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Milliardäre durch Geldüberfluss

Milliardäre durch Geldüberfluss

Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Elon Musk und Peter Thiel sind die bekanntesten Beispiele von Glücksrittern, die in kurzer Zeit zu Milliardären wurden, und zwar nicht durch ihre Umsätze und Firmengewinne, sondern durch riskante Börsengänge.

Die Aktien von Mark Zuckerberg und Elon Musk

Die Finanzinflation war in den 1990er-Jahren schon sehr weit fortgeschritten. Eine riesige Geldmenge suchte nach neuen Anlagemöglichkeiten. So entstand der Hype der New Economy, in dem Glauben, dass durch das Internet eine der alten Wirtschaft überlegene, neue Form der Wirtschaft entstehen würde oder schon entstanden sei.

Auf dem Aktienmarkt entwickelte sich die Dotcom-Blase. Alles, was eine Internet-Adresse mit der Endung .com hatte, wurde von leichtfertigen Investoren als zukunftsträchtige Internetfirma eingeschätzt, und die Aktien hat man wahllos gekauft. Das geschah im wörtlichsten Sinne, ohne Rücksicht auf Verluste. Sogar Firmen, die Verluste machten und vom Risikokapital lebten, wurden hoch an der Börse gehandelt.

Die Dotcom-Blase kam um die Jahrtausendwende zum Platzen. Bei den Spekulationsobjekten handelte es sich fast ausschließlich um US-Firmen, die mit Krediten und sehr viel Reklame in die Höhen der Internetpräsenz geschossen waren und dann ohne viel Substanz und ohne Gewinne zu machen an die Börse gingen.

Risikobereite Spekulanten auf der ganzen Welt konnten mitmachen, wegen der enormen Beweglichkeit der Finanzen durch die Digitaltechnik, die damals schon vorhanden war.

Der große Reinfall mit America Online

Die Firma America Online wurde ein Riese am Aktienmarkt; sie bot nichts anderes als einen fachlich betreuten Internetzugang für Neueinsteiger, die sich im Netz orientieren oder unterhalten wollten. America Online, verkürzt AOL genannt, stieg so hoch im Börsenwert, dass man mit dem altehrwürdigen Medienkonzern Time Warner fusionieren konnte. Diese Fusion war aber eher ein Kauf. AOL übernahm Time Warner für circa 150 Milliarden US-Dollar, die weitgehend mit AOL-Aktien bezahlt wurden, welche sehr hoch im Kurs standen.

Time Warner besaß dagegen reale Werte: das bedeutende Nachrichtenmagazin TIME, das mit dem deutschen SPIEGEL in der besten Zeit — mit Rudolf Augstein — vergleichbar ist, und von der ehemaligen Firma Warner Brothers besaß man zahlreiche Film- und Musikstudios, außerdem Filmrechte und Rechte an erfolgreicher Popmusik.

Die Aktien von AOL waren 2001, als der Deal stattfand, wie alle Aktien der New Economy, sehr stark überbewertet, und man glaubte wohl, sie würden noch weiter im Kurs steigen. Die großen Verlierer waren bei diesem Deal die Aktionäre von Time Warner. Sie hatten ihre wertvollen Aktien des soliden Medienkonzerns gegen die eines fusionierten Mischkonzerns getauscht, der von dem Onlineportal AOL dominiert wurde, das schon bald niemand mehr brauchte; denn die Dienste, die AOL angeboten hatte, wie E-Mail-Verkehr und Online-Chatten, waren überall leicht und großenteils kostenlos zu haben.

Schon 2002 machte der fusionierte Konzern einen Verlust von 50 Milliarden US-Dollars. Die Fusion wurde bald rückgängig gemacht, und das war das Ende eines großen Reinfalls. AOL existiert zwar immer noch, ist aber bedeutungslos geworden.

Börsenstart ohne Firmengewinn

Die Chance, dass an der Börse Firmen aufsteigen, die noch keinen Gewinn gemacht haben, ist aber nicht aus der Welt. Allerdings gehört eine große Portion Glück dazu und eine besonders erfolgversprechende Idee. Beides trifft zu auf zwei sehr unterschiedliche Multimilliardäre: Mark Zuckerberg mit Facebook, der erfolgreichsten Kontaktbörse, und Elon Musk mit seinem Elektroauto Tesla, der, am Börsenwert gemessen, zum reichsten Mann der Welt wurde.

