Ein Sonntag im April. Kurz vor sieben Uhr morgens. Es regnet sanft. Die Luft draußen ist vom Wasser schwer. Knapp über null Grad. Ich fahre meine Frau zum Katzenheim, wo sie ehrenamtlich die heimatlosen Tiere betreut. Danach geht es nochmals ins Bett, so mein Plan. An der ersten Abzweigung auf dem Rückweg entscheide ich mich jedoch spontan für einen kleinen Umweg. Ich biege rechts ab zur Europa-Chaussee und fahre weiter auf dieser Straße, ohne bestimmte Absicht und noch immer müde. Ich gelange nach Kanena, einem dörflichen Vorort meiner Heimatstadt.
Da ich schon mal hier bin, kann ich ja ein paar Minuten am Hufeisensee, einem ehemaligen Baggersee, entlanggehen und die schwermütige und verregnete Sonntagmorgenstimmung genießen. So geht es mir durch den Kopf. Doch stelle ich das Auto schon einen Kilometer eher bei der Dorfkirche in Kanena ab. Aus Gründen, die ich selbst nicht kenne, schlage ich die entgegengesetzte Richtung ein, die nicht zum See führt. Warum ich schließlich auch noch einen weiteren Umweg über eine Seitenstraße, die Richtung Friedhof führt, nehme, lässt sich ebenso wenig erklären. Es regnet noch immer leicht. Überall große Pfützen in den Vertiefungen und in den Löchern der asphaltierten Straße. Kaum Wind. Eigentlich ist es schön.
Ich laufe an den am Straßenrand geparkten Autos die menschenleere Straße entlang und bin schon ein gutes Stück vom Kirchplatz weg. Die Gedanken kommen und gehen. Ungeordnet, chaotisch. Ich blicke in die verschlafenen Fenster der Häuser. Jedes Fenster ist anders: Manchmal stehen Blumen da, manchmal keine. Auch gibt es die verstörenden Fenster: keine Gardine, kein Schmuck, karger Raum dahinter. Wer lebt so? Eine Katze, welche aus einem der Fenster heraus die Außenwelt beäugt, muss ich mir vorstellen — es ist keine da.
Plötzlich sehe ich ihn. Den Igel. Er liegt mitten auf der Straße. Der Asphalt: schwarz, nass, kalt. Wieder ein totes Tier, wieder ein Igel. So denke ich. Zwischen uns sind keine zwei Meter. Der Anblick dreht mir den Magen um, verkrampft mir die Eingeweide. Dann aber erkenne ich: Er atmet. Intensiv, aber gleichmäßig. Er lebt.
Ich gehe auf ihn zu, beuge mich über ihn. Verletzungen sind nicht erkennbar. Seine Augen sind mit weißen, pilzigen Belägen verklebt. Ein Bild des Elends. Etwas schauderhaft auch. Da bricht so ein kleines Lebewesen auf der Straße zusammen. Die Kraft, den nächsten Garten zu erreichen, fehlt. Es wären nur wenige Meter gewesen. Und dann die Nässe, die Kälte, die Aussichtslosigkeit. Das ist traurig.
Ich spreche mit ihm und wünsche, dass Gott sich seiner erbarme. Wie lange liegt er schon in der nassen Kälte? Bald steht der Entschluss. Ich gehe zurück zum Auto, öffne den Kofferraum und suche nach Dingen, womit ich den Igel bergen kann. Tatsächlich ist alles da. Alles, was es zu einer Igelbergung braucht, liegt vor mir. Ich traue meinen Augen nicht. Wie kommt das hierher? Erwartet habe ich eine alte Trainingsjacke oder so etwas Ähnliches. Ich greife nach dem großen Pappkarton, lege das große, weiche, saubere Saunahandtuch in den Karton, nehme die robusten Handschuhe für Gartenarbeiten auf, stülpe den passenden, geräumigen Schwerlastsack über den Karton und eile zum Igel.
Er atmet noch. Schnell und kräftig. Oder ist es schon die finale Schnappatmung? Bei Igeln kenne ich mich nicht aus. Ich nehme ihn sanft auf, lege ihn vorsichtig auf das warme, weiche Handtuch und stülpe als Regenschutz die Plastiktüte darüber. Doch lasse ich ein kleines Stück unbedeckt.
Die ersten Flöhe besiedeln bereits das Handtuch. Die Wärme des Innenraumes wird ihm guttun, denke ich aufgewühlt. Die Abdeckung des Kofferraums habe ich entfernt und bei einem Rücksitz die Lehne umgeklappt, sodass ich ihn im Rückspiegel sehen kann.
Es folgt eine halbe Stunde angefüllt mit Telefonaten: Zunächst überlege ich, die Feuerwehr anzurufen. Verwerfe dies aber, weil eine Bergung und Rettung im engeren Sinn nicht mehr erforderlich ist. Beim hiesigen Tierschutz ist in diesem Moment nur der Anrufbeantworter vernehmbar. Dagegen erreiche ich eine Tierarztpraxis in Halle. Die Frau am anderen Ende der Leitung fragt nach Details und gibt Hinweise zur Selbsthilfe. Mehr könne sie jetzt nicht tun. Dann telefoniere ich mit dem tierärztlichen Notdienst in Halle, dann mit jenem in Leipzig. Jedes Mal erzähle ich die gleiche kurze Geschichte, die ich wie fremdgesteuert von mir gebe.
