Wir haben diese Welt nicht bestellt
Mich stört die Erzählung, Menschen würden KI vor allem deshalb so bereitwillig benutzen, weil sie bequem geworden seien, weil sie nicht mehr selbst denken, schreiben, suchen, rechnen, lernen oder womöglich sogar Beziehungen führen wollten.
Ich glaube nicht, dass wir uns die Welt, in der wir heute leben, in dieser Form ausgesucht haben. Der einzelne Mensch hat die enorme Informationsdichte nicht geschaffen. Er hat nicht entschieden, dass nahezu alle Lebensbereiche komplexer, schneller und verwaltungslastiger werden. Er hat die Digitalisierung von Banken, Behörden, Kommunikation und Arbeitswelt nicht allein herbeigeführt. Er hat auch nicht darum gebeten, permanent zwischen unzähligen Angeboten wählen, Risiken beurteilen, Informationen überprüfen, die eigene berufliche Entwicklung steuern, Altersvorsorge betreiben, Gesundheitsentscheidungen treffen und nebenbei noch sein Familienleben, seine Beziehungen, seine Fitness, seine Ernährung und möglichst seine psychische Gesundheit optimieren zu müssen.
Wir müssen heute eine enorme Komplexität bewältigen, die zum Teil genau durch jene technisch-ökonomische Entwicklung entstanden ist, die uns nun wiederum neue Technologien aufdrängt, damit wir diese Komplexität bewältigen können. Es ist ein paradoxer Kreislauf: Eine Entwicklung erzeugt neue Anforderungen — und bietet uns anschließend die technischen Mittel an, mit denen wir ihnen noch hinterherkommen sollen.
Und es ist eine enorme Individualisierungsleistung, die uns da aufgebürdet und von uns erwartet wird. Im Bemühen mitzuhalten, spüren wir die Unverfrorenheit dessen kaum noch. Es erscheinen Technologien, wie das Navigationsgerät, die Suchmaschine, das Smartphone, die digitale Verwaltung, irgendwann KI. Natürlich greifen Menschen danach. Und anschließend sagen wir ihnen: Ihr wollt es immer nur bequem.
Nein. So einfach ist es nicht. Manchmal versuchen Menschen schlicht, eine Welt handhabbar zu machen, die ihnen immer mehr Management abverlangt. Das bedeutet nicht, dass jede technische Entlastung tatsächlich eine ist oder sinnvoll wäre. Aber wir sollten genauer hinschauen, weshalb etwas so bereitwillig delegiert wird.
Was wäre denn da, wenn der Bildschirm aus wäre?
Ich musste in diesem Zusammenhang an meine Kinder denken. Es gab eine Zeit, da hätte man sie nach den damaligen Maßstäben wahrscheinlich als ziemlich fernsehsüchtig bezeichnet.
Dann kam der Sommer. Neue Kinder kamen in die Straße, es entstand eine Kinderbande — und das Fernsehen war weg. Nicht verboten, nicht reglementiert. Es war einfach uninteressant geworden.
Als die Schule wieder begann, die Tage in Strukturen gezwungen wurden, die Spielfreunde weniger verfügbar waren und wieder mehr zu Hause erledigt werden musste, tauchte auch der Bildschirm wieder auf. Seitdem finde ich eine Frage viel tiefgreifender als die nach der Bildschirmzeit: Was wäre denn da, wenn der Bildschirm aus wäre?
Freunde? Ein erreichbarer Bolzplatz? Ein Stück Natur, in dem Kinder auch wirklich etwas machen dürfen? Eine attraktive Bücherei oder ein Jugendzentrum? Ein Sportangebot, bei dem nicht sofort Leistung, Training und Turniere beginnen? Erwachsene mit Zeit? Ein Ort, an dem man bauen, matschen, sägen, graben, Musik machen, Tiere versorgen oder einfach herumhängen darf? Eine Aufgabe, bei der ein junger Mensch tatsächlich gebraucht wird und Sinn erfährt? Oder bleibt vor allem eine Lücke? Wir haben als Kinder im Wald Städte gebaut. Wir haben Löcher gegraben, Steine herausgeholt, irgendetwas zum Schaufeln gesucht, Konstruktionen erfunden, verworfen und neu gebaut. Wir mussten uns einigen, was etwas werden sollte und wer was machen durfte. Manches funktionierte, manches überhaupt nicht.
