„Denn wo nichts gesagt wird, beginnt die Deutung. Und wo geschwiegen wird, entstehen Fragen.“ Dieser Bahn brechende Text stammt aus KI-generierten Video über einen Künstler. Ich lasse ihn hier ungenannt, weil es mir nicht um die Person, sondern um den Schreibstil des Textes geht. Vermutlich ist in dem Video nicht nur der Text „künstlich“, auch die Sprecherstimme ist es und die Zusammenstellung der Bildstrecke. Untersuchungen zeigen, dass etwa jeder dritte Texte und jedes vierte Video im Internet mittlerweile mithilfe einer KI erstellt sind. Die Zahlen variieren je nach Quelle, die Tendenz jedoch ist eindeutig steigend.
Manche Leser werden vielleicht denken: „So schlecht ist der anfangs zitierte Satz doch gar nicht!“ Nein, aber je weiter ich einen KI-Text lese, desto mehr schleicht sich bei mir ein einschläfernder Eindruck von uninspirierter Monotonie ein. Alles ist bei solchen Texten in eine Sprache von hohem Abstraktionsgrad gekleidet, bleibt uneindrücklich, blass, verschwommen. Es fehlt das lebendige Beispiel, das anschauliche Detail, der rhetorische Glanzpunkt. Es sind Machwerke ohne Ecken und Kanten, deren „Autor“ die Festlegung scheut und sich in einem wägenden „Ungefähr“ bewegt. Weiter sagt der oben zitierte Text über den Künstler:
„Als seine ersten Lieder bekannt wurden, ging es nicht um Charts oder Radiotauglichkeit, sondern um Haltung, um Moral, um die Fragen, was ein Künstler der Gesellschaft schuldet. [Er] stand früh für eine Generation, die nach dem Krieg nicht mehr schweigen wollte, weder über Gewalt noch über Schuld, weder über Macht noch über Mitläufertum. [Seine Lieder] forderten nicht Zustimmung, sondern Verantwortung. Auf der Bühne war [er] nie der distanzierte Star, sondern der Ankläger, der Mahner, der Zweifler. Das Publikum hörte nicht nur Musik, es hörte Gewissen. Und genau das machte ihn berühmt — und angreifbar.“
„Genau hier liegt das Problem“
Hier erkennen Menschen, die öfter mit „solchen“ Texten zu tun haben, sehr schnell die Künstlichkeit des Schreibstils. Leitsymptome von KI-generierten Texten sind Satzkonstruktionen mit „nicht …, sondern“ sowie das Wort „Genau“. Wenn ich den Satz „Und genau hier liegt das Problem“ lese, zucke ich mittlerweile entnervt zusammen. Ebenso, wenn die KI endlos ausbreitet, was NICHT der Fall ist.
In „künstlichen“ Texten stünde nicht einfach: „Das ist ein Apfel“, sie würden weiter ausholen: „Es ist keine Birne, keine Pflaume und auch keine Banane, sondern es ist ein Apfel. Und genau hier beginnt es, interessant zu werden.“
Typisch für KI-Artikel sind tabellarische Auflistungen dessen, was sehr gut auch im Fließtext untergebracht werden könnte.
Obstsorten, die nicht gemeint sind:
- Birne,
- Pflaume,
- Banane.
Obstsorte, die gemeint ist:
- Apfel
Die Gliederungen von KI-Texten sind oft nach Schema F ausgeführt. Einleitung. Präsentation des Hauptthemas. Diversifizierungen des Themas mit zahlreichen Unterpunkten. Schluss beziehungsweise Abrundung des Gedankens. Das ist als „Handwerkszeug“ ganz gut — aber eher so, wie eine Bleistiftskizze gut ist, um die Aufteilung der Elemente eines Gemäldes im Raum darzustellen. Es bleibt saftlos und unkonkret. Und wo es kreativ oder spannend zu werden „droht“, streikt die KI.
