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Gefangen in der Hölle des Krieges

Gefangen in der Hölle des Krieges

Die Band Metallica machte aus einem unerträglichen Soldatenschicksal ein Fanal gegen jede Kriegsertüchtigungspropaganda, wie wir sie derzeit wieder erleben.

Vor allem die Neuübersetzung des Werks von Tina Hohl aus dem Jahre 2011 — immerhin dreiundzwanzig Jahre nach Metallicas Adaption des Stoffes — ist lesenswert. Die eindringlichen und oft verstörenden Illustrationen von Felix Gephart saugen den Betrachter zudem förmlich in die Gedankenwelt des völlig verstümmelten Opfers eines Granateneinschlags im Frankreich des Ersten Weltkriegs.

Joe — Johnny — Bonham hat beide Arme, beide Beine und durch ein Schrapnell praktisch sein ganzes Gesicht verloren, ist taub, stumm und blind. Er begreift sich als einen „Auserwählten“ unter Millionen Verwundeten, den der Krieg, ausschließlich mit einem mehr oder weniger lebendigen Torso ausgestattet, als lebenden Toten zurückgelassen hat. Gefangen in Stille und Dunkelheit, eingeschnürt in Verbände, zurückgepfercht in einen imaginierten Mutterleib ohne Hoffnung auf die befreiende Geburt in ein neues Leben, während sein Geist und Verstand völlig intakt sind.

„Back in the womb, the world is much too real“

Die musikalische Umsetzung von Metallica könnte kaum fesselnder und eindringlicher sein und ist ein faszinierender Soundtrack zu Hohls Bearbeitung von „Johnny got his gun“. ONE folgt dabei der Erzählweise des Buchs. Beinahe gleichmütig beschreibt Joe Bonham den Verlust seines Gehörs, seiner Augen und Gliedmaßen und kippt dann in den unerfüllbaren Wunsch zu sterben, der sich nur durch das Anhalten seines Atems realisieren ließe.

Metallicas Meisterwerk macht die innere und äußere Zerrissenheit und Verzweiflung von J. Bonham zwischen Hoffnung, Angst und Wut spürbar. Das Stück wechselt von einer balladenartigen Einführung mit solcher Wucht zu hartem, schnellen Speed-Metal dass man sich buchstäblich ins Artillerie - und Maschinengewehrfeuer geworfen fühlt.

Nach der humanitären und militärischen Katastrophe des Vietnamkriegs befanden Militärs und verantwortliche Politiker der USA, die Presse hätte mit ihren schonungslosen Berichten über die Gräuel des Krieges einen erheblichen Anteil an der Demoralisierung der Truppe, am schwindenden Rückhalt in der Bevölkerung, den weltweiten Protesten am Vorgehen der USA und damit am Scheitern des Krieges gehabt.

In den Wüstenkriegen der USA im Irak und später in Afghanistan hatte man die entsprechenden Konsequenzen gezogen und die Kriegsberichterstattung mit einer auf Linie gebrachten Presse nun im Gaming-Format präsentiert.

In dieser Fantasiewelt scheinen insbesondere die deutschen und europäischen Rüstungs-und Kriegsfanatiker stecken geblieben zu sein, wie die erschreckend dümmlichen und kindlichen Star-Wars-Analogien von Holger „Hawk“ Neumann in Bezug auf den „russischen Feind“ eindrücklich zeigen. Der Mann ist immerhin Generalinspekteur der Luftwaffe ...

„Es kann eine einmalige Erfahrung sein, in den Krieg zu ziehen — es könnte Spaß machen.“ Das Zitat fällt in Kathryn Bigelows Kriegsfilm „The Hurt Locker“ im Gespräch zwischen dem Militärpsychologen Cambridge und dem verzweifelten Soldaten Eldrige eines Bombenräumkommandos im Irak. Es beschreibt die aktuelle Herangehensweise unserer Politiker sehr treffend und könnte ebenso gut in einem der aktuellen, auf Abenteuerurlaub gepimpten Propaganda-Clips der Bundeswehr zu hören sein.

Die düstere Kehrseite der Medaille — der Abgrund der Traumatisierung und die hohen Suizidzahlen von Veteranen mit Kriegseinsätzen — wird den künftigen Johnnys geflissentlich unterschlagen. Das ist ebenso so verlogen wie konsequent.

Schier unbegrenzte technische Möglichkeiten befeuern zudem eine rauschhafte, morbide Faszination „unserer“ Politiker am automatisierten Töten, ohne jemals die physischen und psychischen Konsequenzen am eigenen Leib erdulden zu müssen.

Die Kriegsertüchtigungspropaganda der bayerischen „Gesundheitsministerin“ Judith Gerlach jongliert mit Verwundetenzahlen von über tausend pro Tag im Falle eines Krieges. Darauf müsse man das Gesundheitssystem vorbereiten. Deutschland sei zudem Drehscheibe für Verwundeten-Transporte. Welch wunderbare Eigenschaft der Zahlen, völlig emotionslos daherzukommen! Gerlach und Co befinden über die Schicksale der Johnnys dieser Welt, als wären es Kochrezepte.

Bei all der Begeisterung hat man offenbar vergessen, auch die Bestattungsinstitute kriegstüchtig zu machen. Wir werden sie brauchen. Ein Schäufelchen und einen kleinen Besen sollte eine Soldatenfamilie dennoch vorrätig halten, um die Reste ihrer Liebsten einzusammeln zu können.

Die Gnade des schnellen Todes ist jedoch bei Weitem nicht allen vergönnt. Für diese steht Dalton Trumbos Johnny als Fanal einer Zukunft als lebende Tote.

Und dennoch: Das über einhundert Jahre alte Märchen von der Verteidigung einer fantasierten Demokratie, des Kriegs für Frieden, Freiheit und weitere unzählige Worthülsen ist schließlich jedes Opfer wert.

Es ist schwer auszuhalten. Und von einer großen Friedensbewegung fehlt weiterhin jede Spur.

Hört und seht die Unerträglichkeit der erneuten Militarisierung, der Verführung unserer Kinder zum Krieg, der Verniedlichung des massenhaften physischen wie psychischen Sterbens, solange ihr noch Ohren und Augen habt. Und auch für die Überlebenden gibt es kein Zurück aus der Hölle des Kriegs:

Darkness imprisoning me
All that I see
Absolute horror
I cannot live
I cannot die

Trapped in myself
Body my holding cell
Landmine has taken my sight

Taken my speech
Taken my hearing
Taken my arms
Taken my legs
Taken my soul

Left me with life in hell
( Hetfield/Ulrich, ONE, 1988)

(Deutsch etwa:

Dunkelheit, die mich gefangen hält
Alles, was ich sehe
Absolutes Grauen
Ich kann nicht leben
Ich kann nicht sterben

Gefangen in mir selbst
Der Körper ist meine Gefängniszelle
Eine Landmine nahm mein Sehen

Nahm meine Sprache
Nahm mein Gehör
Nahm meine Arme
Nahm meine Beine
Nahm meine Seele

Zurück blieb mir das Leben in der Hölle


Metallica: One (Official Music Video)

 
   
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