Sein olivgrüner Rucksack lag in einer Ecke, daneben expeditionstaugliche Stiefel. Tags zuvor war Markus Lanz aus Grönland zurückgekommen. Damals, es war im Frühjahr 2009, hatte Donald Trump noch nicht seine imperialistischen Gierfinger nach der gut 2,1 Millionen-Quadratmeter-Insel ausgestreckt.
Doch Lanz hatte da längst Blut geleckt; es war nicht sein erster Trip nach Grönland, den er gerade hinter sich gebracht hatte, und es würde nicht sein letzter sein. Bis heute zieht es ihn dorthin, in die, wie er sagt, „gefrorene Ewigkeit“. Er verbrachte mehrere Wochen auf Schlittenhunden, übernachtete in Biwaks, lebte mit Einheimischen. Sohn Laurin, der einige Male dabei war, jagte bereits mit sieben Jahren mit Inuit-Kindern nach Fischen.
Das über mehrere Stunden andauernde Interview führten wir in Hamburg auf Couchsesseln in seinem Hotelzimmer, was heutzutage, in Zeiten des Me-Too-Alarmismus, kaum mehr denkbar wäre. Mir schien, er könne gut über sich selbst lachen. Nichts an ihm war angestrengt oder auf Wirkung bedacht. Mit fast kindlicher Begeisterung zeigte er mir zig Momentaufnahmen, die er mit seiner Kamera eingefangen hatte; Robben, Eisbären und Polarlichter waren darauf zu sehen. Damals lief sein öffentlich-rechtliches Talkformat noch nicht, man kannte den moderierenden Südtiroler aus Koch- und Boulevardsendungen.
So, wie er da neben mir saß, war allerdings kaum zu verstehen, was jemand, der sich leidenschaftlich gerne der Natur aussetzt, überhaupt in einem Fernsehstudio will. In einigen E-Mails, die wir austauschten, kam einmal dieser Satz, den er wie üblich, bis auf die Anrede, konsequent in Kleinbuchstaben schrieb: „Wissen Sie eigentlich, dass mein heimlicher berufswunsch eigentlich der des musikers ist? ich habe klassisches klavier gelernt, heute spiele ich allerdings nur noch für meinen sohn — das aber sehr oft und sehr gern.“
Jeder kennt Menschen, die sich nach einem ganz anderen Leben sehnen — und vielleicht sind Sie selbst dieser Mensch. Man ist, aus welchen Gründen auch immer, an einem falschen Ort, und um dort zurechtzukommen, betäubt man in sich die Sehnsucht nach einem Anderswo und Anderswie.
Wäre Markus Lanz da, wo er heute ist, wenn er auf sein Herz gehört hätte? Wohl kaum.
Was aber hat ihn Richtung öffentlich-rechtlichem Scheinwerferlicht abdriften lassen? Eitelkeit? Geltungssucht? Wie ausschlaggebend waren monetäre Argumente? Lanz ist bekanntlich Spitzenverdiener beim ZDF; von den Gebührengeldern erhielt er 1,9 Millionen Euro Honorar für das Jahr 2024 und 2 Millionen Euro für 2025.
Wer ihm damals begegnet wäre, so wie ich ihm begegnet bin, würde sich wundern über den Mann, den er da im TV sieht. Ist das tatsächlich ein und dieselbe Person? Man kann es kaum glauben. Welches ist der echte Markus Lanz, vielleicht ja beide, vielleicht keiner? Oder, um mit dem Buchtitel seines Podcast-Kumpels Richard David Precht zu fragen: „Wer bin ich — und wenn ja, wie viele?“ Mit dem „André Rieu der Philosophie“, wie Peter Sloterdijk Precht geringschätzig nennt, hat Lanz übrigens gemeinsam, dass beide ziemlich gut darin sind, ihr Fähnchen gerade noch rechtzeitig nach dem Wind zu drehen, der gerade weht. Nichts Exotisches in dem Habitat, in dem sie sich tummeln. Opportunisten eben.
