Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin wird auf Betreiben der deutschen Bundesregierung geschlossen. Die Nachricht kam abends am 1. September 2026. Es ist der Weltfriedenstag, in Erinnerung an den Tag des deutschen Überfalls auf Polen, vor 87 Jahren.
Die Gründe für diese Entscheidung sind fadenscheinig. Ein Drohnenanschlag auf dem Flughafen Halle/Leipzig „in drei Dimensionen“, bei dem nichts passiert ist. Ohne Beweise für eine russische Beteiligung. Ohne erkennbare Beziehung zwischen unbewiesenem Vorfall und Schließung einer Institution im Zentrum Berlins. Ein Anlass wie der Sender in Gleiwitz. Willkür eines Staates, mit dem ich nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden möchte, gegen eine große Kulturnation.
Niemand hat jemals auf einen der vielen brutalen und vorsätzlichen Angriffskriege der USA mit Verbot von Hollywood-Filmen reagiert.
Wie viele russische Sportler werden seit mehreren Jahren um die Früchte ihrer sportlichen Laufbahnen gebracht. Systematisch. Zu lange haben wir schon zugeschaut. Jetzt ist einfach die Spirale eine Runde weitergedreht worden. Ist sie überdreht? Lässt sie sich zurückdrehen? Haben wir nicht schon genug und zu lange gehofft? Ich denke auch an die mehr als 300.000 russischsprachigen Menschen in Berlin. Mit einigen spreche ich und es hallen laut in mir ihre Sätze: „Wir sind sehr verunsichert.“ oder „Sind wir als nächstes dran?“
Im Russischen Haus finden bis zum Wochenende 5./6. September die letzten Veranstaltungen statt. Der zum Tag des offenen Denkmals am 12. September geplante Vortrag zur architekturhistorischen Würdigung des Gebäudes gehört zu den vielen abgesagten Veranstaltungen. Dieser Tag mit seiner Symbolkraft für Offenheit gilt also nicht für das Russische Haus. Dort haben die Mieter eine Galgenfrist bis Jahresende, um sich etwas Neues in der Stadt zu suchen. Auch das Visazentrum wird noch so lange arbeiten, ebenso die große Buchhandlung im Erdgeschoss. Sofort ausgewiesen wurden die Mitarbeiter des Hauses mit diplomatischem Status. Sie müssen innerhalb von sieben Tagen das Land verlassen.
Eröffnet wurde das Gebäude 1984 als Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur. Seitdem ist es übrigens trotz anderslautender Behauptungen in den Medien in sowjetischem und später in russischem Eigentum: 29.000 Quadratmeter in bester Lage an der Friedrichstraße in Berlins Mitte. Ein Kinosaal, dazu ein Theater mit 500 Plätzen mit einer Bühne, die künstlerische Hochleistung und feuchte Augen mit tiefem Erleben für zwei Generationen von Besuchern hervorgebracht hat. Ein Anziehungspunkt auch für viele der russlanddeutschen oder russischen und russischsprachigen Menschen in Berlin — mit Ballett- und Kunstkursen, mit Sprachlehrgängen oder vielen Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen. Einem Café und bis zu fünf laufenden Ausstellungen.
Ein Haus, das 42 Jahre voller Begegnungen zählt mit bekannten sowjetischen Schriftstellern wie Tschingis Aitmatov, Leistungsschauen sowjetischer und russischer Wissenschaft und Technik oder hochkarätigen Kunstausstellungen. Ein Haus voller Möglichkeiten mit einem erhabenen Foyer — gar nicht klotzig, sondern vielgestaltig. Harmonisch ist vielleicht der richtige Ausdruck. Entworfen hatte das konsequent durchgestaltete Gebäude der Architekt Karl-Ernst Swora (1933–2001). Die Umsetzung und bauliche Realisierung erfolgten zwischen 1981 und 1984. Deutsche und sowjetische Künstler waren beteiligt, feine Materialien wie Marmor, Muschelkalk und rötlicher Granit kamen zur Anwendung, prägend ist über dem Eingang das große farbige Glasfenster.

