„Sorry, I’m a Lady“, war ein Hit des spanischen Pop-Duos Baccara in den 1970er-Jahren. Dabei wäre dieses „Sorry“ gar nicht nötig gewesen, denn die Ladys gehörten ja dem moralisch höherwertigen der beiden Geschlechter an. Heute wird es Zeit, dass die Scham die Seiten wechselt, und ich bekenne zerknirscht: „Entschuldigt, ich bin ein Mann.“ Es tut mir auch ehrlich leid. Aber ich kann es nicht ändern. Jedenfalls nicht so leicht. Ich hatte sogar schon über eine Geschlechtsumwandlung nachgedacht, um mich den Anfeindungen zu entziehen. Da ich die Alliteration in dem Namen „Roland Rottenfußer“ für einen genialen Einfall meiner Eltern hielt, wollte ich mich dann „Romina Rottenfußer“ nennen. Klingt gut, oder?
Aber — sorry! — ich habe es dann doch sein lassen. Ich habe zu viel Angst vor der Geschlechtsumwandlung. Und wenn ich körperlich bleibe, wie ich bin, mich aber am Standesamt einfach zur Frau erklären lasse? Da hätte ich Angst, von Rechtsextremen diskriminiert zu werden, jedes Mal, wenn ich am Frauentag die Sauna betrete. Es gibt ja so viel Unverständnis gegenüber genderfluiden Menschen! Dauernd müsste ich mich gegen Misgendern und Deadnaming zur Wehr setzen, wenn sich jemand erdreistet, mich als „Roland“ anzusprechen. Das Prozesskostenrisiko würde mich stressen.
Ein gewaltaffines Geschlecht?
Also bleibe ich vorerst doch Mann. Und das bedeutet: Ich bin an so gut wie allem mit schuldig. Unschuldsvermutung war gestern. Auch der Hinweis darauf, dass rund 99,93 Prozent aller Männer nie wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung angeklagt wurden, zieht da nicht. Statistisch ist die Chance für Frauen, dass ein Mann, dem sie begegnen, kein Gewaltverbrecher ist, sehr hoch. Die restlichen 0,07 Prozent werden in der neufeministischen Aktionskunst aber mit „nicht alle Männer“ umschrieben. Oder wie es Carolin Kebekus und Lady Bitch Ray in ihrem Lied „Wut“ subtil formulieren: „Nicht alle Schwänze, aber immer ein Schwanz.“ Das Lied lief auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Sie verstehen sicher, was ich sagen will: Wenn von 100.000 Japanern in Deutschland nur 377 einer Straftat verdächtigt werden, ist der Satz: „Nicht alle Japaner sind Verbrecher“ zwar korrekt, er verzerrt aber dennoch die Wirklichkeit, weil suggeriert wird, dass vielleicht nur eine knappe Mehrheit der Japaner unschuldig ist.
Sicher ist: Beim aktuellen medialen Rosenkrieg handelt es sich um ein Phänomen, an dem beide Geschlechter ihren Anteil haben und Männer sogar — im negativen Sinn — in Vorleistung gegangen sind. Im Bereich Partnerschaftliche Gewalt liegt der Männeranteil bei 77,7 Prozent, bei Sexualstraftaten sogar bei über 97 Prozent. Nur zwischen 10 und 20 Prozent der Sexualstraftaten gegen Kinder geht von Frauen aus. Bei Kindesmisshandlung sind es geschätzt 40 Prozent — es ist schwer, für diesen Dunkelbereich genaue Zahlen zu nennen. Auch das relativ ungünstige Bild, das man hier von Frauen gewinnen könnte — 40 Prozent bei Kindesmisshandlung — muss noch einmal relativiert werden, denn Frauen leisten 63 Prozent der täglichen Betreuungszeit in Familien. Das heißt: Männer misshandeln Kinder teilweise auch deshalb nicht, weil sie ohnehin abwesend sind.
