mitte Mai und Anfang August 2023 fanden die Fischer’s EM-Tage in Stephanskirchen/Högering, Oberbayern, Landkreis Rosenheim, statt. Das umfangreiche Wissenssymposium rund um die Themen Effektive Mikroorganismen, Nachhaltigkeit und regenerative Landwirtschaft begeisterte mehr als 1.600 Besucherinnen und Besucher. – Die von mir sehr geschätzte Vivian Dittmar war mit einer Keynote und einer vertiefenden Gesprächsrunde zur Frage „Welchen Wohlstand brauchen wir?" dabei. Hier geht's zum 42-Minuten-Mitschnitt (3).

Mitte September war im Rahmen unseres Friedenskollegs in Pratteln bei Basel unter anderem auch die Sammlung von Projekten für das Gemeinwohl eine der Diskussionsgrundlagen. Die Rohfassung mit 29 Projekten ist bestellbar per Mail bei: ue.keller@bluewin.ch. Ich werde diese Sammlung überarbeiten und um weitere Projekte ergänzen. – Eine echte Chance gibt es für solche Projekte wahrscheinlich erst dann, wenn viele „Immer-noch-mehr-Wachstum-dank-immer-noch-mehr-Wachstum-Ballone“ geplatzt sind. Vielleicht interessiert Dich/Sie der Beitrag, den das Manova Magazin zum Thema publiziert hat: Gemeinwohl statt Gemeinheit.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Homo Demens, Texte zu Zeitenwende, Technokratie und Korporatismus, Tom-Oliver Regenauer, 2022

(2)  https://zeitpunkt.ch/es-werde-licht-0

(3) https://www.youtube.com/watch?v=MwbkNNtOBVg


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