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Im Bermudadreieck

Im Bermudadreieck

Viele Deutsche beziehen zur fortwährenden Spannung zwischen Israel und Palästina eigentlich keine Haltung.

Die erste Seite des Dreiecks: Deutschland — Israel

Der Tenor meiner gesamten in Deutschland absolvierten Schullaufbahn lautete: Wir sind ein Tätervolk. Nicht nur, dass im Dritten Reich von den Nationalsozialisten ein Genozid an den Juden verübt wurde. Auch der Zweite Weltkrieg ging von deutschem Boden aus. Unzählige Dokumentarfilme über die Schrecken der Judenverfolgung und die zu Museen gewandelten Konzentrationslager gemahnen deutsche Heranwachsende vor allem an eins: ihre Erbsünde. Hinweis: Ich bin 1994 geboren, demnach etwa vier bis fünf Generationen nach den tatsächlichen Tätern …

Erst Jahre später fällt mir auf, dass ich nicht ein einziges Mal über das Leiden der Deutschen habe reden hören. Nicht durch meine Großeltern, die als Kinder im Nationalsozialismus aufwuchsen und deren Heimat in Schutt und Asche gelegt wurde. Nicht durch meine Geschichtslehrerinnen und auch sonst durch niemanden. Ich kannte weder Filme noch Bücher zu dem Thema. Es schien mir logisch — ein Täter kann nicht gleichzeitig ein Opfer sein. Täter leiden nicht. Sie sind Sünder und müssen büßen.

Jedoch keimen Zweifel in mir auf. Wir alle kennen das Gefühl, dass Unrecht, das wir selbst begangen haben — eine Beleidigung, eine Hinterhältigkeit, eine Übergriffigkeit —, weitaus mehr an uns nagt als das Unrecht, das uns zugefügt wurde. Bei Letzterem ist die Sache klar: Wir sind Opfer und somit im Recht. Während wir auf Wiedergutmachung warten, lecken wir unsere Wunden.

Waren wir selbst jedoch diejenigen, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen, ist die Lage ungleich komplexer. Wir sollten idealerweise nicht nur die Kraft aufbringen, uns in unser Gegenüber hineinzuversetzen und um Verzeihung zu bitten; wir müssen auch den eigenen Schmerz ertragen, der daraus entsteht, ein Unrecht begangen zu haben.

Dass dieser Schmerz selbst bei kleineren Vergehen intensiv ist, dafür sorgen unsere Empathie sowie unser Gespür für soziale Normen. Handelt es sich um Grenzübertretungen gewichtigeren Ausmaßes, können Gefühle der Scham und Schuld beinah unaushaltbar werden.

Täter leiden also doch. Und während wir als Opfer einer Ungerechtigkeit Genugtuung erfahren, wenn wir um Verzeihung gebeten werden und unser Leben fortan weitergehen kann, schließt sich der Kreis für den Täter nicht notwendigerweise im gleichen Atemzug. Denn meist wird ein simples „Sorry“ nicht genügen, um die tief in uns verankerten Scham- und Schuldgefühle loszuwerden.

Die Frage, wie sich der Kreis für den Täter schließen kann, mag zunächst provozierend klingen, ist jedoch unbedingt notwendig, damit dieser nicht rückfällig wird. Internalisierte Schuld verursacht einen so hohen Leidensdruck, dass sie unbedingt zur Auflösung drängt.

Ein kollektiv schuldiges, auf ewig büßendes Deutschland hat nun zwei Optionen: Entweder füttert es die Wiedergutmachungsmaschine durch unaufhörliche Solidaritätsbekundungen und Militärtechnik für eine israelische Regierung, bis diese eines schönen Tages Deutschland für geläutert erklärt. Oder es geht einer neurechten Opfer-Täter-Umkehr auf den Leim, die den Holocaust leugnet. Beide Ansätze haben bis dato keine erfreulichen Resultate gezeigt.

Verwegene Vorstellung: Was, wenn Deutschland den Begriff der Schuld durch tatsächliche Verantwortung ersetzte und sie nicht als bloße Worthülse für alte Schuldgefühle missbrauchte? Das wäre ein himmelweiter Unterschied.

