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Wärter des eigenen Gefängnisses

Wärter des eigenen Gefängnisses

In seinem neuen Buch macht Michael Andrick klar: Demokratie bedeutet nicht Einigung, sondern Debatten auf Augenhöhe.

Roberto De Lapuente: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann tragen wir laut Ihrem neuen Buch „Im Moralgefängnis“ alle, die gesamte Gesellschaft also, zur Spaltung bei. Haben wir alle einander viel zu verzeihen?

Michael Andrick: Spaltung ist eine Tätigkeit, eine bestimmte Technik, wie man mit Sprache und mit Argumenten umgeht. Der Bundeskanzler beherrscht sie im Grunde genauso gut wie seine Putzkraft. Und damit: Ja. Es kann tatsächlich jeder zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen. Natürlich hängt der Schaden, den man dabei anrichtet, auch dran, wie viel Reichweite man hat und wie viel Autorität man entfalten kann.

Haben Sie, was die Spaltung betrifft, auch Fehler gemacht?

Ich habe manchmal in meinen Kolumnen auch stark polemisiert und bin quasi in den Schützengraben gesprungen für die eine oder andere Position. Das muss aber nicht immer verkehrt sein. Etwas, was ich mir selber noch zu verzeihen habe, das ist, dass ich bei manchen Auswüchsen der Pandemie-Politik nicht noch früher und noch drastischer den Mund aufgemacht habe.

Man verwandelt die politische Diskussion in einen Kampf von moralisch definierten Fraktionen.

Sie behaupten ja, die Spaltung kommt nicht einfach über uns, sondern wir tun etwas dafür. Wie meinen Sie das konkret?

Es gibt eine Irritation, die mit dem Begriff der Spaltung einhergeht. Und zwar existieren zwei Bedeutungen im Deutschen, die meist wild durcheinandergehen. Wenn ich zum Beispiel ein Glas fallen lasse, dann zerspringt es und spaltet sich in Stücke. Das ist die eine Bedeutung. Es geht etwas zu Bruch und ist nicht mehr zu gebrauchen.

Die andere Bedeutung von Spaltung ist aber die Arbeit der Spaltung. In dem Sinne funktioniert der Begriff genauso wie zum Beispiel der Begriff Regierung. Regierung ist einerseits eine Tätigkeit, nämlich die Tätigkeit des Regierens. Aber die Regierung ist andererseits auch eine Institution, ein paar Gebäude mit Leuten darin. Wenn man nun diese beiden Bedeutungsrichtungen nicht sauber auseinanderhält, dann kann es viel Verwirrung geben.

Sprache kann also zum Spalten verwendet werden. Wie zeigt sich das, Herr Andrick?

Wir nutzen oft moralisierende Sprache. Wenn ich Ihnen beispielsweise unterstelle: Nie hören Sie mir zu! Mit so einem Satz gehe ich von der Sachebene weg und richte den Scheinwerfer auf Ihre Charaktereigenschaften. Denn wenn Sie mir nie zuhören, dann ist es offenbar eine Charaktereigenschaft von Ihnen, dann sind Sie wahrscheinlich grundsätzlich respektlos oder denken nur an sich selbst.

In Ehen kennt man solche Sprüche zuhauf …

Also wer verheiratet ist und das nicht kennt, der ist entweder erleuchtet oder ein unerhörter Glückspilz. Solche Sätze verändern den Modus der Diskussion von Verhandlung auf Anklage. Explosiv wird das Ganze aber in dem Moment, wo ich das im politischen Zusammenhang tue.

Also wenn wir beide zum Beispiel darüber sprechen, ob man Atomkraftwerke behalten oder abschalten sollte. Wenn ich in einer solchen Diskussion, anstatt über das Für und Wider von Atomkraftwerken zu reden, dann plötzlich mit Moralisierung anfange, dann wird diese Debatte von einer politischen Diskussion in einen Endkampf um unsere Beziehung überführt.

Dann geht es folglich um Gut oder Böse …

In meinem Buch spreche ich recht bildlich von einer Moralin-Injektion in einen Diskurs. Und wenn das im öffentlichen Diskurs geschieht, so nenne ich das Demagogie. Ein schlimmeres Wort dafür ist Volksverhetzung. Man gibt öffentlich eine Instruktion aus, wie die anderen bitte sehr gegen all jene beleidigend werden sollen, die nicht die von mir vertretene Ansicht teilen.

So verwandelt man die politische Diskussion in einen Kampf von moralisch definierten Fraktionen. Dieses Dilemma ist das eigentliche Moralgefängnis, weil uns diese Praxis gefangen nimmt. Man fürchtet Sanktionen, man hat Angst, dass man in die rechte, die linke oder die Schwurbel-Ecke gestellt wird, und zieht sich lieber zurück.

Wir sind die besten Wärter unseres Moralgefängnisses.

Sie schlagen einen versöhnlichen Ton an in Ihrem Buch. Verstehen Sie es denn, wenn heute viele Menschen sagen, dass sie beispielsweise nicht verzeihen können, was man während der Pandemie mit ihnen machte?

Etwas zu verzeihen oder zu vergeben ist eine spirituelle Frage des Einzelnen. Versöhnung könnte es geben, wenn es eine groß angelegte Entschuldigung der Bundesregierung und der Repräsentanten für diese menschenrechtswidrige Coronapolitik geben würde. Ein Schuldeingeständnis würde also helfen.

