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Waldsee

Waldsee

Das Wasser erinnert sich an dich und Goethe und meinen Kindheitssee.

Kennst du den See im Westen der Stadt? Ein kleiner See. Ein Waldsee.

Meist brauchst du Kraft, dich zu erheben, dich auf das Rad zu schwingen, endlich glaubend an ein Glück. Doch hast du das Gehirn ausgetrickst, die Einkaufszone mit Mediamarkt und McDonalds hinter dir gelassen, die Autobahn unterquert und ihren Lärm vergessen, lebt dein Körper auf.

Ein alter Gutshof zur Rechten verdeckt von großen Bäumen, dann der Bahnübergang bereits im Nirgendwo: Hier verlässt du die asphaltierte Landstraße und fährst auf einem schnurgeraden Schotterweg durch weite Felder. Die Luft des Nordens wird zur Frühlingsluft, die du geatmet damals, an stillen Vormittagen unterwegs auf einsamen Wegen rund um deinen Kindheitssee. Siebziger, wann war das? Die Luft ist das eine, das Wasser aber kennt dich. Du bist schon nah. Und das macht dich leicht in schweren Zeiten, gefangen in einer Beamtenstadt.

Das Fahrrad hast du auf dem sandigen Pfad abgestellt, die Kleider über den Rahmen gehängt. Vor dir Schilf und Büsche, eine kleine Öffnung führt zum See. Vor elf Uhr morgens ist niemand hier. Und taucht einer auf, so kennt er das Geheimnis. Er bleibt still wie du, lächelt, und du spürst, wie die Beklemmung fällt, beim andern, bei dir. Nicht dieses, nicht jenes, keine Art, keine Abart — nur Wind zwischen Schilf, das sachte sich neigt.

Nichts Künstliches ist mit dir, nichts an dir, wenn du dir zusteigst mit deinen Kinderfüßen. Und dann — in einem Zuge — gleitest du mit dem alsbald verblichenen, alsbald genesenen Körper in dich hinein und der Jubel beginnt. In dir, im See, in aller Welt. Inmitten des Wassers aber, die Ufer schillernd im Morgendunst, beginnst du zu kreisen wie ein Kind ohne Plan. Und je schneller du drehst und tanzt, desto inniger der Wunsch: so sterben, so vergessen, von Ufern gesäumt, die nichts bedeuten, und von Birken dahinter, die einfach sind und gar nichts wollen.

Das Wasser kennt mich und ich war ein Dummkopf, Kinder. So hat es Jahre gedauert, bis ich das wusste. Ein Schrei in Stille. Das ist Wasser. Ein Jubel ohne Grund. Im Wasser sind keine Worte und im Wasser ist das Wasser nicht einmal nass.

Zurück am Ufer, stehe ich im Schilf, benommen, betört. Mein Blick gleitet übern See, dem ich entstiegen. Ein Bild entsteht, eine Landschaft. Ordnung. Ich bin es, der da steht, am Ufer, nackt und nass. Und eine Frau, entfernt auf einer Bank, wird Teil des Bildes, sehr langsam. Und langsam kommen auch die Pronomen: sie, du, wir. Noch ist alles sanft, noch ist kein Krieg.

Das Geräusch aber lässt mich wenden. Ein technisches Rauschen. Ein Güterzug, sichtbar zwischen Büschen, hundert Meter entfernt. Unzählige Waggons. Keine Panzer für einmal. Aber Hunderte von Autos. Wer soll die alle noch fahren? Oder stimmt es doch nicht mit diesen Plänen? Die Furcht, sie wollten uns reduzieren, ein Hirngespinst?

Zu hart der Übergang, das Glück verspielt. Politische Freiheit gibt es. Als Rettung einer Idee. Die Freiheit ohne Idee: Das ist Wasser. Gleichgültiges, heiliges Wasser. Seit ich weiß, dass es mich kennt, weiß ich, weshalb es mich stets und immer und zuallererst zum See der Kindheit treibt, besuche ich meine Heimat. Und ich weiß, dass der Waldsee im Westen der Stadt diesen meinen Kindheitssee kennt. Und gieße ich das Wasser aus der Leitung in einen gläsernen Krug und spiele ihm das Agnus Dei aus einer Messe der frühen Zeit, so weiß ich, dass es hört und sich erinnert und so schön wird und sinnhaft und gütig, dass es alles sprengt. Die ganze Zivilisation.

Dies meine Gedanken auf dem Weg zurück durch die Felder und vorbei am Gutshof. Nach der Unterquerung der Autobahn, zur Linken alsbald McDonlads und Mediamarkt, wird es unvermeidbar. Ich denke an Technologie. An die smarten Geräte und die KI und daran, dass auch meine Leute ein Heil darin erkennen. Eigentlich müsste ich nun wenden. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Und dass ich morgen dahin fahre, zum See im Westen der Stadt, rettet mich heute.

Kennst du den See im Westen der Stadt? Ein kleiner See. Ein Waldsee. Vielleicht aber sollte ich ihn nicht verraten, Kinder.

Wenn die Menschheit vorbei wäre und kein menschliches Erinnern mehr ist an das Schöne der Formen, an die Klänge einer Messe, an Goethe oder mich: So ist das alles nicht nie gewesen, denn das Wasser wird sich erinnern. Allein dieser Gedanke abends im Bett, Kinder, spült das Harte weich und lässt mich schlafen und den kranken Nachbarn auch.


Am 22. März ist Weltwassertag. Es ist wichtig, dass Medien es nicht dabei bewenden lassen, stets nur auf den neuesten Wahnsinn in der Welt zu reagieren, sondern selbst in das Agieren kommen. Deshalb setzen wir zusammen mit einer Reihe von weiteren Medienportalen selbst ein Thema auf die Agenda. Die beteiligten Medienpartner, bei denen in der Woche vom 18. bis 24. März im Rahmen des #Wasserspezial Beiträge zu finden sein werden, sind derzeit:

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