Precht macht das ein bisschen raffinierter als Lanz. Er hat ein Händchen dafür, sich wie ein Klippenspringer zu inszenieren, der ins tosende Meer springt, während er tatsächlich auf einem Ein-Meter-Brett im städtischen Freibad steht. Das zeigt sich auch mit seinem aktuellen Buch „Angststillstand“. Gefühlt halb Deutschland feiert ihn dafür, dass er „endlich“ das Thema „Einschränkung der Meinungsfreiheit“ anspricht, viele fühlen sich von ihm gesehen. Nur tut er das außerhalb jeglicher Gefahrenzone. Als es wirklich brisant gewesen wäre, das zu thematisieren, also mit Beginn der Covid-19-Pandemie vor sechs Jahren, schwieg er dazu. Und veröffentlichte stattdessen 2021 seine Schrift „Über die Pflicht“ — auf dem Buchcover war eine FFP2-Maske zu sehen. Setzen, Sechs!
Weder Precht noch Lanz sind Menschen, die mit aufrechtem Gang durchs Leben gehen. Sie wollen vor allem eins, sie wollen stattfinden. Um jeden Preis.
Und weil Lanz das nicht alleine schafft, holt er sich den — immerhin — beleseneren Precht in seinen ZDF-Podcast und lässt sich in seinem ZDF-Talk die „richtigen“ Sätze von Markus Heidemanns einflüstern, der am Regiepult sitzt. Über das linke Lanz-Ohr, in dem ein Ear-Piece steckt, souffliert also jemand, damit Lanz sagt, was er sagt — inklusive Grill-Material für unliebsame Gäste wie Ulrike Guérot und Sahra Wagenknecht. Wieviel Eigenes noch dabei ist, bleibt ungeklärt. Übrigens, seit Januar 2011 produziert Heidemanns mit Lanz dessen Sendung über die Produktionsfirma „Mhoch2 TV“, an der die beiden hälftig beteiligt sind.
Die Bewohner Grönlands, die Inuit, sagen: „Alle wahre Weisheit findet man fern von Menschen in der Einsamkeit.“ Vielleicht mag Markus Lanz solche poetisch anmutenden Sätze; allerdings nur dann, wenn sein öffentlich-rechtliches Alter Ego nicht mitredet. Denn das hat ganz andere Aphorismen parat, wie beispielsweise: „Das Leben ist ein brutales Gemetzel.“ Dieser Losung zufolge zieht der TV-Lanz nicht mit Hundeschlitten über das ewige Eis, sondern drei Mal wöchentlich auf das mediale, von Zwangsgebühren finanzierte Schlachtfeld. Hier trägt er keine Fellkleidung, sondern Hardcore-Rüstung. Je infernalischer die Verbalgefechte, umso besser. Seine Tribunale, in denen vier Personen gegen eine antreten, sind inzwischen legendär.
Von seinem eigenen Debatten-Sadismus will er jedoch nichts wissen. Als im Oktober 2025 Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in der Sendung zu Gast war, mahnte er sie wegen eines Posts an, den sie retweetet hatte und der dem Herrn Lanz eine Spur zu scharf war. Ausgerechnet ihm, der ständig im Glashaus rumsitzt und mit Steinen wirft. „Wir machen uns nicht fertig! (...) Das ist doch nicht die Haltung, mit der wir durchs Leben gehen sollten!“, wies er sie zurecht — oder war es Heidemanns?
In Lanz' Anfangsjahren ging es in den Talks eher gemütlich zu. Da gab es noch Plüsch und Plauderei. Dschungelstars philosophierten über Kakerlaken, Abenteurer über Vulkane und Achttausender, Menschen mit Schicksalsgeschichten rührten zu Tränen. Papst-Experte Andreas Englisch brachte Klatsch und Tratsch aus dem Vatikan mit, Schauspielerin Ruth-Maria Kubitschek meditierte mit allen Anwesenden. Im Fernsehstudio saß ein stets ordnungsgemäß agierendes Publikum, das an den „richtigen“ Stellen brav klatschte.
