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Verhängnisvolle „Liberalisierung“

Verhängnisvolle „Liberalisierung“

EU-Landwirte profitieren, während indische Landwirte die Last des Freihandelsabkommens tragen.

Führen wir uns zunächst die wichtigsten Merkmale des Abkommens vor Augen. Mit einem Gesamtmarktvolumen von rund 24 Billionen US-Dollar und einer Verbrau-cherbasis von fast zwei Milliarden Menschen erweitert das Freihandelsabkommen den Spielraum für Handel, Investitionen und Innovation auf beiden Seiten erheblich.

Das Abkommen gewährt indischen Exporten nahezu uneingeschränkten Marktzugang, der über 99 Prozent des Handelswertes abdeckt, während gleichzeitig die politische Flexibilität für sensible Sektoren gewahrt bleibt und eine Angleichung an die Entwicklungsprioritäten Indiens erfolgt.

Dieses Gleichgewicht unterstreicht die strategische Absicht des Freihandelsabkommens: den Handel sinnvoll zu liberalisieren, ohne die innenpolitischen Wirtschaftsziele zu untergraben.

Der bilaterale Handel zwischen Indien und der EU ist im Laufe der Jahre stetig gewachsen. Der Warenhandel erreichte 2024 und 2025 einen Wert von rund 136,5 Milliarden US-Dollar, wobei Indien Waren im Wert von fast 75,9 Milliarden US-Dollar in die EU exportierte. Der Handel mit Dienstleistungen, ein wichtiger Wachstumsmotor, erreichte einen Wert von rund 83,1 Milliarden US-Dollar. Angesichts der Größe beider Volkswirtschaften bleibt der Handel jedoch weit hinter seinem Potenzial zurück. Das Freihandelsabkommen soll diese Lücke schließen, indem es einen vorhersehbaren, langfristigen Rahmen bietet, der die Partnerschaft von einem reinen Handelsaustausch zu einer tieferen wirtschaftlichen Integration führen kann.

Landwirtschaft: Wachstum mit Schutzmaßnahmen

Im Rahmen des Abkommens wird Indien die Zölle auf eine Vielzahl von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und verarbeiteten Lebensmitteln aus der EU deutlich senken oder ganz abschaffen. Zölle von bis zu 45 Prozent auf Olivenöl und andere Pflanzenöle werden ebenso abgeschafft wie Zölle von bis zu 55 Prozent auf Fruchtsäfte und alkoholfreies Bier. Schaf- und Lammfleisch aus der EU werden ebenfalls zollfreien Zugang erhalten, nachdem bisher ein Zollsatz von 33 Prozent galt.

Verarbeitete Lebensmittel wie Brot, Kekse, Nudeln, Schokolade und Tierfutter, die zuvor mit Steuersätzen von bis zu 50 Prozent belegt waren, werden nun zollfrei nach Indien eingeführt. Alkohol, ein Kernanliegen der EU, wird schrittweise liberalisiert: Die Zölle auf Wein werden von 150 Prozent auf 20 Prozent für Premium-Marken und auf 30 Prozent für Produkte der mittleren Preisklasse gesenkt, während die Zölle auf Spirituosen von Spitzenwerten von 150 Prozent auf 40 Prozent reduziert werden. EU-Beamte erwarten, dass diese Zugeständnisse die Präsenz europäischer Agrar- und Lebensmittelprodukte in Indien erheblich ausweiten werden, wobei das Exportwachstum die Beschäftigung in der gesamten Union stützen wird.

Gleichzeitig hat die EU klare Grenzen für sensible Agrarsektoren gezogen. Produkte wie Zucker und Ethanol, Reis, Weizen, Rindfleisch, Geflügel, Milchpulver, Bananen und Honig sind von Zugeständnissen ausgenommen. Indische Exporte von Tafeltrauben und Gurken werden streng kontrollierten Zollkontingenten unterliegen. Die EU hat außerdem darauf bestanden, dass ihre sanitären und phytosanitären Standards (SPS) vollständig erhalten bleiben und die Zusammenarbeit auf Transparenz statt auf eine Aufweichung der Vorschriften abzielt.