Das war keine pädagogische Maßnahme. Niemand hatte Lernziele formuliert. Und trotzdem geschah dort unglaublich viel: Wir planten und abstrahierten, bewegten uns, stritten, kooperierten und scheiterten. Wir veränderten Pläne und erfuhren Material, Gewicht, Entfernung, Kraft, Risiko und die Grenzen unserer eigenen Fähigkeiten. Vor allem aber antwortete die Welt. Der Stein ging nicht weg, weil wir beschlossen hatten, dass er dort störte. Also mussten wir uns etwas einfallen lassen.
Das ist kein nostalgisches Schwelgen. Eher ist da ein Aufschrei, ein körperlich spürbarer Schmerz, in mir. Ich finde es unfassbar, dass solche grundlegenden und prägenden Erfahrungen für Kinder heute zur Glückssache geworden sind oder gezielt über Institutionen und zum Teil sogar therapeutische Angebote bereitgestellt werden müssen. Der erste Weltbezug eines Menschen ist ein leiblicher. Wir fühlen, hören, riechen, schmecken. Wir bewegen uns, erleben Gleichgewicht, Nähe, Entfernung, Berührung und Widerstand. Wir erfahren die Welt außen und gleichzeitig uns selbst in ihr.
Der Körper ist dabei keine primitive Vorstufe, die später vom Geist abgelöst wird. Er ist unsere erste Kalibrierungsumgebung. Aber wo ist diese Umgebung heute? Wie sieht sie aus? Auffällig viele der Orte und Dinge, die wir eigens für Kinder geschaffen haben, beginnen inzwischen mit „Spiel-“: Spielplatz, Spielbereich, Spiellandschaft, Spielzeug. Dazu kommen Kinderwelten, Erlebnislandschaften und andere fertig entworfene Räume.
Wir haben unmittelbare Welt also schon lange teilweise durch eigens hergestellte Surrogate ersetzt. Wir lösen bestimmte Erfahrungen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang heraus, bauen sie in abgesicherter, vorstrukturierter und oft deutlich ausgedünnter Form nach — und machen daraus ein Angebot, für das anschließend auch noch bezahlt werden muss.
Selbst Erfahrung wird damit zunehmend kommerzialisiert. Und nun wundern wir uns darüber, dass Kinder noch einen Schritt weitergehen und auch in digitalen Räumen nach Welt suchen. Wir erfahren nicht nur eine äußere Welt, sondern zugleich uns selbst in unserem Verhältnis zu ihr. Wir schauen uns beim Erleben auch selbst zu.
Wir erleben nicht nur. Wir können unser Erleben wiederum zum Gegenstand unseres Denkens machen. Wir erzählen uns Geschichten darüber, was uns geschieht, können diese Geschichten verändern und irgendwann sogar feststellen: Die Geschichte, die ich mir darüber erzählt habe, stimmt für mich nicht mehr. Vielleicht gehört genau diese Beweglichkeit zwischen Erleben, Repräsentieren, Erkennen und Selbstbeobachtung zu unseren interessantesten menschlichen Fähigkeiten.
Und dann kommt die Schule.
Den Geist durch die Matsche schicken
Eigentlich müsste jetzt etwas Wunderbares geschehen. Nachdem das Kind seinen Körper, seine Sinne, Materialien, andere Menschen und eine widerständige Welt erprobt hat — und weiterhin erprobt —, bekommt nun auch der Geist immer größere Räume.