Im Jahre 2023 tragen wir als Deutsche keine Schuld an den Gräueltaten der Nazis. Wohl aber sind wir in der Verantwortung, Lehren aus unserer Geschichte zu ziehen. Dafür braucht es keinen erhobenen moralischen Zeigefinger, sondern ehrliche und kritische Fragen sowie die gemeinsame Suche nach Antworten. Wie konnte es in Deutschland zum Völkermord an den Juden kommen? Wie hätte man ihn stoppen können? Wo fängt Ausgrenzung an? Wie findet man den Mut, sich ihr entgegenzustellen? Und: Wie handeln wir, wenn ein anderes Volk vom Genozid bedroht ist?

Die zweite Seite des Dreiecks: Deutschland — Palästina

Stellen wir uns die Juden des Dritten Reichs einmal als Kind vor, das von einem Elternteil wiederholt schwer misshandelt wurde und in der Familie keinen Schutz erfuhr. Sein Leben lang lernte es nur Gewalt kennen und diente als Sündenbock für alles, was im Leben der Eltern schieflief. Eigentlich wurde es gar nicht wie ein vollwertiges Familienmitglied behandelt. Eines Tages wird es von einem Jugendamtsmitarbeiter wahrgenommen und in einer Pflegefamilie platziert. Dort agiert es seine Aggressionen aus und verprügelt das Kind, das dort bereits lebt. An die Pädagogen unter Ihnen: Überrascht Sie das? Wohl kaum. Heißen Sie es deshalb gut? Auf keinen Fall. Es macht nämlich einen entscheidenden Unterschied, ob ich eine Verhaltensweise nachvollziehen kann oder ob ich sie billige.

Die Juden, die den Holocaust überlebt hatten, waren durch die ihnen zugefügten physischen und psychischen Gewalttaten schwer traumatisiert und forderten ihr Recht auf ein Leben in Sicherheit und Freiheit ein. Doch lassen wir religiöse Ansprüche auf das Heilige Land einmal beiseite: Wie gerät überhaupt Palästina in die Gleichung?

Dies scheint mir die zentrale Frage. Und formulieren wir sie ruhig einmal in aller Schärfe: Was haben die Palästinenser an den Juden verbrochen? Oder genauer: Was hat die indigene Bevölkerung Palästinas verbrochen, dass sie für den Holocaust geradestehen muss? Spätestens jetzt müssen die Scheuklappen fallen.

Die Verantwortung für den Holocaust tragen die Nationalsozialisten Hitlerdeutschlands. Die Wiedergutmachung hat demzufolge durch Deutschland zu erfolgen — und kann nur durch die Mittel erfolgen, die Deutschland selbst zur Verfügung stehen. Dies ist der wesentliche Punkt.

Veranschaulichen wir es anhand des oben angeführten Beispiels. Im Falle des missbrauchten Kindes wird die Justiz den gewalttätigen Elternteil zur Verantwortung ziehen, das heißt anklagen und verurteilen. Auch die mitwissenden Familienmitglieder im straffähigen Alter werden für ihr Schweigen geradestehen müssen. Anschließend wird das missbrauchte Kind in eine Pflegefamilie aufgenommen, damit es endlich die überlebensnotwendige Sicherheit erleben kann. Niemand würde die Gerechtigkeit dieses Vorgangs infrage stellen.

Völlig absurd dagegen mutet die Vorstellung an, dass der Misshandler vor Gericht mit einer verhältnismäßig milden Gefängnisstrafe davonkommt, dafür aber die übrigen Familienmitglieder dazu verdonnert werden, für den Rest ihres Lebens monetär für das Opfer aufzukommen, und nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder und Kindeskinder sollen ihr Leben lang ebenjenes für die Kinder und Kindeskinder des Opfers tun — die ultimative Erbsünde.

Getoppt wird das Groteske der Situation dadurch, dass die Familie des Opfers sowie auch alle im Gerichtssaal Anwesenden die Pflicht auferlegt bekommen, von nun an ausnahmslos jeder Handlung des heranreifenden Menschen automatisch zu applaudieren.