Auf den Zuschauerrängen sitzt heute allerdings niemand mehr. Lanz will es so. Eigentlich sollte es nur vorübergehend sein, bedingt durch die Corona-Maßnahmen, doch man behielt es bei.
Nun applaudiert also keiner mehr vor Ort. Fraglich, ob es dazu überhaupt einen Grund gäbe. Lange schon wird in Internet-Kommentaren über den miserablen, zur Selbstverliebtheit neigenden „Moderationsstil“ von Lanz geklagt; er wisse alles besser, lasse niemanden ausreden, falle ständig ins Wort. Sagt ein Gast: „Nein, nein, Herr Lanz, Sie verstehen mich falsch“, widerspricht Lanz: „Doch, doch, genau so meinen Sie es.“ Ein ewiger Besserwisser, der für sich ganz selbstverständlich in Anspruch nimmt, mehr über jeden Studiogast zu wissen als dieser selbst. In der Google-Bewertung gibt es für die Sendung mickrige 2,2 Sterne von maximal fünf möglichen. Ein User schrieb: „Hallo, Herr Lanz, zum Glück kommt Ihr Talk immer erst, wenn fast alle schlafen.“ Im Jahr 2014, nach einer Sendung mit Sahra Wagenknecht, in der er sie exzessiv unterbrochen hatte, wurde in einer Online-Petition gefordert, leider erfolglos, sein Format abzusetzen.
An „Wetten, dass…?“ scheiterte Markus Lanz kläglich. Zu verbissen, zu streberhaft, um Entertainer zu sein, und zu unbegabt für den erforderlichen Humor. Von Oktober 2012 bis Dezember 2014 moderierte er insgesamt 16 Ausgaben der Sendung. Nach dem Aus stürzte er sich erst recht in sein Talk-Format, das parallel weitergelaufen war. Doch unter welcher Berufsbezeichnung war er da eigentlich zugange? Das blieb lange unklar, fiel er doch immer wieder damit auf, Partei gegen seine Gäste zu beziehen. Corona brachte die endgültige Wende. Nun war es vorbei mit den plüschigen Geschichten; es kamen immer mehr Politiker, aber die Rolle, die Lanz dabei spielte, wurde immer fragwürdiger. Ein Moderator hat moderat zu sein, also gemäßigt, maßvoll. Er lenkt das Gespräch, hält den roten Faden, vermittelt unter den Beteiligten. Lanz aber interessiert sich dafür ebenso wenig wie einst Annalena Baerbock in ihrem Amt für das Ausüben von Diplomatie.
Nicht zufällig kommt die Sprache auf die deutsche Ex-Außenministerin. Mit ihr gemein hat Lanz das Faible für Propaganda-Sound. Mit einem apodiktischen „Unsere Mission ist heilig“ gehören beide zu denjenigen, die brustgeschwellt voranmarschieren, auf dass alle im Gleichschritt folgen.
Nicht überliefert ist, ob Lanz auf seinen Abwegen, die weder mit Moderation noch mit Journalismus etwas zu tun haben, so etwas wie ein Erweckungserlebnis hatte. Spätestens seit der Pandemie-Ära ist zu beobachten, dass er regelrecht aufblüht, sobald er als Propagandist der Stunde auftreten kann.
In vertrauter Kumpeligkeit mit Karl Lauterbach — in keiner anderen Talkshow war der SPD-Politiker häufiger zu Gast — wurde der Corona-Kurs der Regierung als unhinterfragbares Monstrum aufgeblasen. In der Ausgabe 10/20 des Gruner + Jahr Magazins „DB mobil“ erklärte er auf die Frage „Herr Lanz, wie oft wollen Sie Herrn Lauterbach noch einladen?“: „Wenn es nach mir geht: einmal pro Woche. Weil ich nur wenige kenne, die so glaubwürdig und so fundiert begründen können, was gerade Sache ist. Nur zur Erinnerung: Er war der Erste, der in unserer Sendung klipp und klar sagte, was da auf uns zukommt… Man muss dazu wissen: Karl Lauterbach ist jemand, der nachts zum Einschlafen Studien liest. Mir fallen nicht viele ein, die dieses Hobby haben.“
Hört sich an, als wäre Lanz der einzige Groupie, den Lauterbach jemals gehabt hat. Überhaupt gefällt es Lanz, mit bekannten Namen nur so um sich zu schmeißen — „Grüße gehen raus!“ — und sich dabei regelrecht anzubiedern. Die Botschaft an uns heißt: Schaut her, ich sitze im Boot mit den Mächtigen. Berauscht von seiner eigenen eingebildeten Wichtigkeit schreckt es den ZDF-Mann nicht, an kolossalen Lügengebäuden mitzubauen. Auf dass das TV-Volk hin zur Spritze renne. Auf dass das Volk in den Krieg ziehe!