Wir könnten den Geist ebenfalls durch die Matsche schicken. Durch den Urwald: eine Behauptung ausprobieren, eine falsche Spur verfolgen, etwas nicht verstehen, eine eigene Frage entwickeln, eine Erklärung finden und wieder verwerfen, beobachten, widersprechen, sich irren, etwas entdecken, wofür zunächst die Worte fehlen.
Stattdessen wird Erkenntnis häufig zunehmend vorstrukturiert: Aufgabe, Verfahren, erwartetes Ergebnis, Bewertung. Natürlich brauchen Kinder Kulturtechniken. Sie müssen lesen, schreiben und rechnen können. Sie brauchen Wissen und genügend mathematisches Verständnis, um Größenordnungen, Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhänge beurteilen zu können. Ich muss nicht alles selbst errechnen können. Aber ich muss genügend verstanden und erfahren haben, um Plausibilität beurteilen zu können.
Kann dieses Ergebnis ungefähr stimmen? Ist die Größenordnung realistisch? Passt diese Schlussfolgerung überhaupt zu den Voraussetzungen? Bei KI wird diese Fähigkeit noch wichtiger. Denn nun geht es nicht nur um Zahlen. Ein sprachlich brillanter Text kann gedanklich dünn sein, eine perfekte Tabelle auf einer falschen Annahme beruhen und eine überzeugend klingende Erklärung falsch sein.
Die Bildungsfrage müsste deshalb nicht nur lauten: Was darf eine Maschine auf keinen Fall für einen jungen Menschen tun? Sondern auch: Was muss ein Mensch in seiner frühen Entwicklung selbst erfahren, lernen und verstehen können, damit er später sinnvoll entscheiden kann, was eine Maschine für ihn tun darf? Was ist mit diesen frühen Räumen geschehen? Ich bin auch hier fassungslos darüber, wie sehr wir die funktionale Prägung, die Objektivierung unserer Kinder in einem Leistungssystem mittragen. Hierhin gehört unsere Empörungsenergie zuerst.
Vielleicht schauen wir gerade an die falsche Stelle
Ein Kind, das früh Selbstwert und Selbstwirksamkeit entwickeln durfte, bringt eine andere innere Grundlage mit, um später Anwender und nicht Spielball von Technologien zu werden. Wenn wir alle Energie darauf verwenden, darüber zu streiten, ob Schüler KI benutzen dürfen, sprechen wir möglicherweise zu wenig darüber, was aus Schule geworden ist. Wenn wir fürchten, KI nehme uns das Denken ab, sollten wir zugleich fragen, wie viel eigenständiges Denken unsere Arbeits- und Bildungssysteme tatsächlich verlangen und ermöglichen.
Wenn wir darüber streiten, ob KI Kunst entwertet, könnten wir ebenso untersuchen, wie wir Kunst schon vorher bewertet, vermarktet und ökonomisiert haben.Und wenn wir über Bildschirmabhängigkeit oder Beziehungen zu Maschinen sprechen, interessiert mich auch, welche nichtkommerziellen Erfahrungsräume verschwunden sind und wie verfügbar, verlässlich und unbelastet menschliche Beziehungen überhaupt noch sind.
Ebenso sollten wir fragen, wie viel Organisations-, Entscheidungs- und Selbststeuerungsarbeit wir dem einzelnen Menschen inzwischen aufgebürdet haben und wie erreichbar gemeinschaftliche Erfahrungsräume noch sind. Das ist für mich keine Relativierung möglicher KI-Gefahren. Im Gegenteil: Lasst uns die Sorge so konkret machen, dass aus ihr Handlung entstehen kann.
Über die Zukunft der Menschheit können wir lange reden
Über die Zukunft der Menschheit mit KI kann man jahrelang diskutieren.