In diesem Augenblick entsteht der zionistische Staat Israel, der seinen Schmerz durch den erhaltenen Freifahrtschein in narzisstische Allmachtsfantasien umwandelt.

Dies sollte uns aus zweierlei Gründen zutiefst bekümmern: Zum einen wurde dem Opfer die Möglichkeit verwehrt, tatsächliche Wiedergutmachung zu erfahren, die darin bestanden hätte, zu einem gewaltfreien, selbstbestimmten, glücklichen Erwachsenen heranzureifen, der die Traumata seiner Vergangenheit integriert hat — denn die beste Rache ist ein gutes Leben. Zum anderen müssen Täter und Mitwisser keine konkrete Verantwortung dafür übernehmen, das Geschehene aufzuarbeiten und daran zu wachsen; es genügt, dass sie diffuse Schuld und Erbsünde in sich installieren, die niemandem auch nur im Geringsten etwas nützt.

Ich kann mich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass es den Europäern sehr gelegen kam, „ihre“ Juden in ein weit entferntes Fleckchen Erde abzuschieben. Wer möchte schon tagtäglich an seinen Sündenfall erinnert werden? Praktischerweise kann so auch die nervenaufreibende emotional-psychologische Erziehungsarbeit auf die Pflegefamilie im Ausland abgeladen werden. Letztere versteht nun, auf welch kolossales Projekt sie sich eingelassen hat, da sie an ihrem Erziehungsauftrag aufgrund von Israels Carte blanche nur scheitern kann.

So wird das malträtierte Kind selbst zu einem übergriffigen Jugendlichen, der in der Tradierung der ertragenen Gewalt ein Ventil für seinen Schmerz findet. Leidtragender ist nicht nur die Pflegefamilie, sondern erneut auch er selbst.

Die Hypotenuse: Palästina — Israel

Ein befreundeter Israeli aus der Nähe von Tel Aviv sagte mir einmal, als ich ihn dort besuchte: „Israel ist ein Land, das komplett unter posttraumatischer Belastungsstörung leidet.“ Er selbst war in Therapie, doch von wie vielen Menschen seiner Elterngeneration konnte man das wohl behaupten? Eine Therapie ist der manifestierte Glaube an ein besseres Leben — und setzt eine Menge Mut voraus. Viel einfacher erscheint es, den Status quo aufrechtzuerhalten. Und seien wir mal ehrlich: Man kann sich in seiner Opferrolle extrem gemütlich einrichten. Die mangelnde Bereitschaft, sich selbst zu erziehen, kurzum: den Weg aus der Unmündigkeit der Kindheit zu suchen, kennen wir bereits gut aus unseren eigenen Reihen.

Deutschland ist der ewige Täter und muss daher leiden, leiden, leiden.
Israel ist das ewige Opfer und darf daher töten, töten, töten.

Auf diese Weise löst sich die Dichotomie Täter-Opfer in Luft auf. Was übrig bleibt, ist enormer unhinterfragter Leidensdruck, der sich durch neue Gewalt Bahn bricht. Und diese richtet sich an unbeteiligte Dritte, nämlich Menschen, deren einziges Vergehen es war, in Palästina geboren worden zu sein — auch arabische Juden, Christen, Atheisten.

Und darum sage ich: Es kann uns als Deutsche nicht kaltlassen, dass Palästinenser durch die Hand Israels sterben. Zwar tragen wir keine Schuld an den Verbrechen des israelischen Apartheid-Regimes, wohl aber sind wir in der Verantwortung, da aufgrund der Ausgrenzung, Verfolgung, systematischen Tötung von Juden doch überhaupt erst ihr Wunsch entstand, ihr Heil fernab von Deutschland und Europa zu suchen!

Wenn unsere Solidarität mit Israel kein bloßes Lippenbekenntnis sein soll, müssen wir uns fragen: Wann endlich lassen wir die Israelis in friedlicher Koexistenz mit ihren Nachbarn zusammenleben? Wahrhaftiger Friede entsteht nicht durch das Auslöschen der Palästinenser. Eine neue immanente Bedrohung ließe sich durch Israels Propaganda ja im Handumdrehen finden.

