In Ostpreußen fielen 1914 und 1915 etwa 200.000 Soldaten. Das sind verlustreiche Schlachten, die nahezu völlig aus dem historischen Bewusstsein verschwunden sind, nicht nur in Ost- auch in Westdeutschland, wie Sebastian Haffner schon 1978 in seiner berühmten Stern-Kolumne anmerkte. Es dürfte seitdem wenig besser geworden sein. Wohl auch deshalb hat der Militärhistoriker John Zimmermann erst vor wenigen Jahren ein kluges Buch „Tannenberg 1914. Der erste Weltkrieg in Ostpreußen“ geschrieben, das auch noch zu erwerben ist. Darin zeigt er, wie der kleine deutsche Sieg von Tannenberg im August 1914 zu einem ideologischen Allheilmittel für die Rüstung und das Schüren der deutschen Kriegsbereitschaft wurde. Mit diesem kleinen Sieg konnte in der medialen Aufmerksamkeit die Niederlage an der Marne in Frankreich übertönt werden, wo gerade die deutsche kriegsbegeisterte Jugend verblutete. Dafür wurde eine Schlacht von vor fünf (!) Jahrhunderten hervorgeholt.
Denn in Tannenberg hatte der Deutsche Orden am 15. Juli 1410 eine Niederlage erlitten, die seinen Untergang besiegelte. Die neue Botschaft 1914 lautete also: Nun ist die Revanche gelungen.
Hindenburg ist der Retter Ostpreußens. Hindenburgs Entschlossenheit sei die Entschlossenheit aller Deutschen. Der „Hindenburg-Mythos“ war geboren: Das germanische Kulturland vor den „slawischen Horden“ bewahrt worden. Das funktionierte und damit konnte zum Zweiten Weltkrieg gerüstet werden. — Genauso funktioniert es aktuell mit der Entschlossenheit für einen neuen Krieg: Alle wiederholen blindlings, dass Putin ein „Diktator“ ist und wir die Ukraine vor dem „aggressiven russischen Angriffskrieg“ verteidigen müssen. Sie wissen es aus ihren „demokratischen“ Medien, die keine andere Meinung als diese zulassen.
200.000 tote deutsche und russische Soldaten liegen da oben in Ostpreußen. Sie sind für uns heute ein unendlicher Stoff zum Nachdenken. Erstens wegen des Ortes, der heute auf mehrere Länder aufgeteilt ist: Ein kleiner Teil gehört zu Litauen, der größte Teil zur Kaliningrader Oblast und daher zur Russischen Föderation. Polnisch ist das südliche Ostpreußen mit Ermland und Masuren. Polnisch ist heute auch Tannenberg und heißt Stębark. Das große Tannenberg-Denkmal von 1927, eingeweiht natürlich von Hindenburg, haben die Polen gleich 1945 abgerissen; es war gutes Baumaterial zum Wiederaufbau von Warschau …
Zweitens wegen der Opfer und dem Umgang mit Geschichte in dieser Gegend. Wie viele Jahrzehnte Kriege nachwirken und ihr Gift freisetzen. Im polnischen Tannenberg fand erst nach 1990 und mit Unterstützung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge Mahnung Einlass in die Erinnerungskultur. Und wie ist es 90 Kilometer weiter nördlich, jenseits der polnisch-russischen Grenze? Gerade dort fanden die großen und besonders verlustreichen Schlachten des Ersten Weltkrieges im Osten statt.
Da es uns Deutschen möglich ist, mit einem sogar online erhältlichen touristischen Visum einzureisen, machte ich mich mal wieder auf den Weg. Mit eigenen Augen zu sehen, hat schon immer bei der Wahrheitssuche geholfen.