Ich kann nur für mich sagen: Aus einer spirituellen Betrachtung heraus ist die Unfähigkeit, etwas zu verzeihen, eine Verlängerung des Leidens an diesem Geschehen für einen selbst. Ich verstehe dennoch trotzdem jeden, der das nicht schafft, weil er seinen Job verloren hat oder ähnliches. Das war großflächiges staatliches Unrecht. Die Bundesrepublik ist entehrt, und viele tief traumatisiert.

Werden Sie denn in Zukunft Ihre Kolumnen und Artikel anders schreiben als zuvor? Unterlassen Sie Polemiken, weil die Spaltungsarbeit leisten könnten?

Nein, ich werde in Zukunft wohl nicht anders schreiben, als ich es bisher getan habe. Vielleicht mit einem etwas stärkeren Gespür für normative Feinheiten und Unausgesprochenes, das in den gewählten Worten liegen mag.

Ich möchte noch mal zu diesem Begriff des Moralgefängnisses zurückkommen. Wenn wir uns alle im Gefängnis befinden, wer sind denn die Wärter?

Das Moralgefängnis wird bewacht von seinen Insassen. Also von Menschen, die bewusst oder unbewusst die Diskussion mit ihren Mitmenschen moralisieren, also zur Frage der Charakterprüfung machen. Wir sind die besten Wärter unseres Moralgefängnisses. Wir sind aber auch die, die sein Tor aufschließen könnten.

Zusammenleben in freier Selbstbestimmung ist immer schwierig.

Es hört sich ein bisschen so an, als ob wir grundsätzlich etwas emotionsloser werden müssten?

Ich halte es mit meinem Lieblingsphilosophen Spinoza — der hat mal gesagt: „Ich möchte die Probleme der Menschen, ihren Hass, ihre Eitelkeit, ihre Kämpfe, ihre Kleinlichkeit und so weiter nicht verlachen oder beklagen, sondern ich möchte sie so betrachten, wie ich an der Luft den Donner, den Sturm und den Regen betrachte.“ Das müssen wir, wenn wir verstehen wollen, wie spalterisches Handeln funktioniert und wie es unsere Gesellschaft verelendet.

Wenn wir das verstehen wollen, dann müssen wir eine möglichst objektive Perspektive einnehmen: Was tue ich hier eigentlich? Und was tut der andere hier? Dann sollte man zurückstellen, dass man persönlich angegriffen wird. Das ist schwierig. Aber Zusammenleben in freier Selbstbestimmung ist immer schwierig. Demokratie ist friedliche Streitverwaltung.

Demokratie ist nicht Einigung. Sie ist Kompromiss. Ja, wir kompromittieren das, woran wir glauben, gerade so weit, wie wir können, um uns friedlich auf etwas einigen zu können. Diese Art, sich selbst zurückzunehmen, die eigenen Emotionen mal Emotionen sein zu lassen, ist eine einfache demokratische Tugend, die wir alle brauchen.

Zum Abschluss: Glauben Sie, dass wir die Strafe zum Moralgefängnis in eine Bewährungsstrafe umwandeln können? Kommen wir nochmal raus aus dieser Moralismusfalle? Dürfen wir auf ein Happy End hoffen?

In Tolstois „Krieg und Frieden“ findet man eine brillante Theorie der Geschichte: Tolstoi personifiziert sie in Charakter des Generals Kutusow, der Napoleon aus Russland gedrängt hat, indem er im Wesentlichen die meiste Zeit zurückgewichen ist. Kutusow wird als wohlbeleibter und rotwangiger Greis gezeichnet. Er scheint sich immer nur um die Stimmung, die Motivation seiner Soldaten zu kümmern und „schaut ihnen aufs Maul“, wie Luther sagen würde.

Man fragt sich die ganze Zeit: Ist der jetzt schlau oder doch nicht so sehr? Aber er personifiziert etwas. Nämlich Tolstois Auffassung, dass es ein Integral der Geschichte gibt, wie er das nennt. Und dieses Integral, das resultiert aus den gleichartigen Strebungen und Motivationen, den kumulierten Stimmungen unendlich vieler einzelner Menschen. Die unzähligen, völlig intransparenten, nie veröffentlichten Strebungen ganz vieler Individuen, die drehen am Ende eine Kultur wieder in Richtung Freiheit.

Das ist jetzt ziemlich abstrakt ...

Das heißt, jeder soll in seinem eigenen Kreis darauf achten: Diskutiere ich jetzt noch interessiert und offen über Politik, also über die Frage, wie wir unsere gemeinsamen Angelegenheiten regeln sollen? Oder versuche ich, mich selber als den besseren Menschen über den anderen zu erheben? Man soll sich da selber prüfen und soll über Politik diskutieren. Und am besten soll man es sogar dahin bringen, einen wirklichen Meinungsaustausch zu initiieren.

Also ist der langen Rede kurzer Sinn: Das ist nicht ganz befriedigend, aber das Integral der Geschichte besteht aus den gleichartigen Strebungen sehr vieler einzelner Menschen. Und wenn sich sehr viele einzelne Menschen zum Beispiel dafür entscheiden, sich den Mund nicht verbieten zu lassen, sondern ganz offen ihre Meinung zu sagen, dann kommen wir aus dem Moralgefängnis heraus. Wenn das genügend Menschen tun, dann wird sich der Raum wieder öffnen.


Hier können Sie das Buch bestellen:Im Moralgefängnis: Spaltung verstehen und überwinden


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