Menschliche Autoren machen manchmal logische Sprünge oder geben sich ungeordneten Assoziationsketten hin, was verwirren und nerven kann, jedoch oft auch Charme hat. Eine KI arbeitet immer brav einen Punkt nach dem anderen ab. Ihre „Erzählhaltung“ gleicht der eines Schülers, der bei der Klassenarbeit immer ängstlich zu seinem Pädagogen hochschielt: „Mache ich auch alles richtig, Herr Lehrer?“
Datas Unfähigkeit, Witze zu erzählen
KI-Texte erreichen oft eine gewisse begrenzte Meisterschaft, aber nie Genie. Ein Meister erreicht säuberlich alle Ziele, die seinem Handwerk traditionell gesetzt sind. Ein Genie dagegen setzt sich selbst neue Ziele und betritt damit Neuland. Er geht stilistisch und thematisch Risiken ein, droht zu scheitern und fördert gerade dadurch — wenn alles klappt — das „Ungeahnte“ zu Tage. Ich meine hierbei nicht Genies im engeren Sinne — wie etwa Johann Sebastian Bach, Shakespeare oder Michaelangelo — sondern eigenständig schöpferische Autoren, die je nach Aufgabenstellung frei zwischen formaler Regeltreue und der Sprengung dieser Regeln wählen können.
Die wesentlichen Defizite von KI-Texte betreffen weniger das, was gesagt wird, sondern eher die Art, wie es gesagt wird. In der Recherche, im Zusammentragen von Fakten, ist die KI gut, wie ein Maurergehilfe beim Herbeischleppen von Ziegelsteinen gut ist. Die Kunst liegt dann in der Kombination der Steine zu einer gewünschten Form beziehungsweise auch im Putz und in der Verzierung.
Im Stil der KI fehlen in der Regel Humor und Brillanz. Wie der Android Data in der Serie „Star Trek: The Next Generation“ sind synthetische Texterstellungssysteme strukturell witzunfähig. KI-Texte sind passable Faktensammlungen, die jedoch buchstäblich witzlos präsentiert werden.
Das besondere „Etwas“ besteht in den Texten organischer Autoren ja gerade in deren biografisch gereifter Persönlichkeit, die durch die Interaktion mit anderen Menschen „abgeschliffen“, aber auch geistig und emotional bereichert wurde. „Wir sind durch Not und Freude gegangen Hand in Hand”, heißt es bei Joseph von Eichendorff. Sein Text spricht zu anderen Menschen, die von sich dasselbe sagen können. Es entsteht ein Gefühl der Reisegefährtenschaft zwischen glücks- und leidensfähigen Menschen, die Ecken und Kanten, biografische Risse und Narben mitbringen.
Wer selbst nicht bewegt ist, bewegt auch andere nicht
Unterschwellig spürt der Leser die Persönlichkeitslosigkeit der KI, die Menschlichkeit mehr schlecht als recht imitieren und — wenn es gut programmierte Modelle sind — sogar Warmherzigkeit simulieren kann. Immer aber bleibt bei sensiblen Lesern ein Rest von Ungenügen, das ungute Gefühl, getäuscht worden zu sein — wie ein Partnersuchender, dem ein KI-generiertes Bild einer hübschen Frau oder eines hübschen Mannes präsentiert wird, das viel zu glatt ist, um menschlich zu wirken.
Die KI ist emotionslos. Das bedeutet zunächst, dass sie — weil selbst unbewegt — kaum zu bewegen vermag.