Eine Fahrt nach Gussew (dt. Gumbinnen)
Mein Ziel ist, zufällig am 1. Mai, Gumbinnen, das heutige Gussew. Während der Busfahrt von Kaliningrad aus schaute ich die deutschen Nachrichten durch. Da las ich davon, wie deutsche Schiffe sich aufmachen zum Manöver Baltops 2026, wo die Einnahme der Kaliningrader Oblast vom Meer aus geübt wird. Die Meldung drückt Stolz aus, es fehlt nicht die Wendung, dass hier der von Russland ausgehenden Gefahr vorgebeugt wird. Ich schaue um mich auf die Menschen im vollen Bus, die an diesem frühen Morgen noch vor sich hinträumen. Sie alle würden mir antworten, was mir immer geantwortet wurde: „Wir wollen in Russland in Frieden leben, unser Land ist groß und reich genug. Haben die Deutschen nichts aus Ihrer Geschichte gelernt?“ Mancher wie neulich Ilya, ein Kaliningrader Freund, würde vielleicht ergänzen: „Ihr mit Eurer Putin-Verteufelung. Als bestände Russland nur aus Putin. Es sorgt sich wohl keiner Eurer Politiker so wie Putin um das Wohl seines Volkes.“
Die Nachrichten vom Manöver beunruhigen mich. Ich frage mich: Wird eine nächste Provokation geplant? Waren die bisherigen nicht genug? 1812 als Bundesgenosse an der Seite von Napoleon bis vor Moskau, 1914 in Reaktion auf die deutsche Kriegserklärung vom 1. August und den darauf erfolgten zaristischen Einmarsch in Ostpreußen. Am 22. Juni 1941 der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. — Der Erste Vaterländische Krieg war der Kampf gegen Napoleon, der Große Vaterländische Krieg der gegen Hitlerdeutschland. Muss es einen Dritten geben?

„Zum Gedenken an den vergessenen Krieg, der den Lauf der Geschichte verändert hat.“, Foto: Iris Berndt, 2026
Gussew ist ein hübsches Städtchen mit etwa 30.000 Einwohnern. Die Bauten sind teilweise aus deutscher Zeit, teilweise sowjetisch, viel Neues in den letzten Jahren ist entstanden, besonders auch mit gepflegten Parkanlagen. Sehenswürdig ist die originalgetreu mit deutscher Unterstützung wiedererrichtete Salzburger Kirche. Eine Besonderheit ist das monumentale Wandbild der Salzburger Emigranten im ehemaligen Friedrich-Gymnasium, auch heute eine Schule. Die Emigranten kamen hier 1732 an und wurden vom Soldatenkönig empfangen. Es gibt mehrere Museen und am Stadtrand das großartige Denkmal von Michail Schemjakin „Zum Gedenken an den vergessenen Krieg, der den Lauf der Geschichte verändert hat“.
Dieses Denkmal mit großer Parkanlage wurde am 24. August 2014 eingeweiht, zur Erinnerung an den Ersten Krieg und die Schlachten. Außerdem gibt es in der Stadtmitte von Gussew die große, 2012 bis 2016 errichtete, russisch-orthodoxe Allerheiligenkirche, dort wo bis zum Zweiten Weltkrieg die Altstädtische Kirche stand. Errichtet ist sie in Gussew gerade wegen der verlustreichen Kämpfe im August 1914 bei Gumbinnen. Diese waren für die Deutschen zunächst eine Niederlage, in späteren Kämpfen wendete sich das Blatt … Gewidmet ist diese Kirche allen Opfern des Ersten Weltkrieges in Ostpreußen; sie wird auch Versöhnungskirche genannt. An der umfangreichen Ausmalung aller Wände im Inneren wird immer noch gearbeitet.

Blick vom Turm der Versöhnungskirche über das Kirchendach auf Gumbinnen, Foto: Iris Berndt, 2026
Nikolaij lebt in Gumbinnen und arbeitet neben seiner eigentlichen Brotarbeit immer wieder als Reiseführer. Diesmal hat er Besuch aus Moskau und dieser wünscht sich einen Tag, der den Opfern des Ersten Weltkrieges gewidmet ist. Niemand sieht ein Problem darin, dass ich mitkomme. Zuerst wird die Allerheiligenkirche besucht, in deren Turmaufgang eine Ausstellung des Historischen Museums St. Petersburg über den Verlauf des Ersten Weltkrieges zu finden ist, außerdem eine Übersicht über die großen russisch-orthodoxen Kirchenbauten in Erinnerung an große Schlachten, ob in Kronberg oder in Moskau.
