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Wege der Güte, Pfade des Friedens

Wege der Güte, Pfade des Friedens

Auch in Zeiten drastischer israelischer Verbrechen ist Antisemitismus niemals eine „Lösung“ — es lohnt, sich die positiven Potenziale des Judentums vor Augen zu führen.

Gründonnerstag in einer katholischen Kirche. Wer den christlichen Jahresrhythmus noch kennengelernt hat, wird es wissen: An diesem Tag wird aus den Neuen Testament die Stiftung des Heiligen Abendmahls durch Jesus an dem „Tag, bevor er verraten wurde“ rezitiert. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit folgt darauf aber noch eine Lesung aus dem Alten Testament. Im Kloster Benediktbeuern im bayerischen Voralpenland habe ich es einmal selbst erlebt. Dort erzählte der Pfarrer davon, wie Gott Moses die Anweisung gab, die Türschwellen an den Häusern aller Israeliten mit dem Blut eines frisch geschlachteten Lammes zu bestreichen. Grund für die Aktion: Gott wollte an diesem Abend alle Erstgeborenen in Ägypten töten. Sah er das blutige Schutzzeichen an den Türen, so verschonte er das betreffende Haus. Die Erstgeborenen der Juden blieben am Leben. Wenig später gelang der „Auszug aus Ägypten“, die Flucht durch die Wüste ins „Gelobte“ Land.

Mit geht es hier nicht darum, die Geschichte moralisch zu bewerten. Vielmehr will ich darauf hinweisen, wie selbstverständlich in christlichen Kirchen bis heute Elemente des Judentums integriert werden. Beide „Testamente“ sind eng miteinander verzahnt und aufeinander bezogen. Jedenfalls verhält es sich aus christlicher Perspektive so.

Wer Christ ist, ist auch in unseren Breiten quasi partieller Jude. Er glaubt, dass mit den Geschichten aus der Thora die Kontaktaufnahme des einzig wahren Gottes mit der Menschheit begann — desselben Gottes, auf den sich später auch Jesus Christus berief.

Das ist die erste sehr kraftvolle Verbindung, in der das Abendland zu den Juden steht, überliefert in tausend Formulierungen, die Deutschen mit Bibelkenntnissen vertraut sind. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Du sollst nicht töten. Der Herr ist mein Hirte. Tochter Zion, freue dich. Die zweite Verbindung ist dunklerer Natur und betrifft unter den christlich geprägten Nationen speziell uns Deutsche. Es ist das Gedenken an die Shoah, den millionenfachen Mord von Deutschen an den Juden „unter Hitler“.

Das Nadelör des Holocaust-Gedenkens

In der Synagoge am Jakobsplatz in München, Stammsitz unter anderem der ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Charlotte Knobloch, gibt es eine Besichtigungsmöglichkeit für alle, also auch für Nichtjuden. Ich bin einmal aus Interesse dort hingegangen. Die Synagoge, deren Hauptgebäude eher die abweisende Ausstrahlung eines Bunkers besitzt, war schwer bewacht. Nicht-jüdische Besucher können nicht einfach durch das Hauptportal eintreten. Sie müssen den Weg über den „Gang der Erinnerungen“ nehmen, einen 32 Meter langen unterirdischen Flur, an dessen Wänden die Bilder von während des „Dritten Reichs“ getöteten Münchner Juden hängen. Man gerät unwillkürlich in eine Stimmung andächtiger Beklemmung. Die Besichtigungsleiterin erklärte uns in einer kleinen Ansprache, unter welchen Umständen Versöhnung möglich sei: vor allem auf der Basis von Erinnerungskultur.