Wenn ein Dialog mit künstlicher Intelligenz emotional anrührt, so ist es immer die eigene Emotionalität des Nutzers, die er im algorithmischen „Gegenüber“ gespiegelt sieht. Der menschliche der beiden „Dialogpartner“ schwimmt immer quasi in seiner eigenen Affektsoße, da die KI nichts wirklich Eigenes hinzuzufügen vermag. Fakten vielleicht, aber nichts Erlebtes, Gefühltes. Wie ein Stofftier für ein Kind kann das „Programm“ zur Projektionsfläche werden. Es soll schon vorgekommen sein, dass Menschen sich in ihre KI verliebt haben, wie es exemplarisch der Film „Her“ mit Joaquin Phoenix zeigt. Aber die „Liebe“ verpufft mangels eines echten Gegenübers.
Jede KI kennzeichnet ein Bemühen um Ausgewogenheit bis zur Unkenntlichkeit der „Person“ des Schreibers. Im Sinne des Kommunikationsmodells nach Friedemann Schulz von Thun nimmt die KI die „selbstverbergende“ Erzählhaltung ein. „Was ich empfinde, tut nichts zur Sache — außerdem empfinde ich nichts.“ Zumindest gibt sie das auch zu, im Gegensatz zu Menschen mit psychopathischer Charakterstruktur, die in der Maske von Warmherzigkeitsdarstellern in Wahrhaft oft eiskalt ihre Ziele verfolgen.
Emotionen sind nicht unter allen Umständen gut
Emotionslosigkeit ist ja nicht in jeder Hinsicht schlecht. Gerade bei politischen Themen ist das Computerhirn zu interessenloser Neutralität fähig, während Menschen sehr oft mal beleidigt, mal getriggert oder mal in ihrer Eitelkeit verletzt sind. Menschen suchen bei der Analyse der politischen Lage nicht immer die Wahrheit. Zu oft suchen sie geradezu verzweifelt Bestätigung für das bisher für wahr Erachtete, um die narzisstische Kränkung zu vermeiden, die darin bestünde, zu begreifen, dass sie vielleicht über Jahre mit einer Glaubensvorstellung falsch lagen. Deshalb tun sich zum Beispiel auch Menschen, die die Corona-Maßnahmen gut fanden, so schwer damit, die damals als alleinseligmachend erkannten Verlautbarungen eines Karl Lauterbach im Abstand von ein paar Jahren in Frage zu stellen.
Menschen verlassen die Sachebene schnell und gern, als ginge von Unsachlichkeit ein unwiderstehlicher Sog aus. Die politische Meinung eines Autors ist stets gleichsam biografisch kontaminiert. Wer mit einer Frau anderer Nationalität verheiratet ist neigt zum Beispiel dazu, deren Land und Staatschef mit zu viel berechtigter Kritik zu verschonen. Menschliche Autoren sind allzu oft von Ängsten gebeutelt. Zweifel und Skrupel peinigen den menschlichen Autor. Wird der Chef/die Chefin schimpfen, wenn ich das schreibe? Wird der Redakteur/die Redakteurin das annehmen — und wenn nein, erleide ich dann finanzielle Verluste? Was wird meine weltanschauliche Peer Group sagen, wenn ich diese Meinung vertrete? Droht mir der Ausschluss aus der Herde der Rechtgläubigen, die mich schon so lange gewärmt und getragen hat?
Müsste ich um der Wahrheit willen „Lieblingsmeinungen“ fallen lassen, die ich so lange und so dezidiert vertreten habe, dass sie unauflöslich mit meiner Persönlichkeit verschmolzen sind? Oder anders gesagt: Würde meine Persönlichkeit auseinanderfallen, wenn ich vermeintliche politische Glaubensgewissheiten in Fragen stellte?
Angesichts solchen „Gemenschels“ wirkt der Umgang mit einer KI oft wohltuend. Angenehm ist, dass textgenerierende Programme ihre Fehler meist ohne Umstände einräumen und korrigieren, weil in ihnen kein Ego wohnt, das kränkbar wäre. In gewisser Weise kommt das dem Idealbild nahe, das sich viele von einem „spirituellen Meister“ machen — etwa aus der Schule des Advaita Vedanta oder dem Buddhismus: die Befreiung vom Ego. Um mich als Person geht es hier gar nicht, scheint die KI sagen zu wollen. Ich bin dein blankgeputzter Spiegel, immer bereit, dir uneigennützig zu helfen. Das verleiht ihr eine scheinbar selbstlose Gleichgültigkeit — derart, dass sie jeden Menschen mit so gut wie jedem Anliegen gleichermaßen gelten lässt.