Aber wen interessieren Sachargumente, Statistiken, gar die Bitte um Differenzierung? Es wäre so, als hätte ich in stundenlanger Arbeit eine wunderschön gestaltete Sandburg aufgeschichtet, nur um erleben zu müssen, dass diese von einer gewaltigen Welle hinweggespült wird.
Es ziehen sich dunkle Gewitterwolken über meinem offenbar so fragwürdigen und schwer zu ertragenden Geschlecht zusammen. Das wird nicht mehr lange gut gehen. Männer sind im Jahr 2026 im Grunde, was Ungeimpfte 2022 und „Rechte“ 2025 waren: Inbegriff des Nichtswürdigen.
Eine von Grund auf verfehlte Lebensform, der man sich nur mit vor Ekel zusammengekniffenem Gesicht nähern kann. Jedenfalls gilt dies für bestimmte Milieus.
Hilfsbereitschaft ist Machismo
Die harmlosere Variante der medial genährten Misandrie (Männerfeindlichkeit) ist noch ein betont ungnädiges, ja schikanös bekrittelndes Verhalten mancher Frauen, die sich selbst in eine Art Richterinnen- oder Lehrerinnenfunktion sehen. Ein Vorwurf, der derzeit trendet, ist „Mansplaining“. Gemeint ist die gefühlte Unsitte von Männern, Frauen ungefragt ihre Hilfe anzubieten. Dafür gibt es im Netz auch eine Art Lehrfilm nach Art einer Scripted Reality. Ein Mann erklärt einer Frau an der Bushaltestelle den Fahrplan: „Brauchst da gar nicht kucken. Der fährt alle 10 Minuten. Gar kein Problem.“ Darauf die Frau:
„Stop! Das war sexistisch. Bloß weil ich ‘ne Frau bin, kann ich den Fahrplan nicht lesen? Das ist so’n Bullshit. Mansplaining kommt so oft im Alltag vor, dass es für weiblich gelesene Personen fast schon Normalität ist. Männer haben kein Recht, dir ungefragt Dinge zu erklären, bloß weil sie voraussetzen, dass du es nicht weißt, bloß weil du eine Frau bis, und sie es eben wissen, bloß weil sie Männer sind. Jede Frau hat so eine Situation schon mal erlebt, und solche genderspezifische Diskriminierung akzeptieren wir nicht.“
Uff! Dabei ist gar nicht klar, ob der gescholtene Mansplainer seine Hilfe nicht auch einem Mann angeboten hätte.
Männer geraten so in eine Zwickmühle zwischen zwei gleichermaßen verdammenswerten Verhaltensweisen. Helfen sie einer Frau nicht, sind sie Stoffel; helfen sie, drängen sie sich in peinlicher Weise als Ritter auf, der einer „Jungfrau in Nöten“ beispringt — nicht wissend, dass eine selbstbewusste Frau von heute selbstredend alles selbst kann.
Einem Klima der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft im öffentlichen Raum ist derartige Kratzbürstigkeit nicht zuträglich.
Männer: Wegsperren oder verstümmeln?
Hier drängt sich natürlich der Gedanke auf, ob eine Welt ganz ohne Männer nicht ohnehin weniger beschwerlich wäre. Vorn dabei im neuen Geschlechterkrieg ist die ehemalige Vorsitzende der Grünen Jugend, Jette Nietzard. Die forderte in einem Videobeitrag, Männer wegzusperren — in sogenannten Bullenklöstern.