Nun war für mich das Holocaust-Gedenken in einer Synagoge nicht überraschend. Ich hatte mich im Laufe von Jahrzehnten mithilfe vieler dutzender Filme, Dokumentationen, Lieder, Bücher und historischer Berichte mit dem Thema beschäftigt. Trotzdem waren bei diesem Synagogen-Besuch zwei Dinge auffällig: Erstens: Jüdische Offizielle glaubten, ohne mich persönlich zu kennen, dass ich der Erinnerung an die Tatsache des Judenmords bedurfte, weil ich nicht-jüdischer Deutscher war. Und zweitens:

Der Weg zur Begegnung mit jüdischer Religion führte — jedenfalls in München — nur durch den engen „Flaschenhals“ der Konfrontation mit der Shoah.

Beides halte ich zumindest nicht für eine Selbstverständlichkeit, denn es handelte sich um eine Begegnung zwischen überwiegend jüngeren Menschen verschiedener Religionen, die an dem Geschehen während der Hitler-Diktatur unschuldig waren.

Das war in der Zeit vor etwa 15 Jahren, in der Antisemitismus in Deutschland eine vergleichsweise geringe Rolle spielte. Schon damals gab es eine verschärfte Bewachung des jüdischen Zentrums durch die Deutsche Polizei. Schon damals gab es die Angst vor Anschlägen durch Menschen aus der arabischen Welt — motiviert durch Berichte über die Misshandlung von Palästinensern durch die israelischen Behörden im „Heiligen Land“. Verglichen mit der Ära des Gaza-Massakers und des Iran-Kriegs, zu dem Donald Trump nach Ansicht vieler Beobachter durch die Regierung Netanjahu erst getrieben wurde, war die Zeit damals aber eher ruhig. Die Anzahl der Flüchtlinge aus muslimischen Ländern war vergleichsweise gering, mithin hielt sich auch das Phänomen, das man derzeit als „importierten Antisemitismus“ bezeichnet, in Grenzen.

„Modeströmung“ Antisemitismus

Aktuell hat sich die Lage verschärft. Der Bundesverband RIAS zählte 2.616 antisemitische Vorfälle im Jahr 2022, 4.782 Fälle für 2023 und 8.627 Fälle für 2024. Für 2025 liegen die Zahlen noch nicht vor. Erkennbar haben aber die Reaktionen Israels auf den Massenmord der Hamas an Juden am 7. Oktober 2023 — die Anzahl der Toten auf palästinensischer Seite beläuft sich nach Schätzungen auf über 75.000 — diesen sprunghaften Aufwärtstrend ausgelöst. Selbst wenn wir annehmen, dass der Begriff „Antisemitismus“ heutzutage gerade in politisch „korrekten“ Milieus inflationär gebraucht und zum Beispiel schon gegen Menschen ins Feld geführt wird, die einzelne Juden oder die Politik Israels kritisieren, ist dies ein trauriger Trend.

Wie unter anderem der Mediendienst Integration berichtet, vermeiden es Juden in Deutschland zunehmend, sich als solche zu erkennen zu geben. Durch das Tragen von Kippas etwa oder durch den Besuch der Synagoge. Neun Prozent der Juden gaben an, in den letzten fünf Jahren in Deutschland „angegriffen worden zu sein“ — EU-Durchschnitt: 5 Prozent. Vermutlich ist dies weniger darauf zurückzuführen, dass wir im Land der Nachfahren von Nazis leben, sondern auf den verstärkten Zuzug von Menschen aus muslimischen Ländern, deren Solidarität mit palästinensischen Opfern sich teilweise gewaltsam Bahn bricht. Das Argument, Juden müssten sich nur so benehmen, wie es Nicht-Juden wünschen — dann gäbe es auch keinen Antisemitismus —, verfängt nicht.

Die Angst geht um in jüdischen Kreisen und es gibt drastische Fälle von Gewalt wie den Angriff eines Berliner Studenten auf einen jüdischen Kommilitonen vor einer Bar Anfang 2024. Den Opfern dieser mittlerweile sehr zahlreichen Einzelfälle muss unsere Solidarität gelten. Wie sie auch den Menschen im Gazastreifen gilt, die oft sehr viel Schlimmeres erleiden mussten als „nur“ Diskriminierung. Die Gräueltaten, die ein Benjamin Netanjahu zu verantworten hat, machen den friedfertigen jüdischen Studenten von nebenan jedenfalls nicht zu einem Sekundär-Bösewicht. Beide sind verschiedene Menschen.