Diesen beiden ist, bewusst oder unbewusst, beim Gewinn der Milliarden eine Systematik gemeinsam: Sie sind nicht durch ihre Umsätze und Firmengewinne Milliardäre geworden, sondern erst durch den endgültigen Börsengang.

Die neuen Milliardäre haben diesen Status durch den Verkauf ihrer Aktien, mit dem Geld von Investoren aus der Finanzwelt erreicht, nicht mit Gewinnen der eigenen Unternehmen, also nicht auf dem realen Markt und nicht in der realen Wirtschaft. Man kann das Ergebnis ganz einfach so formulieren: Nach ihrem Börsengang besitzen Mark Zuckerberg und Elon Musk persönlich einen Anteil am globalen Geldüberfluss.

Außer diesen zwei Fällen ist da noch ein älterer Riese, der den Zusammenbruch der New Economy überlebt hat, namentlich Amazon, mit Gründer und Haupteigentümer Jeff Bezos. Amazon war auch zuerst mit Risikokapital gestartet, und Bezos ging an die Börse, noch ehe die Firma unterm Strich einen Gewinn gemacht hatte. Amazon ist aber mit seinem erfolgreichen Konzept ein Sonderfall.

In den USA bestand echter Bedarf nach einem gut funktionierenden Buchversand. Es gibt dort nur ganz wenige Städte, die wie europäische Städte eine Urbanität bieten, wo man durch die Innenstadt schlendert, in eine Buchhandlung geht und dann in einem Café sitzt und sich überlegt, ob man weiter einkaufen will oder ein Museum besucht, und das alles, ohne wieder das Auto oder ein Taxi zu benutzen.

Der bequeme und gut organisierte Buchversand Amazon brachte Lesekultur in die USA, und er funktioniert perfekt. Das ganze Konzept und die Software der Firma sind äußerst publikumsfreundlich ausgetüftelt, mit Rezensionen der Kunden und Bewertungen.

Aber Jeff Bezos denkt weniger an Kultur als an Expansion. Heutzutage kann man über Amazon alles kaufen, was sich versenden lässt. Das Verpacken, Transportieren und Zustellen der Pakete erledigen selbstverständlich minderbezahlte Hilfskräfte. Jeff Bezos, der Gründer des riesigen Firmenreichs, ist so gierig wie Billy Gates. Er gönnt der Konkurrenz, den Lieferanten und den angestellten Hilfskräften fast nichts. Die Verlage, welche die Bücher produzieren, wurden unter Druck gesetzt ,und die Verkaufspreise der Buchhandlungen konnte man unterbieten, denn in den USA gibt es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland und Österreich.

Schließlich lockt man mit portofreiem Versand ab geringer Kaufsumme, und die Paketdienste stehen unter gewaltigem Druck des Versandriesen. Ganz unten ein Millionenheer von prekär beschäftigten Logistik-Angestellten und Zustellern.

Der Name Amazon, nach dem größten Fluss der Erde, trifft im Sinne von Jeff Bezos genau das, was er will: Er will der Größte überhaupt sein. Doch Amazon geht noch einen Schritt über das hinaus, was den Amazonas-Fluss ausmacht. Der Amazonas nimmt dem Nil kein Wasser weg.

Amazon dagegen nimmt allen anderen im gesamten Wirtschaftsbereich, Verlagen, Lieferanten, Angestellten, Transportfirmen und auch den Staaten, mit allen erdenklichen Tricks das Geld weg.

Facebook, ein mehrfacher Glückstreffer

Mark Zuckerberg dagegen gibt sich cool und bescheiden; er scheint zu ahnen, dass sein Erfolg erst einmal auf riesigem Glück basiert. Das größte Glück war die Tatsache, dass Facebook erst gegründet wurde, als die Dotcom-Blase schon geplatzt und der Absturz der New Economy vollzogen war. Die Aktionäre hatten sich vom Schreck erholt und suchten wieder nach dem, was die New Economy schon versprochen hatte: neue Anlagemöglichkeiten mit interessanten Internetgeschäften.