Schnell bin ich mit Marina und ihrem Enkel Timur, der wie alle russischen Schüler zwischen dem 1. und 9. Mai ein paar Tage schulfrei hat, bekannt und steige zu Nikolaij, der seine rote Kufiya auch heute nicht ablegt, in seinen roten Renault. Unsere Fahrt geht durch die stille ehemalig ostpreußische Frühlingslandschaft, leicht hügelig, ab und an alte Alleen, vereinzelt Gehöfte. Das Wintergetreide steht gut, die ersten Rapsblüten sind aufgegangen.
Deutsche und russische Kriegsgräber
Immer wieder steigen wir an kleinen Friedhöfen des Ersten Weltkrieges aus, die heute unser Thema sind. Sie sind allesamt in den letzten Jahren sorgfältig wiederhergestellt, dank einheimischer Sponsoren gibt es schön gekieste Wege, Hinweisschilder, weiße Kreuze mal für unbekannte deutsche, mal für unbekannte russische Soldaten. In Loschtschinka ehrt eine Tafel mehr als 130 Soldaten der Russischen Kaiserarmee und drei deutsche Soldaten. Die Kreuze waren 1997 vom Volksbund der Deutschen Kriegsgräberfürsorge aufgestellt worden, manches war schon wieder verfallen. Vor mehr als zehn Jahren fanden sich russische Freiwillige zusammen, die dieser Zustand störte. Sie sind bis in die Gegenwart aktiv und fanden in der Firma Technopolis GS, einen wichtigen Mäzen. Dieser förderte auch 2024 die Wiederherstellung der Anlage in Loschtschinka.
Die Beschriftung ist deutsch-russisch. So sind die Namen gut zu lesen. Da sind jüdische, litauische, deutsche und auch armenische neben russischen Namen und sogar ein muslimischer Name zu lesen: Anton Rosenberg, Augustin Tatzus, Valerian Stankus, Mustachutdin Schalibutdinow, Gustav Jäger, die beiden Brüder Kubiljus …

Beim Besuch der Kriegsgräberanlage in Loschtschinka (dt. Uszballen, ab 1938 Birkenried), Foto: Iris Berndt, 2026
Am Rande des Nachbardorfes Maiskoje verweilen wir länger. Der quadratische Platz ist in Metallgitter gefasst, die beiden Eichen links und rechts sind etwa 120 Jahre alte schöne Bäume, in der Blüte ihrer Kraft.
Hier packen wir die langen gelben Wachskerzen aus, die üblicherweise vor den Ikonen entzündet werden und die Marina mitgebracht hat. Nikolaij macht uns auf die drei Gedenksteine aus unterschiedlichen Zeiten aufmerksam, die hier beieinanderstehen: Der kniehohe Findling mit der ungeschickten und schlecht lesbaren Schrift „20. августа 1914 80 русские солдаты“ ist wohl der älteste. Dahinter steht ein größerer Stein mit dem Kreuz der Rechtgläubigen darauf und der Schrift „80 russisch Kriegsgräber“. Auf dem Boden liegt eine sorgfältig polierte dunkle Steinplatte, wo die goldenen Buchstaben deutlich zu lesen sind. „Воинское захоронение Первой мировой войны Здесь покоятся 80 воинов Русской императорской армиию погибших 20 августа 1914 года“. Dieser wurde vor zwei Jahren dazugelegt.
