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Was wir verloren haben

Was wir verloren haben

Vieles wird erst sichtbar und wertgeschätzt durch die Lücke, die sein Verschwinden hinterlässt.

Ein indischer Kalenderspruch besagt, dass gesunde Menschen tausend Wünsche hätten, kranke hingegen nur einen einzigen. Die Gesundheit mag wohl das mustergültigste und anschaulichste Beispiel sein für das Phänomen der Sichtbarwerdung durch Verschwinden. Gesundheit wird bei vielen — leider nicht allen — als der Normalzustand wahrgenommen. Zumindest bis vor der Zeit, als die hoch toxischen und potenziell tödlichen modmRNA-Geninjektionen unter der Bezeichnung „Corona-Impfung“ auf die Menschheit losgelassen wurden.

Erst mit Eintritt der Krankheit werden wir uns wieder des privilegierten Zustands ihrer Abwesenheit bewusst. Manch einer schwört im Krankenbett darauf, vom Zeitpunkt der erhofften Genesung an jeden Tag in vollen Zügen zu genießen, einfach weil er wieder gesund ist. Doch nach eingetretener Gesundung gleitet der Mensch wieder in die altvertraute Ordnung der Dinge über. Vielleicht währt die Freude über die Genesung ein bis zwei Tage. Doch dann nehmen uns die verpflichtenden Alltäglichkeiten dieser Ordnung wieder derart in Beschlag, dass wir die neu gewonnene Gesundheit wieder vergessen und uns ihrer erst dann wieder sehnsüchtig erinnern, wenn wir erneut beginnen zu kränkeln.

Weitere, banalere Beispiele lassen sich aufführen: Vielleicht sind es etwa die Gebäude oder die Bäume, von denen wir nie Notiz genommen haben, deren Dagewesensein uns aber in dem Moment schlagartig bewusst wird, wenn wir unterwegs an den kahlen Stellen vorbeikommen, an denen das Gebäude oder der Baum vor dem Abriss oder dem Fällen gestanden hat. Erst das luftige Nichts der Lücke lässt uns das vormals Dagewesene bewusst werden.

Seit den 2020ern beschleunigt sich die Pulverisierung des Altbekannten mit jedem weiteren Jahr. Und so werden wir, zumindest wenn wir wachsam sind, immer häufiger Zeuge, wie das Verschwundene durch seine Abwesenheit erst sichtbar wird: Debattenkultur, soziale Sicherheit, der Status Deutschlands als Industrienation und damit verbundene infrastrukturelle Sicherheit und eben auch … der Frieden.

Gerade der Frieden ist so etwas — keine Sache, aber ein Zustand, der sich unter dem Mantel des für selbstverständlich Genommenen sehr gut vor unserer Wahrnehmung versteckt. Zumindest die letzten knapp 80 Jahre, und das auch nur im zentralen Westen.

Wie oft nehmen Sie den Frieden wahr? Sind Sie sich, trotz dramatischer Militarisierung der Gesellschaft, der faktisch immer noch existenten Friedenszeit bewusst? Nehmen Sie diese bewusst wahr? Derart, dass Sie beim Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen nicht darauf bedacht sein müssen, auf keine Mine zu treten? Oder dass Sie sich des Nachts nicht vor Bombenangriffen schützen müssen? Dass Sie die Gewissheit haben, im Laufe des Tages nicht von Maschinengewehr-Salven durchsiebt zu werden?

Vermutlich nehmen Sie all das nicht bewusst wahr. Ich auch nicht. Der Frieden ist ebenfalls ein Teil der Ordnung der Dinge, in die wir hineingeboren wurden. Jene, die noch eine andere Ordnung, die Ordnung des Krieges, erlebten, ja überlebten — sie leben nicht mehr oder nur noch wenige. Und so lebt auch die Warnung vor dem Krieg nicht mehr weiter. Nicht in den Köpfen politischer Figuren und ihrer Mitläufer — von ihren Herzen ganz zu schweigen. So den Krieg herbeireden kann nur, wer ihn selbst nie erlebt hat.

Die Friedensordnung wirkt dieser Tage wie eine Schutzschicht, derer viele überdrüssig geworden zu sein scheinen. Ihrer Funktion sind sie sich wohl mehr bewusst; Krieg — was das bedeutet, das scheint man schon irgendwie erahnen zu können.