„Früher war tatsächlich alles besser. (...) Da wurden Männer weggesperrt. (...) Deshalb hat man sogenannte Bullenklöster erfunden, also Ledigenheime, wo sie Männer hingebracht haben, damit die Männer untereinander leben konnten. Quasi wie kleine Studi-Wohnheime, aber nur für Männer, damit die keinen Stress mehr in der Stadt anstellen können. Und da sag ich mal: Da waren wir früher weiter.“
Dieselbe charmante Polit-Aktivistin höhnte nach der Silvesternacht 2024/2025, bei der es mehrere Verletzte gab: „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen.“
Gewalt- und Verstümmelungsfantasien gegen Männer sind schon seit einigen Jahren Teil der „Kulturlandschaft“ in Deutschland. So drosch die Liedermacherin Sarah Lesch in ihrem Lied „Dey“ (2024) mit einem Baseballschläger auf einen übergroßen rosaroten Stoff-Penis ein, sodass die „Hoden“ abfielen. Das Lied fordert „Cis-Menschen“ zur Toleranz gegenüber „Trans-Personen“ auf, welche das geschlechtsneutrale Pronomen „Dey“ für sich gewählt haben. Indirekt fordert die Toleranz-Aktivistin damit Frauen und Nonbinäre zum gewaltsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind auf: den Mann.
„Aufhängen und kastrieren“
Bekannt wurde im Zusammenhang mit dem „Fall Ulmen/Fernandes“ auch ein Auftritt der grünen Influencerin Leonie Löwenherz, die angab, Männer aufhängen und kastrieren zu wollen.
„Ich will nicht, dass Christian Ulmen jetzt gecancelt wird. Ich will, dass er und alle anderen Täter auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden.“
Dabei ließ sie es jedoch nicht bei der Verurteilung der Täter bewenden, nein:
„Männer sind das Problem. Alle Männer profitieren von diesem System. Und kein einziger von ihnen hat den Mund aufgemacht. Nicht bei Ulmen, nicht bei Pelico und nicht bei Epstein.“
So lange es auch nur einen einzigen solchen Vorfall gebe, sagte Löwenherz, wolle sie „niemanden mehr über ‚Männerhass‘ jammern hören“. Die Grüne delegitimierte damit zugleich auch jede Kritik an ihrem Furor — speziell natürlich von Männern. „Und wenn du dich davon angegriffen fühlst, dann schreib das nicht in meine Kommentarspalte, sondern kuck verdammt noch mal in den Spiegel!“
Wer nun glaubt, die „Szene“ ergötze sich lediglich an der Vorstellung amputierter Männerhände und Geschlechtsteile, schrecke aber vor Mordaufrufen zurück, der sieht sich getäuscht. Eine Ausstellung im Wuppertaler Rathaus mit Antifa-Kunst zeigte unter anderem ein gezeichnetes Plakat, auf dem eine Frau den abgetrennten Kopf eines Mannes mit ausgestrecktem Arm hält. Aus dem Hals tropft Blut, das eine Lache gebildet hat, auf dieser ein Schriftzug: „Dead men don’t rape.“ Tote Männer vergewaltigen nicht. Bei Recherchen fand ich heraus, dass dieser Slogan keine Neukreation ist, sondern im Netz schon eine Weile viral ging. Unter anderem schuf die Rocksängerein Deliah Bon ein Lied mit dem Titel „Dead men don’t rape“. Ihre „Gesangstechnik“ gleicht dabei eher einem Schreikrampf.
„Bitches“ gegen „Incels“
„Wütende Frauen“ werden derzeit in Teilen der Medienlandschaft zum Megatrend aufgebaut. Das Fallenlassen jeder verbalen Zurückhaltung und das Spiel mit Gewaltfantasien trenden. Ebenso der Verzicht auf die offenbar für viele geistig überfordernde Unterscheidung zwischen Schuldigen und Unschuldigen.
Das heißt: Ich kann mich nicht einmal durch klare Parteinahme für die Opfer davon befreien, in Mithaftung genommen zu werden. Ich werde einfach dem Lager der Täter — also zum Beispiel Jeffrey Epstein — zugerechnet, weil ich mit ihm den „falschen“ Chromosomensatz XY teile. Und nicht dem Lager der Gegner Epsteins, als der ich mich durch meine Texte ausgewiesen habe.