In diesen drei Steinen steckt eine besondere Geschichte. Es waren zunächst russische Soldaten, die für ihre gefallenen Kameraden den kleinen Stein errichteten. Als dann dieses Gebiet wieder deutsch wurde, ab 1915, haben sie für die Deutschen den großen Stein errichtet und mit deutscher Schrift den Anlass erklärt. Die Deutschen haben einen ersten Metallzaun angelegt und die Eichen gepflanzt, weshalb die Anlage den auffällig deutschen Charakter erhielt. In der Sowjetzeit wurden beide Steine nicht beachtet. Nikolaij erzählt: „Wir fanden sie umgestoßen und überwachsen,“ und setzt fort: „Jetzt ehren wir russische Menschen, aber auch die Achtung der Deutschen, die den Friedhof anlegten.“
Nikolaij findet mit seiner Gruppe von Freiwilligen hier um Gussew noch immer verscharrte Menschen und unbezeichnete Gräber. Sie werden würdig beigesetzt und erfasst. Die Vereinigung der russischen Kriegsgräberfürsorge hilft dabei. Die deutsche Kriegsgräberfürsorge, die sich um deutsche Grabanlagen kümmert, hat allein für den Raum um Gumbinnen 46 Anlagen aus dem Ersten Weltkrieg verzeichnet. Diese Geschichte von deutsch-russischem Respekt ist nicht darunter.
Vielleicht wird sie es noch durch eines der guten Ausstellungsprojekte, die diese Vereinigung macht. Um ihren Leitsatz einzulösen: „Gemeinsam für den Frieden“.

Russische Kriegsgräber bei Maiskoje (dt. Mallwischken, 1938 Mallwen), Foto: Iris Berndt, 2026
Marina und ihr Enkel Timur beginnen, Kerzen aufzustellen vor den Steinen. Wir finden windgeschützte Winkel und können sie anzünden. Schweigend stehen wir davor. „So viele Menschen sind gestorben, so viele unglückliche Familien blieben zurück“, sagt Marina. „Es ist gut, dass alle Gesten für das Totengedenken geehrt werden. Die russischen und die deutschen“, meine ich. Wir umarmen einander und es entsteht eine Idee: Wir reichen uns über dem Grab die Hände. Marina aus Moskau und Iris aus Potsdam.


Händereichen über den russischen Kriegsgräbern in Maiskoje, 1. Mai 2026, Foto: Iris Berndt, 2026
Es geht ostwärts in das nur 10 Kilometer vor der litauischen Grenze liegende Dobrowolsk, das ehemalige Pillkallen. Schon der alte Name zeigt die litauische Prägung dieses nordöstlichen Zipfels von Ostpreußen, was den Nazis 1938 nicht gefiel, weshalb sie auch diese Stadt umbenannten.
Bei den Kämpfen 1945 wurde diese Stadt so zerstört wie keine andere in der Oblast. Nur noch das alte Straßenpflaster in der großen Leere der Stadtmitte erinnert an frühere Zeiten. Dort steht ein großes Denkmal für die 3500 gefallenen sowjetischen Soldaten, die hier in den heftigen Kämpfen im Januar 1945 fielen. Verstreut stehen einige neuere Häuschen und Buden, um die ein paar Jugendliche an diesem 1. Mai herumlungern.
Über 150 solche Denkmäler, häufig mit Friedhöfen, befinden sich in der Kaliningrader Oblast; über 400.000 sowjetische Soldaten fielen bei der Einnahme Ostpreußens von Januar bis April 1945.

Auf dem alten Friedhof in Dobrowolsk (Pillkallen, seit 1938 Schlossberg), Foto: Iris Berndt, 2026
Auf dem ehemaligen Schlossberg von Pillkallen liegt unter alten Bäumen im Frühlingsgrün ein Friedhof, dessen Ausmaß gar nicht zu übersehen ist. Wir gehen wie durch einen lichten Frühlingswald. Es war der Städtische Friedhof, Grabsteine der ehemaligen Einwohner gibt es aber kaum noch. Bewahrt und ergänzt dagegen wurden die Gedenksteine an die Toten der beiden Weltkriege: Für den Ersten Weltkrieg weiße Kreuze und ein Gedenkstein mit eingraviertem Eisernen Kreuz für die Deutschen, ein orthodoxes Kreuz für die russische Seite.
Neben den Steinen des Ersten Weltkrieges entdecken wir noch vier Stelen mit den Namen deutscher Gefallener für den Zweiten Weltkrieg. Sorgfältig von A bis Z sind auf ihnen mehr als 200 Namen aufgeführt, einige der Gefallenen sind nicht einmal 20 Jahre alt geworden. Die Vögel singen in den alten Bäumen in diesen Frühlingstag hinein. Wir entzünden noch einmal einige unserer Kerzen.