Foto: © Iris Berndt
Ich benötige einige Tage, um diese Nachricht vom 1. September überhaupt einigermaßen fassen zu können.
Eigentlich beschäftigt mich vor allem: Wenn diese Schließung möglich ist, dann sind Gut und Böse, Recht und Ordnung, Dialog und Miteinander auch in allen anderen Bereichen der Gesellschaft hier in Deutschland ausgeschaltet. Dann herrscht Dunkelheit.
Für Menschen in unserer Mitte wurde zerstört, was Lebensfreude gibt. Wenn das möglich ist, dann ist zu fragen, was als nächstes geschieht. Was hier geschieht, geschieht uns.

Foto: © Iris Berndt
Spontan war ich am 2. September ins Russische Haus gegangen: Vielleicht arbeitet der Sprachklub an der Spree, zu welchem bereits keine digitale Anmeldung mehr möglich war. Etwa 20 Menschen hatten sich mit mir eingefunden und Besucher von außen winkten uns zu. Der Samowar stand wieder da und heißes Wasser, etwas Russisch Brot dazu. Sonst hat Anastasia immer ein Thema vorbereitet, hilft den Teilnehmern zu diesem Thema mit Vokabular und Wendungen. Der Sprachklub an der Spree ist eine Möglichkeit, sein Russisch zu probieren und im Gespräch zu verbessern. Anders als die kostenpflichtigen Sprachkurse ist dieses Angebot kostenlos. Ob einer gut oder nicht so gut russisch spricht, ist dabei nicht wesentlich. Wir sind miteinander und versuchen es. Heute erzählt jeder, was ihm besonders in Erinnerung geblieben ist. Genannt werden der Kurs über Glinka, der über Bulgakow, der über Pflanzen, wo wir gemeinsam Memory spielten … die Atmosphäre. Einer sagt: „Es war ein fester Punkt in meinem Wochenplan.“
Ich selbst hatte im April 2026 im Russischen Haus einen Vortrag über „Käthe Kollwitz und Russland“ gehalten. So hatte ich Svetlana Nekrasova kennengelernt, die amtierende Direktorin. Sie stammt aus Istra bei Moskau, ist studierte Historikerin und seit sechs Jahren am Russischen Haus in Berlin tätig. Die Direktion übernahm sie, weil der langjährige Direktor von der Bundesrepublik Deutschland in seinem Diplomatenstatus nicht verlängert wurde. Eine Frau mit angenehmen Umgangsformen. Gebildet nennt sich das wohl. Sehr gefallen hat mir das angenehme sachliche Miteinander in der Vorbereitung.
Auch die an den Vortrag anschließende ausführliche und ruhige Diskussion: Vor allem tat sich dort Niemand hervor als Besserwisser, monierte gar, dass etwas politisch nicht korrekt formuliert worden war. Ich gestehe: Ich habe es genossen. Es war ein bisschen wie früher. Komisch, nicht wahr? Bin ich nostalgisch, weil ich mich jetzt der 60 nähere oder was sagt dies über unsere Kultur in Deutschland?
Gemeinsam mit einem Kunsthistorikerkollegen und dem Russischen Haus hatten wir im Frühjahr ein neues Veranstaltungsformat entwickelt. Es begann im Juni 2026 mit vier Veranstaltungen im Lomonossow-Saal des Russischen Hauses. Der Kulturhistorische Klub war geboren. Er stellt deutsch-russisch/sowjetische Erinnerungsorte vor, an denen sich die vielfältigen und vielhundertjährigen Kulturbeziehungen wie in einem Vergrößerungsglas betrachten lassen. Die Idee, dabei von einem Ort auszugehen, war von Svetlana Nekrasova gekommen. Wie das so ist bei gutem Miteinander. Wir rufen ihr in Gedanken einen Dank nach Moskau zu. Auch für ihren Hinweis auf die virtuellen Karten des Solschenizyn-Museums Moskau über das Russische Exil der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo auch Berlin vertreten ist.
Der Kulturhistorische Klub soll weiter leben, bis er ins Russische Haus zurückkehren kann: Wer das Gemälde mit der weiträumigen Ansicht des Kreml von dem Berliner Architekturmaler Eduard Gaertner kennt, wird den Kreml nicht kaputtschießen wollen.
Wer von den russischen Emigrantenschicksalen in Berlin vor 1933 hört, wird sich bewusster in andere Schicksale hineindenken. Der wird erinnern an die über zwei Millionen Russlanddeutschen, die sich in unserem Lande in den letzten 30 Jahren so unauffällig assimilierten.
Wer von der engen Verflechtung von russischer und deutscher Kultur weiß, weiß auch, dass es Deutschland immer gut ging, wenn die Beziehung mit Russland gut war.
Heute ist Freitag, der 4. September 2026.
Ich werde in mir das Bild im Herzen tragen, was ich heute Abend sah. Es brachte mir die Lebensfreude zurück: So viele Menschen strömten abends nach Abschluss der Demonstration für den Erhalt dieser Institution ins Russische Haus, spazierten durch das Haus, schauten die Tafeln zu dessen 40-jährigem Jubiläum vor zwei Jahren an — oder im Foyer Texte und Bilder über die Heldentat der sowjetischen Piloten am 6. April 1966. Damals konnten zwei sowjetische Piloten ihr abstürzendes Flugzeug noch von dem Wohngebiet in Berlin-Spandau weg zum benachbarten Stößensee lenken. Hier starben sie, statt sich selbst zu retten. Der Regierende Bürgermeister von Berlin hat diese Tat seinerzeit gewürdigt. Er hieß Willy Brandt und war SPD-Politiker.