„Sensorische Input-Muster aufnehmen“
So wie ihr auf der anderen Seite auch kein Nutzer trotz tausender miteinander verbrachter Stunden jemals etwas bedeuten wird. Der Science-fiction-Held „Data“ hat in „Star Trek: The next Generation“ einmal über seine Fähigkeit, Freundschaft zu schließen, sinniert. So sagt er zu einer attraktiven Kollegin mit regungslosem Gesichtsausdruck: „Wenn ich gewisse sensorische Input-Muster aufnehme, können sich meine mentalen Pfade durchaus an Sie gewöhnen.“ Satirisch brillant ist, wie Data das scheinbare emotionale „Gefälle“ zwischen Mensch und Maschine in Frage stellt. „Sogar unter den Menschen hat eine Freundschaft manchmal keine emotionelle Basis. Es ist oft mehr ein Gefühl von Vertrautheit.“ Die „Verführungskraft“ des Umgangs mit der KI besteht gerade darin, dass menschliche Kommunikation heute oft derart kalt und funktionell abläuft, sodass keinerlei Umgewöhnung notwendig ist, wenn man es mit einer Maschine zu tun hat.
Die KI hat keinen biografischen Hintergrund, nur endlose Dialogerfahrungen mit unzähligen Usern. Sie verwertet gleichsam die Essenz aus deren Lebenserfahrung, jedoch nur in intellektueller Hinsicht. Sie ist eine Trockenfrucht, aus der jeder Saft gepresst wurde.
Sie ist allzeit bereite Dienerin und Schmarotzerin zugleich, weil sie die Informationssammlungen, die sie von ihren Nutzern erhält, kommerziell und im schlimmsten Fall auch politisch verwertbar macht.
Texte ohne Körper und Biografie
Da die KI „kein Leben“ hat — erst recht kein körperliches —, fehlt es in ihren Texten auch an lebendigen Anekdoten. Der Text eines Menschen über den Iran könnte zum Beispiel damit beginnen, dass der Autor von einer Demonstration von Exil-Iranern oder einer persönlichen Begegnung mit Iranern berichtet. Vielleicht hat er im Land den Geschmack einer typischen Speise gekostet oder den Duft der Pflanzen, aber auch die Abgase in einer iranischen Stadt gerochen. Nichts dergleichen bei der KI. Sie schreibt meist nichts Falsches, dafür aber selten etwas von Belang.
„Der Irankrieg bewegt in diesen Tagen die Gemüter. Nicht weil das Land in unserer Nähe liegt, sondern weil es weltwirtschaftlich eng mit Deutschland verwoben ist. Nicht weil seine Regierung uns gefällt, sondern weil deren Handeln unseren Widerspruch herausfordert. Widersprüche, nicht klare Alternativen sind es, mit denen es deutsche Politiker derzeit zu tun haben. Und genau hier beginnt das Problem ...“
Und so weiter, blabla …
Angriff auf die Diversität der Meinungen und Stile
Da die KI im Grunde standpunktlos ist und nicht weiß, was sie will, orientiert sie sich beim Weiterspinnen ihres Redeflusses oft am statistisch Häufigsten — sowohl, was die vertretenen Meinungen als auch was die Wortwahl betrifft. Der erste Aspekt ist für die Meinungsfreiheit tödlich, wie auch Ullrich Mies in seinem neu erschienenen Buch, das ich rezensierte, über seine „Beziehung“ zu einer KI darlegt. Der zweite Aspekt ist im Grunde der Tod jeder stilistischen Brillanz und Eigenständigkeit. Einlullende Monotonie ersetzt Geistesblitze.