Wer Lanz nach dem 24. Februar 2022 einschaltete, bekam konsequent russophob geprägte und also ukrainische Propaganda aufgetischt.
So durfte unter anderem nicht fehlen, Russland zu beschuldigen, 16.000 ukrainische Kinder zwangsverschleppt zu haben. Ob es wirklich so gewesen ist, spielt keine Rolle. Bei Lanz gibt es keine Gegenrecherche, nichts wird in Frage gestellt, was Lanz behauptet, das stimmt. Punkt. Er will sich durchsetzen wie ein Kind, das an der Supermarktkasse einen Schokoladenriegel herbeibrüllt.
Lanz, der sich liebend gerne investigativ gebärdet, tat auch damals so, als wäre er mittendrin gewesen, als hätte er die angeblich verschleppten Kinder persönlich gezählt und befragt. Eine andere Betrachtung, wonach Kinder aus Waisenhäusern, mitunter von verfolgten russischen Minderheiten abstammend, in Sicherheit gebracht wurden, ließ er gar nicht erst zu. Dabei ist nicht neu, speziell Waisenkinder aus Kriegsgebieten auszufliegen, wie etwa aus Kabul oder einst kurz vor dem Fall Saigons.
Wozu aber sich mit der Wahrheit aufhalten? Eine ukrainische Menschenrechtsbeauftragte erfand Massenvergewaltigungen durch russische Soldaten. Sie erklärte, sie habe so den Westen dazu bringen wollen, noch mehr Waffen an die Ukraine zu liefern.
Und was eigentlich will Lanz mit seinen Propaganda-Storys? Weil er lieber nachplappert, ist nicht mal sicher, wie klar er sich dessen ist, was er da tut. Was noch gefährlicher ist. Möglich also, dass er im Fall Daniel Günther selbst gar nicht weiß, was eigentlich vorgefallen ist. Vielleicht ist er bereits vom Olaf-Scholz-Syndrom befallen: „Meine tägliche Erinnerungslücke gebe man mir heute.“
2021 erhielt Lanz den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Information“. In seiner Dankesrede klang er ziemlich angefasst, als er sagte: „Ich weiß, dass in den Südtiroler Bergen jetzt eine ältere Dame sitzt mit 87, die es nicht leicht hatte im Leben und der ich sehr, sehr viel verdanke. Mama: Das ist für dich.“ Man würde gerne mit ihr zusammensitzen und sie fragen, welchen Markus Lanz sie eigentlich kennt. Und was in ihrer Welt Erfolg bedeutet. Hat man es wirklich „geschafft“, wenn man so geworden ist, wenn man den propagandistischen ZDF-Talk-Olymp erklommen hat? In den Südtiroler Bergen gibt es einen Ausspruch, der in Respekt vor den hohen Bergen entstanden ist: „Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist — denn vorher gehörst du ihm.“
Anders gesagt: Wann wagt Lanz den Exit? Er täte damit nicht nur uns allen, sondern sich selbst einen riesengroßen Gefallen. Ihn zu den Inuit abschieben zu wollen, liegt nahe, aber es soll dabei bitte nicht der Eindruck entstehen, wir hätten irgendetwas gegen die Grönländer. Mit Trump haben sie bereits genug zu kämpfen.
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