Es gibt keine Kollektivschuld

Humanität beinhaltet, diese Orientierung am Einzelschicksal und am individuellen Charakter schuldhaften Handelns auch inmitten eines durch aufwühlende Nachrichten verursachten Furors niemals zu vergessen.

Dass unschuldige Juden in Deutschland ihre Religion verstecken und Angst vor Übergriffen haben müssen, kann keine „Lösung“ der Fragen sein, die sich an den Völkermord in Gaza und den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Iran knüpfen.

Selbst diejenigen, die sich mit der Regierung Netanjahu solidarisieren, sind kein „Freiwild“ — sie können zu Partnern fairer kontroverser Debatten werden. Ich möchte ja auch nicht für den gefährlichen Wahnsinn, in den die Politik von Friedrich Merz oft ausartet, in Mithaftung genommen werden. Und ebenso wenig für die Taten von Deutschen vor mehr als 80 Jahren.

Es zu beobachten, dass mit dem Bedeutungsverlust der katholischen wie der evangelischen Kirchen auch das Wissen um die Grundlagen jüdischer Religion — von Christen „Altes Testament“ genannt — und die Verbundenheit mit diesen eindrucksvollen Geschichten in der Bevölkerung schwindet. Das bedaure ich. Verblassen wird über kurz oder lang auch die Erinnerung an das große deutsch-jüdische Thema: den Holocaust. Das Thema wird zwar, teils aus ehrlicher Betroffenheit, teils aus machtpolitischen Gründen weiter am Kochen gehalten, doch ist vielfach das Gezwungene und Ritualisierte dieser Erinnerungskultur erkennbar. In der Folge wenden sich Menschen ab.

Ich fürchte, dass das „Kind“ sinnvoller Sensibilität gegenüber jüdischen Gefühlen nun offenbar mit dem „Bade“ der über ihr Ziel hinausschießenden deutschen Selbstgeißelungskultur ausgeschüttet wird. Es ist nicht gut, wenn wir als Deutsche jetzt, da sich israelisches Fehlverhalten überdeutlich zeigt, wie befreit die gefühlten Ketten dieser „alten Geschichten“ abschütteln, denn wir könnten von diesen immer noch lernen — nicht im Sinne ritualisierter Selbstherabsetzung, sondern im Sinne notwendiger Wachsamkeit gegenüber sich anschleichenden Denkmustern der Unmenschlichkeit.

Vom Täter- zum Zuschauervolk?

So müssen wir uns als deutsche Kritiker des Massakers an Palästinensern und des Angriffs auf den Iran von jüdischen Befürwortern dieser Großverbrechens nicht deshalb den Mund verbieten lassen, weil wir Angehörige eines „Tätervolks“ sind. Wer will, dass die Kritik endet, sollte mit dem Massakrieren aufhören, anstatt Kritikern mit dem einschüchternden Verweis auf Hitler den Mund verbieten zu wollen. Die Annahme, es gebe etwas wie vererbbare Minderwertigkeit — etwa aufgrund der Zugehörigkeit aller heutigen Deutschen zu einem „Tätervolk“ — ist ja gerade Merkmal jenes verdrehten Denkens, das in allen Völkern und Epochen zu furchtbaren Menschenrechtsverletzungen geführt hat.

Heutige Deutsche müssen nicht schweigen, wenn Nachfahren früherer Opfer drastische Fehler begehen. Sie sollten allerdings aufpassen, dass künftige Generationen sie nicht als „Zuschauer- und Handlangervolk“ im Angesicht aktueller Gräueltaten Israels verachten werden.

Ich sehe vor allem einen Weg — und darauf will ich mit meinem Artikel hinaus: den Antisemitismus klar zurückzuweisen, ohne dabei in eine Komplizenschaft mit den Verbrechen der heutigen israelischen Rechtsregierung hineinzurutschen. Dieser Weg besteht darin, sich bewusst die positiven Seiten des jüdischen Geistes und jüdischer Spiritualität vor Augen zu führen.