Carolin Kebekus und Lady Bitch Ray drohen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen:
„Angry Vulven verteilen jetzt Backpfeifen.
Die Zeit ist reif, kommt, Bitches, lasst mal angreifen.
Alle meine Flintas stehen gemeinsam auf.
Jagt die Incels raus, komm, wir rasten aus!“
Wie man sieht, hat sich die deutsche Sprache seit der Zeit der alten, weißen Dichter und Denker weiterentwickelt. „Flintas“ ist quasi ein Sammelbegriff für LGBTQAI + Frauen, also für alle außer heterosexuellen Cis-Männern, die als Geißel unserer Zeit gelten. „Incels“ sind unfreiwillig alleinstehende Männer, die in letzter Zeit durch frauenfeindliche Internetauftritte von sich reden machten. Dass sich rappende „Bitches“ in ihrem Vokabular und ihrer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit mittlerweile an besagte „Incels“ nach unten angeglichen haben, scheint sie nicht zu stören.
„Ich brauche keinen Schwanz“
Eine Künstlerin, die musikalisch und stimmlich wenigstens etwas draufhat, ist IUMA. In ihrem Video „Sex ist“ von 2023 weist sie einen Mann — kostümiert mit Schweinemaske — schroff zurecht und singt:
„Ich brauch keinen Schwanz, um zu wissen, wer ich bin.
Ich brauch keinen Schwanz, um zu tun, was ich will.
Ich brauch meine Girls, meine Mama und mich selbst und
Geld auf meinem Konto, gönn mir Satisfyer Pro.“
Bei „Satisfyer Pro“ handelt es sich um einen Vibrator mit „innovativer Air-Pulse-Technologie“, belehrt mich das Internet. IUMAs Video wurde „gefördert (...) mit Projektmitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“. Derartige Kultur fördern also wir alle — Frauen wie „Schwänze“ — mit unseren Steuergeldern. Wir können davon ausgehen, dass Narrativ und Ausdrucksweise nach dem Gusto der Bundesregierung sind.
Bei einem Liveauftritt in diesem Jahr wandte sich IUMA direkt an ihr männliches Publikum:
„Ich hoffe, heute sind keine Sexisten unter uns. Aber trotzdem. Falls doch, der Song ist für euch. Es ist so, liebe Männer. Ihr tragt das in euch. Und es ist eure Aufgabe, das zu hinterfragen, euch zu belesen, euch zu belehren.“
Mit dem Satz „Ihr tragt das in euch“ suggeriert die Sängerin eine durch den Genpool bedingte Verbrechensneigung, so als gehe vom Y-Chromosom eine bösartige Substanz aus, die den Geist von Männern vergiftet.
Jemanden gering zu schätzen wegen eines Merkmals, das ihm natürlicherweise gegeben ist und das er nicht verändern kann — waren wir da nicht schon mal weiter? Und wer ist hier eigentlich „Sexist“ beziehungsweise Sexistin?
Männer sind „Schweine“ und „Hunde“
Die Geschichte mit der Schweinemaske ist sicher eine Anspielung auf das Lied „Männer sind Schweine“ von der Band „Die Ärzte“. 1998 nahm man das Thema allerdings noch auf die leichte Schulter. Es handelte sich um ein mehrdeutiges Lied, von dem man nicht so genau wusste, ob es hauptsächlich Männer oder die Klischeevorstellungen von Frauen ins Visier nahm:
„Männer sind Schweine.
Frage nicht nach Sonnenschein.
Ausnahmen gibt's leider keine.
In jedem Mann steckt doch immer ein Schwein.“
Ebenfalls mit Tiermasken arbeitet die Rapperin Ikkimel, bekannt geworden als Skandalnudel mit Hang zur Übersexualisierung. In ihrem Hauptwerk „Böser Junge“ zeigt sie unter anderem einen Mann mit Hundemaske, der ihr die Stiefel ableckt. Die Lyrik:
„Sperrt die Männer weg und macht mir kein'n auf brav, Schlampen.
