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Eltern ohne Söhne

Eltern ohne Söhne

Die Bundeswehr versucht junge Menschen mit einer beschönigenden Werbekampagne anzulocken — eine Tageszeitung gibt ihr Schützenhilfe.

Unter dem zynischen Titel „Gibt es Söhne ohne Eltern?“ erschien am 26. Mai 2024 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ein Beitrag von Simon Strauss, dessen Thema die „Entdeckungstage“ beim Prenzlauer Fernmeldebataillon 610 sind, einem Veranstaltungsformat, mit dem die Bundeswehr seit 2021 neue Soldaten zu rekrutieren versucht.

Bereits in der Anmoderation wird in eindeutig identifikatorischem Sinne das Wort der Stunde verwendet: „kriegstüchtig“. Die Positionierung des Autors und die Intention der Redaktion, die seine Recherche zu verantworten hat, liegen damit von vorneherein klar auf der Hand.

Was den Artikel zu einem ganz besonders perfiden Dokument der Kriegsdemagogie macht, ist die Art und Weise, wie sich der Autor seinem Thema nähert: Er stellt sich nämlich zunächst einmal ganz dumm. Auch er war einst Pazifist, kennt Bernhard Wickis „Brücke“ ebenso wie Remarques „Im Westen nichts Neues“ und ist mit Reinhard Meys „Nein, meine Söhne geb ich nicht“ aufgewachsen. Aber das waren andere Zeiten. Und die sind nun einmal vorbei. Und diejenigen, die dem Ideal einer friedlichen Weltordnung heute noch anhängen, das können nur ostdeutsche Handwerker und Mütter sein, die naiverweise diese Liedzeile an ihre Heckscheiben kleben, sprich — wieder einmal! — die Dummen und Doofen im Land, die die sogenannte „Zeitenwende“ nicht begriffen haben.

Derartig diskreditierende Aussagen als Common Sense stillschweigend vorauszusetzen zeigt einmal mehr, in welche Richtung die öffentliche Meinung getrieben werden soll:

Pazifismus heute, das sind nicht mehr die Studenten in Berkeley und Paris, mit deren progressivem Habitus es seinerzeit chic war, sich zu identifizieren, sondern Dorftrampel und Minijobber, Repräsentanten einer fernen, wenig attraktiven Lebenswelt, die ein FAZ-Leser höchstens mit seinem Putzpersonal zu assoziieren vermag. Auf welches Demokratieverständnis eine solch unverbrämt klassistische Haltung schließen lässt, liegt auf der Hand.

Nachdem der Autor also im einführenden Teil seiner Reportage jede Kritik am Militarismus 2.0 mit dem Hinweis auf die Ignoranz ihrer Anhänger vom Tisch gewischt hat, kann er nun getrost die „Gewissensfrage“ stellen, ob es nämlich tatsächlich keine Ziele gibt, die es wert sind, „dafür zu töten und zu sterben“.

Man muss hier tatsächlich einmal einen Moment innehalten: Dass eine derartige Ungeheuerlichkeit offen propagiert werden kann, ohne dass ein Aufschrei durch die Bevölkerung geht, ist meinem Empfinden nach ein ebensolches Skandalon wie die Kriegsrhetorik selbst, die bekanntlich immer von denjenigen am eifrigsten betrieben wurde, die sich den Patriotismus auf ihre jeweiligen Nationalflaggen schrieben, während sie das Töten und Sterben, so wie in Friedenszeiten das Reinigen ihrer Aborte, der Dienerschaft überließen. Das sind die Kontinuitäten.