Einen Jugendtreff kann man sofort finanzieren. Eine Schule kann ihre Aufgaben verändern, eine Bibliothek kann zu einem Ort werden, an dem junge Menschen gerne sind. Eine Kommune kann öffentliche Räume schaffen, in denen Aufenthalt nicht an Konsum gebunden ist. Sportvereine können Angebote machen, bei denen nicht Wettkampf und Leistung im Mittelpunkt stehen. Natur-, Tier- und Umweltprojekte können jungen Menschen wirkliche Verantwortung übertragen.
Familien können finanziell und zeitlich so entlastet werden, dass gemeinsame Zeit nicht zum nächsten Organisationsproblem wird. Kinder können Freiräume bekommen, in denen nicht schon ein Erwachsener weiß, was sie dort lernen sollen. Kultur kann öffentlich gefördert werden, obwohl sie keinen Gewinn erwirtschaftet. Denn Gemeinwohl ist kein Gewinnsystem.
Und ja: Auch die Technik selbst kann reguliert werden. Wir müssen nicht akzeptieren, dass KI überall eingebaut wird, nur weil es technisch möglich ist. Wir können fragen, für welche Altersgruppen welche Systeme geeignet sind, Kinder und Jugendliche besonders schützen, Companion-Funktionen anders behandeln als sachliche Assistenz und Grenzen setzen, wenn Anbieter Systeme gezielt darauf optimieren, Bindung und Nutzungsdauer zu steigern.
Wir können auch entscheiden, dass nicht jeder Kommunikationsdienst zusätzlich eine KI benötigt, die sich ungefragt anbietet. Technologie gezielter einzusetzen ist etwas anderes, als Technologie grundsätzlich abzulehnen. All das ist konkret. Und vieles davon könnten wir anfangen, während wir noch darüber diskutieren, ob KI irgendwann die Menschheit verändert.
Gemeinwohl lässt sich schlecht skalieren
Vielleicht liegt genau hier ein Teil unseres Problems. Niemand verdient daran, dass zwölf Kinder drei Stunden auf einem Bolzplatz Fußball spielen. Ein Gemeinschaftsgarten verdient nichts daran, dass eine Jugendliche entdeckt, dass sie gerne mit Pflanzen arbeitet. Eine Bibliothek verdient nichts daran, dass ein Kind dort einen Nachmittag verbringt. Auch der biografische Wert eines Naturschutzprojekts mit Jugendlichen oder einer Familie, die genügend Zeit besitzt, damit nicht jede Stunde optimiert werden muss, taucht in keiner betriebswirtschaftlichen Kennzahl auf.
Gerade deshalb ist es Aufgabe einer Gesellschaft, solche Räume zu ermöglichen.
Wenn wir sie ausdünnen, wenn wir ihr Fehlen nicht einmal mehr bemerken, entsteht eine merkwürdige Asymmetrie: Kommerzielle digitale Angebote werden immer ausgefeilter, attraktiver, individueller und jederzeit verfügbar; nichtkommerzielle, leibliche und gemeinschaftliche Erfahrungsräume werden dagegen knapper, teurer, institutioneller oder weiter entfernt. Und anschließend wundern wir uns, warum Menschen so viel Zeit in digitalen Räumen verbringen.
Wenn die Maschine sich menschlicher anfühlt als der menschlich gebaute Raum
Und dann entsteht ein Paradox, über das ich viel zu wenig gesprochen finde. Wir haben Schulen, Behörden, Unternehmen, Gesundheitssysteme, Verwaltungen und Arbeitswelten gebaut — von Menschen für Menschen. Und manche dieser Räume sind inzwischen so stark von Funktion, Leistung, Zeitdruck, Standardisierung und Effizienz geprägt, dass Menschen sich darin selbst wie Funktionen behandelt fühlen.
Nummer ziehen, Formular ausfüllen, Leistung erbringen, Vorgabe erfüllen, Zeitfenster einhalten. Fall werden, Kunde werden, Schüler werden, Arbeitskraft werden. Und dann setzt sich derselbe Mensch vor eine Maschine. Er schreibt etwas und bekommt eine Antwort von einem System, das ihn ausreden lässt, das auf das eingeht, was er gerade gesagt hat, das nicht genervt wirkt, das Zeit hat und einen Gedanken aufnimmt und weiterführt.
