Im Dienst der Staatssicherheit: Marc Dutroux
Der Epstein-Komplex wird im Augenblick als einzigartiger Fall betrachtet, die Überraschung scheint groß. Das noch nie Dagewesene fasziniert gleichermaßen, wie es erschreckt. Eine Frage drängt sich auf: Ist der Epstein-Komplex überhaupt einer? Oder war jener Jeffrey Epstein nur ein Rädchen in einem größeren Getriebe, ein gut dotierter, mehr als saturierter Handlanger in einem großen Netzwerk? Denn so einzigartig ist das, was wir nun Stück für Stück über ihn und seine Machenschaften erfahren, letztlich gar nicht. Im August 1996 wurde im belgischen Charleroi ein Mann festgenommen, nachdem es Hinweise gab, dass dieser im Zusammenhang mit vermissten Mädchen stand. Sein Name: Marc Dutroux, 40 Jahre alt, ein arbeitsloser Elektriker. Einige Tage später fand man zwei überlebende Mädchen in seinem Keller. Insgesamt soll er sechs Mädchen entführt und gefangen gehalten haben. Sie waren zwischen 8 und 19 Jahre alt; vier Mädchen starben in der Gefangenschaft. Zwei Mädchen verhungerten, zwei weitere wurden von dem Mann ermordet.
Die Empörung in Belgien war natürlich groß. Zumal herauskam, dass Dutroux seine Opfer sexuell missbrauchte und auch anderen erwachsenen Sexualpartnern zuführte. Im Laufe des Prozesses, der erst 2004 begann und auch schon nach wenigen Monaten zum Abschluss kam, stellte das Gericht fest, dass Dutroux seine Opfer an unzählige Männer weitergab. Eines seiner Opfer sprach von einem Netzwerk; das Gericht konnte — oder wollte? — nicht feststellen, was es damit auf sich hatte. Eine weitere Zeugin, die nicht direkt mit Dutroux zu tun hatte, die aber in jener Zeit aussagte, in ihren Jugendjahren in einem Missbrauchsnetzwerk gewesen zu sein, dessen Dienste auch einflussreiche Persönlichkeiten der belgischen Elite in Anspruch nahmen, unter anderem ein ehemaliger und der damals amtierende Premierminister sowie ein Justizminister und späterer EU-Richter, sorgte für großen Wirbel. Das warf die Frage auf, inwieweit Dutroux nur Teil eines größeren Systems war.
Das Gericht konnte später nicht feststellen, ob Dutroux Geld für seine pädophilen Dienste annahm. Wie ein arbeitsloser Dutroux allerdings sieben Immobilien besitzen konnte, blieb offen. Ebenso, warum er zehn Bankkonten in ganz Europa hatte, zwischen denen im Zeitraum von zehn Jahren große Summen bewegt wurden.
Außerdem seien ihm hohe Bankkredite gewährt worden. Das jedenfalls behauptete der britische Autor Simon Dovey in einem kuriosen Buch aus dem Jahr 2023 namens „The Eye of the Chickenhawk“, in dem eine fiktive Handlung allerlei unabhängige Recherchen beinhaltet, von denen Dovey behauptet, sie entsprächen nicht der Fiktion.
Belegbar ist allerdings, dass man Bilder und Filmaufnahmen, die auch Dritte beim Missbrauch zeigten, in Dutroux‘ Haus gefunden hat und sicherstellten konnte. Wer darauf zu sehen war, wurde jedoch nicht öffentlich verhandelt. Waren es also bekannte Gesichter? Doch das bleibt Spekulation.
Im Jahr 2002 berichtete die Berliner Morgenpost, dass Dutroux wohl mit einem Geheimdienst zu tun hatte: der Staatssicherheit der DDR. Die Stasi habe, so versicherte es eidesstattlich Wanja Götz, Verbindungsoffizier zwischen dem früheren sowjetischen Geheimdienst KGB und dem Ministerium für Staatssicherheit, einflussreiche Persönlichkeiten des Westens mit Kinderpornografie erpresst. Darunter fanden sich Politiker, Richter und Industrielle, „von denen einige nach wie vor Einfluss in den westlichen Demokratien haben“. In Stasi-Akten, die der CIA zugespielt wurden und der Öffentlichkeit dementsprechend nicht zugänglich sind, sei dies nachvollziehbar. Helmut Kohls ehemaliger Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer schien das zu bestätigen, denn er riet damals den belgischen Diensten, diese Akten „gründlich auszuwerten“. War das in jenen Jahren nach der Wende nur das übliche Nachtreten gegen die DDR, wollte man das andere Deutschland, längst Geschichte geworden, nochmal als Reich des Bösen zeichnen? Auch das bleibt letztlich bis heute Spekulation.