„Gottesebenbildlichkeit“ — ein jüdisches Konzept

Am Anfang war der Urimpuls jeder Religion. Das Angesprochen-Werden durch Gott, das Urvater Abraham und viele seiner Nachfolger als solches empfunden haben. Sie gaben dieser Stimme Gottes eine Antwort: Ja, ich vertraue dir und ich tue, wie du mir gesagt hast. Der Gott der Thora war ein „abstrakter“ und insofern in die Zukunft weisender Gott, weil er nicht in materiellen Gegenständen — Götzenbildern etwa — wohnte, sondern alle denkbaren Abbilder durch seine Größe überstieg. Das „Goldene Kalb“, das substanzlose Dingsymbol des Göttlichen, hat der große Prophet der Juden, Moses, in aller Vehemenz zurückgewiesen.

„Er“ ist nicht hier oder da, er ist überall und auch als Impuls im Herzen eines dafür offenen Menschen spürbar. „Denn dein unvergänglicher Geist ist in allem“, heißt es in den Weisheiten Salomos (12, 1) — eine fast pantheistisch anmutende Wendung.

„Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, heißt es im 1. Buch Mose, Kapitel 1, 27. Es ist ein Urkonzept der Menschenwürde, das die Gleichrangigkeit aller Menschen bekräftigt. Es heißt explizit nicht: „Gott schuf den Juden nach seinem Bilde.“

Oder „den Mann“. Das Zitat schließt im Grunde eine Geringschätzung von Palästinensern oder anderer nicht-jüdischer Völker aus. Die Gotteskindschaft trifft auf alle zu.

Oder doch nur eine Stammesgottheit?

Im Gegensatz zu den spirituellen Konzepten einer „aufgeklärten“ Welt besitzt der jüdische Gott jedoch auch eine bestimmte Strenge. Er ist ein Gesetzgeber, der es den seinen Gesetzen Unterworfenen oft nicht leicht macht. Moses vermochte die Ausübung einer „falschen“ Religion — den Tanz ums Goldene Kalb — nicht mit Gelassenheit hinzunehmen, er wütete und verdammte die Frevler. So steckt in der Thora auch die Keimzelle dessen, was später „religiöser Fundamentalismus“ genannt wurde. Der Exklusivitätsanspruch der abrahamitischen Religionen nahm hier seinen Anfang: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Faktisch handelt es sich dabei um eine drastische spirituelle Spielraumeinengung.

Ein gewisses Risiko steckt ja in der Verengung des Gottesbilds von „Denn dein unvergänglicher Geist ist in allem“ zu „Dein unvergänglicher Geist ist hauptsächlich in uns Juden“. Zu beobachten ist in vielen biblischen und nach-biblischen Glaubenszeugnissen die Vereinnahmung Gottes als Stammesgottheit, als Beschützer und Lenker speziell der „eigenen“ Gruppe auf Kosten aller anderen. Die Folge ist in den weniger reflektierten und humanen Spielarten der Religion ein völkisch-religiöser Nationalismus. Eine Weltanschauung also, die der slawophile Großschriftsteller Fjodor M. Dostojewski in seinem Roman „Die Dämonen“ mit Blick auf Russland auf eine einzigartige Formel brachte: „Das Volk ist der Körper Gottes.“ Wer so denkt, neigt auch zu der Annahme, dass ebendieser Gott in anderen Völkern abwesend sei.