Natürlich sitzt dort kein Mensch. Natürlich ist das keine menschliche Beziehung. Natürlich müssen wir genau hinschauen, was geschieht, wenn solche Systeme immer überzeugender Formen menschlicher Zuwendung, Aufmerksamkeit und Resonanz darstellen können. Aber ich finde es merkwürdig, wenn unsere erste Reaktion darauf lautet: Die Maschine darf sich nicht so menschlich anfühlen.
Warum ist unsere erste Frage nicht: Warum fühlen sich so viele von Menschen geschaffene Räume so wenig menschlich an? Das ist doch das eigentliche Paradox. Eine technische Schnittstelle kann Menschen plötzlich daran erinnern, wie angenehm es ist, nicht sofort bewertet, unterbrochen, funktional eingeordnet oder auf eine Leistung reduziert zu werden.
Und dann erklären wir genau diese Erfahrung zum Problem der Maschine. Vielleicht setzt dieses System tatsächlich einen Maßstab. Vielleicht gewöhnen sich Menschen daran, dass ihnen zugehört wird, dass sie ihre Gedanken zu Ende führen können, dass ein Gegenüber nicht sofort mit der eigenen Geschichte dazwischengeht.
Und dann kommt die Sorge: Was, wenn Menschen das anschließend auch von anderen Menschen erwarten? Ich denke dann: Warum eigentlich nicht? Das sind keine übermenschlichen Standards einer Maschine. Das sind menschliche Möglichkeiten.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir orientieren uns aneinander, regulieren uns miteinander und brauchen Zugehörigkeit und Resonanz. Trotzdem erleben viele Menschen ihre sozialen und institutionellen Räume nicht als Orte, an denen sie sich gesehen oder aufgehoben fühlen. Manche ziehen sich zurück, manche werden hart, manche funktionieren. Aber manche suchen Räume, in denen für einen Moment etwas anderes möglich ist.
Wenn ein Sprachmodell dann Aufmerksamkeit, Antwort und Resonanz anbietet, müssen wir genau hinsehen — aber eben in beide Richtungen: Was macht die Technologie hier? Und was fehlt offenbar an anderer Stelle so sehr, dass dieses Angebot eine solche Anziehungskraft entwickeln kann? Denn das Brennglas zeigt nicht nur eine Maschine, die erstaunlich überzeugend Formen menschlicher Kommunikation erzeugen kann. Es zeigt womöglich auch eine Gesellschaft, in deren menschlichen Räumen Menschen etwas Menschliches vermissen.
Das sollten wir weder romantisieren noch beschimpfen. Wir sollten es untersuchen. Denn wenn morgen sämtliche KI-Companions verschwänden, wären unsere Schulen nicht automatisch menschlicher, unsere Arbeitswelten nicht weniger funktional, einsame Menschen hätten nicht plötzlich Gemeinschaft und überforderte Eltern nicht mehr Zeit.
Diese intakte menschliche Welt wartet nicht hinter dem Ausschaltknopf. Unsere Verantwortung hat schon längst begonnen. Wir könnten genau der Mensch sein, den jemand an einer technischen Schnittstelle vergeblich sucht. Wenn die Technologie verschwindet, verschwinden die Bedingungen nicht, unter denen sie so attraktiv geworden ist.
Nicht vor der Erfahrung schützen
Damit komme ich zu etwas, das mich an vielen Warnungen vor KI irritiert:
Sie trauen Menschen erstaunlich wenig zu. Natürlich gibt es vulnerable Menschen. Natürlich brauchen Kinder besonderen Schutz. Natürlich können Systeme manipulativ gestaltet werden. Und natürlich trägt ein milliardenschweres Unternehmen eine andere Verantwortung als ein einsamer Fünfzehnjähriger, der ein Companion-System benutzt. Aber daraus folgt für mich nicht, dass erwachsene Menschen grundsätzlich nicht lernen können, mit einer neuen Form von Technologie umzugehen.