Foto: © Iris Berndt

Foto: © Iris Berndt
So viele Menschen an diesem Abend im Russischen Haus. Es ist ein bisschen wie früher, hier zu sein. So voll war es zuletzt vor allem in der Vorweihnachtszeit. Dann stand statt des großen Gagarin-Kopfes der hohe und festlich geschmückte Tannenbaum im Foyer und die vielen Familien mit ihren Kindern kamen zum Nussknacker-Ballett. Ich stehe und schaue und genieße es. Dabei fällt mir ein:
Auch der Weihnachtsbaum ist eine deutsche Tradition und kam aus Deutschland nach Russland, Jolkafest und Tannenbaum … schon wieder so eine deutsch-russische Geschichte …
Zwischen 800 und 1000 Menschen waren heute zur Demonstration für das Russische Haus und gegen seine Schließung gekommen. Sie füllten die Friedrichstraße auf der Breite des Russischen Hauses. Dabei regnete es zeitweise in Strömen, viele jedoch harrten die zwei Stunden aus. Das BSW hatte eingeladen und in den Reden kamen auch die Sozialkürzungen, das Aufrüsten, der Sinn der Kriegstreiberei als großes Geschäft einer Minderheit mit dem Leben der Mehrheit zur Sprache.

Foto: © Iris Berndt
Unter den Rednern auch Kathrin Schülein, künstlerische Direktorin des Theaters Ost in Berlin-Adlershof. Kultur ist wie unser Brot, es verhindert, dass wir als Gesellschaft auseinanderfallen, es hilft, einander zu verstehen. Mit Sätzen wie diesen beschwört sie, was ich gerade durch Entzug selbst erlebt habe. Ihr Haus ist durch Probleme mit dem Eigentümer in seiner Existenz seit über einem Jahr bedroht. Dort geht es gerade auch gegen eine mutige Leiterin und einen kritischen Ort, das wurde immer wieder deutlich.
Kathrin Schülein ist eine kleinere Frau, früher war sie Tänzerin. Sie spricht das erste Mal auf einer Demonstration, wie sie sagt, und zart ist auch ihre Stimme. Aber ich vernehme, was ich noch nirgendwo gelesen hatte: Dass dieser kritische Theater-, Vortrags- und Kino-Ort, das Theater-Ost, wo die Liedermacher Tino Eisbrenner oder Hans-Eckardt Wenzel ebenso wie die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz auftreten, in der Theater gespielt, gesungen und getanzt wird, dass dieses Theater-Ost zum 1. Januar 2027 im Russischen Haus eine neue Spielstätte hatte finden sollen. Alle Verträge waren fix und fertig. Mit Traurigkeit in der Stimme erzählt sie das und schließt damit, dass sie weiterkämpft.
Ja, wir werden weiterkämpfen. Aber wir müssen auch wissen, wofür wir kämpfen. Denn unser Leben ist endlich: Für Anstand und für Menschlichkeit als Grundbedingung unserer Kultur und in Abwendung des Dunkels der Barbarei.
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Quellen und Anmerkungen:
Alle Fotos von Iris Berndt, 4. September 2026