Frieden ist zuvörderst eine innere Haltung zur Welt, die durch ein harmonisches, Differenzen integrierendes und Gefühle achtendes Verhalten ins Außen getragen wird. Anders ausgedrückt: Das misshandelte Kind braucht nicht nur ein Dach über dem Kopf und einen vollen Bauch, sondern die Möglichkeit, der Gewaltspirale auch innerlich zu entkommen.

Auch gegenüber den Palästinensern sind wir in der Verantwortung. Wer waren unsere Ahnen, dass sie über Palästina verfügten, als gehörte es ihnen? Wie konnten sie zulassen, dass sich die Zionisten an der indigenen Bevölkerung Palästinas vergreifen? Übertragen auf das Bild der Pflegefamilie: Wieso wurde das biologische Kind nicht geschützt und eine tragbare Bindung geschaffen? Unrecht wird nicht durch die Schaffung neuen Unrechts beseitigt!

Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Fragen wie „Wer war zuerst da?“, „Wer hat Schuld?“, „Wer ist das größere Opfer?“ führen nirgendwohin. Was wir aber tun können und müssen, ist, aus unserer Vergangenheit zu lernen. Jetzt, in diesem Jahr, in dieser Stunde, leben nun mal auf dem historischen Gebiet Palästinas sowohl Israelis als auch Palästinenser. Allen ist gemeinsam, dass sie in Sicherheit und Freiheit leben möchten. Darauf haben alle Menschen ausnahmslos ein Anrecht. Sie haben aber kein Recht darauf, anderen Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen, um dieses Ziel zu erreichen. Wer das verstanden hat, sind im Übrigen die Palästinenser.

Selbst die verzerrte westliche Berichterstattung, über Jahre wirksam mit Bildern vermeintlich grundlos wütender muslimischer Männer angereichert, kann die moralische Überlegenheit des palästinensischen Widerstands gegen die jahrzehntealte Unterdrückung der Okkupationsmacht nicht vertuschen. Immer mehr Augenzeugenberichte verwunderter Israelis tauchen auf, welche von der humanen Behandlung durch die palästinensischen Widerstandskämpfer berichten.

Den Palästinensern gelingt damit die Königsdisziplin, eben nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Obwohl ihnen — insbesondere in Gaza, das mit seinen 2 Millionen Einwohnern auf kleinstem Raum einem Konzentrationslager gleicht — von ihren Häusern über ihre Reisefreiheit bis zu Nahrung und Wasser alles genommen wird, ist es ihnen gelungen, ihre Menschlichkeit zu kultivieren. Damit durchbrechen die Palästinenser den Opfer-Täter-Zyklus: Ein Opfer ist erst ein Opfer, wenn es sich selbst so sieht. Wenn die Palästinenser aber keine Opfer sind, weil sie in all den Jahrzehnten ihre Würde eben nicht von ihrem Unterdrücker haben definieren lassen, dann gibt es auch keinen Anlass zu Vergeltung.

Ist die Vorstellung wirklich so undenkbar, dass die Palästinenser einfach endlich in den Besitz ihrer Menschenrechte kommen wollen? Sind wir Deutschen so weit indoktriniert, dass unsere Angst vor der stets und ständig lauernden Islamisierung des Abendlandes unseren Blick darauf verstellt, dass die Palästinenser Menschen sind?

Es ist an der Zeit, dass wir Deutschen sowohl im privaten Diskurs als auch auf der internationalen Bühne als Vermittler auftreten. Dies ist auch unsere große Chance, uns aus dem Sündenpfuhl zu befreien und unsere Würde wiederzuentdecken.

Lösungen sind greifbar. Wie es ein in Syrien geborener Palästinenser, den ich interviewte, ausdrückte:

„Ich habe so viel Hass und Wut in mir drin auf diese rassistische israelische Regierung. Und wenn Palästina befreit wird und ich der Präsident wäre, würde ich alle Politiker und Militärs vor Gericht stellen oder des Landes verweisen. Aber nicht das israelische Volk, das auch gelitten hat. Ich würde alle zur Therapie schicken; und der Staat Palästina bezahlt das.“


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