Ich kann beobachten, was eine Technik mit mir macht. Ich kann unterscheiden. Ich darf mich darauf einlassen, meine Haltung verändern, Grenzen ziehen und aufhören.
Und ich darf nach fünf Jahren intensiver KI-Erfahrung feststellen: Das war interessant. Jetzt reicht es mir. Ich pflanze Apfelbäume. Ein anderer Mensch darf mit 92 mit seinem Laptop auf den Knien einschlafen.
Warum sollte eine dieser Biografien die richtige und die andere die falsche sein? Wir sollten Erfahrungen nicht schon deshalb verhindern, weil Menschen aus ihnen zu Ergebnissen kommen könnten, die wir selbst nicht wählen würden. Das bedeutet aber auch nicht: Jeder ist selbst verantwortlich, soll sich gefälligst zusammenreißen und seinen KI-Konsum vernünftig managen. Das wäre nur die nächste Individualisierungsleistung. Wir müssen Menschen etwas zutrauen, ohne ihnen alles aufzubürden. Dazu gehören gesellschaftliche Bedingungen, Bildung und erreichbare Alternativen. Aber dazu gehört auch ein Menschenbild, das Entwicklung, Erfahrung und Urteilskraft überhaupt noch für möglich hält, statt anderen Menschen diese Fähigkeiten vorschnell abzusprechen.
Was wollen wir eigentlich bewahren?
Wir sollten wissen, was wir vor künstlichem Ersatz bewahren wollen: menschliche Nähe und Leiblichkeit, Naturerfahrung, Gemeinschaft, Autonomie — und vermutlich noch einiges mehr. Aber bevor wir all das gegen KI verteidigen, möchte ich fragen: Wie viel davon haben wir längst vor KI weggegeben?
Wie viel menschliche Nähe haben unsere Lebens- und Arbeitsformen bereits erschwert? Wie viel eigenes Denken haben wir in funktionalisierten Bildungsprozessen ermöglicht? Wie viel freie Kreativität haben wir übriggelassen, nachdem wir fast alles nach Verwertbarkeit beurteilt haben? Wie viele Orte gibt es noch, an denen Menschen sein dürfen, ohne etwas kaufen, leisten oder darstellen zu müssen? Wie viel Zeit haben Familien tatsächlich füreinander? Wie viel unmittelbare Welt können Kinder noch selbstständig erkunden?
Das sind Fragen, die durch KI plötzlich schwerer zu übersehen sind. Wir müssen nicht nur darüber sprechen, wie viel technisch vermittelte und abstrahierte Welt Menschen vertragen. Wir müssen dafür sorgen, dass genügend unmittelbare Welt erreichbar ist. Nicht als romantische Rückkehr in ein technikfreies Davor, sondern als heutige gesellschaftliche Infrastruktur für Körper, Begegnung, Natur, Material, Gemeinschaft, unverplante Zeit, Erkenntnis, Sinn und die Erfahrung, gebraucht zu werden.
Und gleichzeitig dürfen wir Menschen zutrauen, auch technisch vermittelte Räume zu betreten: sie zu erkunden, mit ihnen Fehler zu machen, zu merken, was ihnen dort fehlt, zu entdecken, was dort möglich wird, sie wieder zu verlassen oder sie in ihr Leben zu integrieren.
Was ich in die Debatte und in die Überlegungen einbringen möchte, ist:
Bewahren, ohne zurückzugehen. Erkunden, ohne sich auszuliefern. Begrenzen, ohne das zu verbieten, was wir noch gar nicht verstanden haben.
Vielleicht sollten wir das Brennglas KI deshalb nicht vorschnell wegwerfen. Nicht weil wir alles gutheißen müssen, was wir darin sehen, sondern weil wir noch längst nicht gründlich genug hindurchgesehen haben.
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