„Gemeinsam für den Frieden“
„Wie viele Kriege! Wie viel Leid“, meint Marina, als wir an einem Obelisken deutscher Bauart Namen unter der Jahreszahl 1870/71 entdecken. Errichtet für die Einwohner des Kirchspiels Pillkallen. Die Einschusslöcher im Stein stammen noch aus dem letzten Krieg; die vier Adler an den Ecken sind kopflos — von den sowjetischen Soldaten weggeschossen, erklärt Nikolaij und fügte hinzu: Deutsche Schrift bedeutete für sie ein Werk des verhassten Hitlerdeutschland. Da haben sie nicht genau nach der Jahreszahl oder historischen Zusammenhängen geschaut.
Eine russische Touristengruppe hat sich um das Denkmal versammelt. Als sie bei uns einzelne deutsche Worte hören, werden wir von einem älteren Ehepaar angesprochen, der Mann hat aus Anlass des bevorstehenden Tages des Sieges einen Sowjetstern angesteckt.
„Ja, wir sind früher häufig in Deutschland gewesen. Jedes Jahr, wir hatten dort viele Freunde. Und ich habe deutsche Reisegruppen durch Kaliningrad und das Gebiet geführt. Warum kommen Sie jetzt nicht mehr zu uns? Warum verwehren Sie uns die Einreise?“
Fragen, die ich nicht beantworten konnte und die mir nachgehen, auch weil sie mit spürbarer Bitterkeit hervorgebracht wurden.

Deutsche Gräber in Dobrowolsk, 1998 hergerichtet für Opfer des Zweiten Weltkrieges, Foto: Iris Berndt, 2026

Der Obelisk für die Gefallenen des Krieges 1870/71, Foto: Iris Berndt, 2026
Wieder kommen wir darauf zu sprechen, was ich heute morgen im Bus schon gedacht hatte: Dreimal sind die Deutschen nach Russland gezogen, wodurch die Russen nach Ostpreußen kamen: 1812/13, 1914, 1941/1945. Dazu müsste auch noch gezählt werden, wie der in dieser Hinsicht unkritisch gelobte König Friedrich II. den dritten Schlesischen Krieg anstiftete, haushoch verlor und Ostpreußen einige Jahre russisch war.
Ich frage nach Zeugnissen des Krieges 1812/13 in der Region. Mit 600.000 Soldaten war die Napoleonische Armee gen Moskau gezogen. Napoleon wähnte sich schon als der Herr in Europa. Um die 40.000 erreichten nach der Niederlage Ostpreußen und Polen.
Wir fahren in den Abend hinein westwärts an die Inster, die der nahen Stadt Insterburg den Namen gab. Sehr gepflegt ist das Denkmal für den Generalfeldmarschall Michail Bogdanovich Barclay de Tolly, der die vereinigten russisch-preußischen Truppen führte. Auch bei der großen Siegesparade in Paris 1815 war er dabei. Er starb aber bereits 1818 auf seinem Gut Szieleitschen, einige Kilometer nördlich von Insterburg, an den Folgen seiner Verwundungen.
Der preußische König beauftragte für diesen Helden der Befreiungskriege 1821 ein Denkmal und finanzierte es. Karl Friedrich Schinkel aus Berlin hat es entworfen, gegossen wurde es in der Berliner Eisengießerei. Russische und deutsche Schriftzüge sind eingegossen, an diese preußisch-russische Allianz zu erinnern, damit man nicht mehr gegeneinander ziehe, so die erklärte Absicht. Es ist ein gepflegter und gut besuchter Erinnerungsort.

Nördlich von Tschernjachowsk (Insterburg): Das Denkmal für Generalfeldmarschall de Tolly, nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel, Foto: Iris Berndt, 2026
So viele Kriege. Was erzählen die Zahl dieser Orte, ihr gepflegter Zustand und die vielen Besucher? Dass in der Kaliningrader Oblast Geschichte gepflegt wird.