Die Mühen des „Auserwählt-Seins“

Einen wertvollen Beitrag zum Thema „positive Potenziale des Judentums“ hat Rolf Verleger (1951-2021), ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, in seinem Buch „Israels Irrweg“ geleistet. Verleger verhält sich nicht gleichgültig zu seiner Ursprungsreligion, hat sie vielmehr genau studiert und fühlt sich ihr verbunden. Nicht trotzdem, sondern gerade deshalb lehnt er die Politik Israels gegenüber den Palästinensern klar ab. Er sieht in dieser einen Verstoß gegen genuin jüdische Grundsätze, wie sie sich etwa in folgendem Spruch der Thora ausdrücken: „Ihre [der Thora] Wege sind Wege der Güte und all ihre Pfade sind Frieden.“

Schon die jüdischen Propheten lasen den Machthabern Israels gern die Leviten und waren somit frühe „Delegitimierer des Staates“ auf der Basis eines gefühlten göttlichen Auftrags.

Der Prophet Amos, so Rolf Verleger, habe sich klar gegen eine Selbstpositionierung von Juden als „auserwähltes Volk“ gewandt. Eher schien Gott an die Juden besonders schwer zu erfüllende Forderungen zu stellen, auch in Gestalt unzähliger, alle Verzweigungen des Alltagslebens betreffende „Klein-Gebote“. Verleger fasst Amos zusammen:

„Auserwählt sein heiße vor allem, sich an das Gesetz Gottes halten zu wollen und die eigenen schlechten Eigenschaften besiegen zu können. Auserwählt sein heiße nicht, vor Gott und den Menschen automatisch wertvoller zu sein als Judas Nachbarvölker, die Äthiopier im Süden, die Philister im Westen, die Syrer im Norden.“

Ein weiterer Prophet, Zacharias, machte klar, auf welche Weise sich das Volk Israel in einer feindseligen Welt behaupten solle: „‘nicht mit Gewalt und nicht mit Stärke, sondern mit meinem Geist spricht der Herr der Heere.‘“ Hier wird eine wesentliche Orientierung deutlich, die jüdisches Leben lange Zeit prägte. So nahmen Juden die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem im Jahr 70 nach Christus zum Anlass, das Judentum als eine ganz auf den inneren Menschen und auf den Zweck der Erlösung ausgerichtete Gesetzesreligion zu definieren. Gebete und die Hoffnung auf den Messias ersetzten die an heidnische Bräuche erinnernden Opferrituale.

Verachtung für Nicht-Juden

Rolf Verleger kritisiert in diesem Zusammenhang einige Rabbiner der „Nuller-Jahre“, als er das Buch „Israels Irrweg“ schrieb. Deren Ausführungen seien „voll mit Fremdenhass, Verachtung von Nichtjuden und Zubilligung von Menschenrechten nur für das eigene jüdische Volk“. Solche Tendenzen sind in Zeiten des Gaza-Bombardements seit 2023 leider nicht aus der israelischen Öffentlichkeit verschwunden. So erklärte Itamar Ben-Gvir, israelischer Minister für nationale Sicherheit, im August 2023 in einem Fernsehinterview: „Mein Recht, das meiner Frau und meiner Kinder, mich auf den Straßen von Judäa und Samaria zu bewegen, ist wichtiger als das Recht auf Bewegungsfreiheit der Araber.“ Im Gegensatz dazu versucht Rolf Verleger zu demonstrieren, „dass es durchaus eine universalistische, die Menschenrechte hochhaltende Tradition im Judentum gibt“. Dafür bringt er eine Reihe von Beispielen:

Nach dem schrecklichen Attentat des israelischen Terroristen Baruch Goldstein auf eine Moschee in Hebron (1994), der 29 Menschen zum Opfer fielen, schrieb Rolf Verlegers sonst sehr traditionell empfindender Bruder ihm:

„Ein Verbrechen wird nicht kleiner, weil es von einem Juden an einem Araber begangen wird, im Gegenteil — das Odium des Chilul haSchem [Entweihung des göttlichen Namens] lastet ja gerade auf einer solchen Tat.“

Diese Aussage und dieser religiöse „Fachbegriff“ sind hoch interessant mit Blick auf derzeitige Verbrechen der israelischen Armee gegenüber Palästinensern.