Das Doppelleben unserer Werteeliten
Der gesamte Fall war geprägt von Ermittlungsfehlern und Behördenversagen. Kurios auch: Dutroux war 1992 vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Er saß wegen mehrfacher Vergewaltigung von minderjährigen Mädchen im Gefängnis. Verantwortlich für das vorschnelle Haftende: Justizminister Melchior Wathelet, der später von der oben erwähnten Zeugin als „Besucher Dutroux‘“ genannt wurde.
Als Dutroux dann auch noch 1998 bei einer Tatortbesichtigung floh — er wurde einen Tag später gefasst —, schien die Öffentlichkeit bestätigt darin, dass etwas faul sei im Staate Belgien und die Polizei zu lax mit dem Fall umging.
Zudem starben 27 Zeugen teils unter mysteriösen Umständen. Diese Zahl entstammt einer ZDF-Dokumentation des Jahres 2001. Damals tat man die Vorwürfe und Gerüchte, wonach Eliten in den Fall verwickelt seien und es Netzwerke gebe, die von den Reichen und Mächtigen genutzt würden, als vollkommen übertrieben ab — ja, man sollte dies als Verschwörungstheorie begreifen. Die Öffentlichkeit war Mitte der Neunzigerjahre natürlich auch noch viel leichter zu kontrollieren. Informationen verbreiteten sich über Zeitungen und Fernsehen oder gar nicht oder nur sehr schleppend.
Dabei bedienten sich Geheimdienste schon vieler Jahre dieser Praxis, die ursprünglich aus dem Milieu der Cosa Nostra stammen dürfte: Man bringt jemanden, von dem man einen Gefallen oder eine Dienstleistung erwartet, in eine missliche Situation und tritt dann als „Ausputzer“ an die Stelle — die Gegenleistung wird dann erbracht. Entweder aus Dankbarkeit oder weil man weiß, dass der „edle Retter“ einen in der Hand hat. Der Sex mit Minderjährigen scheint in den späteren Jahren des Kalten Kriegen und danach aufgekommen zu sein. War das eine Reaktion auf die sexuelle Revolution? Wie schamvoll war denn noch ein Tête-à-Tête mit einer drallen Schönheit im Erwachsenenalter in jenen Jahren, in denen es zum guten Ton gehörte, offen mit Sexualität umzugehen? Wer jemanden in die Enge treiben wollte, musste die Falle nun anders zuschnappen lassen. Unter Umständen war das also der Grund, dass nun kompromittierende Situationen mit Minderjährigen angebahnt wurden. Gewisse politische Parteien, die damals Sexualität mit Kindern als Normalität darstellten, sind vielleicht genau auf diese Weise von ihrem Idealismus zu transatlantischen Bündnisbewahrern geworden — aber auch das ist freilich nur Spekulation.
In diesen Tagen sollte man all das, was damals über Jahre vor allem die belgische Öffentlichkeit beschäftigte, in einem anderen Licht begutachten. Sicher, die Epstein-Akten sagen wenig bis nichts über den Fall Dutroux aus. Aber all die Stimmen, die damals versuchten, die aufkommende Skepsis in der belgischen Bevölkerung als Groll gegen die Eliten oder schlicht als Verschwörungstheorie abzutun, klingen spätestens jetzt nicht mehr objektiv.
War Marc Dutroux etwa jemand, der dieselbe Funktion ausfüllte wie Jeffrey Epstein? Haben wir es mit zwei Kompromittierungsfachmännern zu tun, die hemmungslosen Eliten aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft empfingen, ihnen die letzte „verbotene Frucht“ anboten, die man auf Markt der Sexualität nur illegal anbieten konnte?
Eine Frucht, nach der man in megalomaner Manier griff, weil man es konnte, sich sicher, ja unantastbar wähnte? Und der Tiefe Staat sitzt dahinter und erlaubte den beiden Schergen ein Nebengeschäft? Oder war es das Hauptgeschäft?
Dass Machteliten recht häufig ein Doppelleben führen, ist keine neue Erkenntnis. Vermutlich war es nie anders; schon in grauen Vorzeiten gönnten sich Herrscher „Ausschweifungen“, die sie nicht offen ausleben konnten und auf die es keinen legalen Anspruch gab. Macht korrumpiert nicht nur auf altbekannte Art. Sie reduziert nebenher auch die Angst, die man bei solchen Schandtaten haben müsste. Die Verschwörungstheorie, dass die sauberen Eliten des Wertewestens nicht nur geopolitische Doppelmoralisten sind, sondern zuweilen auch regelrechte Drecksäcke, die tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lassen — Epstein und, spekulativ zwar, aber mit gewisser Wahrscheinlichkeit, Dutroux scheinen das nun auf eine Art und Weise deutlich zu machen, die man nicht für möglich gehalten hat.