Facebook wäre wahrscheinlich mit dem Absturz der New Economy untergegangen, wenn es schon bestanden hätte, denn es unterscheidet sich strukturell nicht von den Angeboten der New Economy, die eine neue Wirtschaftsform versprachen und auf der Nutzung des Internets basierten. Es gab auch schon ähnliche, erfolgreiche Kontaktbörsen, wie zum Beispiel Jappy und Myspace, die damals weit verbreitet waren.

Die schnelle Ausweitung der Teilnehmerzahl all dieser Kontaktmaschinen beruht auf einer Art Schneeballsystem. Wenn du nach irgendwelchen Personen oder ganz allgemein nach Kontakten suchen willst, musst du erst selber ein Profil anlegen und dich als Teilnehmer einbringen. So steigt die Teilnehmerzahl schnell, je bekannter die Kontaktbörse wird, und es kommt bei der Werbung darauf an, welches Kontaktangebot die meisten Teilnehmer registriert hat. Genau dort findet man am schnellsten, was man sucht, und man verbringt auf deren Seite die meiste Zeit. Und was noch etwas wichtiger ist: Es ergeben sich die meisten Klicks.

Die Klicks und die Verweilzeit sind das, was den Wert für die Anbieter der kostenlosen Dienste ausmacht, denn sie lassen sich in Geld umsetzen. Die Tarife für Werbung im Internet sind mit diesen Zahlen verbunden. In all diesen Konstruktionsmerkmalen unterscheidet sich Facebook nicht von den anderen Kontaktmaschinen und etlichen Firmen der New Economy, die längst verschwunden sind. Der entscheidende Unterschied und Vorteil geht aus der Geschichte von Facebook hervor. Es entstand auf dem Campus der Harvard University und wurde für die Studierenden dort entwickelt. Man zeigte sein Gesicht, daher der Name Facebook, und konnte mit diesem Gesicht eine Selbstdarstellung verbinden.

Während die anderen Kontaktbörsen hauptsächlich Profile mit Fantasienamen zeigten, also anonym gehandhabt wurden, waren bei Facebook Gesichter mit dem echten Namen und mit echten Personen verbunden. Und auf dem Campus einer Universität waren die Gesichter und Profile auch überprüfbar, denn die Teilnehmer begegneten sich gelegentlich in der Realität, ob per Zufall oder mit Kontaktabsicht spielt dabei keine Rolle.

Facebook funktionierte also nicht anonym und hatte damit im Internet eine Sonderstellung. Als es sich auf Teilnehmer außerhalb der Universität ausweitete, wurden weiterhin Profile mit echten Namen angelegt. Das bot einen riesigen Vorteil: Man konnte nach alten Freunden, Verwandten, Liebschaften und ganz allgemein nach Personen suchen, die aus dem eigenen Leben verschwunden waren, und wenn man wollte, konnte man mit ein paar Klicks Kontakt aufnehmen.

So entwickelte sich Facebook schnell zum Marktführer bei den Kontaktmaschinen, noch ehe ein materieller Gewinn erzielt wurde, denn die Teilnahme war ja gratis für alle. Die Kontrolle aber, die auf dem Campus der Universität bestand, nämlich ob ein Gesicht, der Name und das Profil echt waren, ging mit der Expansion bald verloren. Schon bei 100.000 oder einer Million Teilnehmern besteht diese soziale Kontrolle nicht mehr. Erst recht gibt es keine Kontrolle bei der Milliardenzahl an Facebook-Profilen auf aller Welt.

Facebook-Profile werden inzwischen von all denen angelegt, die öffentliches Interesse suchen: Politiker, Kommunen, Popstars, Prominente und vor allen Dingen, Werbeagenturen. Was dann echt, was Angeberei, Reklame oder bewusste Irreführung ist, überprüft niemand. Roboter, sogenannte Bots, können Facebook-Profile in beliebiger Zahl herstellen, und bis es bemerkt und aussortiert wird, können sie mit Fake-Profilen die Teilnehmerliste fluten, um statistische Effekte zu erzielen oder um echte Kontakte zu verhindern.

