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Palliative Stille

Palliative Stille

Wenn Corona-Skeptiker öffentlich bedauern, dass keine Bomben über dem Iran zünden, dann ist es Zeit für einen Neuanfang.

wie still und reglos
harrt die heuschrecke im gras
bis sie plötzlich springt

Ist einem Patienten in gewissem Stadium nicht mehr zu helfen, Kinder, kommt die palliative Medizin zum Anschlag. Allerdings beruht das auf Voraussetzungen. Im konkreten Fall sind es sogenannte wissenschaftliche Strukturen, verzahnt mit dem Geld. Viel Geld. Da wird festgelegt, was Medizin ist, was palliativ ist, was Stadium bedeutet und auch, was helfen meint. In einer anderen Welt mit anderen Deutungen würde das Bild eines kranken Menschen, dem nicht mehr zu helfen wär, so nicht gesetzt. Weil der Tod eine ganz andere Bedeutung hätte. Zum Beispiel. Doch leben wir nun einmal in dieser einen Deutungswelt. Und da scheint die Menschheit als Ganzes dieser Patient zu sein. Und so ist gewissermaßen alles Palliativmedizin, was zum Anschlag kommt. Von Fußballspielen über Konzerte und Gottesdienste bis hin zu Yoga und Achtsamkeitsseminaren. Und auch Machtkritik ist palliativ geworden, Kinder. Schon allein deswegen, weil sie über Medien daherkommt. Und Medien sind Teil der großen leuchtenden Technologie. Und die große leuchtende Technologie mit all ihren Tentakeln ist ganz und gar palliativ angelegt.

die sekunde
vollendet
die stunde

Wir befinden uns also in einem palliativen Stadium. Nicht in Wahrheit — kennt die jemand, Kinder? —, sondern im Rahmen der Deutungsmuster, welche man uns beschert hat.

Und als Dissident, Ketzer und Kollaborateur muss ich einsehen: die ganze Dissidenz ist palliativ. Allein schon, weil es im Zentrum dieser Dissidenz von Businessmodellen nur so wimmelt. Seminare, Coachings, Referate, Vorträge endlos.

bin ich du
bist du wir
sind wir ich

Für die Betreiber der Zivilisation — im Rahmen derer die Menschheit ein palliativer Fall geworden ist — stellt sich naturgemäß die Frage: Reichen die palliativen Kräfte in der Kritik aus oder schickt man besser noch wen vorbei? In aller Regel werden ein paar gesandt. Und da, wo viel Business und Geschäftsgeist herrscht, fallen die Vorbeigeschickten ja auch kaum auf, und so haben sie leichtes Spiel. Im Grunde ist Kritik ganz ohne Aufwand in die palliative Richtung zu drehen, wenn genügend Kapital mit im Spiel ist. Spenden und dergleichen. Ab Hunderttausend ist die Zersetzung ein Selbstläufer.

Die juristischen Streitereien unter Ketzern — im Grunde todtraurig, Kinder — zeugen davon. Auch diejenigen, welche die Macht zunächst das Fürchten lehren, sich mit Ausschuss und anderem anschreiben und laut und deutlich werden, sind im Regelfall zu sedieren. Aber wie gesagt, zur Sicherheit schickt man doch gerne paar V-Laute vorbei, die als Sargnagel ein Treffen mit einem König aus versunkenen Zeiten auf einem Märchenschloss anzetteln oder mit anderen originellen Ideen glänzen. Und weil der Widerstand das Palliative bereits in sich trägt, können die Gesandten getrost davon ausgehen, dass solche Ideen auf fruchtbaren Boden fallen. Am Ende ist es freilich einerlei, ob ein Königstreffen nötig gewesen wäre oder nicht. Sicher ist sicher.

so viele fische
doch nur der große
taucht in die tiefe

„So traurig. #IranRevolution2026 ist wohl gescheitert.“ Woher kommt dieser Satz, Kinder? Von Bill Gates? Elon Musk? Von Tucker Carlson? Von der WHO? Von Milei oder Pinochet gar, würde er noch leben? Oder doch von einem Exponenten des deutschen Coronawiderstands? Mehrfachantworten möglich. So geht das Spiel, ein trauriges, zugegeben. Die Frage ist, ihr habt’s erkannt, rhetorisch. Fast rhetorisch zumindest.