Für Indien sind die landwirtschaftlichen Gewinne geringer, aber strategisch wertvoll. Für Tee, Kaffee, Gewürze, Trauben, Gewürzgurken, getrocknete Zwiebeln, frische Erzeugnisse und ausgewählte verarbeitete Lebensmittel wurde ein bevorzugter Zugang gesichert, sodass indische Landwirte und Exporteure den europäischen Premiummarkt anvisieren können.

Entscheidend ist, dass Indien seine sensibelsten Sektoren — darunter Milchprodukte, Getreide, Geflügel und Sojamehl — geschützt hat, was die Bedenken hinsichtlich der Ernährungssicherheit und der Lebensgrundlagen im ländlichen Raum widerspiegelt.

Das Abkommen umfasst strenge Ursprungsregeln und regulatorische Disziplinen, um den Handel zu erleichtern, ohne die Standards zu schwächen. Nach seiner Ratifizierung wird erwartet, dass er die Agrarhandelsströme neu kalibriert, den indischen Markt weiter für EU-Erzeuger öffnet und gleichzeitig der indischen Landwirtschaft einen sorgfältig gesteuerten Zugang zu Europa ermöglicht.

Indiens Verpflichtungen und Importvorteile

Indien wiederum bietet Zollzugeständnisse für über 92 Prozent seiner Zolltarifpositionen, die rund 97,5 Prozent der EU-Exporte abdecken. Fast die Hälfte dieser Zölle wird sofort abgeschafft, während andere über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren schrittweise abgeschafft werden. Bei einer begrenzten Anzahl von Produkten, insbesondere bei bestimmten Obstsorten, wird es zu teilweisen Senkungen oder zu einem kontingentierten Zugang kommen.

Ein besserer Zugang zu Hightech-Gütern aus der EU dürfte zu einer Diversifizierung der indischen Importquellen, zu niedrigeren Inputkosten für die heimische Industrie und zu Vorteilen für die Verbraucher führen. Noch wichtiger ist, dass dies indischen Unternehmen helfen wird, sich in fortschrittliche globale Lieferketten zu integrieren, insbesondere in den Bereichen Fertigung und saubere Technologien.

Handelserleichterungen, Ursprungsregeln und Fokus auf Kleinstunternehmen, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU)

Das Abkommen führt ausgewogene produktspezifische Ursprungsregeln ein, die auf bestehende Lieferketten abgestimmt sind und einen echten Mehrwert gewährleisten, während gleichzeitig die Flexibilität bei der weltweiten Beschaffung von Vorleistungen erhalten bleibt. Vereinfachte Verfahren, einschließlich der Selbstzertifizierung durch Ursprungserklärungen, werden die Befolgungskosten senken und die Geschäftstätigkeit erleichtern.

Sonderregelungen tragen den Bedürfnissen von KKMU Rechnung, indem sie eine begrenzte Flexibilität bei der Beschaffung von Vorleistungen für Sektoren wie Meeresprodukte und Aluminium zulassen, während Übergangsfristen in den Bereichen Maschinenbau sowie Luft- und Raumfahrt Anreize für die inländische Fertigung im Rahmen der Initiative „Make in India“ schaffen.

Dienstleistungen, Fachkräfte und Mobilität

Dienstleistungen — bereits heute der am schnellsten wachsende Bereich im Handel zwischen Indien und der EU — sind ein zentraler Pfeiler des Freihandelsabkommens. Die EU hat sich zu einem umfassenden Marktzugang in 144 Dienstleistungssektoren verpflichtet, darunter IT, freiberufliche Dienstleistungen, Bildung und Unternehmensdienstleistungen. Indien ist in über 100 Teilsektoren, die mit den Prioritäten der EU übereinstimmen, Verpflichtungen eingegangen.