Von der Kontaktmaschine zur Geldmaschine

Es ist naheliegend, dass Facebook versucht hat, an Einnahmen durch Werbung zu kommen, denn mit der Expansion waren wachsende Serverkosten verbunden. Wie bei den Firmen der New Economy gab es zunächst finanzstarke Geldanleger, die risikobereit Kapital zur Verfügung stellten, während die Einnahmen aus der Werbung noch bescheiden waren. Was sollte man einem völlig unspezifischen Massenpublikum anbieten, außer Süßigkeiten und Getränken?

Mark Zuckerberg hat, ohne dass die Benutzer von Facebook etwas davon bemerkt hätten, aus den Kontaktdaten, den Klicks, der Verweilzeit und den Präferenzen der Teilnehmer mithilfe von Statistik ein Produkt gemacht, das man verkaufen kann, an alle, die dafür Geld bezahlen wollen.

Zuckerberg lässt die Daten der User, die freiwillig zur Verfügung gestellt werden, auswerten; die Zahlen werden aufbereitet, sortiert, gebündelt und dann verkauft. Je mehr Teilnehmer es sind, je mehr die User herumklicken, je länger sie auf der Plattform bleiben, also je mehr Zeit ihnen weggenommen wird, um so umfangreicher und wertvoller werden die Daten, die man auswerten und verkaufen kann.

Man kann außerdem mit Algorithmen Werbung und gleichzeitig das Verhalten der Teilnehmer auf der Plattform steuern. Da gibt es unbegrenzte Möglichkeiten für ein kreatives Team von Programmierern. Voraussetzung ist immer: Die Teilnehmer merken es nicht oder es ist ihnen egal, dass ihre eigene Person anhand der Klicks in Verhaltensmuster und Daten aufgelöst wird. Teile ihres Konsum-Egos werden unbemerkt gespeichert, ausgewertet und vermarktet.

Beim Börsengang zählte dann an erster Stelle die Zahl der Teilnehmer, denn die Investoren interessieren sich nicht für Einzelheiten, sondern für oberflächlich greifbare Zahlen. Noch ehe ein stabiler Gewinn erzielt wurde, ging Facebook mit sehr professioneller Unterstützung an die Börse, zu einem gewagt hohen Einstandskurs. Der Coup gelang, und Facebook kam sofort in die Börsencharts. Damit wurden Mark Zuckerberg und seine Miteigentümer über Nacht zu rein theoretischen Milliardären. Theoretisch soll bedeuten, dass man den Aktienanteil, den sie besaßen, mit dem Börsenkurs multipliziert. Erst wer seine Anteile verkauft, ist dann Dollar-Milliardär.

Weil die Miteigentümer von Facebook nach dem Börsengang ausgestiegen sind — sie hatten genug für das ganze Leben —, wurde Mark Zuckerberg alleiniger Chef der Firma, und er hat sich weiterhin als sehr clever erwiesen. Nur einen Teil seiner Aktien hat er vorsichtig verkauft, um den überhöhten Kurs nicht zu beeinträchtigen.

Facebook steht seitdem hoch in den Charts, und wenn in den Börsencharts ein Unternehmen erst einmal ganz vorne liegt, gibt es kaum noch einen Abstieg. Dann greift ein Mechanismus, der von vielen Aktienfonds betrieben wird: Man disponiert genau die Aktien, die in den Charts sind. Man sagt in der Börsensprache: Der Fonds bildet die Charts ab. Das ist eine Taktik, die leicht, sogar von Computern, zu erledigen ist. Sie bestärkt jeden Trend und konzentriert sich auf die Top 100 oder Top xyz in den Charts derjenigen Börsenpapiere, die dann automatisch überbewertet werden.

Mark Zuckerberg ist seitdem Miteigentümer am riesigen, globalen Geldüberfluss, ohne dass Facebook einen besonderen Gewinn erzielt hat oder über besonderes Eigentum an Immobilien, Fabriken und Warenlagern verfügt. Mit dieser Situation ist Zuckerberg sehr realistisch und geschickt umgegangen, er hat sich weiter auf den Aktienmarkt konzentriert und seine Basis mit neuen Aktienangeboten verbreitert. Aus Facebook hat Zuckerberg den Konzern Meta Platforms entwickelt. Dazu gehören jetzt: WhatsApp, Instagram, Facebook Messenger und etliche andere Internetangebote, die Optionen auf eine zukünftige Entwicklung darstellen.