Mach' ihn zu mei'm Fotzen-Knecht oder zu mei'm Zahlsklaven.
Sperrt die Männer weg, sonst werd'n sie umgeklatscht.
Awareness-Team hat Feierabend, jetzt wird rumgegrabscht.“
Die Begriffe „Fotzenknecht“ und „Zahlsklaven“ markieren eine deutliche Eskalationsstufe zum Formulierungsklassiker von Lucilectric: „Keine Widerrede, Mann, weil ich ja sowieso gewinn — weil ich’n Mädchen bin.“
Am Ende des Videos sieht man Ikkimel in einem „Dschungelcamp“-Ambiente dabei zu, wie sie Männer mit Hundemasken abschießt. Die Überschrift: „Jagdrevier“. „Es wird Zeit, dass Männer Angst bekommen“ sagte sie einmal. Wenn sie das Lied live singt, greift sich die Bühnenkünstlerin regelmäßig einen Mann aus dem Publikum und verfrachtet ihn für die Dauer des Liedes mit einer Hundemaske in einen kleinen Käfig auf die Bühne. Die Performance hat klar sadistische Züge, ihr Publikum — Männer inbegriffen — feiert sie dafür. Ikkimel wurde übrigens von der Initiative Musik, der zentralen Fördereinrichtung der Bundesregierung für Popmusik, gesponsert.
Aufruf zum Beziehungsstreik
Da beruhigt es fast schon, dass Grünen-Chef Felix Banaszak Männern zugesteht, Menschen zu sein.
„Ich will Männer aber nicht als Problemgruppe adressieren, sondern als Individuen, als Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen, Erfahrungen und Herausforderungen, die in der sich wandelnden Welt nach ihrer Rolle suchen.“
Zu leicht will er es seinem eigenen „Gender“ aber dann doch nicht machen.
„Ich kann von Frauen nicht erwarten, dass sie die Männer verständnisvoll an die Hand nehmen. Es gibt kein Anrecht auf einen Wohlfühlfeminismus, der niemanden fordert.“
Und er fügt hinzu:
„Statistisch ist es für Frauen nachteilig, in einer heterosexuellen Beziehung zu sein. Sie schlafen schlechter, verdienen weniger, sind im Alter schlechter abgesichert, leben kürzer und sind weniger zufrieden.“
Dirk Peglow, Vorsitzender Bund deutscher Kriminalbeamter, zog in einem berühmt gewordenen Interview mit Dunja Hayali die naheliegende Schlussforderung aus dieser Beobachtung: Hayali: „Was raten Sie Frauen?“ Peglow: „Wenn man nach der statistischen Zahl geht: Besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen.“
Auch dies ist ein Trend der letzten Jahre: Männer von der Möglichkeit, Erfüllung in Liebe und Sexualität zu finden, abzuschneiden. Durch pauschale Herabsetzung. Und indem frau alle Männer als unzureichendes Bewerberfeld betrachtet, an das es Noten zu vergeben gilt.
Ein Mann? Dann besser einen Vibrator!