Tucker Carlson steht exotisch in der Auswahl: ein Konservativer, der verstanden hat, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und wer Goethe verstanden hat samt seinem West-östlichen Divan, der wird kein Bedauern darüber ausdrücken können, dass die Auslöschung der persischen Zivilisation durch die Golfspieler von Florida und den Impffreund Netanyahu nicht geglückt ist.

Wer Goethe und den West-östlichen Divan verstanden hat, wird stattdessen seinem menschlichen Entsetzen darüber Ausdruck verleihen müssen, dass die Mädchen von Minab mit einer Tomahawk gezielt ausgelöscht wurden und zwanzig Minuten später mit einer zweiten, ebenso gezielt gefeuerten Rakete, diejenigen, die zu Hilfe eilen wollten.

Wer Goethe und seinen Faust verstanden hat, der weiß aber ebenso, dass diese Kunst der „Revolution“ eine lange Tradition hat, angefangen mit dem Werk, das die Spanier mit dem Segen der Kirche getan und von dem wir dank eines Urahnen von Edward Snowden, dem Dominikanermönch Bartolomé de las Casas, erfahren haben. Tucker Carlson fällt also weg, die anderen können im traurigen Rätsel verbleiben und die richtige Antwort ist: Hinter dem Satz des Bedauerns, dass die Revolution nicht zu Ende geführt werden konnte, steht ein prominentes Gesicht des Corona-Widerstands. Bedenklicher als dies, Kinder, scheint mir indes die Tatsache, dass auf den Kanälen, die sich als Widerstandserrungenschaft begreifen, der Gehalt dieses Bedauerns nirgendwo eingehender unter die Lupe genommen worden wäre. Das ist dann mehr als ein Bedauern wert.

was das wesen war
ist es nicht und was es ist
wird es nicht mehr sein

Ob Nazis im Corona-Widerstand dabei waren? Ich glaub es nicht, Kinder. Jedenfalls keiner, der nach Hitler gerufen hätte. Die Nazis waren die Parolen des Systems, seinerseits in faschistoiden Mustern gebettet. Aber das Kapital war da, Business — auch als Ideal, als Heil. Und diese Wirklichkeit steht für sich und ist nicht gegen die Tatsache aufzurechnen, dass in Teheran eine Regierung am Werk war und ist, die, wie überall, nach den Gesetzen der Macht vorgeht und die — ich habe das ganze Land bereist, mit unzähligen Menschen gesprochen — von vielen Iranerinnen und Iranern als zumindest problematisch angesehen wird.

Die Änderungen aber, welche die Menschen sich wünschen und die sie selber gestalten und nicht aus Florida oder Jerusalem herbeigebombt bekommen möchten, werden mit der Aussage: „Traurig, die Iranrevolution 2026 ist wohl gescheitert“ einem Hohn ausgesetzt, der sich — und ich sag das durchaus als Satiriker, Kinder — durch keine Satire und keine Realsatire und durch keine andersartige Brechung rechtfertigen ließe. Anlässlich eines von Florida aus gesteuerten Bombenterrors und gezielt herbeigeführten Ökokatastrophen mit Vergiftungspotential für alle Menschen vor Ort von „Revolution“ zu sprechen bedeutet am Ende aber die Verhöhnung aller ethischen Maßstäbe schlechthin. Formuliert aus dem Coronawiderstand.

in der dämmerung
streift mich ein hauch von schwindel
wie samt und seide

Werden einerseits Äußerungen, formuliert während der Coronaregulatur, zu Recht als faschistoid gewertet, andererseits Äußerungen wie diese aber, aus dem Munde prominenter Coronadissidenter stammend, von einem Widerstand, der weiterhin am Werk sein will, stillschweigend hingenommen, so stellen sich ein paar Fragen, Kinder. Fragen zum palliativen Gehalt der Handlungen all jener, die einmal laut aufgeschrien haben bei den Impfungen und nun schweigen. Oder jener, die selber solche Sätze auf der Linie der westlichen Heilsordnung, begonnen mit den Conquistadores, formulieren. Und nein, Kinder, es ist dies nicht die einzige Äußerung dieser Natur, die aus dem ‚Coronawiderstand‘ zu lesen war. Sie steht pars pro toto.

grasgrüne knospen
blinken im kahlen geäst
jenseits des flusses

Niemandem sei Zynismus unterstellt, niemandem eine Freude über das Massaker von Minab. Auch dem Schreiber, dessen Zeilen ich hier lese, nicht. Er sieht in den Bomben auf den Iran das Heil. Und damit in allem, was hinter diesen Bomben steht, Golfrasen inklusive.

