Lena ist zehn und geht in die vierte Klasse, irgendwo in Deutschland. Ihre Mutter hat vor drei Wochen den Elternbrief zur Abschlussfahrt bekommen. Vier Tage Ostsee, 180 Euro. Sie hat den Zettel zweimal gelesen und dann in eine Schublade gelegt, ohne ihn zu unterschreiben. Noch nicht. Sie rechnet jeden Monat neu, ob die fünfundzwanzig Euro Sofortzuschlag reichen, um zusammen mit dem Ersparten am Ende doch noch ja sagen zu können.
Der Kinderschutzbund beschreibt genau das als Kern von Kinderarmut in Deutschland: nicht dabei sein zu können. Wenn das Geld für die Klassenreise nicht mehr reicht. Wenn der Eintritt ins Museum ausfällt. Wenn die neuen Sportschuhe einfach nicht drin sind, während alle anderen in der Klasse längst welche haben.
Fünfundzwanzig Euro im Monat sollten diese Lücke ein kleines Stück kleiner machen. Für rund 2,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. Seit dieser Woche steht fest: Dieses Geld wird gestrichen.
Ein Zuschlag, der nie mehr sein sollte als eine Übergangslösung
2021 klang es noch groß. Eine neue Koalition, ein neues Versprechen: die Kindergrundsicherung. Kindergeld, Kinderzuschlag, Bürgergeld-Anteile für Kinder, Bildungs- und Teilhabepaket, alles aus einer Hand, automatisch berechnet, ohne dass Eltern wie Lenas Mutter sich durch Anträge kämpfen müssten. Familienministerin Lisa Paus nannte es die zentrale sozialpolitische Reform ihrer Zeit. Bis dahin, versprach man, gebe es eine Überbrückung. Ab Juli 2022 zwanzig Euro pro Kind, später fünfundzwanzig. Ein Trostpflaster, aber immerhin eins, das ankam.
Dann verhandelte man. Paus wollte zwölf Milliarden Euro im Jahr, Finanzminister Christian Lindner wollte keine neue Behörde dafür.
Aus zwölf Milliarden wurden zweieinhalb, aus zweieinhalb wurde fast nichts mehr. Im November 2024 zerbrach die Koalition, und mit ihr das Versprechen.
Was blieb, war das Pflaster, weil niemand mehr da war, der etwas Besseres liefern konnte.
Und jetzt auch das noch
Diese Woche hat das Kabinett von Friedrich Merz und Lars Klingbeil beschlossen: Auch dieser letzte Rest fällt weg. Im Rahmen eines Haushaltsbegleitgesetzes soll der Sofortzuschlag beim Kinderzuschlag gestrichen werden.
Im Bundeshaushalt sind 450 Millionen Euro kaum mehr als eine Zahl, in einem Etat von über 555 Milliarden. Für Familien wie Lenas, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen, ist diese Summe verschwunden, und mit ihr die Möglichkeit, vielleicht doch an der Klassenfahrt teilnehmen zu können.
Deutschland gibt in diesen Jahren so viel Geld für Rüstung aus wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Die Zeitung junge Welt formulierte es zugespitzt: Die Regierung habe bei der Suche nach Geld für Rüstungsausgaben ausgerechnet beim Kindersofortzuschlag 450 Millionen Euro gefunden.
Offiziell nennt die Regierung etwas anderes: allgemeine Haushaltskonsolidierung, gespart werde schließlich auch beim Klimafonds. Wer am Ende recht hat mit der Erklärung, lässt sich von außen schwer entscheiden. Sicher ist nur, wo zuerst gekürzt wurde.
Was die Zahlen bedeuten, kurz bevor sie wieder in Vergessenheit geraten
Rund eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland leben laut dem Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands vom Juni 2026 in erheblicher materieller Entbehrung. Sabine Andresen, Präsidentin des Kinderschutzbundes, hat dazu festgestellt, dass für diese riesige Zahl an Kindern ein gutes, kindgerechtes Aufwachsen schlicht nicht möglich ist. Im internationalen UNICEF-Vergleich zum Kindeswohl liegt Deutschland unter 37 untersuchten Ländern nur auf Platz 25, deutlich hinter Ländern mit geringerer Wirtschaftskraft wie Portugal oder Litauen.
Durch die Streichung der geplanten Kindergrundsicherung und jetzt auch noch der Überbrückungssumme von mageren fünfundzwanzig Euro wird Deutschland im nächsten UNICEF-Bericht zum Kindeswohl mit Sicherheit nicht nach vorne rücken.
Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, erklärte anlässlich der Veröffentlichung des Berichts: „Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden.“ Diese Woche zeigt, wie weit die Realität davon entfernt ist.
Der Satz, der übrig bleibt
Als der Zuschlag 2022 eingeführt wurde, sagte Lisa Paus, er solle die Chancen der betroffenen Kinder verbessern, bis die eigentliche Reform komme. Die Reform kam nicht. Jetzt verschwindet auch das, was an ihre Stelle zur Überbrückung gesetzt wurde.
Wer nachrechnet, findet in Deutschland derzeit sehr viel Geld für sehr viele Dinge: für die Bundeswehr, für Rüstungsprojekte, für ein neues Sondervermögen nach dem anderen. Für 2,9 Millionen Kinder, die keine eigene Lobby haben und keine Verbände mit Sitz im Kanzleramt, findet sich am Ende ein Rotstift. Und eine Schublade, in der ein nicht unterschriebener Zettel liegt.
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Quellen und Anmerkungen:
- Tagesspiegel (dpa): „Sparmaßnahme von Schwarz-Rot: Regierung will 25-Euro-Zuschlag für arme Kinder streichen“, 06.07.2026 — https://www.tagesspiegel.de/politik/sparmassnahme-von-schwarz-rot-regierung-will-25-euro-zuschlag-fur-arme-kinder-streichen-15808263.html
- junge Welt: „Regierung kürzt bei Familien: Der nächste Tritt nach unten", 08.07.2026 — https://www.jungewelt.de/artikel/525648.regierung-k%C3%BCrzt-bei-familien-der-n%C3%A4chste-tritt-nach-unten.html
- Der Kinderschutzbund: „Armutsbericht 2026: Kinderarmut endlich wirksam bekämpfen!“, Stellungnahme von Prof. Dr. Sabine Andresen, 02.06.2026 — https://kinderschutzbund.de/armutsbericht-2026-kinderarmut-endlich-wirksam-bekaempfen/
- UNICEF Deutschland: „UNICEF-Studie zum Kindeswohl: Deutschland nur auf Platz 25“, Mai 2026 — https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/unicef-studie-kindeswohl-2026/397376
- taz: „Ampel-Haushalt und Kindergrundsicherung: Nur noch ein Grundsicherungchen“, 08.07.2024 — https://taz.de/Ampel-Haushalt-und-Kindergrundsicherung/!6019267/
- taz: „Lindner findet Kindergrundsicherung doof: In dieser Wahlperiode wird das nix“, 12.07.2024 — https://taz.de/Lindner-findet-Kindergrundsicherung-doof/!6023230/
- Jacobin Magazin: „Die Kindergrundsicherung ist gescheitert", 15.10.2024 — https://jacobin.de/artikel/kindergrundsicherung-kinderzuschlag-lisa-paus-christian-lindner
- Statistisches Bundesamt (Destatis): „Gut jedes siebte Kind armutsgefährdet“, Pressemitteilung, 17.11.2025 — https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/11/PD25_N065_63.html