Elon Musk und die DeMUSKierung eines Irrtums

Der Erfolg von Elon Musk mit Tesla sieht auf den ersten Blick ganz anders aus als der Aufstieg von Facebook zu den Meta Platforms von heute, mit Mark Zuckerberg als Lenker. Es handelt sich schließlich um eine Automobilfirma und nicht um Internetangebote. Doch die Geldquelle, die Elon Musk und Mark Zuckerberg zu Multimilliardären machte, ist genau die gleiche: Finanzinvestitionen an der Aktienbörse.

Elon Musk ist längst nicht so bescheiden wie Mark Zukerberg, der sich betont im Hintergrund hält, sondern er präsentiert sich und seinem Erfolg, wo er kann. So ist er eine der bekanntesten Figuren auf der Weltbühne geworden, und er beschäftigt sich gerne und öffentlich mit Politik.

Hier erhebt sich die Frage, wie der ursprünglich aus Südafrika stammende und lange von seiner Mutter geförderte Elon Musk in den USA zum parteilosen Meinungsmacher Nr. 1 in Politik und Medien geworden ist. Was qualifiziert ihn? Die Antwort ist sehr einfach: Seine Qualifikation besteht in erster Linie darin, dass er Multimilliardär ist und zurzeit als der reichste Mann der Welt gilt.

Und wir fragen weiter: Worin besteht sein Reichtum und mit welcher Leistung ist er Multimilliardär geworden? Der Reichtum von Elon Musk besteht, wie der Reichtum vieler Milliardäre, in seinem Aktienbesitz, und das Besondere am Börsenwert seiner Firma Tesla ist die starke Überbewertung der Aktien im Vergleich zu den mäßigen Verkaufserfolgen der Automobile auf dem Markt. Tesla ist an der Börse mehr wert als alle großen deutschen Automobilfirmen zusammengenommen. Auf den Straßen der Welt aber ist Tesla immer noch kein Massenverkehrsmittel, sondern eher ein Exot. Diese merkwürdige Relation zwischen Börsenerfolg und Markterfolg hat kaum etwas mit der Automobilindustrie zu tun. Es ist ein typisches Phänomen der Finanzwirtschaft im 21. Jahrhundert.

Die extrem hohe Bewertung der Automobilmarke Tesla ist eine Folge von Trugschlüssen und Irrtümern, unter starkem Einfluss der real erzielten Aktienkurse. Der Trend hin zum Elektroauto Tesla geht von der richtigen Erkenntnis aus, dass Elektrofahrzeuge besser für die Umwelt sein können. Doch das gilt, wenn man genauer hinschaut, nicht für Elektrofahrzeuge jeder Art. Es gilt vor allem dann, wenn sie auf Schienen fahren und an feste Stromleitungen angeschlossen sind. Die Technik der elektrischen Bahnen ist mehr als 100 Jahre alt und wurde ständig weiterentwickelt und verbessert, aber sie ist nicht individuell wie das Automobil. Elektrische Bahnen müssen gemeinschaftlich betrieben werden.

Automobile sind für den Individualverkehr geschaffen, und sie isolieren von der Gemeinschaft. Das fahrende Auto täuscht eine Autonomie der Fahrer vor, die dann im ständigen Stau und bei der Parkplatzsuche ihre Grenzen findet.

Der Trend zum Autofahren hat sich in der Zeit der Coronamaßnahmen noch verstärkt. Man konnte das Fahren ohne Maske genießen, mit klarem Blick auf das Elend umher. Ein kurzer Zwischenspurt, zwischen den Ampelstopps und den Staus, bestärkt das Ego und verschwendet Energie, die man sich leisten kann. Der öffentliche Verkehr dagegen wurde jahrelang durch den lästigen Slogan belastet: „Beachten Sie bitte: Hier gilt nach wie vor die Maskenpflicht.“

Die Elektrifizierung hat aber noch andere Möglichkeiten als den öffentlichen Personenverkehr. Man kann starke Elektromotoren in rollende Seifenkisten für eine einzige Person einbauen, sie mit Batterie betreiben und damit Rennen veranstalten. Batterien sind aber schwer, die Reichweite der Fahrzeuge war begrenzt. Andererseits ist der Antrieb mit Elektromotoren einfacher strukturiert als der mit Verbrennungsmotoren, und die Fahrzeuge benötigen für Steigerung der Geschwindigkeit kein Getriebe, was bei kurzen Autorennen zum Erfolg führt. Diese technische Möglichkeit hatte sich in den USA zu rasanten Autorennen mit Elektrowagen entwickelt.