Schon das 3. Buch Mose, Kapitel 19, 33-34, verurteilte die Misshandlung von „Fremden“ im eigenen Land — interessanter Weise unter Verweis auf die Tatsache, dass Juden in Ägypten einmal selbst verachtete Ausländer gewesen seien:

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“

Nächstenliebe, ein Gebot, für das in der christlichen Welt hartnäckig die Urheberschaft Jesu angenommen wird. Es ist aber ein viel älteres, jüdisches Ideal.

Rabbi Hillels Goldene Regel

Eine wichtige Quelle für das Konzept, das gemeinhin „Die goldene Regel“ genannt wird, ist Rabbi Hillel, der Begründer einer sehr einflussreichen jüdischen Schule der Thora-Deutung. Hillel lebte um die Zeitenwende, gestorben wahrscheinlich etwas früher als Jesus, im Jahr 10. Der Erzählung nach kam ein Nichtjude zu Rabbi Hillel und erklärte seine Absicht, zum Judentum überzutreten. Er stellte allerdings die Bedingung, „dass Sie mir die ganze Thora beibringen in der Zeit, in der ich auf einem Bein stehen kann“.

Hillel merkte, dass es seinem Gegenüber nicht um Körperbeherrschung ging, sondern um die Frage nach dem Wesentlichen. Während der Gast also auf einem Bein stand, sagte Hillel: „Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Thora, der Rest ist Erläuterung.“

Rolf Verleger erzählt, dass dieser Grundsatz im Judentum über viele Jahrhunderte mehr oder weniger unangefochten gegolten habe. Die ersten Juden, die davon eindeutig in Wort und Tat abgewichen seien, seien die „Revisionisten“ gewesen — also eine zionistische Fraktion des 20. Jahrhunderts, die „das offizielle zionistische Programm“ revidierte, wonach Juden und Araber in Palästina gleiche Rechte haben sollten.

Eine Urerfahrung der Juden in der Diaspora war sicher das Gefühl der Heimatlosigkeit, das sie zu Fremden in praktisch jedem Land machte, in dem sie sich aufhielten. „Wo willst du hin?“, fragt ein Jude den anderen in einem Witz, der in mehreren Varianten erzählt wird. „Nach Schanghai“, sagt der zweite. „So weit?“, fragt der erste verwundert. „Weit von wo?“, entgegnet der Freund. Diesen Mangel, sich auf einem bestimmten Flecken Erde beheimatet fühlen zu können, kompensierten Juden häufig, indem sie quasi Wurzeln im Himmel schlugen. Als erstes in der Religion, im Gottesbezug, dann aber auch in eher abstrakten, geistigen Bereichen, etwa der Wissenschaft und der Kunst, für welche viele Juden eine außergewöhnliche Begabung zeigten.

Theodor Herzl und die jüdische Nation — eine gute Idee?

Theodor Herzl (1860-1904), der Begründer des Zionismus, machte eine prägende Erfahrung beim Dreyfus-Prozess, dem antisemitisch motivierten Unrechtsurteil gegen einen französischen Offizier jüdischer Herkunft, dem vorgeworfen wurde, ein „vaterlandsloses Subjekt“ zu sein. Dies könnte Herzl motiviert haben, ein Vaterland für die Juden zu schaffen — also nicht nur eine geistige Heimat, sondern einen ganz konkreten Flecken Land, den sie bebauen und wo sie sich sicher fühlen konnten.

Nicht wenige Juden sprachen sich damals gegen die Idee einer jüdischen Nation aus, etwa Rabbi Schulem Scheerson im Jahr 1903, der die Gefahr sah, Juden könnten in der Idee der Nation einen Ersatz für die Orientierung an Gott und ihrer Religion finden.

Rolf Verleger fasst die These des Rabbis so zusammen: „Das jüdische Volk habe das Joch des Exils zu tragen, dies sei wesentlicher Bestandteil seiner Existenz, und es sei nur an Gott, durch den Maschiach [Messias] diese Situation zu ändern.“

Auch Albert Einstein zeigte sich in einer Rede, die er am 17. April 1938 vor dem National Labor Committee for Palestine in New York hielt, skeptisch gegenüber einem jüdischen Staat.