Ich hoffe nun sehr, dass all diese Zeitungsmeldungen und Lieder an meiner Frau vorbeigegangen sind. Sie liest ja nicht alles, was in der Politik so los ist. Bis jetzt macht sie noch keine Anstalten, ihre Koffer zu packen. Aber was passiert, wenn es so weitergeht mit der Männerhatz in den Medien? Vielleicht wird meine Frau dann immer, wenn sie von mir erzählt, mitleidige Blicke ernten: „Du bist noch mit einem Mann zusammen? O Gott, du Arme! Waren denn alle Frauen und auch die nonbinären und genderfluiden Menschen in deiner Umgebung schon vergeben?“ Wenn sie dann erzählt, ich sei nie gewalttätig gewesen und hätte wider Erwarten auch keine Deep Fake Pornos gedreht, sagt ihre Gesprächspartnerin vielleicht: „Naja, vielleicht hast du Glück gehabt und er ist eine Ausnahme. Es gibt aber auch Fälle, da zeigt sich das Grauen erst nach Jahren einer scheinbar harmonischen Beziehung. Manche können toxische Männlichkeit auch einfach nur gut tarnen. Ich gebe dir vorsichtshalber mal die Adresse von einem Frauenhaus in deiner Nähe.“
Wie auf diese Weise Kinder entstehen sollen? Naja, man kann sich eins im Ausland bestellen wie der Virologe Hendrik Streek und sein Mann. Es gibt In-Vitro-Fertilisation. Und es gibt Samenbanken. Zugegeben, für all das braucht es noch Samenspender. Aber da reichen nur wenige Exemplare, um eine große Menge Kinder in die Welt zu setzen. Dafür müssen Frauen nicht unbedingt Millionen von Männern ertragen, mit denen sie den öffentlichen Raum teilen.
Und selbst wenn in Zukunft viel weniger Kinder geboren würden — wäre das so schlimm? Man muss bedenken: Von den Menschen, die aufgrund der modischen Beziehungszurückhaltung nicht geboren werden, wären ohnehin die Hälfte Männer gewesen.
Man muss das Diktum von Jette Nietzard, Männer ohne Hände könnten keine Frauen mehr schlagen, nur weiterdenken. Noch besser als ein einhändiger Mann ist: gar kein Mann. Die Nicht-Existenz von Männern ist die gründlichste Lösung für das Problem toxische Männlichkeit. Ikkimel und Deliah Bon haben das zumindest schon mal mit künstlerischen Mitteln durchgespielt.
Das Ringen um Vergebung durch Selbstherabsetzung
Wie Sie sehen, habe ich mich in den letzten Monaten geradezu zu einem Experten der Musikrichtung „Feministischer Pop“ entwickelt. Mit selbstquälerischem Eifer lausche ich den Werken von Lady Bitch Ray, Carolin Kebekus und IUNA. Warum ich mir das antue? Vielleicht habe ich doch noch einen Rest von Hoffnung, dass mir irgendwann einmal vergeben wird. Nicht, was ich getan habe, sondern was und wer ich bin. Wenn ich mich ganz klein und demütig mache, alles zugebe und mich und mein Geschlecht brav bei jeder Gelegenheit herabsetze — werdet ihr mich dann in Ruhe lassen? Wenn ich mich selbst präventiv beschimpfe, müsst ihr es ja nicht mehr tun. Ich nehme euch quasi die Waffen aus der Hand. Und wozu einen schon Gebrochenen noch brechen?
Ich signalisiere Bußfertigkeit und Problembewusstsein und meine Flinta-Geschworenenversammlung ist vielleicht gnädig. Ich gebe die Schuld, deren Last unerträglich schwer geworden ist, einfach weiter an andere Männer. Also an jene, die noch nicht verstanden haben, was von ihnen verlangt wird, und die ihre Kräfte zwecklos mit Selbstrechtfertigungsroutinen verschleißen. Ja, ich bin schuldig. Aber ihr seid schuldig und wisst es noch nicht mal. Also bin ich besser als ihr. Also kann ich meinen Teil der Schuld bei euch abladen. Euer Päckchen wird schwerer, meines leichter. Ich mache es einfach als Mann genauso, wie ich es als Deutscher über sechs Jahrzehnte gemacht habe. Und als heterosexuelle, straighte Cis-Person. Und als Nicht-Behinderter. Und als Weißer. Und als Bewohner „des Westens“. Und als Babyboomer. Und, und, und. Praktisch in jedem Aspekt meines Wesens bin ich schuldbeladen und darauf angewiesen, dass Carolin Kebekus, Jette Nietzard oder Ikkimel Gnade vor Recht ergehen lassen.
