Ich war so 14 Jahre alt, auf dem Weg mit dem Zug nach Wuppertal. Und ich trug meine kurze verdreckte Lederhose, aus der die noch recht speckigen Oberschenkel ragten. Kniestrümpfe. Ein halbes Kind. Und ich war stolz auf mein grünes „Fahrtenhemd“ vom christlichen Verein junger Männer, CVJM, mit dem schwarzen Dreieckstuch um den Hals. Und ich sang zu meiner Gitarre den mitreisenden Mädchen etwas scheu und schüchtern christlich verschlüsselte Liebesgrüße nach Wuppertal zu. Es war wieder Himmelfahrt. Frühling.
Zudem aber wollten wir zu Tausenden junger Christen beim Jugendmissionsfest den jungen Johannes Rau sehen und hören. Er war für uns eine Art Volksmissionar, ein Menschenfänger. Und wir hingen da an seinen Lippen, der zigarettenverrauchten Stimme und seiner immerwährend züngelnden Zunge. Er war ein junger dynamischer Mann von Jesus, dem Gott der kleinen Leute. Ein glaubwürdiger Zeuge. Und eben keiner von der unpolitischen Einluller-Sorte aller Zeiten aus Kirche und Politik. Der junge schmächtige Typ da vorn wollte was von uns. Und nicht nur für sich. Rückgrat, Einsatz, Mut und ohne Menschenscheu.
Johannes Rau war damals schon ein Stern, ein Star unter den sich christlich nennenden Politikern, die nicht CDU waren. Später, viel später, machte er dann seinen Weg zum Bürgermeister, Ministerpräsident und Bundespräsident mit dem Slogan: „Versöhnen statt spalten!“ Aber die Wurzeln dieses missionarischen, sprich heute: propagandistischen, Satzes steckten in diesen Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren des alten Jahrhunderts in Wuppertal. Die wurzelten fest im protestantischen „Muckertal“, aus dem ja auch Friedrich Engels kam, um auszubrechen. Dahin fuhr ich mit dem Zug. Immer wieder. Viele Jahre.
Es ist eben nicht alles nur preußisch und preußisch gleich obrigkeitshörig, was sich so evangelisch nennt und unkritisch jede Nationalfahne bejubelt, egal woher der Wind weht, der Fahne und Menschen bewegt. Schutz suchend wohl, weil man dem eigenen Glauben nicht ganz traut. So wie man eben auch Blitzableiter an die Kirchtürme schraubt.
Es ist eben nicht nur evangelisch, wenn man auf den aktuellen Synoden, ausgerechnet in Dresden, sogar Angriffskriege für gerechtfertigt erklärt und das von den Kanzeln verkündet. Es ist eben nicht nur evangelisch, wenn man von den neuen Freunden von Rheinmetall zu Weihnachten die alten Pflugscharen zu neuen Schwertern umschmieden läßt. Ganz und gar nicht! Es gibt auch uns, die kleine Schar. Die Schar der kleinen Leute von Jesus, dem Gott der kleinen Leute.
Protestant ist auch immer noch „pro testare“, also Zeuge sein, für etwas einstehen. Fels in der Brandung. Das bedeutet vom Wort her schon, dass man immer, immer und immer seine Stimme erhebt und pro-testiert. Sonst ist man kein echter Protestant, sondern bestenfalls evangelisch. Im Widerstand spürt man erst den Wind, der einem Aufrechten ins Gesicht weht. Shitstorm als Vergewisserung auf dem schmalen, aber richtigen Weg zu sein. Protestieren und dabei sogar Mut finden, eine Minderheit zu sein und zu bleiben.
Minderheiten haben es erfahrungsgemäß nicht so mit Siegen und Siegfrieden. Wie denn auch? Die brauchen zum Atmen eher Raum und Toleranz, Leben und Leben lassen eben, die spürbare Wolke des Trostes.
Kopf hoch! So bauten wir unsere ersten protestantischen Kirchen am katholischen Niederrhein, ohne zu murren, in den Hinterhöfen. Wir brauchten die Hände zum Arbeiten und zum Beten. Da ist der Mittelfinger unentbehrlich.
Unsere unmittelbaren protestantischen Altvorderen stammen aus den Wäldern Böhmens, aus den versteckten Hochtälern der italienischen Westalpen und dem unzugänglichen Hochgebirgen Zentralfrankreichs. Der Glaube der kleinen Leute. Luther mit seinen Fürstenkungeleien war viel später. Wir waren schon Geisteskinder eines bescheidenen Europas, als es das noch gar nicht gab. „Gedrückt, aber nicht unterdrückt“, wie die protestantische Minderheit der verfolgten und ermordeten Hugenottenprotestanten in Frankreich es später formulierten.
