Neulich hat mich mein Chef gelobt. „Das Angenehme an dir ist, dass du wie eine Maschine funktionierst. Stumm und klaglos. Die Arbeit passt immer hundertprozentig.“ Weil anerkennende Worte in unserem Betrieb so selten fallen, wie Hagelkörner zu Weihnachten, hat mich dieses Lob im ersten Moment sehr gefreut. Aber unmittelbar danach empfand ich dieses Lob beinahe als persönliche Schande. So weit haben mich also mein Pflichtgefühl, mein Ehrgeiz, meine Geduld und mein Schuldbewusstsein getrieben, dass ich am Ende nur noch als Maschine wahrgenommen werde.
Maschine Nr. TX führt die Arbeiten reibungslos und störungsfrei aus. Ein besonderer Vorteil dieses Maschinentyps besteht darin, dass er absolut anspruchslos ist. Eine regelmäßige Wartung oder Überholung dieser Maschine ist weder notwendig noch vorgesehen. Maschine TX ist aus Fleisch und Blut, und damit das so bleibt, bekommt sie jeden Monat einen fixen Geldbetrag auf ihr Konto überwiesen, um sich am Leben zu erhalten. Maschine TX ist, wie oben erwähnt, im Allgemeinen stumm, aber mit manchen Maschinenkollegen scheint sie sich gut verständigen zu können. Unser Betriebsklima hat sich im Übrigen verbessert, seit Maschine TX bei uns installiert wurde. Manchmal kommt es allerdings vor, aber wirklich sehr selten, dass Maschine TX wütend die Türen zuschlägt, mit Geschirr etwas grob verfährt und plötzlich akut redselig wird. Möglicherweise eine natürliche Folge von Überlastung. Aber da sie nur eine Maschine ist, braucht man das nicht weiter ernstzunehmen. Allerdings ist diese Maschine wirklich erstaunlich. Sie ist nämlich in der Lage, sich für derlei Störfälle zu entschuldigen, wenn sie glaubt, einen Unschuldigen damit getroffen zu haben.
Ein oder zweimal hat mich Maschine TX gebeten, ihre Lauf/Betriebszeiten geringfügig zu ändern. Aber warum sollte ich ihrem Wunsch entsprechen, wenn es für mich dann nicht leichter wird.
Wenn Sie mich fragen, ob es mich interessiert, was Maschine TX fühlt oder denkt, erlaube ich mir explizit die Gegenfrage, ob Maschinen überhaupt denken, geschweige denn fühlen können. Und selbst wenn es sich bei TX um einen Menschen handeln würde, bin ich keineswegs verpflichtet, mir über sein Wohlergehen Gedanken zu machen. Im Übrigen hoffe ich, dass uns Maschine TX noch lange erhalten bleibt, denn Tatsache ist, dass dieser Maschinentyp nicht nur kostenschonend , sondern auch ausgesprochen nervenschonend ist. Die Stiftung Warentest hat in einem Gutachten diesem Maschinentyp in allen Punkten die besten Leistungen attestiert.
Ich, Maschine TX, funktioniere also hervorragend. Aber darüber hinaus bin ich der Lage, zu hören und zu sehen, und das Gehörte und Gesehene in meinem Hirn zu verknüpfen und aus diesen Verknüpfungen versuche ich in redlicher Art mein Umfeld nicht nur kritisch, sondern auch wohlwollend zu beurteilen. Ich Maschine TX, hege oft den Verdacht, dass ich von Robotern umgeben bin. Unbeirrbar, mit ausdrucksloser Miene führen sie die Arbeit mit ihren äußerst geschickten und flinken Händen aus. Ihr Mund öffnet sich nur in Notfällen, um ein Wort auszuspucken, denn Kommunikation beschränkt sich auf ein Mindestmaß. Und ob Sie es nun glauben oder nicht: Ein herzliches Lachen habe ich noch nie vernommen. Gelächelt wird nur aus Höflichkeit. Mittlerweile kann ich übrigens vorhersagen, wer mit welchen Worten, mit welchen Gesten Befehle erteilt; einige dieser Roboter pflegen übrigens ihre Anweisungen stets mit Vorschusskritik zu kombinieren. Überraschungen sind gänzlich ausgeschlossen. Alle sind berechenbar.
Die Programmierung dieser Roboter ist auf Ernst und gezielten Kampf ausgerichtet. Die Speisenausgabe für einige hundert Leute, — das Finale des Tages —, entfacht allerdings eine lichterlohe Hektik, die mich an Kriegsvorbereitungen oder mindestens an Brandbekämpfung denken lässt. In dieser Phase verwandeln sich die Roboter wieder in Menschen. Ihre Stimmen erheben sich, ihre Bewegungen wirken hastig, als ob sie gejagt würden. Ihre Augen funkeln vor Anstrengung und Anspannung.
Ich bin Mensch. Ausgestattet mit allen Sinnen und verwundbar bis in die Fingerspitzen. Maschine TX ist meine Maske, gewissermaßen trage ich sie als Schutz, so wie ich einen Regenschirm verwende, wenn es regnet.
Das Leben in meiner Arbeitswelt ist auf diese Weise erträglicher, und meine Existenz als geistig und seelisch gesunder Mensch weniger gefährdet. Nicht Pflichtgefühl, Ehrgeiz und Schuldbewusstsein trieben mich in „Maschinenhaft“, sondern schlicht und einfach mein Überlebenswille.
Es besteht also kein Grund, sich dafür zu schämen.
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