„Ich hätte viel lieber eine vernünftige Einigung mit den Arabern auf der Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens, als die Schaffung eines jüdischen Staates. [...] Ich fürchte den inneren Schaden, den das Judentum erleiden wird — vor allem durch die Entwicklung eines engen Nationalismus in unseren eigenen Reihen, gegen den wir bereits ohne jüdischen Staat stark ankämpfen mussten.“

„Mensch, du bist mein Bruder!“

Theodor Herzl andererseits bejahte einen jüdischen Staat, knüpfte dessen Existenz allerdings an Bedingungen: „Mein Testament für das jüdische Volk: Euren Staat so zu erbauen, dass ein Fremder zufrieden bei Euch lebt.“ Und: „Unser Motto muss daher sein, jetzt und immerdar: Mensch, Du bist mein Bruder.“

Der kritische Zionist und Journalist Achad ha’Am (1856- 1927) urteilte über seine Landsleute ungnädig:

„Knechte waren sie in den Ländern der Diaspora, plötzlich finden sie sich in Freiheit wieder, und dieser Wechsel hat bei ihnen die Neigung zum Despotismus ausgelöst. Sie behandeln die Araber mit Feindschaft und Grausamkeit, berauben sie ihrer Rechte, beleidigen sie grundlos und prahlen obendrein mit ihren Taten.“

Der deutsch-jüdische Philosoph Martin Buber forderte 1919 die Zionisten auf, „eine dauerhafte und feste Übereinkunft mit den Arabern auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu schaffen und aufrecht zu erhalten, eine umfassende brüderliche Solidarität“.

Auch Hannah Arendt, eine der größten deutschen Denkerinnen jüdischer Herkunft zeigte sich 1945 skeptisch gegenüber einem Israel, wie es wenig später entstehen sollte:

„Die Errichtung eines jüdischen Staates (...) mag als sehr hübsche Lösung erscheinen. (...) Auf lange Sicht kann man sich kaum eine Entwicklung vorstellen, die gefährlicher und abenteuerlicher wäre. (...) Nur Torheit kann eine Politik vorantreiben, die auf den Schutz einer entfernten Weltmacht vertraut, während sie sich dem Wohlwollen der Nachbarn entfremdet.“

Netanjahu — ein Pharao unserer Zeit

Es ist nun ein tragischer Vorgang, dass sich innerhalb Israels und auch in vielen jüdischen Gemeinden im Ausland, nicht eine humane Haltung durchgesetzt hat, wie sie von den genannten großartigen jüdischen Denkern und geistlichen Persönlichkeiten repräsentiert wird. David Ben Gurion, der spätere erste Ministerpräsident Israels, ließ 1938 mit Blick auf die Palästinenser verlauten: „Ich bin für Zwangsumsiedlung; daran sehe ich nichts Unmoralisches.“ Das prägt den „Sound“ israelischer Verlautbarungen bis heute.

Jetzt regiert die Mentalität eines Benjamin Netanjahu, eines Mannes, der mit dem Pharao der Exodus-Geschichte größere Ähnlichkeit hat als mit dem Befreier Moses.

„Oppressed so hard, they could not stand“ — so beschreibt das bekannte afrikanische Gospel „When Israel was in Egypt’s Land“ die Situation der Israeliten in Gefangenschaft. Heute trifft diese Beschreibung wohl auf die palästinensischen Bewohner des Westjordanlands und die Überlebenden im Gaza-Streifen zu.