So kam ein Mann namens Elon Musk aus Südafrika auf die Idee, ein Auto zu bauen, das wie die Rennautos an erster Stelle einen riesigen Stromspeicher transportiert. Die technische Entwicklung von Akkumulatoren, also aufladbaren Batterien, kam dem entgegen, und so entstand der konsequente Elektro-PKW Tesla: sehr schnell, sehr leicht zu bedienen, sehr teuer, also das richtige Fahrzeug für wenige, aber die richtigen Kunden: Technik-Freaks, Finanzjongleure und Zweitwagenfahrer.

Dann ging Elon Musk mit viel Aufmerksamkeit und Unterstützung von Insidern an die Börse, noch ehe die Firma einen Gewinn abgeworfen hatte. Die Tesla-Aktien wurden ein Hit. Nicht das Auto, sondern der Börsengang habt Elon Musk zum Milliardär gemacht. Nach wie vor sieht man Tesla selten auf den Straßen, doch der Wert der Tesla-Aktien übersteigt den Börsenwert aller anderen Automobilkonzerne: Daimler-Benz, VW, Toyota, BMW, Renault — sie alle sahen an der Börse gegenüber Tesla schwach aus. Dort sind sie weniger wert, weil sie Verbrennungsmotoren verwenden. Das ist aber die Sicht der Börsianer, nicht der Blickwinkel realistischer Umwelttechnik.

Tesla hat an der Börse gewonnen, weil die Finanzwelt einen Teil des riesigen Geldüberflusses, der auf dem Finanzmarkt herrscht, in Tesla-Aktien angelegt hat. Die Käufer der Aktien finden Tesla zukunftsträchtig und schick. Elon Musk verkaufte also nicht an erster Stelle Autos, sondern Aktien der Marke Tesla. Würde man alle Autos auf den Straßen der Welt durch Teslas ersetzen, wäre für die Umwelt und das Einsparen von Energie wohl nichts gewonnen.

Auch Elon Musk ist, noch mehr als Mark Zuckerberg, ein Glückspilz, was man daran erkennt, wie viele zufällig zusammentreffende Faktoren den Börsenboom von Tesla ausgelöst haben: an erster Stelle die riesige Nachfrage nach Trendaktien, dann zweitens die vage Hoffnung auf eine umweltfreundliche Technik, drittens die rasante Entwicklung der Akkumulatoren in China und schließlich die persönliche Leistung von Elon Musk: ein gut gestyltes und konsequentes Elektroauto für eine kleine, aber aufstrebende Kundschaft.

Elon Musk hatte eine zündende Idee, die man ihm nicht absprechen kann, aber er hat sein Geld nicht mit Automobilen verdient, sondern mit Tesla-Aktien und mit den Launen der Geldanleger. Doch er scheint sich als der reichste Mann der Welt für ein Genie zu halten. Das ist leicht erklärbare Hybris, und diese Hybris brachte ihn vorübergehend in die Nähe von Donald Trump.

Und zuletzt hat Elon Musk den Börsen-Coup, den er mit Tesla-Aktien gelandet hat, anscheinend wiederholt, mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX. Auch dabei ist, ohne klare Gewinne und Gewinnmöglichkeiten, der Börsengang das eigentliche, große Geschäft.

Das zeigt uns wieder einmal, wie abgehoben die Finanzgeschäfte inzwischen geworden sind und wie leicht es ist, in dieser Finanz-Oberwelt schnelle Geldanleger zu finden. Es gibt immer mehr Leute, die viel zu viel Geld haben. Demnächst blüht uns vielleicht der Tesla Oreschnik, mit Raketenantrieb, der nach dem ersten Prototypen an der Börse so abgeht, dass es von der Erde aus gar nicht mehr wahrzunehmen ist.


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