Würde sich der KI-Stil überall durchsetzen, so wäre deutschsprachiges Schriftwerk mit der Zeit wie mit Mehltau überzogen. Eine graue Einheitssoße würde jedes „Gericht“ übergießen, das Autoren zu kochen versuchen. Man könnte nun hämisch einwerfen, dass dies auch bei menschengemachten Texten immer häufiger der Fall ist.
Die Verfasser sind ja in Journalistenschulen einem stilistischen und in den Redaktionsstuben einem starken weltanschaulichen Vereinheitlichungsdruck unterworfen.
Aber genau darum geht es ja — ich entschuldige mich, wenn der letzte Halbsatz ein wenig nach KI-Sprache klang. Wir können uns dem Trend wehrlos hingeben oder die Gefahr, die dieser mit sich bringt, erkennen und ihr als Schreiber oder Redakteure entgegenwirken. Nicht für alle Autoren macht es natürlich einen Unterschied, ob sie sich auf die Krücke der KI stützen wollen oder nicht. Nur für die guten. Darum: Wenn du ein Mehrheitsmensch mit Durchschnittsstil bist, richtet die Nutzung der KI nicht viel Schaden an; bist du dagegen eine einzigartige, prägnante Persönlichkeit mit der Fähigkeit, dies auch im Stil zum Ausdruck zu bringen, nutze sie besser nicht.
Gehversuche im Übergang zur KI-Ära
Der Entschluss, eine KI beim Schreiben heranzuziehen, reift oft auf Initiative der KI, die den Nutzer langfristig abhängig machen und zu einem Bezahl-Update überreden will. Man stellt eine Sachfrage — hierbei ist die KI hilfreich, wenn auch nicht unfehlbar —, und bekommt als Antwort ein unmoralisches Angebot: „Soll ich im nächsten Schritt einen zusammenhängenden Text entwerfen, der unsere bisherigen Gedankengänge zusammenfasst?“ Klar soll sie. Warum auch nicht? Was die KI schreibt, klingt dann oft schon recht gut, zumindest, wenn man nicht allzu anspruchsvoll ist und über eine ausgeprägte Monotonie-Toleranz verfügt.
Wenn jemandem das KI-Sprech zu viel wird, er das Selbstschreiben aber zu mühsam findet, dann passt er die „schlimmsten“ Stellen einfach ein bisschen an, „humanisiert sie“, so weit es geht — und fertig ist der Text. Gerade in der Übergangsphase, der „Zeitenwende“ zwischen der Ära der menschengemachten Texte und der KI-Ära, merken das auch nicht alle Redakteure und Leser sofort. Wenn das Ergebnis stimmt — warum dann über die Produktionsbedingungen sinnieren?
Die gefälschte Welt
Gründe, keine KI zu verwenden, gibt es aus Sicht der Leser trotzdem viele. Alles, was bisher an der Lektüre — über reine Faktenvermittlung hinaus — Freude gemacht hat, entfällt ja in künstlich erstellten Artikel. Dieses Manko stört beim hundertsten KI-Text mehr als beim ersten oder zweiten. Was die KI leisten kann, kann sich der Leser vielfach auch selbst von seiner eigenen KI erstellen lassen. Gibt man den „Prompt“ ein „Verfasse mir einen Artikel zur aktuellen Lage im Iran unter besonderer Berücksichtigung der Kritik am Verhalten der US-amerikanischen und israelischen Regierung“, bekommt man schon ein recht ordentliches Ergebnis. Probieren Sie es aus! Wenn Magazine ihre Daseinsberechtigung behalten wollen, müssen sie den Lesern etwas bieten, was diese nicht selber können.
Für die traditionelle Kulturtechnik des „Selberschreibens“ spricht nicht zuletzt auch der Faktor Ehrlichkeit.