Wo sie Recht haben, haben sie Recht
Dabei haben die — ganz im Ernst — in manchen Punkten auch recht. Es lohnt sich, hinter der kratzbürstigen Fassade die reale Not und Vulnerabilität vieler Frauen zu sehen. Im Talk mit Jan Fleischhauer sagte Jette Nietzard:
„Jede Frau kennt jemanden, der belästigt wurde, die belästigt wurde, der was Schlimmes passiert ist, die nen übergriffigen Freund hatte. Ich glaub, Männer kennen diese Erfahrung nicht. Die tun so, als würden sie keine Täter kennen.“
Da ist sicher was dran. Die Rapperin Ikkimel begründete ihre oft kruden Texte, indem sie auf die Doppelmoral derer verwies, die über sie herziehen: „Ihr feiert Rapper, die Frauen erniedrigen, aber wenn eine Frau das macht, werdet ihr zu Sittenwächtern.“ Kebekus und Lady Bitch Ray geben durchaus eine Realität wieder, wenn sie singen: „Nachts im Dunkeln auf dem Heimweg hab'n wir immer noch Angst.“
Fakt ist: Eine immer noch zu große Minderheit von Männern hat ganz offensichtlich einen Knall und ist gefährlich. Um aber weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, sollten präzise Informationen und Statistiken zählen, nicht „so’n Gefühl“.
Hier geht es mir also nicht um die Heiligsprechung von Männern, sondern um den Schutz nicht krimineller Männer vor pauschalen und diskriminierenden Anwürfen, speziell aus dem „linken“ und „woken“ Milieu.
Was sagt das Verhalten schuldiger Männer über die nicht schuldigen aus? Ich habe so wenig eine Frau vergewaltigt, weil ich ein Mann bin, wie eine der hier zitierten Sängerinnen einen Juden ermordet hat, weil sie Deutsche ist. Der Vergleich ist nicht abwegig: Männer sind unter den Geschlechtern, was Deutsche unter den Völkern sind. Von beiden wird erwartet, dass sie permanent in gebückter Haltung durchs Leben gehen.
Die Abschaffung der Liebe
Liebe — schon mal gehört? Die älteren von uns erinnern sich noch an Filme, in denen sie vorkam. Und zwar tatsächlich — nicht gleich erschrecken! — zwischen einem Mann und einer Frau — und nicht zwischen einer Frau und einer Frau oder einer Frau und einer Transperson oder einer Frau und einem Vibrator. Das läuft in der Praxis selten perfekt ab, und es ist zugegebenermaßen ein Mythos. „Mann und Weib, und Weib und Mann reichen an die Gottheit an“, sangen Papageno und Papagena in Mozarts „Zauberflöte“. Durch komplementäre Ergänzung — so die ursprüngliche Idee — könnten sich beide Geschlechter quasi zu einem Doppelwesen formen, wobei beide ihre besonderen Stärken einfließen lassen. Es entstehen Spannung, ein anregender Lernprozess und oft Glück — zumindest für einige Zeit. Oft entsteht daraus neues Leben: Kinder. Dabei dürfen Beziehungen aller Art, die das Schema „Mann und Weib“ sprengen, natürlich auch sein. Lieben und lieben lassen.
Wem nützt es, wenn kaputte Menschen miteinander kaputte Beziehungen — oder gar keine — führen? Denkt mal drüber nach.
Vielleicht sind es ja dieselben spaltenden Kräfte, die Geimpfte gegen Ungeimpfte, Inländer gegen Ausländer, Linke gegen Rechte gehetzt haben und die nun ihr Meisterstück in Angriff nehmen: Frauen gegen Männer.
Und viele von uns machen dabei mit und hassen brav in die eine oder andere Richtung — je nachdem, welche Hassobjekte ihnen Politiker, Kunst- und Medienschaffenden gerade aufzudrängen versuchen. Gar nicht mehr hassen. Zusammenhalten. Verständnis haben, gerade auch, wo der oder die andere anders ist. Liebevoll sein — wär‘ das vielleicht eine Idee?
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