Auf Leinwänden oder auf an PlayStations angeschlossenen Mattscheiben hat man das schon mal so oder so ähnlich gesehen.

Wie eingangs erwähnt: Der Fisch weiß erst dann, was Wasser ist, wenn er das Wasser verlässt. Wenn er etwa herausgezogen wird, an einem Köderhaken hängend. Das Wasser ist in unserem Falle die Friedensordnung. Wir treiben unbedarft ihn ihr, ohne sie als solche wahrzunehmen. Sie interessiert uns nicht oder nur allzu geringfügig. Was derzeit großes Interesse auf sich zieht, sind die ausgeworfenen Köder: „Mach, was wirklich zählt!“ rufen sie uns auf Bundeswehrplakaten zu. Sie locken gerade die jungen und perspektivlosen Menschen an mit Sinnhaftigkeit und Verheißungen von Abenteuern.

Über die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht wird jetzt gerade immer lauter „nachgedacht“. Wobei das Nachdenken nur simuliert ist. Denn es ist unlängst vorgedacht worden, die Diskurs-Simulation kennt das Endergebnis bereits: Menschen müssen wieder an die Front!

Die Debatte wird auf einen Nebenkriegsschauplatz verlagert, etwa den, ob die Besetzung der Armee-Kontingente gendergerecht vollzogen wird.

Die Schutzschicht der Friedensordnung wird von Politik und Konzernmedien — also den Schreibtischtätern, die nicht selbst in die Gräben müssen — mit Eifer abgetragen. Der dahinterliegende Schrecken scheint nicht schnell genug zum Vorschein gebracht werden zu können. Das Gegenstück zu Friedensordnung, die Kriegsordnung, soll sichtbar gemacht werden. Die NATO-Übung „Quadriga 2024“ setzt auf Sichtbarkeit in der Zivilbevölkerung. Mit den kostenlosen Bahnfahrten für uniformierte Soldaten wurde der bellezistischen Visibilität bereits vor Jahren Vorschub geleistet. Nun sollen neben in Camouflage bekleideten Soldaten auch die schweren Kriegsgeräte Teil des öffentlichen Straßenbildes werden: Panzerketten statt spindeldürre Studienabbrecher mit Warnwesten, die die Straßen blockieren, mehr Y-Kennzeichen als „Baby on Board“-Sticker auf den Autobahnen und Feldjäger statt Lieferdienstradler vor der Tür.

Wollen wir warten, bis der Frieden erst dadurch sichtbar wird, dass er durch die Kriegsordnung verdrängt wird? Oder wollen wir schon jetzt beginnen, ihn als solchen bewusst wahrzunehmen, ihn nicht für selbstverständlich zu halten und jenen Lumpenbellizisten entschieden ins Steuer zu greifen, die es in ihrer ganzen Geschichtsvergessenheit und Niederträchtigkeit wagen, einen dritten Blutrunstwahn auf europäischem Boden herbeizureden?

2024 und 1914 — ein historisch unsäglicher Vergleich? Wohl kaum! Die Kriegsbegeisterung des gerade begonnenen Jahres steht der des weit zurückliegenden um nichts nach. Im Westen nichts Neues. Immer noch nicht. Das „Nie wieder!“ mündet dann doch wieder in ein „Immer wieder“. Wieder wird laut getost, für angebliche Werte ein in seinen Grenzen variierendes Territorium zu verteidigen. Wieder wird über das Abschießen von potenziellen Freunden geschwätzt, „as if it was nothing“.

Werden im Laufe des Sommers wieder junge Menschen in Richtung Front fahren? Männer, Frauen und Diverse? Wer was davon ist oder zu sein wähnt, spielt sowieso keine Rolle, denn als die abgenagten Gerippe aufgezehrter Kanonenfutterreste sind alle 87 Geschlechter gleich. Werden also 2024 „Soldatende“ gen Kampfzone fahren und ihren gebärenden Personen versichern, bis Weihnachten — oh pardon (!), bis zur Winterferienzeit wieder zurück zu sein? Und wird es dann bei jenen, die noch Weihnachten feiern, unter dem Weihnachtsbaum eine Lücke geben, wo sonst Geschenke für jemanden liegen würden, die dieser Mensch nicht mehr wird öffnen können? Wird es viele Lücken geben, die diesmal nicht etwas, sondern jemanden schmerzlich sichtbar werden lassen, der nicht mehr da ist?


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