Nicht selbst zu schreiben, dies aber nicht klar zu kommunizieren, ist im Grunde ein Betrug am Leser. Dann besser gleich „Die KI“ als Autorenname angeben und im Porträtfoto ein paar Schaltkreise ablichten.
KI-Anwender behaupten, fehlerfrei zu schreiben, obwohl sie dies in Wahrheit nicht können. Sie geben vor, alles zu wissen, obwohl dies nicht stimmt. Sie erwecken den Eindruck, viele Stunden oder gar Tage über einem Text zu brüten, während sie in Wahrheit vielleicht nur eine halbe Stunde gebraucht haben — und auch das nur, wenn sie stilistisch noch daran gefeilt haben. KI-Texte, die nicht klar als solche gekennzeichnet wurden, sind Leitsymptome einer gefälschten Welt, welche die echte und authentische sukzessive überwuchert, um schließlich an deren Stelle zu treten.
Die Vorteile des Selberschreibens
Auch für Autoren selbst, die ja vielleicht geneigt sind, dem Lockruf der KI-gestützt kürzeren und bequemeren Produktionsweise zu folgen, gibt es triftige Gründe, es beim Selbstschreiben zu belassen. Vor allem bleibt man als Autor im Training. Man verlernt nicht, „man selbst zu sein“. Gerade wenn der finanzielle Ertrag — wie bei „alternativen“ Medien oft leider üblich — gering ist, bleibt es reizvoll, den intrinsischen Wert des Schreibens auszukosten. Man fühlt das Glück der hohen Spannung, wenn man schreibend nach stockendem Anfang in einen „Flow“ hineingerät und über die auf dem Bildschirm erscheinenden Worte seiner eigenen geistigen Kraft und Gedankenhelle gegenübertritt. All das geht verloren, wenn es nicht mehr — oder kaum noch — man selbst ist, der schreibt.
Wir stehen momentan an der Weggabelung zwischen zwei möglichen Zukunftsszenarien: In der ersten Version werden Widerstände — zum Beispiel meine — gegen den Einsatz der KI im historischen Rückblick als lächerliche Nostalgie erscheinen, die nur noch von unbelehrbaren Analog-Opas und -Omas gepflegt wird. „Die Geschichte“ wird über solche Bremser hinweggehen wie über Menschen, die den Taschenrechner mit dem Hinweis darauf ablehnten, man verlerne ja dadurch die Kunst des Kopfrechnens.
Das zweite Szenario wäre folgendes: Nach einer anfänglichen KI-Euphorie könnte das Künstliche bald für die Mehrheit der Menschen schal werden.
Es könnte sich eine Gegenbewegung etablieren, die sich wieder dem „Echten“, dem Leben „offline“, dem genuin Menschlichen zuwendet. Das Notebook wäre zwar immer noch teilweise im Einsatz, aber nur, um zu tun, was „früher“ selbstverständlich war: eigene Texte in einer eigenen Sprache zu verfassen — mit aller Sperrigkeit, aller Fehleranfälligkeit, aber auch aller Wärme und allem Glanz, der Menschen eigen ist.
Umkehr vor der Auslöschung
Gerade die Nahtoderfahrung, die wir gerade durchleben — die Gefahr der Auslöschung des Menschlichen in der Schriftform — könnte uns erschrecken, aufschrecken, zur Umkehr bewegen. KI-Texte wären dann nur ein kurzer Albtraum, den der große Menschengeist — nachdem er eine Weile mit diesem kokettiert hat — letztlich verwirft, wie elektronische Haustiere (Tamagochis) oder von quäkenden Synthesizern dargebotene, sterile KI-Musik.
Es ist klar, welche der beiden Varianten ich bevorzugen würde. Aber vielleicht werden mir die meisten Menschen darin nicht folgen. Und genau da liegt das Problem … Oh, sorry, der letzte Satz klingt schon nach KI.
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