Während meiner Russland-Aufenthalte war ich konfrontiert immer wieder mit diesen Fragen, sobald das Vertrauen einigermaßen hergestellt worden war: „Haben die Deutschen ihre Geschichte vergessen? Hieß es nicht, Deutschland würde nie mehr Russland angreifen?“
Jetzt sehen nämlich die Russen — genauer neun von zehn über den Daumen meiner persönlichen Erfahrung gepeilt — , dass deutsche Regierungen, in amerikanischen Thinktanks ausgebildet, aufrüsten und immer wieder Russland als Hauptfeind nennen. Dass Deutschland in die Ukraine erst Helme und Panzer lieferte und nun Drohnenbauteile. Hat das deutsche Volk, das auch so viel gelitten hat, sich nicht geschworen: „Nie wieder Krieg!? Kann das Volk nicht klüger sein als seine Regierung?“
Marina und Timur haben die Rückreise nach Kaliningrad angetreten und ich habe Marina versprochen, den Deutschen das Foto von uns beiden beim Händereichen bekanntzumachen. Mit Nikolaij und seiner Freundin Renata sitze ich dann noch bis tief in die Nacht. Wir sprechen wie man so spricht, wenn man einander ein Jahr nicht gesehen hat. Auch von ihren Kindern im Grundschulalter und wie man Kinder vor zu viel digitalen Medien schützen kann. Wir sprechen von dem Projekt ihres deutschen Hauses in einem der Dörfer bei Gumbinnen, das sie restaurieren und mit einem Fremdenzimmer herrichten wollen. Immer wieder geht es um den Friedenswillen, den beide leidenschaftlich vortragen und mich bitten, dies den Deutschen zu vermitteln:
„Russland ist kein Feind Deutschlands. Russland führt einen existentiellen Krieg vor der eigenen Haustür, in den es durch westliche Aufrüstung der Ukraine getrieben wurde. Wir leiden an diesem Bruderkrieg.“
Wir treten auf den Balkon, schauen in den Vollmond und spazieren noch durch die stille Stadt.
Am 1. August jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 112. Mal, einige Wochen darauf die Kämpfe in Ostpreußen von August 1914. Christopher Clark in seinem 2013 pünktlich zum 100. Gedenkjahr erschienenen Buch nutzte den Ausdruck „Schlafwandler“. Er meinte mit den Schlafwandlern nicht die Deutschen allein, sondern alle politischen Führer in den europäischen Hauptstädten. Sie schauten mit einem Tunnelblick auf ihre Bündnisse, hielten den Krieg für alternativlos und sich selbst jeweils für unbesiegbar. Sie waren blind für das tatsächliche Ausmaß und die Folgen ihrer Handlungen, die in diesem Falle 20 Millionen Menschen das Leben kosteten. Das Duckmäusertum und Angst beim Volk ist das Bequemste, das sich diese Schlafwandler wünschen können.
Der Blick auf den Ersten Weltkrieg zeigte: Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt strukturelle Analogien, die auf der Hand liegen.
Das stärkste Gegengift ist dabei immer, im Anderen den Menschen zu sehen. In seiner konkreten Anwendung ist es unübertroffen, ob in der Familie, beim Nachbarn oder unterwegs. Ob in Initiativen wie „Eine Million Stimmen für den Frieden“. Oder einfach mit einer Friedenstaube im Fenster als Ausdruck unbedingten Friedenswillens.
Das schafft eine menschliche Gemeinschaft unabhängig von Partei und politischer Richtung. In dieser Gemeinschaft gilt nicht mehr die Lüge, die von Staats wegen hinausgetutet wird. Denn stärker ist die vernehmbar gewordene Wahrheit.
Auch deshalb wurde dieser Beitrag über den Ersten Weltkrieg in der Kaliningrader Oblast geschrieben. Jeder Deutsche soll verstehen, dass er sich selbst umbringt, wenn er die Kaliningrader Oblast zerstören will. Und wer es genauer wissen möchte und auf den Grund der Wahrheit gelangen möchte, der beantrage ein elektronisches Touristenvisum und mache sich auf den Weg. Die Behörden und Grenzkontrollen dürfen ruhig zu tun bekommen in diesem Herbst. Und vielleicht entstehen sogar unvermutet Freundschaften.
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