Ein strukturierter Mobilitätsrahmen ermöglicht die vorübergehende Einreise von Geschäftsreisenden, unternehmensinternen Versetzten, vertraglichen Dienstleistern und selbstständigen Fachkräften. Dies verbessert die Chancen für indische Talente in den Bereichen IT, Forschung und Entwicklung, Bildung und professionelle Dienstleistungen, während Gespräche über Sozialversicherungsabkommen und die Mobilität von Studierenden die zwischenmenschlichen Beziehungen weiter stärken.

Über Waren und Dienstleistungen hinaus

Das Freihandelsabkommen stärkt den Schutz geistigen Eigentums im Einklang mit dem Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums der Welthandelsorganisation (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights, TRIPS), erkennt Indiens digitale Bibliothek für traditionelles Wissen an und fördert die Zusammenarbeit im Bereich Technologietransfer.

Eine verstärkte Zusammenarbeit in den Bereichen SPS-Maßnahmen sowie technische Handelshemmnisse (Technical Barriers to Trade, TBT) wird die Transparenz der Rechtsvorschriften verbessern, die Konformitätsbewertung erleichtern und einen reibungsloseren Marktzugang gewährleisten.

Gewinnen EU-Landwirte, während indische Landwirte die Last des Freihandelsabkommens tragen?

Dies ist das erste Mal, dass Indien der EU solche Zugeständnisse im Agrarbereich gemacht hat, und es scheint, als sei dies der erste Dominostein für Indiens Bauern.

Insgesamt wurde der indische Agrarsektor durch die Welthandelsorganisation und auch durch die Regierung geschützt. Diese Schutzmaßnahmen bedeuteten, dass ausländische Agrarprodukte mit Zöllen belegt wurden, um einheimische Produzenten zu unterstützen. Obwohl Indien seinen agrarischen Kernsektor nicht aufgegeben hat, hat es dennoch zugelassen, dass Agrarüberschüsse aus der EU zollfrei auf den indischen Markt gelangen. Dies wird natürlich die heimische Wirtschaft beeinträchtigen und den EU-Herstellern einen einseitigen Vorteil verschaffen. Wein, Bier, Olivenöl und so weiter sind hochwertige Produkte, die europäischen Landwirten und Herstellern mehr Wohlstand bringen können, während indische Landwirte nicht den größten Teil des Kuchens abbekommen.

Der Grund dafür ist ganz einfach: EU-Produkte werden unter strengen EU-Pflanzenschutzstandards angebaut und exportiert, während Indien derzeit nicht über ebenso strenge Mechanismen wie die EU verfügt, sodass viele Lebensmittelexporte aus Indien in die EU abgelehnt werden. Die üblichen Verdächtigen sind Rückstände von schweren Agrarchemikalien oder unzureichende Pflanzenschutzvorschriften.

Der Import von Lebensmitteln aus der EU wird für uns also einfacher sein, da die meisten Lebensmittel gentechnikfrei sind und nach nachhaltigen Methoden angebaut werden.

Der Export von Lebensmitteln in die EU ist jedoch eine ganz andere Sache. Indische Landwirte müssten ihre Landwirtschaft auf nachhaltigere Praktiken umstellen. Dieser erste Schritt wird mehr Zeit in Anspruch nehmen, da zunächst institutionelle Änderungen vorgenommen werden müssen, bevor wir die Vorteile dieses Abkommens voll ausschöpfen können.

Die billigeren Produkte aus der EU werden die lokale Produktion drosseln und dafür sorgen, dass indische Rupien in die Taschen der EU-Landwirte fließen.

Aber das ist noch nicht alles: Da Indien sich gegenüber der EU geöffnet hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die USA, die derzeit ebenfalls bilaterale Gespräche mit Indien führen, zusätzlichen Druck auf Indien ausüben werden, unseren Agrarsektor auch für US-amerikanische Agrarprodukte zu öffnen. Diese Politik der „Liberalisierung der Landwirtschaft“ wird langfristig nicht gut für die Landwirtschaft in Indien sein.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text wurde exklusiv für Manova geschrieben und von Elisa Gratias übersetzt.


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