Dass er das Morden durch die Macht im Iran als Argument platziert, bestätigt das. Die Linie des Imperiums, die zurückreicht, diffundiert dadurch allerdings nicht, im Gegenteil. Wie viele Conquistadores gingen davon aus, das Richtige zu tun?

Und wie viele, die ihren Dienst taten in irgendwelchen Institutionen, Stoßtrupps und Lagern ebenso? Es gibt stets eine Moral. Und es gibt stets genügend Destruktion auf der Seite jener, die man mit dem Heil überzieht, auf dass die Moral aufgeht.

Und wenn der gleiche Autor schreibt: „8. Mai 1945—2025 Heute vor 80 Jahren kapitulierten die linken National-Sozialisten. Ihre Herrschaft beruhte nicht auf großem Zuspruch, sondern auf schwachem Widerstand der bürgerlichen Mitte“, so hat auch das eine Tradition, welche mit derjenigen der Conquistadores am Ende zusammenläuft.

Die Verschiebung des Faschismus nach links und die Fortwaschung des deutschen Volkes aus diesem Faschismus heraus ist Voraussetzung dafür, das feudalkapitalistische System wieder gänzlich und uneingeschränkt hochfahren zu können. Dass unzählige Kommunisten in den KZs der Nazis geendet hatten, ist die bittere Fußnote bei dieser Verschiebung.

den blühenden zweig
belebt verborgen
die alte wurzel

Gab es keine Nazis im Widerstand, Kinder? Nein, Nazis gab es nicht, weil Erkenntnistheorie und Folklore miteinander nichts zu tun haben. Wie aber ist es um die Dissidenz bestellt, wenn man liest: Es sei nicht das Kapital gewesen, das die Gates‘ und die Epsteins und Soros‘ und die Pharmakonzerne und die Digitalkonzerne und die Rüstungskonzerne in die Lage versetzt habe, den Virenflug samt Regulatur zu orchestrieren, sondern der Sozialismus, und weiter, es sei nicht Palantir und Co, was die Welt in ein digitales KZ überführe, sondern der Kulturmarxismus?

Hat tatsächlich der Sozialismus die Mädchen von Minab in die Luft gesprengt? Ich frage euch direkt: Wer hat euch umgebracht, Kinder? Und wer wird euch in Algorithmen auflösen?

Man braucht nicht links zu sein, nicht Sozialist, nicht Kommunist, um zu begreifen. Es reicht dafür, Goethe zu verstehen und seinen West-östlichen Divan. Und es reicht, Zahlen und Figuren gründlich zu misstrauen, wie es Novalis tat. Und es reicht, den Process von Kafka zu lesen. Wirklich zu lesen, wie man in Deutschland bislang vielleicht niemals zu lesen gelernt hat.

Am Ende aber, Kinder, braucht es das alles nicht. Menschsein, das reicht.

„Ist das ein Mensch?“ — so lautet Primo Levis unhintergehbares Zeugnis aus dem KZ der Nazis.

gestern ein klang
heute ein wort
morgen ein traum

Dieser wunderhaft stille Gedichtband — er setzt alles auf Anfang, so dass der Anfang ohne alle Voraussetzung beginnen könnte — wird vielleicht auch zum Businessmodell, wenn ich seinen Titel angebe und angebe, wo er zu beziehen ist.

Und so wäre auch ich, Kinder, mittendrin und palliativ unterwegs. Kollaborateur, wie gesagt. Auf einen Link verzichte ich, denn ich möchte zumindest etwas Abstand wahren. Gesagt sei aber doch: Der Autor (kann Stille einen Autor haben?) heißt Peter Fahr. Erschienen ist das Buch in diesem Jahr in der Edition Königsstuhl. Der Titel: Was wir sind. Ob der Autor glücklich ist, die Gedichte hier zu sehen, weiß ich nicht. Es kann aber geschehen, dass weder diese Empfehlung für das Buch noch die Zeilen der Stille, die darin erscheinen, palliativ sind. Das, Kinder, kann wirklich geschehen.

atme das licht
rieche den klang
schmecke das wort


Redaktionelle Anmerkungen: Dieser Text erschienen zuerst unter dem Titel „Palliative Stille“ im Rahmen des Medien-Tresen der Freien Akademie für Medien und Journalismus.


Hier können Sie das Buch bestellen:Edition Königstuhl


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