Überall treffe ich auf hilfsbereite Menschen, aber keine konkrete Möglichkeit der Ersthilfe. Die Tierärztin in Leipzig aber erklärt sich bereit, den Igel notfallmäßig zu untersuchen und zu behandeln. Allerdings könnten Kosten anfallen, wie sie sagt. „Ich hab kein Geld dabei, ich wollte nur etwas spazieren gehen. Muss ich den Igel also wieder draußen hinlegen?“, so erwidere ich eigenartig laut. Der kurze Moment der Stille, der daraufhin einsetzt, führt das Ende des Telefonats herbei. Wenn ich den Igel nur zum Sterben irgendwo hin bringen könnte ...
Wenige Minuten später wähle ich reumütig die Telefonnummer in Leipzig erneut und frage, ob ich doch vorbeikommen könne. Ja, ich darf. An die Fahrt bis Leipzig erinnere ich mich nur schwach. Die vielen Baustellen in Leipzig wirken auf mich noch grotesker als jene in Halle. Und zuletzt ist es gar eine Großbaustelle, die ich zum tierärztlichen Notdienst überwinden muss. Das Auto stelle ich an der durch die Baustelle entstandenen Sackgasse ab, hebe den Karton mit dem Igel aus dem Wagen und gehe los. Der Plastiksack schützt vor Regen und etwas auch vor der Kälte. Der Kleine atmet unverändert. Die wenigen Passanten auf der gegenüberliegenden Seite der Baustelle sehen mich verständnislos an.
Bald stehe ich vor einem unscheinbaren Schild mit dem veterinärmedizinischen Symbol darauf. Ich bin also angekommen. Die junge Ärztin öffnet unmittelbar nach dem Klingeln und führt mich in den Behandlungsraum. Nach einer kurzen Untersuchung des Tieres teilt sie mir mit, dass „wir“ ihn nur noch erlösen können. Mehr sei nicht mehr zu machen.
Der Igel quält sich. Er leidet an einer infizierten Lunge, leidet an den verpilzten Äuglein, leidet unter dem Heer an Läusen und sehr wahrscheinlich noch an weiterem Ungemach. Ich weiß, was folgt. Ich kenne es aus meinem früheren Klinikalltag als Anästhesist. Erinnerungen flackern kurz und intensiv auf. Oft habe ich Menschen in ihren letzten Minuten begleitet. Aber niemals einen Igel. Die junge Ärztin spricht mit dem Tier. Und wie sie dann die erlösende Injektion vornimmt, stehen wir beide über den Karton gebeugt und betrachten das kleine Häufchen Leben. Die Szene vermischt sich mit Bildern sterbender Menschen aus meiner Vergangenheit. Alles in dieser einen Sekunde, die gefühlt kein Ende nimmt.
Obwohl ich weiß, dass der kleine Igel keine Schmerzen mehr fühlt, obwohl ich auch weiß, dass der Igel eine erlösende Müdigkeit wahrnehmen wird und dann der gesegnete Moment des Loslassens folgt, zerreißt es mich.
Ich weine. Meine Tränen laufen ungehemmt und so intensiv, wie lange nicht mehr. Warum? Warum diese enorme Trauer und dieser intensive Schmerz? Bei einem Tier, dem ich doch nur zufällig begegnet bin?
Die Ärztin ist irritiert, vielleicht mehr noch: entsetzt und erschrocken. Noch immer stehe ich über den Igel gebeugt, während die Atmung des kleinen Wesens immer ruhiger wird und flacher. Tröstende Worte spreche ich; Worte für wen? Ich weiß es nicht.
Eine Rechnung muss ich nicht begleichen. Deutlich vernehme ich noch die Worte der jungen Frau beim Verlassen des Raumes: „Ich regle das, vielleicht findet sich noch Spendengeld in der Kasse ...“ Ich bin ihr unendlich dankbar.
Wo es langgeht zum Auto, hab ich ganz vergessen. Aber ich finde es. Steige ein und schreibe, das Handy ergreifend, was ich erlebt hab. Das „digitale Mitgefühl“ in Form von Symbolen und Worten lindert die Traurigkeit. Ich bin nicht allein. Der kleine Igel war auch nicht allein, als er ging.
Das Foto dieses sterbenden Igels habe ich unmittelbar nach der Bergung in Kanena gemacht, aber seit Jahren steht bereits das Foto eines Igels auf meinem Klavier — irgendeines Igels, eigentlich zur Dekoration. Vielleicht lag darin eine Vorahnung. So ist das Leben: turbulent, traurig, schön und immer wieder unerklärlich.

Foto: Michael Gratias
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