Ein Problem, das einer Rückkehr zu humaner Politik im Wege steht, ist das, was Rolf Verleger ein „idealisiertes Verhältnis“ vieler Juden zum Staat Israel nennt: „Alles, was dieser Staat, vertreten durch seine Regierung, gut, ist gut.“ Verleger beschreibt diese Mentalität so:

„Juden in Deutschland, die ihre jüdische Identität auf diese Weise definieren, als Bekenntnis zur aktuellen Politik des jüdischen Staates, setzen Kritik an Israels Politik gleich mit Verrat am Judentum, denn gemäß dieser Identitätsproblematik gibt es kein Judentum außerhalb der Unterstützung der Politik Israels.“

Zwei Varianten des Holocaust-Gedenkens

Das gibt es aber durchaus, wie wir gesehen haben. Allzu oft verbünden sich in Deutschland Juden, die treu zur Politik Netanjahus stehen, mit nicht-jüdischen Deutschen, die mit ihrem Verhalten zu demonstrieren versuchen, dass sie „aus der Geschichte gelernt haben“, gegen jüdische Abweichler — jene also, die das humane Judentum, wie ich es in diesem Artikel zu skizzieren versuchte, in aufrechter Weise verkörpern. So werden zum Beispiel dem Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ regelmäßig Steine in den Weg gelegt — auch von nicht-jüdischen Stadtvätern und -müttern, die durch das Canceln israelkritischer Vorträge dienstbeflissen ein „Zeichen gegen Antisemitismus“ zu setzen meinen.

Dabei wäre die Aufgabe eine relativ einfache — und sie stellt sich ja nicht nur Juden, sondern im Prinzip auch allen anderen Völkern und Religionsgemeinschaften: Halten wir uns immer an die friedlichen, die völkerverbindenden und menschenfreundlichen Traditionen, die es in unserer Kulturgeschichte gegeben hat — nicht an die kriegerischen, spaltenden und inhumanen!

So möchte ja auch Rolf Verleger keinen Schlussstrich unter das Holocaust-Gedenken ziehen — vielmehr fordert er, aus diesem furchtbaren historischen Geschehen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen:

„Es ist hinlänglich bekannt, dass man dieses Vermächtnis auf zwei Arten interpretieren kann, auf die universalistische („es soll derartiges niemandem je wieder passieren“) und auf die nationalistische („das soll uns Juden nie wieder passieren, notfalls müssen andere leiden“).

Yael Deckelbaums Botschaft

Den Leserinnen und Lesern dieses Textes fällt es sicher nicht schwer, hier eine Wahl zu treffen. Und doch hat sich die zweite, die nationalistische Lösung weithin durchgesetzt — teilweise auch mit Unterstützung von Offiziellen aus dem „Land der Täter“, die nun auch dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Israels und der USA auf Iran beflissen zunicken.

In jedem Land sind es einzelne, großartige Menschen, an die man sich halten kann, wenn die Mehrheit „verrückt zu spielen“ scheint und sich geistige Dunkelheit ausbreitet. Die israelische Liedermacherin Yael Deckelbaum, die 2016 half, einen „Marsch für den Frieden“ mit 3000 israelischen und palästinensischen Frauen zu organisieren, gehört sicher dazu. Sie trat im August 2025, während das Bombardement auf Gaza ungebremst weiterging, bei einem deutschen Yoga-Festival auf und verband dabei eine klare Distanzierung von „ihrer“ Regierung mit dem Aufruf zur Versöhnung:

„Ich stehe nicht hinter meiner Regierung. Es geschieht nicht in meinem Namen. Israels Gesellschaft wurde von Gangstern gekidnapped. Unsere Regierung ist böse, und ich stehe nicht hinter ihr. Aber ich stehe zu meinem Volk. Und ich liebe mein Volk.“

Deckelbaum zeigt Verständnis für die Verirrungen vieler ihrer Landsleute.

„Es gibt eine Menge erstaunlicher Leute in Israel. Eine Menge schöner Menschen, die derzeit wirklich verwirrt und traumatisiert sind. Und das Trauma wurde zur Waffe umfunktioniert, mit der Folge, dass wir gleichgültig gegenüber den Geschehnissen in Gaza sind.“

Sie spricht allen, die jetzt ihre Angst vor öffentlicher Diffamierung überwinden und ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, ihren Respekt aus und schließt: „Ich glaube, wir können gemeinsam eine Friedensbewegung ins Leben rufen.“


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