Machteliten brandmarken Elitenkritik als rechts
Offenbar steigt Macht tatsächlich zu Kopf, wie man gemeinhin sagt. Sie geht eben nicht spurlos an ihren Trägern vorbei. Es ist ja Mode geworden, alles als Verschwörungsideologie, als „rechts“ und böses Querdenken einzuordnen, was schon im Ansatz einen kritischen Standpunkt zur Macht und ihren ausführenden Köpfen pflegt. Das wird als Desinformation verunglimpft und als Vorgehen betrachtet, das „unserer Demokratie“ Schaden zufügen will. Es sind freilich die Eliten selbst, die auf diese Weise gegen Elitenkritik vorgehen. Sie steuern Kampagnen, die die Kritik, der sie ausgesetzt sind, auf ein Minimum herunterfahren sollen. Die Europäische Union geht da mustergültig voran, zeigt immer wieder aufs Neue, wie sie dieser Desinformation auf den Pelz rücken möchte. Der deutsche Primus gibt sich indes als Streber, richtet Meldestellen ein und hat seinen öffentlich-rechtlichen Staatsfunk darauf ausgerichtet, so gut wie jede Elitenkritik als rechts zu brandmarken.
Warum hegen Eliten beziehungsweise Teile der Eliten so ein Doppelleben? Warum ist es eben nicht völlig abwegig, dass sie Netzwerke wie jene von Epstein oder von Dutroux für ihre niedersten Instinkte nutzen? Sie müssten doch wissen, dass sie sich damit der Gefahr aussetzen, eines Tages ertappt zu werden und alles zu verlieren.
Macht ist eine sonderbare Konstellation. Zuweilen tut man dann Dinge, die man nur deswegen tut, weil man sie tun kann. Psychologisch betrachtet müssen jene, die solche Dienste in Anspruch genommen haben, gar nicht primär pädophil sein. Sie wollen ihre Macht auskosten, eine Macht, die im systemischen Betrieb zuweilen gehemmt wird durch Sitzungen, Absprachen, Rücksichtnahmen und Gesetze.
In einem Raum irgendwo unter Abschottung der Öffentlichkeit, ein verletzliches Wesen unter sich, verspricht hingegen maximale Kontrolle, die totale Abhängigkeit des Opfers und erlaubt die absolute Dominanz des Machtausübenden. Hier kann sich der Mächtige, der im Alltag seine Macht nicht voll auskosten kann, voll entfalten und seine Macht spielen lassen; der pädophile Sex mag dabei zweitrangig sein.
Hinzu gesellt sich eine Haltung, die eintritt, wenn man öfter etwas tut, was gesellschaftlich geächtet ist, dem Mächtigen aber dennoch als Option offensteht: Er suhlt sich in der Vorstellung, über den Gesetzen zu stehen. Er wird damit von einem Normalsterblichen, der einen Posten erhalten hat, zu einer Überperson, der es zusteht, Regeln und Gesetze hinter sich zu lassen. Langjährige Macht kann moralische Hemmungen abbauen, häufiger Machtmissbrauch reißt diese Hemmungen vollkommen ein. Spätestens hier prägt sich ein Narzissmus aus, wenn er nicht schon vorher Besitz von der Person ergriffen hat.
Nicht alle, die Macht ausüben, sind Narzissten, aber alle Narzissten streben nach Macht, und sei es nur im Beziehungskontext. Starke Selbstzentrierung, mangelnde Empathie, Objektifizierung anderer Menschen und instrumentelles Denken: Das sind narzisstische Attribute, die es einem Machtausübenden erleichtern, auf die schlimmsten Abwege zu geraten, die eine Gesellschaft sich ersinnen kann und die ganz offenbar einige eingeschlagen haben.
Der Fall des Marc Dutroux steht natürlich nicht zur Diskussion. Er ist längst abgeschlossen, und viele haben vergessen, was damals geschah. Wer sich doch erinnert, denkt an Kindesmissbrauch, Entführung, an einen perversen Einzeltäter, der zwar Helfer hatte, aber mindestens der Kopf einer übersichtlichen Bande war. Man erinnert sich vielleicht auch daran, wie sich plötzlich Mythen auftaten und sogenannte Verschwörungstheoretiker versuchten, die Deutung der Geschehnisse zu interpretieren. Heute glauben vermutlich mehr Menschen als je zuvor an Verschwörungen, die „die da oben“ verabreden, um sich gegen „die da unten“ abzugrenzen. Unkontrollierte Machteliten sind zu den schlimmsten Verbrechen fähig, nicht nur auf der politischen Bühne, sondern eben auch in ihrem Sexualleben. Sie führen ein Doppelleben, geben öffentlich die Verfechter einer wie auch immer gelagerten Werteordnung und leben unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Umkehrung aller Werte aus. Das bezweifeln heute nur noch Menschen, die den Kampagnen der Machteliten zur Bekämpfung sogenannter Desinformation Glauben schenken. Sie hängen am Leitbild des noblen Mandatars oder Geschäftsmannes, der einen stark ausgeprägten Gemeinsinn hat. Das glauben zu machen, scheint die wirkliche Verschwörungsideologie zu sein — es ist die Verschwörung der Sitten- und Anstandslosen, um alle zu täuschen.
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