Wir wissen, wovon wir abstammen. Wir wissen, wovon wir reden. Wir sind aus unserem Gottvertrauen und unserer Geschichte heraus Protestleute gegen dominierende Mehrheiten, gegen Herrschaften, gegen den Tod und seine Helfershelfer.
Wir sind ein paar der Salzkristalle des Friedens, die es in allen Religionen und Teilen unserer Erde gibt! Mehr ist uns auf dieser Erde nicht versprochen. Das ist unsere DNA. Wer mehr will, will mehr, will herrschen, will kämpfen, will Sieg, will Verlierer, Versehrte, Tote.
Johannes Rau hatte damals schon „rübergemacht“ zur SPD oder war ihr nah und nicht mehr in der eben untergegangenen GDV, der Gesamtdeutschen Volkspartei, die Gustav Heinemann gegründet hatte. Denn der Jurist und christliche Widerstandskämpfer Dr. Heinemann, der im Dritten Reich in seinem Kohlenkeller in Essen unter dem Kokshaufen eine Druckmaschine versteckte und damit sein Leben und das seiner Familie riskierte, hatte später als Adenauers Innenminister pro-testiert: Heinemann sagte NEIN, als der erste Nachkriegskanzler ein Angebot der sogenannten Sowjets, der Russen also, Deutschland wiederzuvereinigen und es dann neutral zwischen die großen Blöcke der damaligen Welt zu setzen, aus ganz persönlichem Machtinteresse boykottierte.
Im Osten Deutschlands waren die Menschen und Wähler nämlich durchweg Protestanten und hätten bei einer Wiedervereinigung die rheinisch-katholische CDU weit überflügelt und die Adenauer-CDU ihrer jungen Macht beraubt. Diese Mehrheit der Protestanten hätte dann — um Gottes Willen — wohl das Angebot der Russen angenommen und Deutschland neutral organisiert. Versöhnen eben, statt spalten.
Das richtige Konzept für ein am Boden liegendes zukünftiges Deutschland. Aber genau das musste verhindert werden (Konrad Adenauer). Dabei wäre die Neutralität Deutschlands nur folgerichtig gewesen, das bewährte Überlebenskonzept aller Minderheiten, die sich ihrer begrenzten Möglichkeiten bewusst sind. Immer schon! Nicht nur jetzt als kleines Europa mit dem aufgescheuchten Hühnerhaufen auf der Weltbühne zwischen Trump, Putin und China. Ja, immer schon! Versöhnen statt spalten! Genau das fehlt unserem Volk, das immer und immer und immer lieber siegen oder sterben will, als klug wie die Schlange und ohn‘ Falsch wie die Taube zwischen den Fronten und Interessen zu überleben.
Versöhnen statt spalten! Brückenbauer! Pontifex minimus! Wir sollten überlegen, ob das nicht die alte neue, neue alte Subline einer neuen Neutralitätsbewegung in unserem Land sein könnte.
Adenauers Trickserei passte gut in das damals wie heute amerikanische Interesse, eine Brandmauer aus traumatisierten Deutschen in NATO und Europäischer Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zu organisieren und gegen den Osten zu richten. Aufrüstung statt Neutralität! Und Puffer-Deutschland als amerikanisches Aufmarschgebiet . Gustav Heinemann aber, der aufrechte Protestant, der mit eigenen Worten den Staat mit seiner Macht nicht liebte, sondern seine Frau Hilda, verließ die CDU. Er wollte versöhnen statt spalten. Das Konzept der kleinen Leute. Und er gründete die ziemlich evangelische GDV, die offen war für eine neue Epoche deutscher Geschichte. Eine Epoche, die einmal mehr als Minderheit startet, um aus dem Faschismus und dem heidnischen Aberglauben an friedenstiftende Gewaltorgien und aus Leichenbergen endlich für alle Menschen die tieferen Lehren zu ziehen. Nie wieder Krieg! Neutralität jetzt!
