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Schwurbelalarm am Seitenrand

Schwurbelalarm am Seitenrand

Mögliche Impfschäden darf es nicht geben. Auch wenn man sie hat. Ja selbst wenn man ein Buch mit seinen Erfahrungen zu diesem Thema schreibt.

Das Kabarett — wenn man die heute-Show mal großzügig als kabarettistischen Ableger bezeichnen möchte — hat also die Rolle gewechselt und sich auf die Seite der Mächtigen gestellt, um den Ohnmächtigen im Lande eines auszuwischen. Für Christine Prayon war das nicht mehr tragbar. Nun steht sie nur noch auf der Kabarettbühne, gibt ihr Programm zum Besten. Das heißt: wenn sie kann! Denn Christine Prayon hatte nicht nur Corona — sie ist auch geimpft. Das hat ihr Leben verändert. Allerdings nicht zum Guten, wie es die Impfkampagnen versprachen.

Post-Vac? Streichen Sie das!

Überzeugung war nicht im Spiel, als sie sich impfen ließ. Sie wollte arbeiten können, von irgendwas leben müssen auch Künstler. Wie Pflegekräfte werden sie vom Applaus alleine nicht satt. Ungeimpft auf die Bühne zu gehen: Das war in jenen sehr dunklen Tagen ungefähr genauso gut möglich, wie ohne Impfnachweis in ein Lokal zu kommen. Die Kunstszene war überhaupt ziemlich unkritisch damals; die wenigen aus der Branche, die es wagten, die Maßnahmenpolitik der Bundesregierung zu hinterfragen, ernteten Shitstorms und vernahmen Forderungen, man möge sie doch bitte mit einem Berufsverbot belegen. Christine Prayon verurteilte auch das. Aber was tun, wenn man auftreten muss, um seine Miete zu bezahlen? Es blieb nur das, was man seinerzeit verniedlichend als Piks bezeichnete.

Ist das nun Long Covid oder Post-Vac, was sie quält? Sie fragt sich das selbst, glaubt aber eine zeitliche Nähe zur mRNA-Spritze ausmachen zu können. Seither ist sie leidgeplagt. Schwere Müdigkeit befällt sie dann und wann. Die Abgeschlagenheit ist dann so massiv, dass sie in diesen Momenten nur im Bett liegen kann.

Als Mutter macht sie sich Vorwürfe; sie kann sich in diesen Phasen kaum aufrappeln, muss dem Nachwuchs gegebene Versprechungen brechen. Zur Müdigkeit kommen zusätzlich, hier sei die Kabarettistin zitiert:

„Muskelzittern. Muskelschwäche. Muskelzucken. Taubheitsgefühle. Kribbeln. Missempfindungen in Händen und Beinen. Starkes Herzklopfen. Herzstolpern. Herzschmerzen. Druck auf der Brust. Engegefühl. Schwindel. Blutdruckschwankungen. Innere Unruhe. Massive Schlafstörungen. Depressive Verstimmungen.“

Und das sei nur die kurze Liste, schreibt sie in ihrem neuen Buch „Abwesenheitsnotiz. Long Covid, Short Story“.

Das ist ein, sagen wir mal nicht ganz gewöhnliches Buch. Gewissermaßen ein Bühnenauftritt zwischen Buchdeckeln. Es dokumentiert unter anderem den Mailverkehr mit ihrer Lektorin. Und Letztere hat der Autorin Christine Prayon auch reichlich Passagen angestrichen. Wegen „Schwurbelalarm“, wie Lektorin Gaby Konopke es nennt und an den Seitenrand notiert. Abgekürzt schreibt sie SA — ein Akronym, das viel verrät, aber natürlich nur Zufall ist: Konopke wolle die „liebe Christine“ doch nur schützen. Nicht dass man sie in eine Ecke stellt, in der sie nicht verweilen möchte. Prayon äußert sich in ihrem Buch auch zu allerlei, insbesondere zur sogenannten Cancel-Culture. Macht sich in diesem Land übrigens noch jemand Gedanken, wie man Phänomene mit deutschen Begrifflichkeiten bezeichnen könnte? Oder ist Cancel-Culture mittlerweile Deutsch? Konopke streicht ihr alles an; überall begibt sich die Autorin aufs Glatteis. Ohne eine umsichtige Lektorin wäre es doch längst um sie geschehen.

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Nun könnte man der Wahrheit halber hinzufügen, dass Gaby Konopke eine Kopfgeburt der Autorin ist. Aber man muss in einer Rezension ja auch nicht alles verraten. Und selbst wenn sie nur eine Erfindung ist: Konopkes gibt es reichlich in diesen Zeiten und in diesen Landen. Sie streichen vielleicht nicht jede Passage an, die Probleme bereiten könnte. Denn das sind nur halbe Sachen. Finden sich zu viele solcher Textstellen in einem Manuskript, nimmt man es gar nicht erst an: So arbeiten Profis! Die Autorin weiß das natürlich und mäandert in ihrem Buch umher: Was soll sie schreiben? Doch lieber irgendwas mit Liebe und Sex — das verkauft sich besser als ein Buch, das in den Ruch geraten könnte, die Segnungen der mRNA-Technologie zu kritisieren.

Im Kern haben wir es mit einem Buch über die Feinde der offenen Gesellschaft zu tun — was Prayon so nicht schreiben kann, ohne dass die Lektorinnenzensur greift. Schwurbelalarm! Die Autorin macht das recht geschickt. Sie sagt zwar alles, bekommt aber auch alles gestrichen. Das sind die Kniffe, die man wohl lernen muss in Zeiten wie diesen. Es sagen, es dementieren, es zur Sprache bringen, es gleich wieder tilgen. Vielleicht kann man auch von der DDR lernen, in der man ja auch Botschaften in Rocksongs platzierte, die Eingeweihte schon begreifen konnten, so sie ein gewisses Maß an exegetischem Gespür aufwiesen.

Man wird unter Umständen wirklich lernen müssen, wie man die Konopkes an den Funktionshebeln des Systems umgehen kann, ohne dass sie es merken. Ein in sich selbst zensierendes Buch: Das ist eine Methode. Sie ist Christine Prayon erstaunlich gut geglückt. Wir benötigen künftig wohl solche Umgehungsmethoden. Denn der Debattenraum verengt sich zunehmend.

Deutlich wird dennoch, wie sehr die Kabarettistin mit der Politik und den Medien hadert. Wo bleibt das Engagement für Aufklärung in Sachen Impfstoffe? Wie alle, die glauben, sie würden bis heute an schweren Nebenwirkungen der sogenannten Impfung leiden, kann auch sie es nicht verifizieren. Diese schiere Unmöglichkeit des Beweises ist die Lebensversicherung der Pharmaindustrie. Aber dass es nicht mal ein breites Forschungsbestreben zu den Folgen gibt, dass man abgewiesen wird, wenn man mit solchen Beschwerden beim Arzt vorstellig wird, das treibt Christine Prayon um. Gaby Konopke natürlich auch, denn sie hätte gerne ein Buch, das die Leser rührt. Politisch soll es aber bitte nicht werden. Gut, dass Christine Prayon unpolitisch nicht kann.



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