„In Anbetracht des Ukrainekrieges sehe ich die Verteidigung Deutschlands als eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft an — das motiviert mich, der Bundeswehr beizutreten.“ Anhand sorgfältig ausgewählter Zitate von Teilnehmern der Discovery Days versucht der Verfasser einen modernen Mythos zu konstruieren. Anders als ihre Eltern und Großeltern ist die junge Generation nämlich endlich wieder bereit, auf dem „Feld der Ehre“ ihr Leben für die „gerechte Sache“ zu lassen. Die Opfer der Kriegsdemagogie, desorientierte junge Menschen auf der Suche nach einem Sinn im Leben, werden in dieser perfiden Narration zu Protagonisten mit Vorbildfunktion für die gesamte Gesellschaft ummodelliert. Durch das Herbeireden einer patriotischen Grundstimmung, die angeblich im Land herrscht, soll die Bevölkerung ausdrücklich auf den Krieg eingeschworen werden.

Dass es dabei nicht um hehre Ideale allein geht, sondern dass auch im Krieg der Spaß keineswegs zu kurz kommt, soll die Aussage einer jungen Frau belegen, die sich offen zu ihrer Abenteuerlust bekennt und den Autor zu einem larmoyanten Schlusswort bewegt: „Die Zeiten haben sich gewendet, auch hier — der Patriotismus ist aus dem Dunst der Burschenschaften ins abenteuerliche Herz einer jungen Frau hinübergewandert.“

Dies sind also die Protagonisten der neuen Zeit: nicht länger komasaufende BWL-Studenten, die statt in hippen WGs in billigen Burschenschaftszimmern hausen, sondern charmante junge Frauen, die es hinaus in die große weite Welt zieht. Dass ausgerechnet sie hier zum Identifikationsangebot stilisiert werden, ist Teil der Strategie, den Militarismus in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und dort als tragisch-heroische Notwendigkeit im Bewusstsein zu verankern.

Nichts Neues unter der Sonne

Zwar ist die immergleiche Mechanik der Kriegspropaganda in allen ihren Aspekten und auf allen Ebenen, zumal in den sozialwissenschaftlich relevanten Diskursen des 20. Jahrhunderts, hinlänglich ausgeleuchtet, dennoch werden ihre Prinzipien immer wieder dazu benutzt, junge Menschen gezielt zu manipulieren.

Dass dies gerade heute wieder funktioniert, mag unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass sich die lebendige Erinnerung an den letzten Krieg durch das Aussterben der Zeitzeugen verloren hat und insofern familiengeschichtlich kaum noch eine Rolle spielen dürfte.

Wer sich im Jahr 2024 zu den „Entdeckungstagen“ der Bundeswehr anmeldet, der wird den Krieg vermutlich eher aus Filmen und Computerspielen kennen als aus den Erzählungen eines Angehörigen. Auf diese Geschichtsvergessenheit kann man also getrost wieder bauen: die Bundeswehr, indem sie mit „actionreichen Fahrten“ und „James-Bond-Vibes“ wirbt, und der Verfasser dieser Reportage, der sich zu ihrem verlängerten Arm macht.

Sein Leben aufs Spiel zu setzen – in diese Verlegenheit wird er persönlich wahrscheinlich nicht gelangen, für die junge Frau mit dem „abenteuerlichen Herzen“ sieht das, sollte sie tatsächlich dabeibleiben, schon anders aus. Dabei könnte es ihr am Ende durchaus so ergehen wie dem namenlosen Protagonisten aus Heinrich Bölls zeitloser Antikriegserzählung „Wanderer, kommst Du nach Spa…“. Im Angesicht des Todes hat der schwerstverwundete junge Mann, den man in seine zum Kriegslazarett umfunktionierte ehemalige Schule gebracht hat, nur noch einen Wunsch: Milch. Um zu begreifen, was mit dieser Metapher gemeint ist, bedarf es keiner literarischen Bildung. Jeder Mensch, der nicht in vollkommener Abspaltung von seinen Gefühlen lebt, weiß genau: nur das Leben allein zählt.

„Söhne ohne Eltern“ — so der Titel der Reportage — gibt es nicht, wohl aber, zu allen Zeiten und an allen Orten, Eltern ohne Söhne.


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