Die GDV erreichte damals bei den Wahlen nur ein paar Prozent. So viel, wie wohl heute auch eine Neutralitätspartei, mit und ohne Salzchristen, bekommen würde. Wir waren und wir sind — vielleicht rechnerisch — eine Minderheit, die gegen die brutalen und gewissenslosen Angstkampagnen der Adenauer- wie auch der heutigen Zeit keine Mehrheit im Parlament bekommt. Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass man von den Herrschenden im TV, in der Schule, in der Stadt und überall ein Gewehr gegen seine Lebensängste in die Hand gedrückt bekommt statt Rosen oder einen kleinen Strauß aus Vergissmeinnicht — für alle Notfälle.
Heute fragt keiner mehr, wo die Blumen sind, wo die Gräber sind, wo die Männer sind. Als wenn nichts geschehen wäre. Oder sollen und wollen wir alle ab jetzt unsere zwischenmenschlichen Konflikte zwischen unseren Kindern und uns, zwischen unseren Eltern und uns, zwischen unseren Lebenspartnern, Nachbarn und am Arbeitsplatz in der hippen Zeitenwende auch neu positionieren? Mit Anwalt beim Elternsprechtag und Faustrecht statt offener Hand! Da gab es mal und gibt es doch noch andere Wege und Muster, die uns prägen können und uns immer als die uns tragenden Werte verkauft werden. Mitgefühl, verstehen statt spalten, Barmherzigkeit.
Hört doch: Wir Menschen haben in allen Lebenslagen, bei drohendem Einbruch, Feuer, Wasser und sonstigen Katastrophen immer die Wahl, auf was wir vertrauen: entweder Allianz-versichert oder Nachbarschaftshilfe mit Straßenfesten auf allen Ebenen und „steuer-frei”.
Und so suche ich in den Trümmern unserer Geschichte nach den immer schon utopisch wähnenden Wegen und Möglichkeiten, in unserem Volk ein „gesamtdeutsches“ gutes Gefühl für ein anderes, neutrales Deutschland auferstehen zu lassen. Eines, das den tödlichen Rheinmetall-Unsinn von den Waffen, die Frieden schaffen, langsam als ganzes Volk, als Menge und Masse, gegen sich hat.
I have a dream! Aufständische Protestanten. Ein ganzes buntes Volk, das kollektiv bereit ist, wieder Erfahrungen mit dem anderen Konzept einer friedenstiftenden Neutralität zu machen. Einer zugewandten Neutralität, einer guten Nachbarschaft, die eben auch in unserer deutschen Geschichte zarte Wurzeln hat. Und jetzt, in dieser unserer weltgeschichtlich neuen Position der einzugestehenden Schwäche neu verstanden und versucht werden kann.
Für mich prägend bleibt dabei eine Art „heiliger“ Geist, der eine Gemeinschaft in Richtung Vertrauen vorsichtig wie ein sanfter Wind bewegen kann.
Der kommt nicht als Befehl von oben, vom Hauptmann. Der kommt aus der Wolke vergangener und lebendiger Zeugen. Ob der nun bei den Quäkergemeinden in England, bei den Amish People in den USA und Kanada und kleinen Indios-Bauerngemeinden Lateinamerikas oder aber wie weiland in Wuppertal empfangen wird oder eben auch bei singenden Massenversammlungen eines Volkes auf der Straße zu spüren ist. Kleine Leute, viele Menschen, die Hand in Hand unterwegs ihre Lieder gegen die Marschmusik des Todes singen, das wäre ein Anfang. Eingehakt, mit Tränen in den eigenen Augen und den Augen der anderen, voller Erfahrung, wie tief die Kraft der Lieder in uns reicht, die von Liebe, Vertrauen, Händereichen und Barmherzigkeit handeln. Da ist keine Hand mehr frei, um den fremden Nächsten zu erschießen.
In einer so tief gegründeten und verstandenen Neutralität des Herzens sagt man auch keine Sätze mehr wie „Koste es, was es wolle“. Das ist immer präpotent-arrogant. In einer spirituellen Neutralität sind alle Menschen gleich nah und gleich fern. Und die Arroganz ist fern, dass wir schon wüssten, wer Opfer ist und wer Täter, wer recht hat und wer unrecht. Unsere Erfahrung ist eher, dass es immer darauf ankommt, wo du deine Geschichte, dein Narrativ beginnst zu erzählen, um aus dir selbst ein Opfer zu machen, um mich zu kapern.
Eine jetzt zu bauende Neutralität ist eher eine neue Art „Demutkratie”, die vielleicht noch unter den Lasten des Herzens seufzt und hofft, dass der Tag komme, an dem das Grauen der Kriegsopfer das „Siegheil“ der Kämpfer übersteigt.
So wie damals nach dem Krieg auf den Bergen von Toten.
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